Das Calgary-Cambridge-Modell für das medizinische Gespräch – Sammeln von Informationen über die Perspektive des Patienten

Einleitung(edit | edit source)

Aufbau des Calgary-Cambridge-Modells – Detailliert, mit Zielen (in englischer Originalsprache)

Kommunikation ist ein wesentlicher Bestandteil jeder Interaktion mit Patienten(1) und kann einen erheblichen Einfluss auf die Ergebnisse der Patienten haben.(2)(3)

Der zweite Schritt des medizinischen Gesprächs nach dem Calgary-Cambridge-Modell ist das Sammeln von Informationen.(4)(5) Im vorangegangenen Schritt wurde der Hauptgrund für das Gespräch ermittelt und ein allgemeiner Hintergrund dargelegt. Die Fragen waren offen formuliert, und der Patient hatte die Möglichkeit, seine Hauptbeschwerden zu nennen.

Das Sammeln von Informationen beinhaltet die weitere Ergründung des Problems des Patienten aus biomedizinischer Sicht, aber auch aus der Perspektive des Patienten, und zwar im Rahmen seines einzigartigen Kontexts und Hintergrunds. In diesem Teil des Gesprächs sammelt der Kliniker so viele Informationen wie möglich, um eine gut begründete klinische Hypothese zu formulieren.

Traditionell bildet die Gewinnung von biomedizinischen Informationen die Grundlage des medizinischen Gesprächs. Ebenso wichtig ist es jedoch, die Sichtweise des Patienten auf seine Symptome und die Rolle, die sie auf seinem Weg zur Genesung spielen bzw. spielen werden, zu untersuchen. Diese Seite befasst sich mit der Perspektive des Patienten / dem psychosozialen Ansatz beim Sammeln von Informationen, während spezifische Details zur biomedizinischen Seite des Gesprächs in einer Folgesitzung behandelt werden.

Krankheit versus Kranksein ( edit | edit source )

Die Begriffe „Krankheit“ (engl.: disease) und „Kranksein“ (engl.: illness) beziehen sich beide auf einen schlechten Gesundheitszustand. Aus medizinisch-anthropologischer Sicht haben diese Wörter unterschiedliche Bedeutungen und Kontexte:

Krankheit bezieht sich auf strukturelle oder funktionelle Anomalien von Körperorganen oder -systemen. Es handelt sich um die pathologischen Einheiten, die für den schlechten Gesundheitszustand verantwortlich sind, und die in Form, Verlauf und Inhalt identifizierbar sind. Aspekte wie Zeichen und Symptome, natürlicher Verlauf, spezifische physiologische Parameter, Behandlung und Prognosen jeder identifizierten Krankheit sind überall ähnlich.(6) Beispiele sind Erkrankungen wie Asthma, Frakturen, Tendinopathie oder Multiple Sklerose.

Kranksein umfasst die spezifische Reaktion eines Menschen auf sein Unwohlsein und die Auswirkungen, die der schlechte Gesundheitszustand auf sein Erleben hat. Es kann seine Perspektive über den Ursprung der Erkrankung, die persönliche Bedeutung oder einen bestehenden Rahmen dafür, die Auswirkungen der Erkrankung auf sein Verhalten oder seine Beziehungen sowie alle Schritte, die zur Bewältigung der Erkrankung unternommen wurden, beinhalten. Kranksein gibt also der Erfahrung des schlechten Gesundheitszustandes einen Sinn, anstatt sich auf die pathologischen Parameter einer Diagnose zu konzentrieren. Die emotionalen Auswirkungen des Krankseins können durch den sozialen und kulturellen Hintergrund sowie durch Persönlichkeitsmerkmale erheblich beeinflusst werden.(6)

Die Ausprägung des Krankseins und des darauf folgenden Verhaltens wird häufig von der Wahrnehmung des jeweiligen Ereignisses durch den Patienten bestimmt. Bewusst oder unbewusst stellen Patienten in der Regel sechs Fragen, wenn sie sich über ihren schlechten Gesundheitszustand Gedanken machen.(6) Diese Fragen werden in Kasten 1 anhand eines Beispiels für unspezifische Rückenschmerzen bei einem Büroangestellten erläutert. Seine Denkprozesse werden von den Antworten auf die sechs genannten Fragen geprägt sein (mögliche Antworten sind kursiv gedruckt).

