Derzeit leben weltweit etwa 10 Millionen Menschen mit der Parkinson-Krankheit.(1) Eine Meta-Analyse weltweiter Daten zeigt, dass die Prävalenz der Parkinson-Krankheit mit dem Alter zunimmt und sich von fast 0,5 % im siebten Lebensjahrzehnt auf etwa 2 % bei den über 80-Jährigen vervierfacht.(2) Andere Quellen berichten, dass 1,5-2 % der Bevölkerung über 60 Jahre von Parkinson betroffen sind.(3)
Die Parkinson-Krankheit geht einher mit dem Verlust von Dopamin produzierenden Neuronen in der Substantia nigra des Mittelhirns und ist klinisch gekennzeichnet durch Ruhetremor, Rigor und Bradykinese zusammen mit einer Reihe von nichtmotorischen Merkmalen wie Anosmie, Schlafverhaltensstörungen, Depression, autonome und kognitive Dysfunktion.(4) Die Ätiologie dieser Krankheit ist noch nicht vollständig geklärt, aber es wird vermutet, dass eine Kombination aus Umwelt- und genetischen Faktoren ursächlich ist.(4) Dazu gehören verschiedene Lebensstilfaktoren wie Tabakkonsum, Ernährung und körperliche Aktivität.(5)(6)
Komponenten der Fitness bei Parkinson: Aerobe Fitness, Kraft, Flexibilität, Neuromotorische Funktion, Freizeitfitness, Aufgabenspezifische Fitness, Mind-Body-Fitness
Laut dem Lifestyle Medicine Handbook umfasst die Lebensstilmedizin die Anwendung von evidenzbasierten therapeutischen Ansätzen zur Behandlung, Umkehrung und Vorbeugung von lebensstilbedingten chronischen Krankheiten.(7) Dazu gehören:
- Eine überwiegend pflanzliche Vollwertkost
- Regelmäßige körperliche Aktivität
- Ausreichender Schlaf
- Stressmanagement
- Sozialer Anschluss
- Vermeidung des Missbrauchs von Risikosubstanzen(7)
Das Ziel der Lebensstilmedizin ist es, die Ursachen von Krankheiten zu behandeln und nicht nur die Symptome zu bekämpfen. Dazu gehört, dass die Patienten gesunde Verhaltensweisen erlernen und übernehmen. Lebensstilinterventionen haben das Potenzial, die Prognose vieler chronischer Krankheiten zu beeinflussen, was nicht nur zu einer besseren Lebensqualität für viele Menschen führt, sondern auch die Kosten für das Gesundheitssystem senken kann.(8) Es ist zwar verständlich, dass man dazu neigt, die Lebensstilmedizin als Domäne des Arztes zu betrachten, aber auch andere Leistungserbringer wie Ernährungsberater, Sozialarbeiter, Verhaltenstherapeuten und Lebensstil-Coaches gehören dazu.(8) Auch Physiotherapeuten sind an diesem Tätigkeitsbereich beteiligt, u.a. aus folgenden Gründen:(9)
- Diät und Ernährung sind Schlüsselelemente bei vielen der von Physiotherapeuten behandelten Erkrankungen
- Physiotherapeuten sind Experten für Übungen und Bewegung
- Prävention, Gesundheitsförderung, Fitness und Wellness sind wichtige Aspekte der physiotherapeutischen Versorgung.(9)
Der Schwerpunkt dieses Moduls liegt auf der Diskussion darüber, wie kunstbasierte Therapien und Selbstmanagementstrategien für Personen mit Parkinson (PmP) Ängste, affektive Störungen und Stress behandeln und die körperliche, kognitive, emotionale und soziale Funktion verbessern.
Kunst- und Ausdruckstherapien (edit | edit source)
Malen mit Aquarellfarben.
