Die Untersuchung der Gelenkbeweglichkeit (Bewegungsausmaß) ist ein grundlegender Bestandteil der Befunderhebung an der oberen Extremität. Sie liefert wichtige quantitative Daten, die als Grundlage für das klinische Reasoning und die Behandlungsplanung dienen. Bewegungseinschränkungen in Schulter, Ellenbogen, Handgelenk oder Hand können die funktionelle Selbständigkeit erheblich beeinträchtigen und sich auf grundlegende Aktivitäten des täglichen Lebens (ADLs) wie Ankleiden, Essen und Körperpflege sowie auf berufliche oder Freizeitaktivitäten auswirken. Die Untersuchung der Gelenkbeweglichkeit ermöglicht es Klinikern, spezifische Gelenkeinschränkungen zu identifizieren, zwischen aktiven und passiven Bewegungsdefiziten zu unterscheiden, kapsuläre von nicht kapsulären Mustern zu differenzieren und den Fortschritt während des gesamten Rehabilitationsprozesses zu überwachen. Bei der Arbeit mit Menschen mit Erkrankungen der oberen Extremitäten ist es unerlässlich, die Durchführung der Beweglichkeitsprüfung zu beherrschen.
Kapselmuster der Schulter: Die Außenrotation (AR) ist am stärksten eingeschränkt, gefolgt von der Abduktion (AB) und schließlich der Innenrotation (IR). Dies lässt sich vereinfacht wie folgt darstellen: AR > ABD > IR.(1)
Derzeit liegen keine veröffentlichten Studien zu Normerten in für die Allgemeinbevölkerung repräsentativen Stichproben vor, doch gelten allgemein folgende anerkannte Werte des aktiven Bewegungsausmaßes der Schulter:(2)(3)
- 150-180° Flexion
- 45-60° Extension
- 150-180° Abduktion
- 30° Adduktion
- 130° horizontale Abduktion (horizontale Extension)
- 40-50° horizontale Adduktion (horizontale Flexion)
- 70-90° Innenrotation
- 90° Außenrotation
Wenn Sie mehr über die Anatomie der Schulter erfahren möchten, lesen Sie den Abschnitt Funktionelle Anatomie der Schulter.
Bei der Untersuchung des Bewegungsausmaßes der Schulter sollten Kliniker in verschiedenen Situationen Vorsicht walten lassen. Akute Frakturen des proximalen Humerus, der Scapula oder des Glenoid sowie kürzlich aufgetretene Luxationen der Schulter (insbesondere bei anteriorer Instabilität) erfordern besondere Sorgfalt. In diesen Fällen kann es erforderlich sein, die Untersuchung des passiven Bewegungsausmaßes aufzuschieben, bis eine erste Heilung eingetreten ist.
Patienten, die sich einer Operation unterzogen haben, insbesondere solche, bei denen eine Rotatorenmanschettenrekonstruktion, ein Kapselshift oder eine Rekonstruktion des oberen Labrums durchgeführt wurde, müssen sich an das vom Operateur vorgegebene Nachbehandlungsschema bezüglich des Zeitplans und der Bewegungsebenen halten, da verfrühte Tests die Heilung des Gewebes beeinträchtigen können.(1)
Patienten mit Schlaffheit oder Hypotonie aufgrund neurologischer Erkrankungen, wie z.B. Schlaganfall,(4) Verletzungen des Plexus brachialis oder Läsionen peripherer Nerven sind bei Beweglichkeitstests besonders gefährdet. Der Verlust der muskulären Stabilisierung macht das Glenohumeralgelenk anfällig für eine Überdehnung der Kapsel, Subluxationen, Traktionsverletzungen der neurovaskulären Strukturen und hemiplegische Schulterschmerzen. Kliniker sollten passive Bewegungen unter sorgfältiger Stabilisation des Humeruskopfes durchführen und provozierende Endpositionen vermeiden.
Bei Menschen mit aktiver Infektion, schwerer Osteoporose oder Verdacht auf eine neoplastische Erkrankung ist ein modifizierter Untersuchungsansatz erforderlich, um pathologische Frakturen oder weitere Gewebeschäden zu vermeiden.