  1. Was passiert gerade? (Mein Rücken schmerzt sehr und es wird immer schlimmer.)
  2. Warum passiert es? (Vielleicht habe ich etwas Schweres gehoben, vielleicht ist meine Matratze oder mein Bürostuhl defekt, vielleicht gibt es ein Problem mit der Wirbelsäule?)
  3. Warum ich?(Meine Mutter hatte einen schlimmen Rücken, das muss erblich bedingt sein. Außerdem bin ich Büroangestellter und sitze den ganzen Tag, was schlecht für meinen Rücken ist. Meine Rückenmuskeln sind dazu noch schwach.)
  4. Warum jetzt? (Ich bin nicht mehr so jung, vielleicht habe ich Abnutzungen?)
  5. Was würde passieren, wenn nichts unternommen wird?(Es kann schlimmer werden. Was ist, wenn es etwas Ernstes ist? Ich könnte behindert werden oder sogar wie meine Mutter im Rollstuhl landen.)
  6. Welche Maßnahmen sollte ich ergreifen, um damit umzugehen?(Sollte ich Medikamente auf eigene Faust nehmen? Ich weiß, dass meine Rückenmuskeln schwach sind und ich übergewichtig bin, also sollte ich vielleicht mehr trainieren. Vielleicht sollte ich zum Arzt gehen?)

Kasten 1: Fragen, die das Ausmaß des Krankseins bei Patienten bestimmen(6)

Cassell(7) fasst den Unterschied zwischen Krankheit und Kranksein zusammen: „Kranksein ist das, was ein Mensch hat, wenn er zum Arzt geht. Krankheit ist das, was er hat, wenn er aus der Arztpraxis zurückkommt. Krankheit ist also etwas, das ein Organ hat. Kranksein ist etwas, das ein Mensch hat.“(7) Daher konzentriert sich Krankheit auf den biomedizinischen Aspekt eines schlechten Gesundheitszustandes, während Kranksein persönliche, kulturelle und soziale Faktoren einschließt, die beschreiben, wie ein Patient den schlechten Gesundheitszustand erlebt. Kranksein und Krankheit treten meist gemeinsam auf, können aber auch ohne das jeweils andere auftreten.(8) Sie können sich auch gegenseitig beeinflussen.(6) So kann ein Patient beispielsweise an unspezifischen Schmerzen an der oberen Halswirbelsäule leiden, die mit einem Kopfschmerz einhergehen (Krankheit). Stress und Ängste (Kranksein) im Zusammenhang mit der möglichen Ursache und der Prognose der Krankheit können zu Muskelverspannungen führen, was wiederum zu Spannungskopfschmerzen führt, die die ursprünglichen Kopfschmerzen verschlimmern.

Die Berücksichtigung von Krankheit und Kranksein im medizinischen Gespräch ( edit | edit source )

Angehörige der Gesundheitsberufe sind für den Umgang mit Krankheiten und deren akuten Verlauf im Allgemeinen gut gerüstet. Sie haben gelernt, eine Diagnose auf der Grundlage klinischer Zeichen und Symptome sowie physiologischer Parameter zu stellen, und verstehen das Konzept der peripheren Schmerzmechanismen in der Regel viel besser als das der zentralen Schmerzmechanismen.(9) Auch wenn die Erforschung der Krankheit bei der Anamnese wirklich wichtig ist, führt die Vernachlässigung der Rolle zentraler Schmerzverarbeitungsmechanismen (die dem Kranksein zugeschrieben werden) zu einer unvollständigen Informationserfassung und zu einem nicht wirklich patientenzentrierten Ansatz.

