Bei der Durchführung einer klinischen Befragung bzw. Interview ist es wichtig, ein gutes Verhältnis zum Patienten aufzubauen. Es gibt viele Möglichkeiten, dies zu erreichen, und mit etwas Übung lassen sich diese Techniken wirksam anwenden. Sinnvoll ist es jedenfalls, sich zu überlegen, wie etwas gesagt wird und welche Auswirkungen dies auf die Person haben kann, die die Information erhält. Eine Person ist erwiesenermaßen viel eher bereit, Informationen preiszugeben, wenn sie glaubt, dass Sie wirklich an ihr und den Informationen, die sie weitergibt, interessiert sind. Kommunikation ist ein interaktiver Prozess, der den Aufbau und den Austausch von Informationen, Ideen und Bedeutungen durch die Verwendung eines gemeinsamen Systems von Symbolen, Zeichen und Verhaltensweisen umfasst.
Die Motivierende Gesprächsführung (Motivational Interviewing – MI) ist eine evidenzbasierte Intervention, die Änderungen des Gesundheitsverhaltens unterstützt. Ursprünglich wurde sie zur Behandlung von Drogenabhängigkeit eingesetzt, gilt aber heute als wirksames Mittel zur Förderung von Verhaltensänderungen und zur Behandlung chronischer Krankheiten.(1) Das Modell betrachtet Motivation als einen Zustand der Bereitschaft zur Veränderung und nicht als ein Persönlichkeitsmerkmal.
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Die Grundhaltung der Motivierenden Gesprächsführung wird als „The Spirit of MI“ bezeichnet und lässt sich laut Miller und Rollnick in vier Prinzipien aufteilen.(2) Diese Prinzipien fassen das Ziel von MI zusammen und lauten wie folgt:(3)(4)
Es gibt fünf Fertigkeiten, die der Therapeut üben kann, um ein effektives Motivationsgespräch zu führen. Diese sind:(5)
Zu den Schritten der Motivierenden Gesprächsführung, die es ermöglichen, dass der Prozess wirksam ist und echte Veränderungen hervorruft, gehören:(5)
Die Motivierende Gesprächsführung kann dazu beitragen, die Beziehung zwischen Patient und Therapeut zu verbessern. Es gibt vier zentrale Kommunikationsfähigkeiten in der motivierenden Gesprächsführung, die unter dem Akronym OARS bekannt sind (siehe Tabelle unten).(6) OARS steht für offene Fragen (Open questions), Würdigungen (Affirming), reflektierendes Zuhören (Reflecting) und Zusammenfassungen (Summarizing).(6) Dies sind entscheidende Komponenten einer effektiven Kommunikation, da sie die Adhärenz, Zusammenarbeit und Zufriedenheit der Patienten erhöhen können.(7)
| OARS | Zweck | Ziel |
| Offene Fragen (Open questions) | Sammeln Sie wichtige Informationen, die durch geschlossene Fragen nicht erfasst werden können. | Kann nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden; Erlaubt dem Patienten, seine Geschichte zu erzählen |
| Würdigungen (Affirmations) | Wird verwendet, um Akzeptanz und Verständnis zu zeigen | Erklärung der Wertschätzung |
| Reflektierendes Zuhören (Reflecting) | Die Gedanken und Gefühle des Patienten verstehen und sie widerspiegeln | Aussagen statt Fragen |
| Zusammenfassungen (Summarizing) | Wird verwendet, um beide Seiten der Ambivalenz eines Patienten zu beleuchten; Wiederholung, um das Verständnis sicherzustellen | Länger als Reflexionen |
Tabelle 1. Grundlegende Kommunikationsfähigkeiten in der Motivierenden Gesprächsführung (OARS).(6)
Für die Befunderhebung wurde im englischsprachigen Raum die Eselsbrücke „ABCDEFW“ entwickelt, um dem Therapeuten zu helfen, sich an alle relevanten Fragen zu erinnern, mit denen potenzielle psychosoziale Risikofaktoren ermittelt werden können.(8) Dies steht für Attitudes and Beliefs (Einstellungen und Überzeugungen), Behaviours (Verhaltensweisen), Compensation Issues (Entschädigungsfragen), Diagnosis and Treatment (Diagnose und Behandlung), Emotions (Emotionen), Family (Familie) und Work (Arbeit).(9)(8) Im Jahr 2014 schlug Louis Gifford mögliche Fragen zu Beginn jedes Unterabschnitts vor, sowie die potenziellen Informationen, daraus gewonnen werden könnten.(8) Zum besseren Verständnis sind häufig Folgefragen erforderlich.
