Achtsamkeit für Kliniker

Originale Autorin Merinda Rodseth basierend auf dem Kurs von
Shrey Vazir

Top-Beitragende Merinda Rodseth, Kim Jackson, Jess Bell und Tarina van der Stockt

Einleitung(edit | edit source)

„Aus einem leeren Becher kann man nichts ausschenken“ – Dalai Lama

Sich um die Gesundheit der Menschen zu kümmern, bringt große Vorteile mit sich, ist aber auch mit erheblichen Herausforderungen verbunden.(1) Es gibt viele Stressquellen für Kliniker, sowohl externe (hohe Patientenbelastung, Zeitdruck, zwischenmenschliche Personalkonflikte, Anforderungen an die Dokumentation, finanzielle Sorgen) als auch interne Stressoren (Persönlichkeitsmerkmale, Perfektionismus, mangelnde emotionale Regulierung, harsche Selbstbeurteilung, Trauma).(1)(2)(3) Der Stress, dem Angehörige der Gesundheitsberufe ausgesetzt sind, lässt sich vor allem darauf zurückführen, dass sie ständig komplexen und emotional angespannten Situationen ausgesetzt sind, die eng mit den Schmerzen und Leiden der von ihnen betreuten Patienten sowie mit den intensiven Emotionen sowohl von ihnen selbst als auch von ihren Patienten verbunden sind.(3)(4)(5) Ein hohes Maß an Stress führt letztlich zu Burnout-Symptomen, körperlichen Erkrankungen, einer Ermüdung des Mitgefühls und letztlich zur Unfähigkeit, die Patienten angemessen zu versorgen.(1) Diese Faktoren haben ein großes Interesse für das emotionale Wohlbefinden von Angehörigen der Gesundheitsberufe geweckt, mit dem Ziel, sie in die Lage zu versetzen, die täglichen Herausforderungen zu bewältigen und ihren Stress und ihre Emotionen effektiv zu verarbeiten.(2)(4)(6)

Vorteile der Achtsamkeit für Kliniker ( edit | edit source )

Nach der Feststellung der Effektivität von Achtsamkeit bei Patienten ist das Interesse an Achtsamkeit bei gesunden Menschen gestiegen, insbesondere im Gesundheitswesen und am Arbeitsplatz.(3) Achtsamkeit wird als besonders geeignet für die Behandlung von Burnout bei Klinikern angesehen, da sie nicht religiös ist, aber dennoch auf Sinn und Bedeutung abzielt, über einen soliden wissenschaftlichen Hintergrund verfügt und eine säkulare und akademische Ausstrahlung besitzt.(7) Die Vorteile der Achtsamkeit für Angehörige der Gesundheitsberufe umfassen Folgendes: (2)(4)(8)(9)(10)(11)

  • Stressreduktion
  • Verbesserte Stimmung
  • Gesteigerte Resilienz
  • Besseres Selbstmitgefühl
  • Verbesserte Selbstwirksamkeit
  • Gesteigertes Einfühlungsvermögen
  • Weniger Burnout
  • Geringere Ermüdung des Mitgefühls („compassion fatigue“)
  • Verbessertes Wohlbefinden

Drei dieser Vorteile werden hier näher untersucht, da sie für das Wohlergehen der Kliniker von besonderer Bedeutung sind. Dazu gehören:

1. Gesteigerte Resilienz ( edit | edit source )

Resilienz kann definiert werden als „eine persönliche Eigenschaft, die dem Einzelnen hilft, mit Widrigkeiten umzugehen und sich unter schwierigen Umständen gut anzupassen und weiterzuentwickeln“ oder als „die Fähigkeit, angesichts widriger Lebensumstände ein hohes Wohlbefinden aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen.“(12) Resilienz wird als eine Fähigkeit vorgeschlagen, die „Menschen gegen die Auswirkungen von Widrigkeiten und traumatischen Ereignissen impft“ (Bajaj 2015).(12) Resilienz ist im Wesentlichen unsere Fähigkeit, wieder auf die Beine zu kommen. Es wurde auch festgestellt, dass Menschen, die achtsamer sind, über eine größere Resilienz und eine höhere Lebenszufriedenheit verfügen.(12) Es wird postuliert, dass die Aspekte der Achtsamkeit und Akzeptanz die Entwicklung einer größeren Resilienz fördern, was wiederum zu einem größeren Wohlbefinden führt.(12) Achtsamkeit hat auch das Potenzial, Resilienz zu pflegen, indem sie den Einzelnen in die Lage versetzt, auf schwierige Situationen zu reagieren, ohne automatisch und unangepasst zu reagieren, sondern vielmehr mit nicht wertender Offenheit.(12) Achtsame Menschen können daher besser mit schwierigen Gedanken und Gefühlen umgehen, ohne von ihnen überwältigt zu werden und sich abzuschotten. Außerdem wird angenommen, dass Resilienz als Puffer gegen die negativen Auswirkungen von Stress wirkt und somit vor Burnout schützt.(13)