Wenn sich eine medizinische Fachkraft hauptsächlich auf den biomedizinischen Aspekt einer Erkrankung konzentriert, ohne sich mit der potenziellen Wahrnehmung und den Ängsten im Zusammenhang mit den Symptomen zu befassen, besteht die Möglichkeit, dass die medizinische Behandlung die Symptome eher verschlimmert, als sie zu behandeln. Die Erklärung, dass es sich bei den Gelenkschmerzen um „einige Abnutzungserscheinungen“ handelt, kann gut gemeint sein, um den Patienten zu beruhigen und ihn zu ermutigen, zu seiner normalen Tätigkeit zurückzukehren. Die Interpretation des Begriffs „Abnutzung“ kann jedoch bei bestimmten Patienten das Gefühl der Verletzlichkeit verstärken und zu einer ängstlichen Vermeidung von Bewegung führen, was das Gegenteil von dem ist, was ursprünglich von der Fachkraft beabsichtigt war.(9)

Die medizinische Fachkraft sollte die besten Worte wählen, die die Wahrnehmung der Erkrankung und der Ursache beeinflussen können.(10) Dadurch werden wirksame Bewältigungsstrategien entwickelt, die sich auf die Antwort auf die Behandlung auswirken werden.(10) Die medizinische Fachkraft kann die positivsten Wörter auswählen, um den Zustand zu benennen/beschreiben, Behandlungsempfehlungen zu geben oder um allgemein während der Untersuchung und Behandlung zu kommunizieren.(10) Dadurch werden adaptive Verhaltensweisen und Überzeugungen gefördert.(10)

Erforderliche Fähigkeiten zur Gewinnung psychosozialer Informationen ( edit | edit source )

Ein Wechsel von einem „Krankheitsmodell“ zu einem „biopsychosozialen Modell“ bei dem Patientengespräch ist für ein umfassendes klinisches Bild unerlässlich. Der Begriff „biopsychosozial“ bezieht sich auf eine Kombination aus einer biomedizinischen Untersuchung, dem Verständnis des sozialen Hintergrunds und Kontexts sowie der Betrachtung der möglichen psychologischen Zusammenhänge einer Person mit ihrem Kranksein. Wenn der Kliniker allen drei Faktoren die gleiche Bedeutung beimisst, kann er ein ausgewogenes Gespräch führen, in dem er ganzheitlich auf die Person bezogene Informationen erhält.

Ein psychosozialer Ansatz „erzählt die Kranksein-Geschichte des Patienten“ und erklärt und prognostiziert das Erleben und die Antwort des Einzelnen auf das Kranksein.(8) Im Gegensatz zu biomedizinischen Informationen, die auf pathophysiologischen und meist peripheren Schmerzmechanismen beruhen, ist die Gewinnung von psychosozialen Informationen oft abstrakt und nicht quantitativ. Dies und die Tatsache, dass Kliniker die zentralen Schmerzmechanismen, die dem Kranksein zugrunde liegen, oft nur unzureichend verstehen, macht die Gewinnung von psychosozialen Informationen für viele Angehörige der Gesundheitsberufe zu einer Herausforderung.(9) Bestimmte Fähigkeiten können erlernt und im medizinischen Gespräch eingesetzt werden, um den psychosozialen Einfluss auf die vorliegende Erkrankung effektiv zu beurteilen, wie im Folgenden erläutert wird:

Aktives Zuhören ( edit | edit source )

