Die Untersuchung der Gelenkbeweglichkeit an der unteren Extremität ist eine grundlegende klinische Fertigkeit. Die Messung des Bewegungsausmaßes eines Gelenks liefert wichtige Informationen, die nahezu jeden Aspekt der Patientenversorgung bestimmen. Bewegungseinschränkungen können zu Schwierigkeiten bei alltäglichen Aktivitäten wie Gehen, Treppensteigen oder Anziehen führen. Umgekehrt kann eine übermäßige Beweglichkeit auf eine Gelenkinstabilität oder Bänderverletzungen hindeuten. Durch die systematische Messung des Bewegungsausmaßes zu Beginn der Befunderhebung können Kliniker feststellen, welche Gelenke problematisch sind, erkennen, ob Einschränkungen vorhersehbaren Mustern folgen (wie z. B. Kapselrestriktionen), und einen Ausgangswert für die Beurteilung des Fortschritts festlegen. Wichtig ist, dass Bewegungseinschränkungen selten isoliert auftreten: Einschränkungen in einem Gelenk zwingen oft benachbarte Gelenke dazu, dies zu kompensieren, was zu einer Kaskade von Folgeproblemen führen kann. Die Beherrschung einer präzisen und zuverlässigen Methode zur Messung des Bewegungsausmaßes ist nicht nur eine technische Fertigkeit, sondern auch ein Schlüssel zum Verständnis, wie die Gelenkmechanik den gesamten Rehabilitationsprozess beeinflusst.
Kapselmuster der Hüfte: Die Innenrotation (IR) ist am stärksten eingeschränkt, gefolgt von der Abduktion (AB) und schließlich der Flexion (Flex); die Extension ist am wenigsten eingeschränkt. Dies lässt sich vereinfacht wie folgt darstellen: IR > Flex > AB > Ext.(1)
Nach Angaben der American Academy of Orthopaedic Surgeons (AAOS) und der American Medical Association (AMA) betragen die allgemein anerkannten Werte für das aktive Bewegungsausmaß der Hüfte:(2)(3)
- 110-135° Flexion
- 15-30° Extension
- 40-50° Abduktion
- 20-30° Adduktion
- 35-45° Innenrotation
- 45-60° Außenrotation
Wenn Sie mehr über die Anatomie der Hüfte erfahren möchten, siehe: Funktionelle Anatomie der Hüfte.
Bei der Untersuchung des Bewegungsausmaßes der Hüfte müssen Kliniker einige Vorsichtsmaßnahmen beachten, um die Sicherheit des Patienten und eine genaue Messung zu gewährleisten. Zu den Kontraindikationen für die Beweglichkeitsprüfung gehören akute Hüftfrakturen, vor Kurzem eingesetzte Hüftendoprothesen (insbesondere wenn aufgrund des chirurgischen Zugangs spezifische Vorsichtsmaßnahmen gelten), schwere Osteoporose, akute entzündliche Zuständeund der Verdacht auf eine tiefe Venenthrombose.(1)(3) Nach einer Hüfttotalendoprothese (Hüft-TEP) bestimmt die Art der Operation meistens die Vorgaben zur Einschränkung der Bewegung. Bei einem posterioren Zugang müssen Patienten traditionell die Hüftflexion über 90°, die Adduktion über die Mittellinie und die Innenrotation vermeiden. Beim anterioren Zugang hingegen werden Extension und Außenrotation limitiert, obwohl neuere Erkenntnisse darauf hindeuten, dass Nachbehandlungsschemata mit einer frühen Mobilisation für ausgewählte Patienten geeignet sein können.(4) (5) Kliniker sollten zudem ein Screening auf Hüftpathologien wie femoroazetabuläres Impingement (FAI), Labrumrisse oder avaskuläre Hüftkopfnekrose durchführen, die bei bestimmten Bewegungen, insbesondere bei einer Kombination aus Flexion, Adduktion und Innenrotation, Schmerzen verursachen können.(6)
| Landmarken für die Goniometrie | |
|---|---|
| Flexion |
Der Patient liegt in Rückenlage. Der Rumpf sollte stabil auf der Behandlungsbank liegen; der fixierte Schenkel des Goniometers sollte sich nicht bewegen, wenn der Patient diese Position beibehält.