In der nachstehenden Tabelle finden Sie einige Beispiele dafür, wie Sie einen Patienten anhand der ABCDEFW-Kriterien nach psychosozialen Risikofaktoren befragen können.
| Themenbereich | Frage | Gewonnene Informationen |
| Einstellungen und Überzeugungen (Attitudes and Beliefs) | Was ist Ihrer Meinung nach die Ursache für Ihre Schmerzen? | ● Angst-Vermeidung ● Katastrophisierung
● Maladaptive Überzeugungen ● Passive Einstellung zur Behandlung Erwartungen bezüglich der Auswirkungen von Aktivitäten oder der Arbeit auf den Schmerz |
| Verhaltensweisen (Behaviours) | Was tun Sie, um Ihre Schmerzen zu lindern? | ● Ausgedehnte Ruhepausen● Reduziertes Aktivitätsniveau
Rückzug von ADLs und sozialen Aktivitäten ● Schlechter Schlaf ● „Boom-Bust“-Verhalten ● Selbstmedikation – Alkohol oder andere Substanzen |
| Entschädigungsfragen (Compensation Issues) | Bringen Ihre Schmerzen Sie in finanzielle Schwierigkeiten? | ● Mangelnder Anreiz zur Rückkehr in den Beruf ● Juristische Streitigkeiten über Leistungsansprüche, Verzögerung bei der Einkommensunterstützung
● Vorgeschichte in diesem Bereich ● Vorgeschichte von Schmerzen und Arbeitsausfällen |
| Diagnose und Behandlung (Diagnosis and Treatment) | Wurden Sie wegen Ihrer derzeitigen Schmerzen bereits untersucht? Machen Sie sich Sorgen, dass etwas übersehen worden sein könnte? | ● Gesundheitsfachkraft fördert durch eigene Einstellungen und Handlungen den Fortbestand der Beeinträchtigung ● Widersprüchliche Diagnosen
● Diagnostische Sprache, die zu Katastrophisierung und Angst führt ● Erwartung einer raschen „Lösung/Heilung“ ● Ratschlag zur Vermeidung von Aktivitäten und/oder Rückzug aus dem Beruf ● Dramatisierung von Rückenschmerzen durch die Gesundheitsfachkraft Abhängigkeit von passiven Behandlungen |
| Emotionen | Gibt es irgendetwas, das Sie im Moment wegen der Schmerzen beunruhigt oder besorgt? | ● Angst ● Depression
● Reizbarkeit ● Ängstlichkeit ● Stress ● Soziale Ängste ● Sich nutzlos oder nicht gebraucht fühlen |
| Familie | Wie reagiert Ihre Familie auf Ihre Schmerzen? | ● Überfürsorglicher Partner/Ehepartner ● Besorgtes Verhalten des Ehepartners
● Sozial strafende Reaktionen des Ehepartners ● Unterstützung durch die Familie bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz ● Fehlen einer unterstützenden Person, mit der man reden kann |
| Arbeit | Wie wird Ihre Arbeitsfähigkeit durch Ihre Schmerzen beeinträchtigt? | ● Manuelle Arbeit in der Vergangenheit ● Unzufriedenheit am Arbeitsplatz
● Glaube, dass Arbeit schädlich ist ● Ungünstiges oder unglückliches Arbeitsumfeld ● Geringer Bildungsstand ● Niedriger sozioökonomischer Status ● Schwere körperliche Anforderungen bei der Arbeit ● Schlechter Umgang mit Schmerzen am Arbeitsplatz ● Mangelndes Interesse des Arbeitgebers |
Tabelle übernommen mit Genehmigung von Ina Diener, Autorin von Listening is therapy: Patient interviewing from a pain science perspective.
Bei der herkömmlichen Anamnese liegt der Schwerpunkt auf der Intensität, der Dauer, dem Verhalten und der Art des Schmerzes.(8) Es ist jedoch auch notwendig, Fragen zu den Überzeugungen des Patienten zu stellen. Vertiefende Fragen sollten Folgendes umfassen: die aktuellen Überzeugungen des Patienten in Bezug auf seine Schmerzen, seine Sicht der Schmerzerfahrung, einschließlich der Auswirkungen der Behandlung, und seine Sicht der Aussichten auf eine Genesung.
Wenn Sie überlegen, welche Fragen Sie einem Patienten stellen sollen, fragen Sie sich zunächst selbst:(8)
Fragen mit sofortiger Antwort und vertiefende Fragen wandeln häufig Tatsachenaussagen in Vergleiche um. Sie erforschen häufig die Kognitionen, Überzeugungen und Erfahrungen der Patienten in Bezug auf ihre Schmerzen. Im Folgenden finden Sie einige Beispiele für hilfreiche Formulierungen und Fragen.(8)
Ein starkes therapeutisches Bündnis kann sich positiv auf die Behandlungsergebnisse der Patienten auswirken.(10)(11) Der Therapeut muss sich darüber im Klaren sein, wie der Patient mit dem Problem zurechtkommt, wie er es wahrnimmt und welche Auswirkungen dieses Problem auf sein Leben und seine Aktivitäten des täglichen Lebens hat.(8)(12) Wenn dies zu Beginn einer Interaktion nicht wirksam kommuniziert wird, könnte die Diskrepanz zwischen Wissen und Überzeugungen die therapeutische Allianz beeinträchtigen.(8)
Der Therapeut muss das Problem aus der Sicht des Patienten verstehen – er muss sich der patientenspezifischen Überzeugungen und der patientenspezifischen Risikofaktoren bewusst sein. Dies wird dem Therapeuten helfen, dem Patienten die Biologie und Physiologie seines Problems mit Hilfe eines Ansatzes der neurowissenschaftlichen Edukation zu erklären.(8)
Alle Kommunikationsstrategien, die während eines Gesprächs eingesetzt werden, müssen die Beteiligung des Patienten fördern und es ihm ermöglichen, sich sowohl an der „Problemstellung“ als auch an der „Problemlösung“ zu beteiligen.(8) Kommunikationsstrategien sollten das Selbstvertrauen des Patienten und seine Kompetenz, autonome Entscheidungen zu treffen, stärken.(8) Bei Klinikern, die in der Lage sind, mit ihren Patienten gute Kommunikationsfähigkeiten anzuwenden, „sind die Patienten zufriedener mit der ihnen zuteil werdenden Betreuung, können die Patienten die Informationen besser abrufen und verstehen und die Gesundheitsfachkräfte erleben eine größere Arbeitszufriedenheit und weniger Arbeitsstress.“(13)
Bei einer Befunderhebung können bestimmte Fertigkeiten und Techniken dazu beitragen, das Verhältnis zu verbessern und dem Patienten ein besseres Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Dies ist auf lange Sicht von Vorteil, da der Patient eher bereit ist, die erforderlichen Informationen preiszugeben, als den Therapeuten auf Distanz zu halten.