Kliniker sollten auf Anzeichen eines komplexen regionalen Schmerzsyndroms (CRPS) achten, bei dem übermäßige Bewegung die Symptome verschlimmern kann. Sie sollten zudem auf veränderte Bewegungsmuster oder eine übermäßige Kompensation durch das Schulterblatt achten, die auf eine Rotatorenmanschettenläsion oder eine neuromuskuläre Dysfunktion hinweisen können, die alternative Untersuchungsstrategien erfordern.(5)
| Landmarken für die Goniometrie | |
|---|---|
| Flexion |
Der Patient befindet sich in Rückenlage:
|
| Extension |
Der Patient liegt in Bauchlage (oder im Sitzen, wenn der Patient die Bauchlage nicht toleriert):
|
| Abduktion | Der Patient befindet sich in Rückenlage:
|
| Innenrotation | Der Patient befindet sich in Rückenlage, die Schulter ist in 90° Abduktion und der Ellenbogen in 90° Flexion. Eine Handtuchrolle sollte unter den Humerus gelegt werden, um den Humerus in einer Linie mit dem Glenoid zu halten:
|
| Außenrotation | Der Patient befindet sich in Rückenlage, die Schulter ist in 90° Abduktion und der Ellenbogen in 90° Flexion. Eine Handtuchrolle sollte unter den Humerus gelegt werden, um den Humerus in einer Linie mit dem Glenoid zu halten:
|
Kapselmuster des Ellenbogens: gleichmäßige Einschränkungen in Flexion, Extension, Pronation und Supination.(1)
Die allgemein anerkannten Werte für das aktive Bewegungsausmaß des Ellenbogens lauten wie folgt:(7)
- 140–150° Flexion
- 0° Extension
- 75–85° Pronation
- 80–90° Supination
Wenn Sie mehr über die Anatomie des Ellenbogens erfahren möchten, lesen Sie bitte Funktionelle Anatomie des Ellenbogens.
Bei der Untersuchung des Bewegungsausmaßes des Ellenbogens müssen Kliniker in verschiedenen Zusammenhängen vorsichtig sein. Akute Frakturen des distalen Humerus, des Radiuskopfes, des Olekranons oder der Unterarmknochen erfordern besondere Sorgfalt. Das Testen des passiven Bewegungsausmaßes ist in der Regel kontraindiziert, bis sich die Fraktur stabilisiert hat und eine Heilung eingetreten ist.
Patienten, die sich einer Operation unterzogen haben, insbesondere nach einer Ellenbogen-Totalendoprothese (Ellenbogen-TEP), müssen sich an das vom Operateur vorgegebene Nachbehandlungsschema halten, die die Integrität des Trizeps und den Wundheilungsstatus berücksichtigt. Bei diesen Patienten kann eine verfrühte oder zu starke Beweglichkeitsprüfung das chirurgische Ergebnis gefährden.
Bei Personen mit kürzlich aufgetretenen Luxationen im Bereich des Ellenbogens müssen die Gelenkstabilität und die Integrität der Bänder beurteilt werden, bevor das Bewegungsausmaß gemessen wird.
Die Untersuchung der Beweglichkeit sollte bei Personen mit einer aktiven Infektion, Verdacht auf Malignität oder akuten entzündlichen Erkrankungen, wie septischer Arthritis oder akuter Bursitis olecrani, zurückgestellt werden, bis eine angemessene medizinische Behandlung eingeleitet wurde.(8)
| Landmarken für die Goniometrie | |
|---|---|
| Flexion |
Der Patient liegt in Rückenlage mit einer Handtuchrolle unter dem distalen Oberarm. Das Olekranon sollte frei liegen, um eine eventuelle Hyperextension des Ellenbogens zu ermöglichen:
|
| Extension |
Der Patient liegt in Rückenlage mit einer Handtuchrolle unter dem distalen Oberarm. Das Olekranon sollte frei liegen, um eine eventuelle Hyperextension des Ellenbogens zu ermöglichen:
|
| Supination | Der Patient sitzt, der Ellenbogen ist in 90° Flexion:
|
| Pronation | Der Patient sitzt, der Ellenbogen ist in 90° Flexion:
|
Kapselmuster des Handgelenks: gleichmäßige Einschränkung sowohl der Palmarflexion als auch der Dorsalextension.(9)
Die allgemein anerkannten Werte für das aktive Bewegungsausmaß des Handgelenks lauten wie folgt:(10)
- 80-90° Palmarflexion (Volarflexion)
- 70° Dorsalextension
- 20–30° radiale Abduktion
- 30–50° ulnare Abduktion
Wenn Sie mehr über die Anatomie des Handgelenks erfahren möchten, lesen Sie bitte Funktionelle Anatomie des Handgelenks.