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| Extension | Der Patient liegt in Bauchlage. Der Patient muss flach liegen bleiben und eine Überstreckung der Lendenwirbelsäule (LWS) oder ein Anheben des Beckens vermeiden.
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| Abduktion und Adduktion | Der Patient liegt in flacher Rückenlage, die Beine gleiten auf der Behandlungsbank. Achten Sie darauf, dass die flache Rückenlage beibehalten wird, um die zusätzliche Flexion oder Extension der Hüfte zu vermeiden.
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| Innen- und Außenrotation | Option eins: sitzend an der Bankkante. Der Patient darf sein Gewicht nicht von der zu testenden Seite weg verlagern.
Option zwei: Bauchlage, Knie in 90° Flexion
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Kapselmuster des Knies: Flexion (stark eingeschränkt), Extension (leicht eingeschränkt) oder Flexion > Extension.(2)
Obwohl das Kapselmuster eine stärkere Einschränkung der Flexion als der Extension nahelegt, ist die Extension typischerweise die Bewegung, die nach einer Verletzung oder Operation am schwersten wiederherzustellen ist. Dies wird gemeinhin als „aktives Extensionsdefizit“ (engl. „extension lag“) bezeichnet.(7)
Laut der AAOS und der AMA betragen die allgemein anerkannten Werte für das aktive Bewegungsausmaß des Knies:(2)(3)
- 130-150° Flexion
- 0° Extension; bis zu 10-15° Hyperextension gelten als normal, insbesondere bei Frauen
Wenn Sie mehr über die Anatomie des Knies erfahren möchten, sehen Sie unter: Funktionelle Anatomie des Knies.
Kliniker müssen sich der Kontraindikationen für die Untersuchung des Bewegungsausmaßes des Knies bewusst sein. Dazu gehören akute Kniefrakturen, vor kurzem eingesetzte Knieendoprothesen oder Bandrekonstruktionen, akuter Hämarthros, Verdacht auf tiefe Venenthrombose, akute entzündliche Zustände (septische Arthritis) und akute Patellaluxation.(3) Nach einer Knietotalendoprothese (Knie-TEP) wird in der Regel eine frühe Mobilisation empfohlen, wobei Kliniker jedoch das spezifische Nachbehandlungsschema des Operateurs und die allgemeinen Heilungszeiträume kennen sollten. Ein aggressives Dehnen sollte in der unmittelbaren postoperativen Phase vermieden werden, insbesondere in den ersten 6–8 Wochen.(8) Bei Patienten mit ligamentärer Instabilität ist Vorsicht geboten, um eine übermäßige Belastung der heilenden oder geschädigten Strukturen zu vermeiden, wobei besonders auf Rotationskräfte und Valgus-/Varusbelastungen zu achten ist.(1) Auch ein Screening auf Meniskusverletzungen kann sinnvoll sein, da bestimmte Bewegungen (insbesondere die Kombination aus Flexion und Rotation) bei Vorliegen eines Meniskusschadens Schmerzen oder mechanische Symptome wie eine Blockierung oder Einklemmung hervorrufen können.(9) Die Patellalaufbahn sollte während der Flexion und Extension des Knies beobachtet werden, da eine patellofemorale Dysfunktion das Bewegungsausmaß einschränken oder Schmerzen verursachen kann, insbesondere in der endgradigen Streckung oder tiefen Beugung.(10) Achten Sie bei der Beurteilung der Hyperextension darauf, dass es sich bei der Messung um eine echte Gelenkbewegung und nicht um eine posteriore Kapsellaxität oder ein Genu recurvatum handelt, und achten Sie auf Anzeichen für ligamentäre Hypermobilitätssyndrome.(11)
| Landmarken für die Goniometrie | |
|---|---|
| Flexion |
Der Patient liegt in Rückenlage.
