Originale Autorin – Mariam Hashem
Top-Beitragende – Jess Bell, Mariam Hashem, Kim Jackson, Tarina van der Stockt und Tony Lowe
Das hintere Kreuzband (HKB, Lig. cruciatum posterius) ist das größte intraartikuläre Band des Knies. Es entspringt an der anterolateralen Fläche des medialen Femurkondylus und setzt an der posterioren Fläche des Tibiaplateaus an,(1) wobei es das vordere Kreuzband (VKB) kreuzt und so eine „X“-Form bildet. Es besteht aus zwei Bündeln — Anterolaterales Bündel (AL-Bündel) und Posteromediales Bündel (PM-Bündel) — die gemeinsam wirken, um der posterioren Translation der Tibia relativ zum Femur (hintere Schublade) während der Flexion entgegenzuwirken.(2)(3) Als sekundärer Stabilisator begrenzt das HKB sowohl die tibiale Außenrotation als auch Valgus- und Varusstresse.(4) Weitere Informationen zur Anatomie des HKB finden Sie unter Verletzung des hinteren Kreuzbandes.
Das HKB wird selten isoliert verletzt.(5) Eine Ruptur tritt typischerweise zusammen mit anderen Band-, Meniskus- oder Knorpelschäden auf.(6)(7)(8) Der häufigste Verletzungsmechanismus entsteht durch eine nach posterior gerichtete Kraft, die bei gebeugtem Knie auf die proximale Tibia einwirkt, wie beispielsweise bei einer Dashboard-Verletzung oder einem Sturz auf das gebeugte Knie.(6)(9)(10)
Der hintere Schubladentest und der dorsale Durchhangtest (Posterior Sag Sign) sind wichtige klinische Tests zur Diagnose von HKB-Verletzungen und zur Festlegung des Behandlungsplans.(4) Diese Tests werden in den folgenden Videos gezeigt. Weitere Informationen zu diesen und anderen Tests finden Sie unter: Verletzung des hinteren Kreuzbandes: Untersuchung und Diagnose.
HKB-Verletzungen lassen sich nach dem Ausmaß der posterioren tibialen Translation einstufen. Bei einer Verletzung Grad I beträgt die Tibiatranslation 0–5 mm, und das Tibiaplateau bleibt anterior der Femurkondylen. Bei einer Verletzung Grad II liegt eine Translation von 5–10 mm vor, und das Tibiaplateau schließt bündig mit den Femurkondylen ab. Bei einer Verletzung des Grades III verschiebt sich die Tibia um mehr als 10 mm, und das Tibiaplateau verschiebt sich nach posterior gegenüber den Femurkondylen.(13)(14)(15)
Die Entscheidung zwischen konservativer und operativer Behandlung hängt vom Grad der Laxität, dem Vorliegen von Begleitverletzungen und den Präferenzen des Patienten ab.(16)
Eine konservative Behandlung kann bei isolierten HKB-Verletzungen jeden Grades angemessen sein, wenn die Seitendifferenz der posterioren Tibiatranslation auf der Stressaufnahme weniger als 8 mm beträgt, bei 30° Knieflexion eine abnormale Rotationslaxität von weniger als 5° vorliegt und keine signifikante Begleitverletzung besteht, die eine Varus- oder Valgusinstabilität verursacht.(16)
Weitere Informationen zu chirurgischen Indikationen finden Sie unter: Verletzung des hinteren Kreuzbandes: Behandlung.
Die nichtoperative Behandlung von HKB-Verletzungen ist mit guten funktionellen Ergebnissen verbunden. Eine Studie ergab, dass Patienten, die bei isolierten HKB-Verletzungen des Grades II oder III konservativ behandelt wurden, im Durchschnitt nach 16 Wochen wieder zum Sport zurückkehrten. Von denjenigen, die wieder sportlich aktiv wurden, spielten 91 % nach zwei Jahren auf demselben oder einem höheren Niveau, wobei dieser Anteil bei der Nachuntersuchung nach fünf Jahren auf etwa 70 % zurückging.(17)
Ein erheblicher Anteil der Patienten mit insuffizientem HKB entwickelt jedoch nach fünf Jahren degenerative Veränderungen am medialen Femurkondylus (77 %) oder an der Trochlea (47 %).(18)(19) Diese Risiken sollten im Rahmen der gemeinsamen Entscheidungsfindung mit den Patienten besprochen werden.