Bei der Untersuchung des Bewegungsausmaßes des Ellenbogens müssen Kliniker in verschiedenen Situationen vorsichtig sein. Akute Frakturen der Handwurzelknochen, insbesondere des Kahnbeins/Skaphoids (Os scaphoideum), sowie distale Radiusfrakturen erfordern besondere Sorgfalt, da eine verspätete Diagnose oder eine unzureichende Behandlung zu Non-Union, avaskulärer Nekrose und einer nachfolgenden degenerativen Arthrose des Handgelenks führen kann.
Verletzungen des triangulären fibrokartilaginären Komplexes (TFCC-Verletzungen) erfordern angepasste Untersuchungsansätze, da Aktivitäten, die den Verletzungsmechanismus und Schmerzen reproduzieren, vermieden werden sollten. Die Nachbehandlung dieser Verletzungen umfasst in der Regel eine Ruhigstellung von 3 bis 6 Wochen, bevor mit Bewegungsübungen begonnen wird.
Postoperative Patienten, einschließlich derer, die ein Karpaltunnel-Release, eine TFCC-Rekonstruktion oder eine Fixation des Skaphoids erhalten haben, müssen sich an das vom Operateur vorgegebene Nachbehandlungsschema halten, um die Wundheilung und Gewebereparatur zu optimieren.
Bei Verdacht auf eine Instabilität der Handwurzel (wie z.B. eine skapholunäre Dissoziation) ist besondere Sorgfalt bei der Untersuchung erforderlich, da aggressive Beweglichkeitstests Verletzungen der Bänder verschlimmern können. Die Untersuchung der Gelenkbeweglichkeit ist bei Personen mit aktiver Infektion, einschließlich septischer Arthritis oder Tenosynovitis, kontraindiziert, bis eine angemessene antimikrobielle Therapie eingeleitet wird.(8)
| Landmarken für die Goniometrie | |
|---|---|
| Flexion |
Der Patient liegt in Rückenlage oder sitzt an einem Tisch. Sein Unterarm sollte flach auf dem Tisch aufliegen, das Handgelenk jedoch frei beweglich sein. Dadurch entfällt die Notwendigkeit, die proximalen Gelenke manuell zu fixieren. Nur der distale Schenkel des Goniometers sollte sich bewegen, während der proximale Schenkel mit dem Unterarm stabil auf dem Tisch bleibt.
|
| Extension |
Der Patient liegt in Rückenlage oder sitzt an einem Tisch. Sein Unterarm sollte flach auf dem Tisch aufliegen, das Handgelenk jedoch frei beweglich sein. Das passive Bewegungsausmaß kann (ggf. mit Überdruck) getestet werden, wenn das aktive Bewegungsausmaß eingeschränkt erscheint.
|
| Radiale Abduktion | Der Patient liegt in Rückenlage oder sitzt an einem Tisch. Sein gesamter Unterarm und die Hand sollten flach in Pronation auf dem Tisch liegen, um eine Palmarflexion/Dorsalextension des Handgelenks zu verhindern und eine einzige Bewegungsebene zu gewährleisten. In neutraler Ausrichtung steht der dritte Mittelhandknochen in einer Linie mit dem Os capitatum, dem Os lunatum und dem Radius und bildet so eine stabile mittlere Säule. Die Schenkel des Goniometers bilden in der Ausgangsstellung somit eine gerade Linie. Nur der bewegliche Schenkel sollte sich während der Messung bewegen, während der proximale Schenkel fixiert bleibt und am Unterarm ausgerichtet ist.
|
| Ulnare Abduktion | Der Patient liegt in Rückenlage oder sitzt an einem Tisch. Sein gesamter Unterarm und die Hand sollten flach in Pronation auf dem Tisch liegen, um eine Palmarflexion/Dorsalextension des Handgelenks zu verhindern und eine einzige Bewegungsebene zu gewährleisten. Das passive Bewegungsausmaß kann in dieser Position gemessen werden, wobei Unterarm und Hand flach auf dem Tisch liegen.