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| Extension |
Der Patient liegt in Rückenlage, mit einer Handtuchrolle unter der Ferse, um eine Hyperextension zu ermöglichen
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Kapselmuster des Talokruralgelenks: Plantarflexion (am stärksten eingeschränkt) > Dorsalextension.(2)
Kapselmuster des Subtalargelenks: Varus/Inversion (am stärksten eingeschränkt) > Valgus/Eversion.(2)
Laut der AAOS und der AMA betragen die allgemein akzeptierten Bewegungsausmaße für das Sprunggelenk:(2)(3)
Talokrurales Gelenk (Oberes Sprunggelenk, OSG):
- 10-20° Dorsalextension
- 40-50° Plantarflexion
Subtalargelenk:
- 30-35° Inversion
- 15-20° Eversion
Wenn Sie mehr über die Anatomie des Sprunggelenks erfahren möchten, lesen Sie bitte: Funktionelle Anatomie des Sprunggelenks.
Kliniker müssen sich der Kontraindikationen für die Untersuchung des Bewegungsausmaßes am Sprunggelenk bewusst sein. Dazu gehören akute Sprunggelenksfrakturen, vor Kurzem eingesetzte Endoprothesen am Sprunggelenk oder Rückfuß oder Arthrodesen, akute Bänderrisse (insbesondere Distorsionen Grad II-III in der akuten Phase), schwere Osteoporose, akute entzündliche Zustände (z.B. bei septischer Arthritis, Gicht), Verdacht auf tiefe Venenthrombose und akute Achillessehnenruptur.(3) Patienten mit chronischer Instabilität des Sprunggelenks oder früheren Seitenbandverletzungen erfordern eine sorgfältige Untersuchung, um eine mögliche verbleibende Laxität, propriozeptive Defizite oder mechanische Instabilität zu erkennen, die Beweglichkeitstests und die funktionellen Ergebnisse beeinträchtigen können.(12) Kliniker sollten Syndesmoseverletzungen (hohe Sprunggelenkdistorsionen) ausschließen, da diese eine modifizierte Beweglichkeitsprüfung erfordern, um übermäßige Außenrotations- und Dorsalextensionskräfte zu vermeiden, die die heilende Syndesmose belasten.(13)
| Landmarken für die Goniometrie | |
|---|---|
| Dorsalextension und Plantarflexion | Der Patient liegt in Rücken- oder Bauchlage mit gebeugtem Knie, um eine Dehnung des M. gastrocnemius zu vermeiden.
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| Inversion und Eversion |
Der Patient liegt in Rückenlage, wobei die Füße in neutraler Position über die Kante hinausragen. Der Patient wird auf natürliche Weise versuchen, bei Inversion eine Plantarflexion und bei Eversion eine Dorsalextension auszuführen. Daher ist es wichtig, eine möglichst neutrale Position beizubehalten.
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Kapselmuster der Metatarsophalangealgelenke (MTP-Gelenke): Extension (am stärksten eingeschränkt) > Flexion
Die Extension des ersten MTP-Gelenks (Großzehengrundgelenk) ist für eine normale Gangmechanik während der terminalen Standphase und der Vorschwungphase entscheidend. Der Verlust dieser Bewegung beeinträchtigt den Abstoß erheblich und kann zu kompensatorischen Bewegungsmustern führen.(7)
Kapselmuster der Interphalangealgelenke (IP-Gelenke): Flexion (am stärksten eingeschränkt) > Extension.
Kapselmuster der Mittelfußgelenke: Dorsalextension, Plantarflexion, Adduktion und Innenrotation (variable Einschränkungen).