Der Fragetrichter

Aktives Zuhören schafft Vertrauen bei den Patienten, signalisiert Interesse von Seiten des Klinikers und erleichtert so die Weitergabe von Informationen, ohne dass sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Es umfasst sowohl verbales als auch nonverbales Verhalten. Was das nonverbale Verhalten angeht, so sollte der Zuhörer sitzen, dem Patienten in einem angenehmen Abstand zugewandt sein, sich leicht nach vorne lehnen und einen guten Blickkontakt herstellen. Der Kliniker sollte dem Patienten auch die Möglichkeit geben, zu sprechen, ohne ihn zu unterbrechen, und dem Patienten Raum zum Nachdenken geben, bevor er antwortet. (11)

Zum verbalen Verhalten gehören angemessene Fragetechniken, wie z. B. die Verwendung von „offenen-zu-geschlossenen“ Fragen, Gespräch anregen und Zusammenfassen. Beim aktiven Zuhören wird der Begriff „Fragetrichter“ verwendet, in Anspielung auf einen Trichter, der breit beginnt und zum Ende hin schmaler wird. Bei der Verwendung des Fragetrichters beginnt die Befragung mit einem nicht direkten Ansatz, indem offene Fragen gestellt werden, gefolgt von einer direkteren Erkundung, indem geschlossene Fragen gestellt werden, um die Informationen zu überprüfen.(12) „Gespräch anregen“ bezieht sich auf Kommentare oder Verhaltensweisen des Klinikers, die den Patienten dazu ermutigen, weiter im gleichen Sinne zu sprechen. „Zusammenfassen“ findet statt, wenn der Kliniker dem Patienten gegenüber mittels einer knappen Zusammenfassung die bisher gesammelten Informationen wiederholt.(12) Dadurch wird sichergestellt, dass alle Informationen richtig verstanden werden, und der Patient erhält die Möglichkeit, Einzelheiten zu klären, Korrekturen vorzunehmen oder weitere Informationen hinzuzufügen.(11)

Sehen Sie sich das folgende Video an, wenn Sie mehr über die Verwendung des Fragetrichters von offenen zu geschlossenen Fragen erfahren möchten. (In englischer Originalsprache)

(13)

Glaubenssysteme ergründen ( edit | edit source )

Medizinische Glaubenssysteme werden von verschiedenen Aspekten beeinflusst, darunter Kultur, Religion, Gemeinschaft und Bildung. Die Überzeugungen der Patienten in Bezug auf ihre Gesundheit können sich stark von der wissenschaftlichen Medizin unterscheiden. Ein Beispiel ist das gesundheitliche Glaubenssystem der traditionellen australischen Ureinwohner (Aborigines), die schlechte Gesundheitszustände der Natur, Umweltkräften, übernatürlichen Kräften oder westlichen Einflüssen zuschreiben(14) anstatt einem pathophysiologischen Modell zu folgen. Ein weiteres bekanntes und umstrittenes Beispiel ist das religiös begründete Verbot bestimmter medizinischer Verfahren, von denen einige lebensrettend sein können.(15)

Für den Kliniker ist es von entscheidender Bedeutung, die gesundheitlichen Überzeugungen seiner Patienten zu erforschen und zu respektieren, unabhängig davon, ob sie sich von den persönlichen Ansichten des Klinikers unterscheiden. Dies ist aus einer Reihe von Gründen von Bedeutung. Erstens vermittelt die Anerkennung von gesundheitlichen Überzeugungen dem Kliniker ein umfassenderes Bild des Patienten als Person. Es trägt zu einer patientenzentrierten Medizin bei und kann vorhersagen, wie bestimmte Patienten auf eine Krankheit oder eine vorgeschlagene Behandlung reagieren werden.(8) Zweitens beinhalten bestimmte gesundheitliche Überzeugungen die Vorlieben des Patienten in Bezug auf die medizinische Versorgung. Dazu können Aspekte gehören wie die Präferenz für einen Kliniker, der das gleiche Geschlecht wie der Patient hat, die Einbeziehung der Familie in die Entscheidungsfindung(14) oder die Durchführung bestimmter medizinischer Verfahren.(16) Drittens wurde in Bezug auf die Spiritualität ein positiver Zusammenhang zwischen Religion und dem Wohlbefinden und der Genesung der Patienten festgestellt. Daher kann eine optimale spirituelle Unterstützung zu besseren Genesungsraten beitragen.(15)

