Neurologische Gangabweichungen

Originale Autorin Stacy Schiurring basierend auf dem Kurs von Damien HowellTop-BeitragendeStacy Schiurring, Jess Bell, Lucinda hampton und Kim Jackson

Einleitung(edit | edit source)

Gangabweichungen sind oft gleichbedeutend mit Kompensationsbewegungen.(1) Der menschliche Körper findet einen Weg, um Mobilität zu ermöglichen, aber das führt manchmal zu nicht ganz freiwilligen Bewegungsmustern. Die Aufgabe der Fachleute in der Rehabilitation besteht darin, die Patienten durch einen Versorgungsplan zu führen, um die Bewegungsstörungen zu verbessern oder zu korrigieren. Das ultimative Ziel ist es, eine ideale Bewegung für jeden einzelnen Menschen zu erreichen.

In der Physiotherapie gibt es häufig zwei Denkschulen: neurologische und muskuloskelettale klinische Paradigmen. Ein Artikel aus dem Jahr 2014(2) der in der Zeitschrift Manual Therapy veröffentlicht wurde, befasst sich mit der Anwendung der Konzepte der Neuroplastizität und des motorischen Lernens in der muskuloskelettalen physiotherapeutischen Praxis. Die Autoren fanden heraus, dass die Integration einiger dieser Konzepte in herkömmliche muskuloskelettale physiotherapeutische Behandlungen die Ergebnisse der Teilnehmer verbesserte, da sie früher und stärker zu Fortschritten in der Bewegung gelangten.(2)

„Die Autoren vergleichen und kontrastieren klinische Paradigmen der neurologischen und muskuloskelettalen Physiotherapie im Kontext der motorischen Lernprinzipien der erfahrungsabhängigen Plastizität: Teil-Ganzes-Praxis, Wiederholung, Aufgabenspezifität und Feedback, das eine externe Aufmerksamkeitsfokussierung beim Lernenden bewirkt. Es wird vorgeschlagen, dass eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen neurologischen und muskuloskelettalen Physiotherapeuten und Forschern neue Erkenntnisse über die neurophysiologischen Mechanismen, die den sensomotorischen Veränderungen bei Patienten mit muskuloskelettalen Funktionsstörungen zugrunde liegen, erleichtern wird.“(2)

Das Management von neurologischen Gangabweichungen kann sich von der Behandlung schmerzhafter muskuloskelettaler Syndrome in folgender Weise unterscheiden:(1)

  1. Kognitive Beeinträchtigungen können die Anwendung expliziter motorischer Lernprinzipien einschränken und erfordern eher implizite Mechanismen des motorischen Lernens.
  2. Organische degenerative Prozesse, die bei einigen neurologischen Diagnosen auftreten, können die Fähigkeit, beobachtete Gangabweichungen zu verändern, einschränken.
  3. Das Gangtraining für Menschen mit neurologischen Gangabweichungen konzentriert sich in der Regel auf Abweichungen in der Schwungphase und der doppelt unterstützten Phase des Gehens. Bei muskuloskelettalen Gangabweichungen konzentriert sich das Gangtraining in der Regel vor allem auf die Standphase des Gehens.
  4. Gangabweichungen können ein frühes Anzeichen für einige neurodegenerative Erkrankungen sein. Die beobachtete Gangabweichung kann das beste verfügbare Bewegungsmuster für diese Person sein, um gehfähig und unabhängig zu bleiben. Bei diesen Patienten muss der Rehabilitationsexperte proaktiver auf mögliche Nebenwirkungen oder unbeabsichtigte Folgen achten, wenn er versucht, eine Gangabweichung zu verändern.

Das Management von neurologischen Gangabweichungen ähnelt dem von schmerzhaften muskuloskelettalen Syndromen in folgender Hinsicht:(1)

  1. Die Mechanismen des motorischen Lernens und die Überlegungen zu guten verbalen Hinweisen („Cueing“) sind sowohl auf muskuloskelettale Schmerzsyndrome als auch auf neurologische Gangabweichungen anwendbar.
  2. Die motorischen Lernprinzipien (1) externe Aufmerksamkeitsfokussierung, (2) Nutzung der bevorzugten sensorischen Systeme des Patienten, (3) Verwendung positiver Sprache und (4) visuelle Bewegungsvorstellung sind sowohl auf schmerzhafte muskuloskelettale Syndrome als auch auf neurologische Gangabweichungen anwendbar.
  3. Der Prozess des klinischen Reasonings von Verfahren zur Symptomveränderung und der Erstellung einer Arbeitshypothese ist nach wie vor sowohl auf neurologische Gangabweichungen als auch auf solche in Verbindung mit muskuloskelettalen Schmerzsyndromen anwendbar.