Was sind Kunst- und Ausdruckstherapien und wie können sie für Personen mit Parkinson nützlich sein? Laut der American Art Therapy Association ist Kunsttherapie der Einsatz von Kunst und kreativen Prozessen, um „Gefühle zu erforschen, emotionale Konflikte zu lösen, die Selbstwahrnehmung zu fördern, Verhalten und Abhängigkeit zu bewältigen, soziale Fertigkeiten zu entwickeln, die Realitätsorientierung zu verbessern, Ängste abzubauen und das Selbstwertgefühl zu steigern“,(10) um Funktion und Wohlbefinden zu verbessern. Personen mit Parkinson können verschwommenes Sehen, trockene Augen und Defizite in der visuell-räumlichen Wahrnehmung haben, was zu Einschränkungen beim Lesen, Autofahren, Gehen und der Haltungskontrolle führen kann.(11)(10) Vorläufige Evidenz belegt, dass die Kunsttherapie bei Personen mit leichten bis mittelschweren Beeinträchtigungen im Zusammenhang mit der Parkinson-Krankheit Verbesserungen der visuell-räumlichen Fähigkeiten bewirken kann.(12) Die Kunsttherapie mit Ton verbessert die Geschicklichkeit der Hände, den Selbstausdruck, die Stimmung und die Lebensqualität von Personen mit Parkinson.(13) Kognition, funktionelle Mobilität und Gangbild können bei Personen mit Parkinson durch Musik- und Tanztherapie verbessert werden.(14)(15) Es gibt einige Evidenz dafür, dass die Teilnahme an Aktivitäten wie Theater- und Trommelgruppen die Lebensqualität dieser Bevölkerungsgruppe verbessert.(16)(17)
Wie findet man heraus, welche kunstbasierte Therapie für eine Person mit Parkinson geeignet ist? Diese Entscheidung kann auf der Beeinträchtigung basieren, die behandelt werden soll, oder auf den spezifischen Ergebnissen, die angestrebt werden, wie z. B. Verbesserungen der visuellen Wahrnehmung, der Stimmung oder Depression, der Geschicklichkeit oder der allgemeinen Lebensqualität. Der Kliniker sollte darauf achten, welche Bereiche das größte Interesse des Patienten wecken. Interventionen können eine interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordern, wobei gegebenenfalls an andere Fachkräfte verwiesen wird.(18) Unabhängig von der Wahl der Aktivitäten sollte bedacht werden, dass der potenzielle Nutzen nicht nur Auswirkungen auf die motorischen und nicht motorischen Symptome der Krankheit, sondern auch auf das emotionale und soziale Wohlbefinden der Person umfasst.(10)
(19)
Strategien zur Selbstfürsorge und zum Selbstmanagement für Personen mit Parkinson (edit | edit source)
Was ist Selbstfürsorge/Selbstmanagement? Selbstfürsorge kann definiert werden als „die Ausübung von Aktivitäten, die die Person zur Aufrechterhaltung ihres Lebens, ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens selbst initiiert und durchführt“.(20) In ähnlicher Weise bezieht sich Selbstmanagement auf die Verhaltensweisen und Fertigkeiten, die für das Management von Risikofaktoren und chronischen Erkrankungen auf dem Weg zum Wohlbefinden erforderlich sind.(7) Zu den wichtigsten Bereichen, die es zu berücksichtigen gilt, gehören das Medikamentenmanagement, körperliche Aktivität, Techniken zur Selbstüberwachung (Self-Monitoring), psychologische Strategien, die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit, soziales Engagement und der Erwerb, die Aufrechterhaltung und die Anwendung von Wissen.(21) In Schweden wurde ein einzigartiges Programm entwickelt, das PmP und ihren Betreuungspersonen Schulungen zum Selbstmanagement anbietet. Dabei geht es um Strategien zur Selbstkontrolle, Stressbewältigung, Aufklärung über Depressionen und Angst, Vermittlung von Kommunikationsstrategien und Anleitung zur Teilnahme an bereichernden Aktivitäten. Die Teilnehmer tauschten sich während des Programms in der Gruppe über hilfreiche Strategien aus. Diese Bemühungen führten zu einer Verbesserung des Gesundheitszustands und der Selbstmanagementfähigkeiten der Teilnehmer.(22)
Sieben Schlüsselbereiche für das Selbstmanagement von Personen mit Parkinson:(21)
- Medikamentenmanagement
- Körperliche Aktivität
- Techniken zur Selbstüberwachung (Self-Monitoring)
- Psychologische Strategien