Die Erforschung des medizinischen Glaubenssystems des Patienten kann ein potenziell heikles Thema sein, sollte aber nicht vermieden oder unterlassen werden, um eine unangenehme Situation zu vermeiden. Bleiben Sie bei der Untersuchung der Glaubenssysteme des Patienten offen und objektiv. Fragen Sie nach, wenn Sie etwas nicht ganz verstehen, und nehmen Sie eine Haltung der Akzeptanz und der Bereitschaft ein, mehr über den Hintergrund des Patienten zu erfahren. Vermeiden Sie jegliche nonverbale Kommunikation, die missbilligend oder verurteilend wirken könnte, wie Stirnrunzeln oder Kopfschütteln.(17)

Wahrnehmungen und Sorgen des Patienten ergründen und die Tagesordnung festlegen ( edit | edit source )

Empathie wird definiert als das kognitive Verständnis der Erfahrungen, Sorgen und Perspektiven eines Patienten und die Fähigkeit, dieses Verständnis zu vermitteln, um dazu beizutragen, jegliche Form von Leiden oder Unbehagen zu lindern.(18) Ein empathischer Kliniker schafft einen Raum, in dem sich ein Patient sicher fühlt, um sensible Informationen preiszugeben, ohne ein Urteil oder eine Verletzung der Vertraulichkeit zu befürchten. Der Kliniker muss auch die Wahrnehmungen, Bedenken und Voreingenommenheiten (Biases) des Patienten in Bezug auf die vorliegende Erkrankung genau verstehen. Wenn man einen Patienten fragt, was für ihn das Problem ist, erhält man nicht nur einen umfassenden Überblick über die Wahrnehmung des Patienten, sondern kann ihn auch ermutigen, seine tieferen Gefühle und Ängste in Bezug auf eine mögliche Diagnose mitzuteilen.(11)

Die „Tagesordnungen“ von Patient und Kliniker stimmen im medizinischen Gespräch oft nicht überein. Die Tagesordnung des Klinikers konzentriert sich eher auf die Gewinnung von Informationen mit dem Ziel einer klinischen Hypothese und ist meist von einem eher biomedizinischen Ansatz geprägt. Die Tagesordnungen der Patienten beinhalten vielmehr, dem Kliniker ihre Probleme und Sorgen mitzuteilen, sowie psychosoziale Aspekte, die von Klinikern leicht übersehen werden können.(19) Die Patienten geben in der Kommunikation bestimmte Hinweise auf Lebensumstände oder Emotionen, die wesentlich zum klinischen Bild beitragen können. Wenn solche Hinweise ignoriert werden, gelingt es dem Kliniker nicht, den Patienten als Person zu integrieren, und die anschließende medizinische Versorgung geht möglicherweise nicht auf die Anliegen des Patienten in ihrer Gesamtheit ein.(20) Aus diesem Grund müssen Kliniker in der Lage sein, ganzheitlich zuzuhören, anstatt sich nur auf die Gewinnung biomedizinischer Informationen zu konzentrieren.

Unterschwellige Bedenken und Vorurteile werden oft subtil oder nebenbei im Gespräch geäußert. Die Patienten können scheinbar vom Gesprächsfaden abweichen und Faktoren oder Sorgen erwähnen, die Aufschluss über ihre Situation oder ihre Symptome geben. Der Kliniker muss die Themen priorisieren, die sich aus dem Gespräch ergeben und möglicherweise weiter erforscht werden müssen. Wenn ein Kliniker jedoch ein Anliegen, das der Patient für wichtig hält, übersieht, ist es wahrscheinlich, dass der Patient dieses Anliegen im weiteren Verlauf des Gesprächs wiederholt. Ein solches Problem sollte in diesem Fall anerkannt und angegangen werden.(20)