Neurologische Gangabweichungen ( edit | edit source )

Pirker und Katzenschlager(3) erstellten eine Klassifikation von 14 Gangstörungen im Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen. Diese Klassifikation bietet eine grobe Beschreibung der verschiedenen Gangabweichungen. Es bedarf jedoch noch einer genaueren Beschreibung und Klassifikation der beim Gehen auftretenden Abweichungen.(3)

(1)(3)Viele dieser abweichenden Gangmuster werden im Video im Abschnitt „Zusätzliche Ressourcen“ demonstriert.
Gangstörung Merkmale/Beschreibung
Hemispastischer Gang Unilaterale Extension und Zirkumduktion
Paraspastischer Gang
  • Bilaterale Extension und Adduktion
  • „Steif“
Ataktischer Gang
  • Breitbasig
  • Unkoordiniert
Sensorisch-gestörter Gang
  • Vorsichtig
  • Schlechter bei Verlust visueller Kontrolle
Freezing gait
  • Blockaden
  • Anhalten bei Wendebewegungen oder Übersteigen von Stufen
Propulsiver Gang
Astasie Primäre Stand-/Gleichgewichtsstörung
Dystoner Gang Abnorme Fuß- oder Beinhaltung
Choreatischer Gang
  • Unregelmäßig
  • Tänzelnd
  • Breitbasig
Steppergang Schwäche der Fußheber
Watschelgang
  • Breitbasig
  • Schwankend
  • Absinken des Schwungbeins
Hinkender / Antalgischer Gang Verkürzte Standphase auf der betroffenen Seite
Vertiginöser Gang
  • Unsicher
  • Falltendenz auf eine Seite
Psychogener Gang
  • Bizarr
  • Stürze sind selten

Die folgende Liste häufiger Anzeichen für neuromuskuläre Erkrankungen basiert auf der Arbeit von Scheets et al.(4) mit Ergänzungen von Dr. Damien Howell.(1) Einige der häufigeren neuromuskulären Erkrankungen mit potenziellen klinischen Interventionen werden in der nachstehenden Tabelle ausführlicher beschrieben.