2. Besseres Selbstmitgefühl ( edit | edit source )

„Wer sich um andere kümmert, muss sich auch um sich selbst kümmern.“ – Dalai Lama

Das Mitgefühl für andere wurde mit dem Selbstmitgefühl in Verbindung gebracht und ist von entscheidender Bedeutung für die Vorbeugung der Ermüdung des Mitgefühls und für die Förderung einer mitfühlenden Patientenversorgung.(6) Mitgefühl bedeutet, „für das Leiden anderer empfänglich und davon betroffen zu sein, so dass man den Wunsch hat, ihr Leiden zu lindern.“ (14) Selbstmitgefühl bedeutet, das Mitgefühl nach innen zu richten und es auf die eigenen Erfahrungen anzuwenden.(4)(14) Viele Menschen neigen dazu, in Zeiten der Not, des Schmerzes oder des Versagens selbstkritisch und grüblerisch zu sein, obwohl Selbstmitgefühl vorteilhafter sein könnte.(14) Selbstmitgefühl, als eine Form der Selbstakzeptanz, besteht aus drei bipolaren Komponenten:(14)

  • Selbstbezogene Freundlichkeit vs. Selbstverurteilung. Zur selbstbezogenen Freundlichkeit gehört, dass man sich selbst mit Freundlichkeit, Einfühlungsvermögen und Vergebung statt mit harschen Urteilen behandelt.
  • Gemeinsame Menschlichkeit versus Isolation. Die gemeinsame Menschlichkeit erkennt an, dass negative Erfahrungen ein natürlicher und unvermeidlicher Teil jedes menschlichen Lebens sind. Sie verbindet uns mit anderen und mildert das Gefühl der Isolation.
  • Achtsamkeit vs. Überidentifikation. Achtsamkeit ermöglicht es dem Einzelnen, schmerzhafte Gedanken und Gefühle anzuerkennen und daraus zu lernen, wodurch Vermeidungsverhalten und Überidentifikation verringert werden.

Achtsamkeit pflegt das Selbstmitgefühl, was wiederum zu größerer Lebenszufriedenheit und einem geringeren Maß an Stress und Angst, Perfektionismus, Grübeln und Depression führt.(4)(14) Selbstmitgefühl kann auch die Resilienz erhöhen, indem es die emotionalen Reaktionen auf belastende Situationen reguliert.(14)

3. Verbessertes Stressmanagement und Burnout-Prävention ( edit | edit source )

Es hat sich gezeigt, dass Achtsamkeit die Stressbewältigung verbessert und das Burnout bei Klinikern verringert.(5)(9) Burnout kann definiert werden als „ein Syndrom, das sich aus der Exposition gegenüber chronischen zwischenmenschlichen Stressoren am Arbeitsplatz ergibt, mit Schlüsselsymptomen wie überwältigende Erschöpfung (Energieverlust, Erschöpfung, Entkräftung und Müdigkeit), Depersonalisierung (negative oder unangemessene Einstellung gegenüber Kunden, Reizbarkeit, Verlust von Idealismus und Rückzug) und einem Gefühl der Ineffizienz und mangelnden Leistung (verringerte Produktivität oder Fähigkeit, niedrige Moral und Unfähigkeit zur Bewältigung).“(9) In Zeiten von Stress neigen Kliniker dazu, härter zu arbeiten, und die anhaltende und chronische Belastung durch Stress führt zu Burnout.(15) Achtsamkeit bietet eine alternative Strategie für Kliniker:(15)

  • stärkeres Bewusstsein für ihren Stress, ihre Gefühle und Bedürfnisse;
  • gesteigerte Selbstregulierung, und
  • verbesserte Selbstreflexion über ihr Verhalten und ihre klinische Praxis.

Eine ausführliche Diskussion zum Thema Burnout finden Sie hier.

