Im alltäglichen Leben werden Flaggen verwendet, um uns visuell mit Informationen zu versorgen oder einen Hinweis auf etwas zu geben. Die Flagge eines Landes identifiziert es und ist ein nationales Symbol. Eine Flagge bei einem Sportereignis zeigt an, ob man sich in der letzten Runde befindet oder disqualifiziert wurde.
Im medizinischen Bereich identifiziert das Flaggensystem verschiedene Aspekte der Person oder des Problems und definiert sie nach bestimmten Unterkategorien.(1)
In der Physiotherapie werden üblicherweise rote (Red Flags) und gelbe Flaggen (Yellow Flags) verwendet.
Außerdem gibt es orangefarbene Flaggen / Orange Flags (psychiatrische und psychische Erkrankungen), blaue Flaggen / Blue Flags (persönliche Faktoren, die sich auf den Arbeitsplatz auswirken) und schwarze Flaggen / Black Flags (Einschränkungen bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz).(4)(5)
Eine rosafarbene Flagge / Pink Flag ist eine von Louis Gifford entwickelte inoffizielle Flagge. Während Yellow Flags den Schwerpunkt auf die psychosozialen Hindernisse für die Genesung legen, konzentrieren sich Pink Flags eher auf die positiven Aspekte.(1) Gifford war der Ansicht, dass in der Medizin der Schwerpunkt häufig auf negative Faktoren, die einen Zustand verschlimmern oder die Heilung verzögern, gelegt wird.(1) Eine Yellow Flag ist ein psychosozialer Prädiktor für ein mangelhaftes oder schlechtes Ergebnis, während eine Pink Flag ein psychosozialer Prädiktor für ein gutes oder positives Ergebnis ist.(6) Eine Tendinopathie kann schwierig zu behandeln sein und die Genesung kann langsam verlaufen. Es kann darum hilfreich sein, sich auf Pink Flags zu konzentrieren und diese zu fördern, um gute Ergebnisse zu erzielen.
Es gibt viele psychosoziale Faktoren, die ein Barriere oder eine Hilfe für die Genesung sein können. Um sich die verschiedenen Aspekte besser merken zu können, wurde im englischsprachigen Raum das Akronym „ABCDEFW“ entwickelt:(1)
Eine Yellow Flag kann katastrophisierendes oder Angst-Vermeidungsverhalten sein, während eine Pink Flag bedeutet, zu glauben, dass es einem auf jeden Fall besser gehen wird und dass man nur geringe Angst vor Schmerzen hat(6)
Beispiel für Pink Flags von Louis Gifford(6)
Pink Flag ‚A‘: Einstellungen und Überzeugungen
Während zu den Pink Flags bisher keine formelle Forschung durchgeführt wurde, gibt es bereits umfangreiche Studien zu Yellow Flags. Es hat sich gezeigt, dass sich die Behandlungsergebnisse verbessern, wenn Yellow Flags erkannt und beachtet werden.(1) Der Umgang mit Yellow Flags ist gleichbedeutend mit der Umwandlung „gelber Flaggen“ in „rosa Flaggen“. Es ist daher davon auszugehen, dass ein Schwerpunkt und die Arbeit an der Verstärkung und Förderung der Pink Flags die Behandlungsergebnisse verbessern wird. Wir sollten uns für die positiven Aspekte eines Patienten ebenso interessieren wie für die negativen.(6)
In der Behandlung sollte ein Therapeut die sowohl „gelbe“ als auch „rosa Flaggen“ erkennen. Er sollte sich dafür einsetzen, dass Pink Flags aufgewertet und gefördert werden und dass Yellow Flags in Pink Flags umgewandelt werden.(2) Dies kann durch Kommunikation, Edukation, sorgfältige Wortwahl und Stärkung des Vertrauens geschehen.(2)
Die Forschung zeigt, dass die gestellte Diagnose die Entscheidungsfindung der Betroffenen in Bezug auf Untersuchungen und Behandlung beeinflusst.(7) Nickel et al. führten 2017 eine systematische Überprüfung durch, in der untersucht wurde, wie die Verwendung unterschiedlicher Begriffe für dieselbe Erkrankung die Entscheidungsfindung beeinflusst. Sie fanden heraus, dass die Patienten eine invasivere Behandlung (z. B. einen Gips oder eine Operation) erwarteten, wenn der eher medizinisch geprägte Begriff „Fraktur“ verwendet wurde, während sie sich für eine Schlinge oder einen „Es wird von selbst heilen“-Ansatz entschieden, wenn der Begriff „ein Riss im Knochen“ verwendet wurde.(7)
Im Bereich der Sehnen gab es bereits viele Diskussionen über die verwendete Terminologie. Die Begriffe „Tendinitis“ und „Tendinose“ sind seit jeher beliebt und werden von einigen Ärzten immer noch verwendet.