  1. Vergrößerung der Unterstützungsfläche (Base of Support – BOS)
  2. Verringerte Unterstützungsfläche (Base of Support – BOS)
  3. Laterale Verlagerung des Massenschwerpunkts (Center of Mass – COM) in Richtung des Standbeins
  4. Hyperextension des Knies in der Standphase
  5. Anhaltende Hüft- und Knieflexion in der Standphase
  6. „Vaulting“ (einseitig auf die Zehenspitzen steigen)
  7. Zehenspitzengang
  8. Ein Hinken: ungleiche Schrittlänge, verringerte Zeit auf der betroffenen Extremität
  9. Festination: verkürzte Schrittlänge, erhöhte Kadenz
  10. Freezing: Schwierigkeiten bei der Ganginitiierung (Starthemmung)
  11. Variable Platzierung des Fußes
  12. Kontralaterale Elevation des Beckens
  13. Zirkumduktion
  14. Scherengang (Scissoring)
  15. Verminderte Hüft- und Kniebewegung während der Schwungphase
  16. Foot drop
(1)
Gangabweichung Beispiele für Interventionen mit möglichen Cues / Hinweisen / Aufforderungen / Feedbacks
Hinken(5)
  • „Sieh das, tue das nicht“
  • Sich vorstellen / visualisieren, dass man mit gleichmäßigen, rhythmischen Schritten geht
  • „Machen Sie lange, gleichmäßige Schritte“
  • Weniger Zeit auf dem guten Bein verbringen
  • Mehr Zeit auf dem schwachen Bein verbringen
  • Schritt im Takt des Metronoms
  • „Schwingen Sie die Arme“
Langsame Gehgeschwindigkeit(5)
  • „Gehen Sie schneller“
  • Schritt im Takt der Musik mit 120 Schlägen/Minute oder mehr
  • Geschwindigkeit des Laufbands einstellen
  • „Gehen Sie mit federndem Schritt, blicken Sie ‚über die Menge hinweg'“
Hyperextension des Knies
  • „Visualisieren Sie ein Gerüst um Ihr Knie“
  • „Stoßen Sie sich vom Boden ab, bringen Sie sich nach oben und nach vorne“
  • Der Therapeut berührt den Wadenmuskel des Patienten und gibt das Kommando: „Kontrollieren Sie damit Ihr Knie“.
  • Orthesenversuch: Unterstützend ein unelastisches(6) oder elastisches Tape, schwedische Knieorthese (Hyperextensionsorthese)
Anhaltende Hüft- und Knieflexion in der Standphase
  • „Bleiben Sie schön groß“
  • Fuß in den Boden drücken
  • Benutzung eines Stocks in der kontralateralen Hand
Vaulting (auf die Zehenspitzen steigen)(7)
  • Ferse länger auf dem Boden lassen
  • „Stellen Sie sich vor, dass Sie einen Abdruck der Ferse im nassen Sand hinterlassen“
  • Der Therapeut berührt den Oberschenkel des Schwungbeins und gibt das Kommando „das Knie entspannen“.
  • Gehen und dabei ein Buch auf dem Kopf balancieren
  • Anpassung eines Gaitspot-„Quietschers“ an den Schuh (siehe Broschüre in den zusätzlichen Ressourcen für mehr Details)
  • Versuch einer Schuherhöhung an der nicht betroffenen Extremität
Zehenspitzengang
  • Die Ferse soll den Boden berühren
  • „Stellen Sie sich vor, Sie hinterlassen einen Abdruck Ihrer Ferse im nassen Sand“
  • Große Schritte machen
  • Gehen/Gänseschritt/Marsch
  • Rückwärtsgehen
  • Anpassung eines Gaitspot-„Quietschers“ an den Schuh
Freezing(8)(9)
  • Mentale Bewegungsvorstellung: „Stellen Sie sich vor, Sie kommen an eine Türschwelle und treten mutig in den Raum.“
  • Selbstgespräche, laut aussprechen: „Stopp, aufrecht stehen, abschütteln, Gewicht verlagern, Schritt“
  • Laserpointer oder Linienziel
  • Spezifische Kinästhetische Tricks zur Selbstaufforderung
  • Versuch von Hilfsmitteln
Festination
  • Mentale Bewegungsvorstellung (Mental imagery)
  • Laserpointer oder Linienziel
  • Metronom-Musik
  • Rückwärtsgehen
Zirkumduktion(7)
  • „Sieh das, tue das nicht“
  • Der Therapeut berührt die Vorderseite der Hüfte des Patienten und gibt das Kommando „aus der Hüfte heben“.
  • „Stellen Sie sich vor, dass Sie in tiefem Schnee oder flachem Wasser gehen“
  • „Gehen Sie dicht an der Wand entlang, schlagen Sie nicht gegen die Wand, aber lehnen Sie sich auch nicht von ihr weg“
  • Versuch einer Schuherhöhung für die nicht betroffene Extremität(7)
Foot drop
  • „Visualisieren Sie einen festen Fersenauftritt“
  • Versuch einer temporären „Knöchel-Fuß-Orthese“ (AFO) mit nicht-elastischem Tape oder einem elastischen Therapieband. *** siehe Video unten
  • Schuherhöhung für das nicht betroffene Bein
  • Anpassung eines Gaitspot-„Quietschers“ an den Schuh

Spezialthema: Freezing of Gait (FOG) ( edit | edit source )

Freezing of Gait (FOG) kann definiert werden als „kurzzeitiges, episodisches Fehlen oder deutliche Verringerung der Vorwärtsbewegung der Füße trotz der Absicht zu gehen.“ FOG-bezogene Merkmale können sein: (1) schlurfendes Trippeln, (2) Zittern und (3) komplette Akinese. Diese Merkmale werden während der kurzen Episode der Veränderung in der Vorwärtsbewegung deutlich.(10)