Kapselmuster der Tarsometatarsalgelenke: eingeschränkte Beweglichkeit in alle Richtungen (insbesondere Plantarflexion und Supination).(2)
Nach Angaben der AAOS und der AMA sind die allgemein anerkannten Werte für das aktive Bewegungsausmaß am Fuß:(2)(3)
Erstes MTP-Gelenk (Großzehengrundgelenk):
- 70-90° Extension
- 30-45° Flexion
Kleinere MTP-Gelenke (Zehen 2-5):
- 40-50° Extension
- 35-40° Flexion
IP-Gelenke (alle Zehen):
- 35-60° Flexion im PIP-Gelenk
- 50-60° Flexion im DIP-Gelenk
- 0° (neutral) Extension im IP-Gelenk
Mittelfußkomplex (kombinierte Bewegung):
- 20-30° Supination des Vorfußes (kombinierte Inversion und Adduktion)
- 10-20° Pronation des Vorfußes (kombinierte Eversion und Abduktion)
Wenn Sie mehr über die Anatomie des Fußes erfahren möchten, lesen Sie bitte: Funktionelle Anatomie des Fußes.
Kliniker müssen sich der Kontraindikationen für die Untersuchung des Bewegungsausmaßes am Fuß bewusst sein. Dazu gehören akute Fußfrakturen (Mittelfuß-, Zehenknochen oder Fußwurzelknochen), kürzlich durchgeführte Operationen am Vorfuß oder Mittelfuß (Hallux-valgus-Operation, Hammerzehenkorrektur, Mittelfußosteotomie, Arthrodesen), akute Lisfranc-Verletzungen oder postoperative Lisfranc-Reparaturen, schwere Osteoporose mit dem Risiko einer Stressfraktur, akuter Entzündungen (z. B. Gicht, septische Arthritis, akuter Schub der rheumatoiden Arthritis) sowie vermutete oder bestätigte Osteomyelitis.(3) Nach Vorfußoperationen, insbesondere nach Eingriffen am ersten MTP-Gelenk bei Hallux valgus oder Hallux rigidus, müssen sich Kliniker an das spezifische Nachbehandlungsschema des Operateurs und den vorgegebenen Belastungsstatus halten. In der Regel müssen Patienten 6–12 Wochen nach der Operation auf aggressives passives Dehnen verzichten, um die Weichteilheilung und die knöchernen Korrekturen zu schützen.(15)
Besondere Vorsicht ist bei der Untersuchung der Beweglichkeit am MTP-Gelenk geboten im Falle eines Hallux rigidus (degenerative Arthrose, die die Dorsalextension der Großzehe einschränkt), einer Hallux-valgus-Deformität, einer Sesamoiditis, einer Turf-Toe-Verletzung (Verstauchung des ersten MTP-Gelenks) oder einer Morton-Neuralgie, da all diese Erkrankungen das Bewegungsausmaß erheblich einschränken und Schmerzen bei Bewegung verursachen können.(15) Deformitäten der Zehen, darunter Hammerzehen, Krallenzehen und Mallet-Zehen, verändern die normale Arthrokinematik und können sich als fixierte oder flexible Deformitäten präsentieren, die unterschiedlich auf Beweglichkeitstests reagieren.(16)
| Landmarken für die Goniometrie | |
|---|---|
| Erstes MTP-Gelenk – Extension und Flexion |
Der Patient liegt in Rückenlage. Positionieren Sie das Goniometer etwas seitlich des Zehs und nicht direkt auf dem Zeh. Achten Sie darauf, dass der Drehpunkt gegenüber dem Gelenkspalt ausgerichtet bleibt, und richten Sie den proximalen und den distalen Schenkel auf die jeweiligen Knochen (Mittelfußknochen und Phalanx) aus.
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| MTP- und IP-Gelenke der Zehen – Flexion und Extension |
Der Patient liegt in Rückenlage, wobei das Goniometer aufgrund der kleinen Gelenkgröße und der Zehenkonturen leicht seitlich positioniert ist.
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Die folgenden Videos verdeutlichen, wie wichtig es ist, das aktive Bewegungsausmaß von Hüfte, Knie und Sprunggelenk zu beurteilen.