Praktische Befunderhebung und Rehabilitation bei einer Tänzerin – Fallstudie

Originale Autorin Carin Hunter basierend auf dem Kurs von Michelle Green-Smerdon
Top-BeitragendeCarin Hunter und Jess Bell

Einführung(edit | edit source)

Diese Fallstudie ist Teil des Kurses: Praktische Befunderhebung und Rehabilitation von Tänzerinnen und Tänzern.

Befunderhebung(edit | edit source)

Frau E. ist eine 20-jährige Tänzerin. Sie tanzt seit 17 Jahren und macht Ballett, Stepptanz, modernen und zeitgenössischen Tanz sowie Musiktheater.

Sie präsentiert sich mit einem Wert von 7/9 auf dem Beighton-Score(1) was zeigt, dass sie hypermobil ist.(2) Ihr Beighton-Score ist wie folgt:

Untersuchte Bewegung Punkte
Links Rechts
1. Passive Dorsalextension und Hyperextension des fünften MCP-Gelenks um mehr als 90° 1 1
2. Passives Heranführen des Daumens an die Beugeseite des Unterarms bis zur Berührung 0 0
3. Passive Hyperextension des Ellbogens um mehr als 10° 1 1
4. Passive Hyperextension des Knies um mehr als 10° 1 1
5. Aktive Vorwärtsbeugung des Rumpfes mit vollständig gestreckten Knien, so dass die Handflächen flach auf dem Boden aufliegen 1
GESAMT 7 / 9

Die Hauptbeschwerde von Frau E. sind Schmerzen an beiden Fußspitzen beim Aufstehen auf die Spitze, beim Herunterrollen („Rollover“) und Hochrollen („Roll-up“) über die Zehen.

Pre-Pointe-Untersuchung ( edit | edit source )

1. Flieger-Test(3)

Die Tänzerin muss sich in der richtigen Ausgangsposition befinden und die entsprechenden Anweisungen erhalten, um den Test zu absolvieren. Eine ausführliche Anleitung zu diesem Test finden Sie hier. Vergessen Sie nicht, sowohl die rechte als auch die linke Seite zu testen und zu vergleichen. Bei der Durchführung dieses Tests ist es wichtig, Folgendes zu beobachten: Beckenkontrolle, Knieausrichtung, Koordination, Bewegungskontrolle und die Fähigkeit, die Hüften waagerecht und eben zu halten. Es ist ratsam, diesen Test auf Video aufzunehmen. So kann der Untersucher die Bewegung im Detail analysieren und dem Tänzer ein Feedback geben.

Frau E. absolvierte den Test sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite. Auf der linken Seite zeigt sie ein leichtes Anheben der Hüfte auf der Seite des Spielbeins. Sie präsentiert sich jedoch mit guter Ausrichtung, Kontrolle und Balance. Ihre Ausrichtung und Kontrolle sind auf der rechten Seite besser als auf der linken.

2. Einbeinzehenstand(3)

Wenn Frau E. die einbeinige Fersenhebung zum Zehenstand auf der linken Seite durchführt, rollt sie beim Auf- und Abgehen zwischen den Zehen ab und zeigt ein leichtes „Sicheln“ des Fußes. Beim Test auf der rechten Seite ist die Ausrichtung des Fußes von Frau E. falsch und sie hebt ihre große Zehe vollständig an. Sie krallt auch mit den Zehen. Wie bereits erwähnt, besteht die wichtigste Aufgabe der intrinsischen Fußmuskulatur für Balletttänzer darin, der „krallenden“ Aktion der langen Zehenbeuger entgegenzuwirken.(4) Bei der Wiederholung des Tests bewegt sich das stützende Bein von Frau E. von ihrem anderen Bein weg. Diese Bewegung ist ein kompensatorischer Versuch, Kontrolle und Stabilität zu erlangen. Außerdem rollt Frau E. mit ihrem Fuß nach außen und kann nicht so zentriert/ausgerichtet bleiben wie auf dem linken Bein.