Kliniker, die Achtsamkeit praktizieren, berichten auch über ein geringeres Stressniveau und weniger Symptome von Burnout.(15)

Stress vs mindfulness matches.jpg

Achtsamkeitsbasierte Kurzinterventionen ( edit | edit source )

Autoresponse vs mindful response.jpg

Ziel von Achtsamkeitsprogrammen ist es, den Einzelnen darin zu schulen, auf Situationen reflektierend zu reagieren, anstatt automatisch zu reagieren.(4) Achtsamkeit schafft einen Raum oder eine Lücke zwischen der anfänglichen emotionalen Reaktion und dem letztendlichen Verhalten/der Reaktion. Die Lücke, die durch die Achtsamkeit entsteht, ist für die Reaktion entscheidend.(9) Die Forschung hat gezeigt, dass die Resilienz gestärkt und Burnout durch Fertigkeiten begrenzt werden kann, die es dem Einzelnen ermöglichen, sich von negativen Emotionen zu distanzieren, positive Emotionen zu entwickeln und die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu richten.(9) Erfreulicherweise kann Achtsamkeit in jedem Umfeld und auf vielfältige Weise praktiziert werden, und selbst kurze achtsamkeitsbasierte Interventionen haben sich als wirksam erwiesen.(9)

Ein Beispiel ist die „STOP-Technik“, die einfach und kurz ist und ein leicht zu merkendes Akronym hat:(16)

S = Stop: Einen Moment anhalten und innehalten

T = Take a breath: 3-5 langsame, tiefe und lange Atemzüge nehmen – verbinden Sie sich wieder mit Ihrem Körper

O = Observe: Beobachten Sie Ihre Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen

P = Proceed: Gehen Sie achtsam mit Ihrem Tag um, ohne über Ihre Gedanken, Gefühle oder Empfindungen zu urteilen

Die STOP-Technik erleichtert die Fähigkeit des Einzelnen, eine „Lücke“ zwischen dem Reiz und der Reaktion zu schaffen, was nützlich ist, um eine spontane Reaktion zu vermeiden, die negative Folgen haben könnte.(16) Wenn man sich der Überzeugungen, Emotionen und Körperempfindungen bewusst wird, die darauf hindeuten, dass eine Situation eine größere Herausforderung darstellt, kann man innehalten und eine angemessenere Vorgehensweise wählen.(2) Die STOP-Technik kann leicht integriert werden:

  • bevor Sie sich auf schwierige Gespräche einlassen (mit Patienten, ihren Familien, einem Manager, einem Kollegen);
  • zwischen zwei Terminen – zum „Zurücksetzen“ („reset“), bevor mit dem nächsten Klienten/Patienten begonnen wird;
  • bei alltäglichen Aufgaben wie der Reinigung von Geräten, dem Händewaschen usw.

(17)

Weitere praktische Anwendungen der Achtsamkeit sind:(5)(9)

  • Achtsames Gehen
  • Achtsames Atmen
    • Atmungsbasierte Meditationen
    • Boxatmung / Quadratatmung
    • 4-7-8-Atmung
  • Achtsame Bewegung (Yoga)
  • Körperreise (Body-Scan)
  • Mini-Meditationsübungen

Wichtige Hinweise zur Achtsamkeit ( edit | edit source )

Achtsamkeit:

  • ist wissenschaftlich fundiert und nicht nur eine „mystische Hokuspokus-Praxis“;
  • ist ein Instrument, das unsere Patienten befähigt, besser selber mit ihren Erkrankungen umzugehen;
  • kann helfen, Stresssymptome, Depressionen und Schmerzen zu verringern;
  • kann ein wirksamer Ansatz zur Behandlung von chronischen Schmerzen sein;
  • kann die Stressbewältigung verbessern, das Selbstmitgefühl steigern und Burnout vorbeugen;
  • fördert Gelassenheit und Resilienz angesichts von Widrigkeiten.