Erwartungen des Patienten ermitteln ( edit | edit source )

Ähnlich wie bei der Festlegung der Tagesordnung haben Kliniker und Patienten oft unterschiedliche Erwartungen an ein medizinisches Gespräch. Die Erwartungen der Patienten sind oft komplexer als die reine Linderung der Symptome. Zu den Erwartungen können folgende Aspekte gehören: die Erkundung alternativer Behandlungsmöglichkeiten, diagnostische Klarheit, Beruhigung („Reassurance“) und Bestätigung oder auch die Möglichkeit, Frustration und Ärger zu äußern. Umgekehrt könnte der Kliniker andere Erwartungen haben, z. B. bestimmte Tests durchzuführen oder anzufordern, um eine Diagnose zu bestätigen oder zu verneinen, um eine sofortige symptomatische Behandlung durchzuführen oder um die Angemessenheit der vom Patienten gewünschten Maßnahmen zu bestimmen. Wenn die Erwartungen von Kliniker und Patient nicht übereinstimmen, muss dies zwischen den beiden Parteien ausgehandelt werden.(9)

Die Auswirkungen der Symptome auf das Leben des Patienten ergründen ( edit | edit source )

Funktionsbeeinträchtigungen sind für viele Patienten eine große Bedrohung, vor allem wenn ihr regelmäßiges Einkommen oder ihre normale Lebensführung auf dem Spiel steht. Kliniker müssen das Ausmaß der funktionellen Beeinträchtigung aufgrund der vorliegenden Erkrankung untersuchen, aber auch, wie sich diese Beeinträchtigung auf den Patienten auf emotionaler und psychologischer Ebene auswirkt. Das Ausmaß einer Bedrohung kann das Kranksein in vielerlei Hinsicht beeinflussen, oft unbewusst. Wenn ein Patient beispielsweise befürchtet, dass eine Erkrankung zu einem Verlust der beruflichen Funktion führen kann, ignoriert oder verleugnet er möglicherweise die Symptome aus Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Eine ungelöste Pathologie kann zu noch mehr Komplikationen führen und den Zustand des Patienten verschlimmern.(8) Wenn möglich und zutreffend, sollte der Physiotherapeut versuchen, den Patienten zu beraten und zu unterstützen, um sowohl seine beruflichen als auch funktionellen Fähigkeiten zu optimieren, oder alternativ den Patienten an andere Fachleute zu verweisen, um eine optimale Versorgung und die Rückkehr zur bestmöglichen Funktion zu erreichen.

Auf Hinweise des Patienten reagieren ( edit | edit source )

(21)

Fazit(edit | edit source)

Die Rolle der psychosozialen Anamnese im medizinischen Gespräch sollte nicht unterschätzt werden. Eine gründliche psychosoziale Anamnese ermöglicht eine ganzheitliche Betrachtung des Patienten und seines Zustands und hilft dem Kliniker, einen umfassenden Behandlungsplan zu erstellen. Eine angemessene Berücksichtigung der psychosozialen Aspekte des Patienten stärkt die therapeutische Allianz und verbessert die Compliance des Patienten als aktiver Teilnehmer am Behandlungs- und Rehabilitationsprozess. Für das Gesundheitspersonal ist es oft eine Herausforderung, psychosoziale Hinweise und Anhaltspunkte aufzugreifen, anstatt konkrete pathologische Informationen zu erfassen. Die psychosoziale Anamnese ist jedoch eine Fähigkeit, die erlernt und verbessert werden kann (und sollte) und als eine Investition in die Gewinnung eines vollständigen klinischen Bildes gesehen werden kann, das für eine ganzheitliche und umfassende Behandlung des Patienten erforderlich ist.

Referenzen(edit | edit source)

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