3. Topple-Test(5)

Beim Topple-Test wird die Fähigkeit eines Tänzers bewertet, eine einzelne saubere Pirouette auszuführen.(6) Wie beim Flieger-Test ist es auch bei diesem Test wichtig, eine Videoaufnahme zu machen, da die Bewegung sehr schnell ausgeführt wird. Aus diesem Grund ist es zu schwierig, alle Punkte, die für eine „gute Note“ erforderlich sind, mit bloßem Auge zu überprüfen. Ein Video ermöglicht es dem Untersucher auch, dem Tänzer Feedback zu geben.

Wenn Frau E. diesen Test absolviert, sind Platzierung und Landung leicht verschoben und müssen stärker zentriert sein. Sie rollt über ihre Zehen und kann ihre Haltung auf Spitze nicht beibehalten.

4. Einbeiniger Sauté-Test(7)

Bei der Durchführung der Untersuchung ist es von Vorteil, den Einbeinzehenstand-Test und den Sauté-Test nicht hintereinander durchzuführen, da beide Tests die Wadenausdauer bewerten. Die Ergebnisse werden ungenau sein, wenn die Tests nacheinander durchgeführt werden, da der Tänzer durch Ermüdung beeinträchtigt sein kann. Der Sauté-Test besteht aus einer Serie von 16 aufeinanderfolgenden Sprüngen.(6) Der Test wird hier im Detail beschrieben.

Beim Test ihrer linken Seite beginnt Frau E., ihre Hüften zu beugen und sich nach vorne zu lehnen. Je mehr Wiederholungen sie absolviert, desto geringer ist die Höhe ihrer Bewegung in Richtung Spitze. Auf der rechten Seite kann Frau E. nicht so hoch springen und ihre Landungen sind deutlich unregelmäßiger; sie kann nicht mehr auf einer Stelle landen. Sie wird müde und beginnt mit dem Oberkörper zum Ausgleich zu schwanken.

5. Bleistift-Test(8)

Mit dem Bleistift-Test wird das volle Bewegungsausmaß der Plantarflexion des Sprunggelenk-Fuß-Komplexes beurteilt.(9) Aufgrund der Hypermobilität von Frau E. (nachgewiesen durch ihren Beighton-Score) würde man erwarten, dass sie ein gutes Bewegungsausmaß in Plantarflexion hat. Beim Bleistift-Test liegt der Bleistift flach auf der Oberseite des Fußes von Frau E.

Diese fünf Tests werden auf der Seite Pre-Pointe-Untersuchung näher erläutert.

Kurze Beurteilung des Spitzenschuhs ( edit | edit source )

Der Spitzenschuh wird hier im Detail besprochen.

Frau E. tanzt mit einem Spitzenschuh von Grishko. Wie bereits erwähnt, ist Frau E. hypermobil. Daher sollte ein idealer Spitzenschuh für Frau E. mehr Festigkeit, Halt und Struktur bieten. Bei der Beurteilung ihrer Schuhe ist jedoch festzustellen, dass beide sehr flexible Zwischensohlen (Shanks) haben.

Bei der subjektiven Untersuchung gibt Frau E. an, dass sie ihre Schuhe durch normales Gehen und ihre üblichen Ballett- und Barre-Stunden eingelaufen hat.

Nach einer ersten Einschätzung scheint es, als sei ihr ein falscher Spitzenschuh angepasst worden:

1. Erheben

Die Patientin beginnt parallel, was den Vergleich zwischen der linken und der rechten Seite erleichtert. Sie bewegt sich von der flachen Fußposition auf dem Boden auf die Spitze. Dies ist ein Schnelltest, um die Ausrichtung (Alignment) zu überprüfen und den Grad der Anstrengung zu beurteilen, der erforderlich ist, um sich auf die Spitze zu bewegen. Bei der Durchführung dieses Tests ist es am effektivsten, wenn der Patient durch ein Demi-Plié auf die Spitze kommt und dann die Bewegung umkehrt.(4)

Wenn Frau E. diesen Test durchführt, verriegelt sie ihr linkes Knie in Hyperextension. Ihr Übergang auf die Spitze ist ruckartig und besteht eher aus zwei Bewegungen als aus einer fließenden Bewegung. Am Ende der Bewegung fällt sie regelrecht auf die Spitze, anstatt sich zu erheben und die Bewegung zu kontrollieren.