Die konservative Rehabilitation umfasst in der Regel eine Orthese, Physiotherapie, Kräftigung des Quadrizeps sowie propriozeptive Übungen.(9)
Vermeiden Sie die passive hintere Schublade. Patienten sollten zunächst Positionen vermeiden, in denen die Schwerkraft die Tibia nach posterior zieht, wie z.B. bei Übungen wie „Wall Slides“ (Rückenlage, Knie und Hüfte 90 Grad gebeugt, Füße gegen die Wand) oder beim Liegen mit abgestützter Ferse und Knie „in der Luft“. Das Unterlegen eines Kissens unter die proximale Tibia beim Schlafen hilft, eine neutralere Tibiaposition beizubehalten und verringert die posteriore Translation.(4)
Dynamische HKB-Orthese (PCL-Brace). Dynamische HKB-Orthesen wirken wie eine Feder, die eine konstante Kraft in anteriore Richtung ausübt und das Durchhängen (den „sag“) der Tibia reduziert, wodurch das Band in einer verkürzten Position heilen kann.(20)(21) Idealerweise sollte die Orthese 24 Stunden lang pro Tag getragen werden (außer beim Duschen).(4) Steht keine dynamische Orthese zur Verfügung, kann in der akuten Phase eine gerade (starre) Knieschiene mit Unterstützungspolster zur Immobilisierung eine Alternative sein. Anschließend kann zu einer posterior stabilisierten Gelenkorthese übergegangen werden. Diese kann für einen Zeitraum von bis zu 12 Monaten und länger getragen werden, je nach Stabilität des Knies und Bedarf des Patienten.(4)
Evidenz für die dynamische HKB-Orthese: Eine Studie analysierte die Wirkung der dynamischen HKB-Orthese bei 21 Patienten für ein Jahr und fand eine Reduzierung der hinteren Schublade um 2,3 mm nach 12 Monaten.(22) Es ist jedoch zu beachten, dass die Evidenzbasis für dynamische Orthesen nach wie vor begrenzt ist. Ein Scoping Review aus dem Jahr 2025 stellte erhebliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Orthesenprotokollen hinsichtlich Art, Dauer, Einschränkungen der Knieflexion, Belastungsstatus und Aktivitätseinschränkungen fest, wobei keine Studien vorlagen, die verschiedene dynamische Orthesenprotokolle direkt verglichen oder deren Wirksamkeit im Vergleich zu anderen Ansätzen bewerteten.(20)
Verbesserung des Bewegungsausmaßes. Bewegungsübungen sollten zunächst in Bauchlage durchgeführt werden, um den Einfluss der Schwerkraft auf die Tibiatranslation zu begrenzen.(4)
Belastung. Zunächst wird eine Teilbelastung empfohlen, um die Wiederherstellung der Gelenkhomöostase zu unterstützen.(4)
Vermeiden der isolierten Kontraktion der Hamstrings. Die isolierte Kontraktion der Hamstrings (ischiokrurale Muskulatur) in Knieflexion sollte für mindestens 16 Wochen vermieden werden. Es wurde gezeigt, dass die Aktivierung der Hamstrings ab etwa 30 Grad Flexion die durchschnittliche Belastung auf das HKB signifikant erhöht.(4)(23)
Die folgenden Leitlinien stellen einen Ansatz für die HKB-Rehabilitation dar. Wie bereits erwähnt, mangelt es an einem standardisierten Nachbehandlungsschema, und die Progressionen sollten sich eher am individuellen Fortschritt des Patienten als allein am Zeitrahmen orientieren.