- Bewahrung der Unabhängigkeit
- Ermutigung zu sozialem Engagement
- Bereitstellung von Wissen und Informationen
Selbstmanagement: Überwachung der Medikation (edit | edit source)
Für viele Menschen kann es ein Problem sein, den Überblick über die Einnahme der eigenen Medikamente zu behalten, insbesondere für Personen, die mit Schwierigkeiten wie Gedächtnisverlust, Sehschwäche, Schluckbeschwerden, Mobilitätsproblemen und Transportproblemen zu kämpfen haben. Eine unzureichende Einnahmetreue (Adhärenz) in der Arzneimitteltherapie kann zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands und zu vermehrten Krankenhauseinweisungen bis hin zu einer erhöhten Sterblichkeit führen.(23) Beachten Sie die folgenden Vorschläge zur Unterstützung des Selbstmanagements in der Arzneimitteltherapie an:
- Verwenden Sie eine App zum Medikamentenmanagement, wie Medisafe oder Express Scripts
- Verwenden Sie eine Pillenbox / einen Tabletten-Organizer, um Ihre Medikamente nach Tagen zu ordnen
- Verwenden Sie ein ausdruckbares Medikamentenprotokoll, wie dieses von 101Planners.com
- Versuchen Sie, Benachrichtigungen auf dem Smartphone einzustellen
Selbstmanagement: Sturzprävention (edit | edit source)
Stürze können für Menschen mit Parkinson ein erhebliches Problem darstellen. Sie führen zu Verletzungen, eingeschränkter Mobilität, reduzierter Lebenserwartung und verminderter Lebensqualität.(24) Die Sturzprävention ist daher ein wichtiges Anliegen, und es gibt eine Reihe von Strategien, die zu diesem Zweck eingesetzt werden können, wie z. B. die Einhaltung der Medikamenteneinnahme, die Überwachung des Blutdrucks und das Training des Gleichgewichts mit einem Physiotherapeuten. In den folgenden Vorschlägen finden Sie weitere hilfreiche Strategien, die ein Kliniker einer Person mit Parkinson anbieten kann, um ihr Sturzrisiko zu verringern:(18)
- Lassen Sie sich Zeit. Gehen Sie in einem angenehmen, kontrollierbaren Tempo
- Scannen Sie die Umgebung auf mögliche Gefahren oder Hindernisse
- Vermeiden Sie es, mit den Händen in den Hosen- oder Jackentaschen zu gehen
- Sorgen Sie dafür, dass die Wege frei sind, stellen Sie Möbel um und räumen Sie Unordnung weg, wenn nötig
- Benutzen Sie die Handläufe an Treppen
- Sorgen Sie für eine angemessene Beleuchtung auf der Treppe und im gesamten Haus
- Entfernen Sie Teppiche, die zu Stolperfallen werden könnten
- Entfernen Sie Stromkabel, die eine Stolperfalle sein könnten
- Vermeiden Sie hochglanzpolierte oder rutschige Böden und gehen Sie aus demselben Grund nicht in Socken herum.
- Vermeiden Sie es, auf Leitern zu klettern oder auf Stühlen zu stehen, um nach Gegenständen über dem Kopf zu greifen
- Seien Sie vorsichtig, wenn Sie große Gegenstände tragen (z. B. einen Wäschekorb), die die Sicht auf den Gehweg behindern könnten
- Vermeiden Sie es, während des Telefonierens zu laufen und zu sprechen, da dies Ihre Aufmerksamkeit ablenken könnte
- Führen Sie Lage- und Positionswechsel langsam aus, damit sich der Blutdruck stabilisieren kann und Ihnen nicht schwindelig wird
- Lassen Sie Ihr Sehvermögen und Ihr Gehör routinemäßig überprüfen
- Nehmen Sie die Medikamente nach Anweisung des Arztes ein und machen Sie den Arzt auf alle Symptome von Schwindel, Benommenheit, Schwäche, Verwirrung oder übermäßiger Sedierung durch die Medikamente aufmerksam
- Vermeiden Sie übermäßigen Alkoholkonsum
- Tragen Sie beim Gehen keine reine Lesebrille
- Tragen Sie niedrighackige/bequeme Schuhe mit gutem Halt und rutschfesten Sohlen
- Verwenden Sie rutschfeste Matten oder Haftstreifen in der Badewanne oder Dusche
- Verwenden Sie einen Badewannensitz oder einen Duschhocker, damit Sie während der Körperpflege sitzen können
- Stellen Sie Nachtlichter auf, um den Weg zum Badezimmer für das nächtliche Aufstehen zu beleuchten
- Nehmen Sie an einem Trainingsprogramm teil, um Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer und Gleichgewicht zu verbessern und zu erhalten
Selbstmanagement: Nichtmedikamentöse Behandlung der Obstipation (edit | edit source)