Die nonverbale Kommunikation wird oft als „Körpersprache“ bezeichnet.(14) Es wird angenommen, dass sie stärker, schneller und direkter ist als die verbale Kommunikation. Nonverbale Kommunikation ist „reflexartig“.(15) Sie wird daher oft als zuverlässiger und vertrauenswürdiger interpretiert als das gesprochene Wort. Achten Sie darauf, ob die verbale und die nonverbale Kommunikation eines Patienten übereinstimmen oder nicht, aber denken Sie daran, dass es wichtig ist, auf beide Szenarien angemessen zu reagieren.(15)
Menschen reagieren besser auf Personen, mit denen sie sich identifizieren können. Eine Technik, die dazu beitragen kann, dass sich der Patient wohler fühlt, besteht darin, seine Handlungen nachzuahmen oder ihnen entgegenzukommen.(15) Dies sollte auf natürliche Weise und in einer entspannten Atmosphäre geschehen,(15) damit der Patient es nicht als Spott oder Herabwürdigung auffasst.
Denken Sie immer daran, eine nonverbale Antwort als gültige Antwort anzuerkennen.
Kliniker: „Wie ist es zur Zeit?“
Der Patient rümpft die Nase.
Kliniker: „Das sieht nicht gut aus. War es schon mal schlimmer?“
Der Patient erwidert mit einem Schaudern.
Kliniker: „Es tut mir leid, dass Sie sich so fühlen. Lassen Sie uns weiter reden, um zu versuchen, das Problem an der Wurzel zu packen.“
Der Ausgangspunkt für die Beziehung und die Behandlung eines Patienten ist eine effektive Kommunikation. Unabhängig davon, ob dies für Sie eine Selbstverständlichkeit ist oder nicht, gibt es einige Fertigkeiten, die Sie erlernen können, um die subjektive Untersuchung effektiver zu gestalten.(15)
Der Therapeut sollte sich stets bemühen, die Kontrolle über das Gespräch zu behalten. Dies kann durch „Signposting“ erreicht werden. Signposting (etwa: ausschildern, wegweisen) ist eine verbale Markierung, die angibt, in welche Richtung Sie Ihre subjektive Untersuchung lenken oder wo Sie sich gerade befinden, um Ihrem Patienten zu helfen, sich durch die verschiedenen Konzepte zu bewegen, die Punkte zu verbinden und engagiert zu bleiben. Dies kann durch die Verwendung von Sätzen und Worten erreicht werden, die den Patienten durch das Gespräch führen. Es gibt zwei Hauptarten von Signposting, die häufig verwendet werden: Einleitungen/Schlussfolgerungen und die Darstellung der Hauptargumente/der Richtung der Argumentation in Absätzen/Einleitungsformeln. Wir können diese Fertigkeit einsetzen, wenn ein Patient vom Thema abschweift, um ihn wieder auf die ursprüngliche Aufgabe und den vereinbarten Plan zurückzubringen.(15) Maitland(15) ermutigt Kliniker dazu:
Wir müssen sorgfältig überlegen, wenn wir mit unseren Patienten über medizinische Begriffe sprechen. Es ist gut zu wissen, wie viel sie über ihr Problem wissen und wie viele Informationen über ihr Problem sie sich wünschen. Das Hauptaugenmerk des Therapeuten liegt auf der Gesundheit seiner Patienten, einschließlich ihres psychischen Wohlbefindens. Selbst wenn ein Kliniker der Meinung ist, dass der Patient bestimmte Informationen wissen sollte, kann es sein, dass der Patient nicht bereit ist, sie zu hören.
Bitte beachten Sie die beiden folgenden Beispiele für Interviews. Das Video auf der linken Seite zeigt ein Beispiel für ein schlechtes Interview, während das Video auf der rechten Seite ein Beispiel für ein gutes Interview zeigt.