Wenn sie auf Spitze steht, kippt Frau E. um oder fällt nach vorne auf die Spitze. Sie schießt über das Ziel hinaus beim Versuch, über der Box zu stehen, und ist nicht in der Lage, ihren Fuß zu kontrollieren bzw. oben zu halten. Ihr Fuß gibt nach bzw. bricht zusammen. Dies führt zu einer Überdehnung der Bänder und Sehnen im vorderen Bereich.

2. Spitze

Bei der Bewertung der Spitze kippt Frau E. auf der rechten Seite entweder in ein „Schwälbchen“ oder in den Sichelfuß. Ihre linke Seite ist etwas besser ausgerichtet.

3. Plié

Wenn Frau E. ein Plié macht, rollt sie leicht über die Füße nach innen, so dass ihr Turnout einbricht. Wenn der Therapeut eine Korrektur anbietet, findet Frau E. die Bewegung schwieriger, kann aber die Position halten.

Dann wird Frau E. aufgefordert, ein Grand Plié zu machen, und es fällt auf, dass ihre Fersen nicht auf derselben Höhe sind. Wenn sie sich aus dem Grand Plié herausbewegt, fällt sie leicht aus dem Lot, was auf eine schwache intrinsische Muskulatur hindeuten könnte.

Objektive Untersuchung und Auswertung ( edit | edit source )

1. Beobachten der schmerzauslösenden Bewegung – Der Rollover

Bei der Beobachtung des Rollovers von Frau E. kippt ihr Fuß nach außen und verliert die Ausrichtung.

Um dies zu korrigieren, können Markierungen auf der Haut zur besseren Ausrichtung eingezeichnet werden. Die Tänzerin kann auch aufgefordert werden, die Bewegung vor einem Spiegel zu wiederholen. Dadurch erhält die Tänzerin visuellen Input, bis sie die Kraft und Propriozeption hat, die Aufgabe ohne Hilfe zu bewältigen. Das Erlernen der richtigen Ausrichtung kann auch beim Rollover helfen.(4)

2. Einzeichnen von Markierungen und Kontrolle der Ausrichtung des Fußes (10)(11)

Zeichnen Sie eine Markierung auf den Punkt zwischen dem lateralen und dem medialen Malleolus und ziehen Sie eine gerade Linie bis zur zweiten Zehe. Wenn die Tänzerin den Fuß streckt (pointe), sollte die Linie gerade sein. Sie sollte sich nicht sicheln oder in ein Schwälbchen ziehen. Die Tänzerin kann auch ihre Füße parallel zueinander aufstellen und auf halbe Spitze gehen, wobei die Markierung eine vertikale Linie bilden sollte.(4)

Maßnahmen und Auswertung ( edit | edit source )

Frau E. erhält fünf einfache Übungen zur Kräftigung ihrer Muskeln und zur Verbesserung ihrer Fußkontrolle und -wahrnehmung:(4)

1. „Doming“

Das „Doming“ (engl. für „eine Kuppel bilden“) ist eine gute Übung für Frau E., da sie mit den Zehen auf dem Boden griff und krallte, was auf eine schwache intrinsische Muskulatur hinweist. Diese Übung fördert das Anheben der Mittelfußköpfe und des Quergewölbes. Die Zehen sollten flach/gerade sein, während der Mittelfußkopf angehoben wird.

2. Großzehe nach oben

Die vier kleinen Zehen werden bequem auf dem Boden gehalten, während die große Zehe angehoben wird. Diese Übung zielt auf den M. extensor hallucis longus.

3. Großzehe nach unten

Die vier kleinen Zehen werden angehoben, während die große Zehe bequem auf dem Boden bleibt. Diese Übung zielt auf den M. extensor digitorum longus.

4. Klavierspielen

Bei dieser Übung werden alle zehn Zehen angehoben. Ziel ist es, jeden Zeh der Reihe nach abzulegen, beginnend mit dem kleinen Zeh und endend mit der Großzehe. Dies wird dann in umgekehrter Reihenfolge durchgeführt, beginnend mit der Großzehe und endend mit der kleinen Zehe.