Der Konsens des International Scientific Tendinopathy Symposium (ISTS) zur klinischen Terminologie „empfiehlt, dass Kliniker und Patienten den Begriff ‚Tendinopathie‘ verwenden, um sich auf anhaltende Sehnenschmerzen zu beziehen, die mit mechanischer Belastung zusammenhängen.“ Sie sprachen sich auch gegen die Verwendung des Begriffs „Tendinose“ aus, wenn in der Bildgebung ein Verlust der Mikrostruktur zu erkennen ist, da es keine Belege für die klinische Relevanz dieser Diagnose gibt.(8) Die Autoren trennen Sehnenrisse von der Diagnose der Tendinopathie, da solche eine „makroskopische Diskontinuität“ darstellen und ein anderes klinisches Management erfordern (z. B. Achillessehnenruptur).(8)
Ein Patienten, der die Diagnose „Tendinitis“ gestellt bekommt, kann zu der Annahme verleitet werden, dass eine entzündliche Komponente der Erkrankung vorliegt.(9) Ein entzündlicher Zustand bedeutet, dass Ruhe erforderlich ist, damit die Entzündung abklingen kann. Wir wissen, dass Ruhe bei Tendinopathien nicht indiziert ist, und die beste Evidenz für die Behandlung ist ein aktiver Managementansatz mit progressiver Belastung.(10) Ein Patient, der glaubt, dass seine Sehne entzündet ist, wird möglicherweise zögern, Bewegung als Behandlungsansatz zu akzeptieren. Es ist wichtig, diese Ansicht zu ändern und die korrekte Terminologie der Tendinopathie zu verwenden.(9)
** Eine Tendinitis bezieht sich auf einen entzündlichen Prozess, während die Tendinopathie ein degeneratives Phänomen darstellt.(11)(12)
Die Bildgebung in der Tendinopathie wurde im Laufe der Jahre erforscht. Bildgebende Verfahren können sowohl Yellow Flags als auch Pinks Flags erzeugen. Wenn eine Ultraschall- oder MRT-Untersuchung ergibt, dass die Sehne strukturell intakt ist und keine pathoanatomischen Veränderungen aufweist, kann dies die Betroffenen beruhigen und sie zuversichtlicher machen, körperlich aktiv zu werden (Pink Flag). Wird im Befund jedoch festgestellt, dass die Sehne degeneriert ist, kann er Angst und Besorgnis auslösen (Yellow Flag). Es kann viel schwieriger sein, eine negative Überzeugung rückgängig zu machen. Es besteht Einigkeit darüber, dass Veränderungen, die bei der Bildgebung (MRT oder Ultraschall) von Sehnen festgestellt werden, nicht mit klinischen Symptomen korrelieren.(13) Während die apparative Bildgebung zum Ausschluss einer Pathologie hilfreich sein kann, sollte das klinische Bild des Patienten der primäre Faktor sein, der die Behandlungsziele und den Verlauf bestimmt.
Die Forschung zeigt immer wieder, dass Bewegung der Goldstandard bei der Behandlung von Tendinopathien ist.