Kondo et al.(10) beschrieben drei Phänotypen von FOG auf der Grundlage der Beinbewegungen:(10)

  1. FOG mit sehr kleinen, schlurfenden Schritten und minimaler Vorwärtsbewegung (Trippeln/Shuffling)
  2. FOG mit etwas Zittern der Beine, aber ohne effektive Vorwärtsbewegung (Zittern/Trembling)
  3. Keine erkennbare Vorwärtsbewegung der Beine (komplette Akinese)

Ressourcen(edit | edit source)

Optionale zusätzliche Videos:

Bitte sehen Sie sich dieses kurze optionale Video an, in dem zwei Methoden zur Verwendung eines elastischen Therapiebandes für ein Versuch temporären „Knöchel-Fuß-Orthese“ demonstriert werden.

(11)

Optionale empfohlene Physiopedia-Seiten:

Klinische Ressourcen:

Empfohlene optionale Lektüre:

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 1.2 1.3 1.4 1.5 Howell, D. Gait Analysis. Neurologic Gait Deviations. Plus. 2022.
  2. 2.0 2.1 2.2 Snodgrass SJ, Heneghan NR, Tsao H, Stanwell PT, Rivett DA, Van Vliet PM. Recognising neuroplasticity in musculoskeletal rehabilitation: a basis for greater collaboration between musculoskeletal and neurological physiotherapists. Manual therapy. 2014 Dec 1;19(6):614-7.
  3. 3,0 3,1 3,2 Pirker W, Katzenschlager R. Gait disorders in adults and the elderly : A clinical guide. Wien Klin Wochenschr. 2017 Feb;129(3-4):81-95.
  4. Scheets PL, Bloom NJ, MSOT P, Crowner B, MPPA P, McGee PN, PCS P, Norton BJ, FAPTA PP, Sahrmann SA, Stith JS. Movement System Diagnoses Neuromuscular Conditions.
  5. 5.0 5.1 Chang MC, Lee BJ, Joo NY, Park D. The parameters of gait analysis related to ambulatory and balance functions in hemiplegic stroke patients: A gait analysis study. BMC neurology. 2021 Dec;21(1):1-8.
  6. Wang RY, Lin CY, Chen JL, Lee CS, Chen YJ, Yang YR. Adjunct Non-Elastic Hip Taping Improves Gait Stability in Cane-Assisted Individuals with Chronic Stroke: A Randomized Controlled Trial. Journal of Clinical Medicine. 2022 Mar 11;11(6):1553.
  7. 7.0 7.1 7.2 Fortes CE, Carmo AA, Rosa KY, Lara JP, Mendes FA. Immediate changes in post-stroke gait using a shoe lift on the nonaffected lower limb: A preliminary study. Physiotherapy Theory and Practice. 2022 Apr 3;38(4):528-33.
  8. Nonnekes J, Růžička E, Nieuwboer A, Hallett M, Fasano A, Bloem BR. Compensation strategies for gait impairments in Parkinson disease: a review. JAMA neurology. 2019 Jun 1;76(6):718-25.
  9. Tosserams A, Wit L, Sturkenboom IH, Nijkrake MJ, Bloem BR, Nonnekes J. Perception and use of compensation strategies for gait impairment by persons with Parkinson disease. Neurology. 2021 Oct 5;97(14):e1404-12.
  10. 10.0 10.1 10.2 Kondo Y, Mizuno K, Bando K, Suzuki I, Nakamura T, Hashide S, Kadone H, Suzuki K. Measurement Accuracy of Freezing of Gait Scoring Based on Videos. Frontiers in Human Neuroscience. 2022;16.
  11. YouTube. Foot Drop Treatment with Resistance Band – For Walking, Gait, and Function | Saebo. Available from: https://www.youtube.com/watch?v=iHBJ0f0C2uo (last accessed 03/08/2022)


Berufliche Entwicklung in Ihrer Sprache

Schließen Sie sich unserer internationalen Gemeinschaft an und nehmen Sie an Online-Kursen für alle Rehabilitationsfachleute teil.

Verfügbare Kurse anzeigen