Wenn es Anzeichen für ein Greifen oder Krallen mit den Zehen gibt, wie es Frau E. demonstriert hat, muss diese Übung so lange geübt werden, bis die Zehen bequem sind und entspannt/gerade bleiben.

5. Abduktion der Großzehe

Die letzte Übung, die Frau E. empfohlen wird, ist die Abduktion der großen Zehe. Die Füße werden parallel auf den Boden gestellt. Die Großzehen werden angehoben, von den anderen Zehen des Fußes wegbewegt (d. h. Abduktion) und auf dem Boden abgesetzt. Die Bewegung wird dann umgekehrt, indem die Großzehe angehoben und in die Ausgangsposition zurückgeführt wird (d. h. Adduktion).

Ergebnisse(edit | edit source)

Frau E. wird gebeten, erst dann wieder auf Spitzenschuhen zu trainieren, wenn sie ihre Übungen gemacht hat, wenn sie beim Rollover keine Schmerzen mehr im Vorfußbereich hat und wenn sie bei einem professionellen Anpasser eine Beurteilung der Spitzenschuhe erhalten hat.

Therapieempfehlungen ( edit | edit source )

1. Ballrollen

2. Dehnung und Massage der intrinsischen Muskulatur

3. Theraband-Übungen – bei all diesen Übungen sind Ausrichtung und Kontrolle entscheidend:

  • Die Plantarflexion kräftigt den M. gastrocnemius und den M. soleus. Es ist wichtig, den Drehpunkt im Sprunggelenk anzusetzen, die Zehen ganz gerade zu halten, weiterlaufend die Zehenspitzen durchzustrecken und eine Krallenbildung zu vermeiden.
  • Die Dorsalextension stärkt den M. tibialis anterior
  • Inversion mit flachem Fuß und mit gestrecktem Fuß
  • Eversion mit flachem Fuß und mit gestrecktem Fuß

Referenzen(edit | edit source)

  1. Alter M. Science of Flexibility. Sheridan books 2004 (third edition); page 89
  2. Biernacki JL, Stracciolini A, Fraser J, Micheli LJ, Sugimoto D. Risk factors for lower-extremity injuries in female ballet dancers: a systematic review. Clinical journal of sport medicine. 2021 Mar 1;31(2):e64-79.
  3. 3.0 3.1 DeWolf A, McPherson A, Besong K, Hiller C, Docherty C. Quantitative measures utilized in determining pointe readiness in young ballet dancers. Journal of Dance Medicine & Science. 2018 Dec 1;22(4):209-17.
  4. 4.0 4.1 4.2 4.3 4.4 Green-Smerdon M. Biomechanics of the Dancer’s Ankle and Foot Course. Physioplus, 2022.
  5. Altmann C, Roberts J, Scharfbillig R, Jones S. Readiness for en pointe work in young ballet dancers are there proven screening tools and training protocols for a population at increased risk of injury?. Journal of Dance Medicine & Science. 2019 Mar 15;23(1):40-5.
  6. 6.0 6.1 Hewitt S, Mangum M, Tyo B, Nicks C. Fitness testing to determine pointe readiness in ballet dancers. Journal of Dance Medicine & Science. 2016 Dec 15;20(4):162-7.
  7. Batalden L. Pointe-Readiness Screening and Exercise for the Young Studio Dancer. Orthopaedic Physical Therapy Practice. 2020;32(1):48-50.
  8. Bonham K. The Prevalence and Efficacy of Cross-training in a Professional Ballet Environment: A Literature Review. (2021). Senior Theses. 397
  9. Richardson M, Liederbach M, Sandow E. Functional criteria for assessing pointe-readiness. Journal of Dance Medicine & Science. 2010 Sep 1;14(3):82-8.
  10. Bronner S, Lassey I, Lesar JR, Shaver ZG, Turner C. Intra-and inter-rater reliability of a ballet-based dance technique screening instrument. Medical Problems of Performing Artists. 2020 Mar 1;35(1):28-34.
  11. Khan K, Brown J, Way S, Vass N, Crichton K, Alexander R, Baxter A, Butler M, Wark J. Overuse injuries in classical ballet. Sports Medicine. 1995 May;19(5):341-57.


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