In der Anfangsphase liegt der Schwerpunkt auf dem Schutz des heilenden Bandes bei gleichzeitiger Wiederherstellung des Bewegungsausmaßes, der Verringerung von Schwellungen und der Aktivierung der Muskelfunktion.(4)
Wie bereits erwähnt, beginnen die Bewegungsübungen in Bauchlage. Der Patient kann zum Fahrradergometer übergehen, sobald er eine eine Knieflexion von 115 Grad erreicht hat. Schwellungen sollten gemäß den Leitlinien für akute Weichteilverletzungen behandelt werden. Das Konzept PEACE and LOVE wird derzeit für akute Bandverletzungen empfohlen; dieser Ansatz legt den Schwerpunkt auf frühzeitigen Schutz, Belastungsmanagement und den Verzicht auf entzündungshemmende Medikamente, die die Gewebeheilung beeinträchtigen können.(24) In der ersten Woche sollten Patienten angewiesen werden, ihre Aktivitäten auf das Nötigste zu beschränken und längeres Gehen zu vermeiden.(4) Die Aktivierung des Quadrizeps sollte von Beginn an erfolgen. Bei Kontraktion zieht der M. quadriceps femoris die Tibia nach anterior, wodurch die posteriore Subluxation verringert und die Gelenkstabilität verbessert wird. Es sollte vorwiegend die isolierte Kontraktion des Quadrizeps gefördert werden (Hochziehen der Patella und volle Extension des Knies) anstatt einer Kokontraktion.(4) Patienten können zu belasteten Kräftigungsübungen übergehen, wenn sie eine Knieflexion von 130° und die volle Knieextension erreicht haben und 15–20 Minuten lang ohne Beschwerden mit einer Orthese gehen können.(4)
Kraftausdauer (Wochen 5-10). Der anfängliche Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung der Kraftausdauer unter Verwendung geringer Belastungen und höherer Wiederholungszahlen (z.B. 15 Wiederholungen, 3–4 Sätze mit 40 Sekunden Pause zwischen den Sätzen). Zu den Beispielübungen für diese Phase gehören Monster Walks, Vorwärts- und Rückwärtsgehen mit einem Fitnessband, beidbeinige Kniebeugen, Beinpresse, exzentrische Step-downs von einer niedrigen Box (ca. 2,5 cm) sowie rumänisches Kreuzheben auf einem oder beiden Beinen. Der Grund für die Einbeziehung des rumänischen Kreuzhebens in dieser Phase liegt darin, dass der geringe Beugewinkel des Knies die Kräfte der Hamstrings vertikal ausrichtet, anstatt eine posteriore Kraft auf die Tibia zu erzeugen. Exzentrisches Training ist besonders wertvoll, da Patienten mit HKB-Defizit häufig über Instabilität bei Aktivitäten wie Treppensteigen oder Bergabgehen berichten.(4)
Maximalkraft (Wochen 11–16). Die gleichen Übungen können durch eine Erhöhung der Belastung und eine Verringerung der Wiederholungszahl gesteigert werden (zum Beispiel 10–12 Wiederholungen, 3 Sätze mit 1–2 Minuten Pause zwischen den Sätzen). Zusätzliche Übungen können erhöhte Split Squats und Kniebeugen mit Gewichten wie Kettlebells oder Hanteln umfassen. Übungen zur lumbopelvinen Stabilität sollten ebenfalls integriert werden, da proximale Kraft und Kontrolle die Genauigkeit der Beinhaltung verbessern und Episoden funktioneller Instabilität reduzieren können.(4)
Schnellkraft, Agilität und Laufen (Wochen 17-22). Sobald eine ausreichende Kraftbasis aufgebaut ist, wird das Programm um Schnellkraft und ein abgestuftes Laufprogramm erweitert, die in der Regel gleichzeitig eingeführt werden.(4)
Vor der Rückkehr zum Sport (Return to Sports – RTS) sollte ein strukturiertes Kraftprogramm absolviert werden. Kliniker sollten sich bewusst sein, dass manche Patienten Angst oder Bedenken hinsichtlich der Wiederaufnahme sportlicher Aktivitäten mit einem HKB-defizienten Knie haben können. Die erfolgreiche Absolvierung eines progressiven Rehabilitationsprogramms kann dabei helfen, diese Bedenken auszuräumen.(4)
Es fehlen standardisierte Kriterien für die Rückkehr zum Sport nach einer HKB-Verletzung.(16)(25) Verschiedene Protokolle und Leitlinien stützen sich jedoch auf Rahmenwerke für die Rückkehr zum Sport nach einer VKB-Verletzung. Vor der Rückkehr zum Sport sollte eine beidseitige Symmetrie bei Krafttests des Quadrizeps, der anterioren Reichweite beim Y-Balance-Test sowie Kraftmessungen, wie z. B. Single-Leg-Hop-Tests, nachgewiesen werden.(4) Ein realistischer Zeitrahmen für die Rückkehr zum Leistungssport nach konservativer Behandlung einer isolierten HKB-Verletzung beträgt etwa 16–22 Wochen, abhängig vom individuellen Ansprechen auf die Rehabilitation und den Anforderungen der jeweiligen Sportart.(4)