Obstipation (Verstopfung), d.h. weniger als 3 Stuhlgänge in einer Woche, ist ein häufiges Symptom bei Parkinson. Faktoren wie Stress, Dehydrierung, Bewegungsmangel, unzureichende Ballaststoffe und die Nebenwirkungen von Medikamenten können zu diesem Problem beitragen. Beachten Sie die folgenden Vorschläge für Selbstmanagementstrategien zur nichtmedikamentösen Behandlung der Obstipation:(18)
- Halten Sie einen regelmäßigen Zeitplan für den Stuhlgang ein und vermeiden Sie es, den Gang zur Toilette bei Stuhldrang hinauszuzögern
- Führen Sie bei chronischer Obstipation ein regelmäßiges Bewegungsprogramm durch
- Versuchen Sie, die Haltung auf der Toilette so zu ändern, dass Rumpf und Hüfte stärker gebeugt werden – dies kann durch eine Vorrichtung wie ein Toilettenhocker (z.B. Squatty Potty) unterstützt werden
- Probieren Sie bestimmte Übungen aus, wie z.B.: Zwerchfellatmung in Rückenlage; mehrfaches ein- oder beidseitiges Anziehen der Knie zur Brust in Rückenlage; Fersensitz aus dem Vierfüßlerstand; Hocke
- Probieren Sie Techniken der Selbstakupressur aus(25)
- Nehmen Sie probiotische Lebensmittel zu sich
- Sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt oder Diätassistenten über den Verzehr von getrockneten Pflaumen oder Zwetschgen
- Versuchen Sie es mit Yoga – ausgewählte Übungen und Positionen (Asanas) aus dem Yoga können bei Verstopfung helfen(26)
- Probieren Sie Techniken der Bauchmassage aus(27)
Überweisen Sie den Patienten an einen Physiotherapeuten für Beckengesundheit, wenn diese Art der Behandlung außerhalb Ihres Komforts oder Ihrer Kompetenz liegt. Ein Spezialist für Beckengesundheit kann spezifische Maßnahmen und Übungen anbieten, um das Problem der Obstipation zu lösen.
Hypnose: Eine ergänzende Therapie (edit | edit source)
Obwohl nur begrenzte Forschungsergebnisse über die Wirkung von Hypnose vorliegen, gibt es auf Fallstudienebene Evidenz dafür, dass klinische Hypnose und Edukation zur Selbsthypnose als nützliche ergänzende therapeutische Ansätze bei Parkinson dienen können, um die Entspannung zu verbessern und den Ruhetremor zu verringern.(28)(29)
Überlegungen zur Auswahl von Strategien (edit | edit source)
Ein Blick auf diese und die weiteren Seiten zum Thema Lebensstilmedizin bei Parkinson (siehe Links unten) macht deutlich, dass es viele Möglichkeiten und Strategien gibt, die als Interventionen für eine Person mit Parkinson in Betracht kommen. Wie entscheiden Sie, welche Optionen Sie nutzen möchten? Das klinische Urteilsvermögen und die Kompetenz des Klinikers in der Befunderhebung sind wichtig. Der Kliniker muss seine Entscheidungen auf der Grundlage subjektiver und objektiver Untersuchungen treffen, um die therapeutischen Prioritäten zu setzen. Sobald ein Bedarf festgestellt wurde, sei es in den Bereichen Schlaf, Stressbewältigung, Ernährung, Bewegung, Substanzmissbrauch oder Sozialisation, sollte der Kliniker die Optionen für die jeweiligen Bereiche und die anzuwendenden Techniken besprechen. Diese patientenzentrierte Sichtweise ist hilfreich beim Aufbau der therapeutischen Allianz.(18)
Es kann auch entscheidend sein, einige der potenziellen Barrieren zu berücksichtigen, mit denen der Patient konfrontiert sein könnte.(18)
- Ist der Patient überhaupt daran interessiert, ergänzende Strategien und Therapien zu erwägen? Dies kann durch eine gute Kommunikation zwischen Therapeut und Patient frühzeitig festgestellt werden.
- Ist das empfohlene Programm für den Patienten finanziell machbar?
- Gibt es Bedenken bezüglich des Transports im Zusammenhang mit der vorgeschlagenen Therapie oder Strategie? Es macht keinen Sinn, einen Tanzkurs oder eine Wanderung in der Natur zu empfehlen, wenn der Patient keine Möglichkeit hat, dorthin zu gelangen.
- Sind die empfohlenen Dienstleistungen und Angebote in der Gemeinde des Patienten verfügbar?
- Besteht bei der empfohlenen Therapieoption möglicherweise eine Sprachbarriere für den Patienten? Wenn ja, gibt es eine Möglichkeit, diese Barriere zu überwinden?
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