|
Kapselmuster der Hand und Finger: Flexion und Extension sind an den radiokarpalen und mediokarpalen Gelenken gleichermaßen eingeschränkt. Die Metakarpophalangealgelenke (MCP-Gelenke) und die Interphalangealgelenke (IP-Gelenke) zeigen eine gleichmäßige Einschränkung der Flexion und Extension. Im Karpometakarpalgelenk des Daumens (Daumensattelgelenk) sind Abduktion und Extension gleichermaßen eingeschränkt, während die Flexion relativ erhalten bleibt.(9)
Die allgemein anerkannten Werte für das aktive Bewegungsausmaß der Hand und Finger lauten wie folgt.(11)(12)(13)
Metakarpophalangealgelenke (MCP-Gelenke):Daumen
- 50° Flexion
- 0° Extension
- 45-70° Abduktion
- 5-20° Adduktion
Finger II-V
- 80° Flexion
- o° Extension
Interphalangealgelenk (IP-Gelenk) des Daumens:
- 80° Flexion
- 0° Extension
Proximale Interphalangealgelenke (PIP-Gelenke):
- bis zu 135° Flexion, je nach Finger
- 0-20° Extension
Distale Interphalangealgelenke (DIP-Gelenke):
- bis zu 90° Flexion, je nach Finger
- 0-30° Extension
Das folgende optionale Video erklärt die verschiedenen Bewegungen des Daumens:
Wenn Sie mehr über die Anatomie der Hand erfahren möchten, lesen Sie den Abschnitt Funktionelle Anatomie der Hand.
Bei der Durchführung von Tests des Bewegungsausmaßes der Hand und Finger sollten einige wichtige Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, um die Sicherheit des Patienten und eine genaue Messung zu gewährleisten.
Vermeiden Sie es, Bewegungen über die Toleranzgrenze des Patienten hinaus zu erzwingen, da dies Entzündungen verschlimmern, heilendes Gewebe schädigen oder eine Abwehrspannung der Muskulatur hervorrufen kann, die die Ergebnisse verfälscht.Fixieren Sie die proximalen Gelenke angemessen, um die beabsichtigte Bewegung zu isolieren und kompensatorische Muster zu vermeiden, die zu falschen Messwerten oder einer Überlastung der Gelenke führen können.
Seien Sie besonders vorsichtig bei akuten Verletzungen, postoperativen Patienten und entzündlichen Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis, bei denen eine behutsame Behandlung und angepasste Testtechniken erforderlich sein können. Während bei Tests im endgradigen Bereich gewisse Beschwerden zu erwarten sind, sollten Sie den Test abbrechen, wenn die Person stechende oder zunehmende Schmerzen verspürt. Beachten Sie die Kontraindikationen für die Untersuchung der Gelenkbeweglichkeit, darunter instabile Frakturen, schwere Entzündungen oder Gelenkluxationen. Verschieben Sie die Beweglichkeitsprüfung bei Personen, die sich einer Operation unterzogen haben, bis eine ärztliche Freigabe vorliegt.(9)
| Landmarken für die Goniometrie | |
|---|---|
| Daumensattelgelenk – Flexion |
Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch. Vermeiden Sie die Abduktion des Daumens (d.h. der Daumen sollte sich nicht weg vom Tisch bewegen):
|
| Daumensattelgelenk – Extension |
Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch. Vermeiden Sie die Abduktion des Daumens (d.h. der Daumen sollte sich nicht weg vom Tisch bewegen):
|
| Daumensattelgelenk – Abduktion |
Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch. Fixieren Sie den zweiten Mittelhandknochen. Nur der Daumen sollte sich bewegen:
|
| Daumengrundgelenk (MCP) – Flexion |
Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch.
|
| Daumengrundgelenk (MCP) – Extension |
Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch.
|
| Daumen (IP-Gelenk) – Flexion |
Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch.
|
| Daumen (IP-Gelenk) – Extension |
Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch.
|
| Finger (MCP-Gelenke) – Flexion |
Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch.
|
| Finger (MCP-Gelenke) – Extension |
Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch.
|
| Finger (PIP-Gelenke) – Flexion | Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch.
|
| Finger (PIP-Gelenke) – Extension |
Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch.
|
| Finger (DIP-Gelenke) – Flexion | Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch.
|
| Finger (DIP-Gelenke) – Extension | Der Patient sitzt, Unterarm und Hand liegen auf dem Tisch.
|
Die folgenden Videos erläutern die Bedeutung der Untersuchung des aktiven Bewegungsausmaßes von Schulter, Ellbogen und Handgelenk.