Waves and surf mindfulness.jpg

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 1.2 Hedderman E, O’Doherty V, O’Connor S. Mindfulness moments for clinicians in the midst of a pandemic. Irish journal of psychological medicine. 2020 May 21:1-4. doi:10.1017/ipm.2020.59
  2. 2.0 2.1 2.2 2.3 Dobkin PL, Bernardi NF, Bagnis CI. Enhancing clinicians‘ well-being and patient-centered care through mindfulness. Journal of Continuing Education in the Health Professions. 2016 Jan 1;36(1):11-6. DOI: 10.1097/CEH.000000000000002
  3. 3,0 3,1 3,2 Janssen M, Heerkens Y, Kuijer W, Van Der Heijden B, Engels J. Effects of Mindfulness-Based Stress Reduction on employees’ mental health: A systematic review. PloS one. 2018 Jan 24;13(1):e0191332.DOI: 10.1371/journal.pone.0191332
  4. 4.0 4.1 4.2 4.3 4.4 4.5 Ruiz‐Fernández MD, Ortíz‐Amo R, Ortega‐Galán ÁM, Ibáñez‐Masero O, Rodríguez‐Salvador MD, Ramos‐Pichardo JD. Mindfulness therapies on health professionals. International journal of mental health nursing. 2020 Apr;29(2):127-40. DOI:10.1111/inm.12652
  5. 5.0 5.1 5.2 Pappous A, Mohammed WA, Sharma D. Physiotherapists’ experiences with a four-week mindfulness-based stress reduction program. European Journal of Physiotherapy. 2020 Apr 6:1-6. DOI: 10.1080/21679169.2020.1745272
  6. 6.0 6.1 Raab K. Mindfulness, self-compassion, and empathy among health care professionals: a review of the literature. Journal of health care chaplaincy. 2014 Jul 1;20(3):95-108. DOI:10.1080/08854726.2014.913876
  7. Fortney L, Luchterhand C, Zakletskaia L, Zgierska A, Rakel D. Abbreviated mindfulness intervention for job satisfaction, quality of life, and compassion in primary care clinicians: a pilot study. The Annals of Family Medicine. 2013 Sep 1;11(5):412-20. DOI:10.1370 /af m.1511.
  8. Spinelli C, Wisener M, Khoury B. Mindfulness training for healthcare professionals and trainees: A meta-analysis of randomized controlled trials. Journal of Psychosomatic Research. 2019 May 1;120:29-38. DOI:10.1016/j.jpsychores.2019.03.003
  9. 9.0 9.1 9.2 9.3 9.4 9.5 9.6 Nguyen MC, Gabbe SG, Kemper KJ, Mahan JD, Cheavens JS, Moffatt-Bruce SD. Training on mind-body skills: Feasibility and effects on physician mindfulness, compassion, and associated effects on stress, burnout, and clinical outcomes. The Journal of Positive Psychology. 2020 Mar 3;15(2):194-207. DOI:10.1080/17439760.2019.1578892
  10. Leonard HD, Campbell K, Gonzalez VM. The relationships among clinician self-report of empathy, mindfulness, and therapeutic alliance. Mindfulness. 2018 Dec;9(6):1837-44. DOI: 0.1007/s12671-018-0926-z
  11. Shapiro SL, Astin JA, Bishop SR, Cordova M. Mindfulness-based stress reduction for health care professionals: results from a randomized trial. International journal of stress management. 2005 May;12(2):164.
  12. 12.0 12.1 12.2 12.3 12.4 Bajaj B, Pande N. Mediating role of resilience in the impact of mindfulness on life satisfaction and affect as indices of subjective well-being. Personality and Individual Differences. 2016 Apr 1;93:63-7. DOI:10.1016/j.paid.2015.09.005
  13. Hwang WJ, Lee TY, Lim KO, Bae D, Kwak S, Park HY, Kwon JS. The effects of four days of intensive mindfulness meditation training (Templestay program) on resilience to stress: a randomized controlled trial. Psychology, health & medicine. 2018 May 28;23(5):497-504. DOI:10.1080/13548506.2017.1363400
  14. 14.0 14.1 14.2 14.3 14.4 14.5 Fong M, Loi NM. The mediating role of self‐compassion in student psychological health. Australian Psychologist. 2016 Dec 1;51(6):431-41. DOI: 10.1111/ap.12185
  15. 15.0 15.1 15.2 Scheepers RA, Emke H, Epstein RM, Lombarts KM. The impact of mindfulness‐based interventions on doctors’ well‐being and performance: A systematic review. Medical education. 2020 Feb;54(2):138-49. DOI:10.1111/medu.14020
  16. 16.0 16.1 Liao Y, Wang L, Luo T, Wu S, Wu Z, Chen J, Pan C, Wang Y, Liu Y, Luo Q, Guo X. Brief mindfulness-based intervention of ‘STOP (Stop, Take a Breath, Observe, Proceed) touching your face’: a study protocol of a randomised controlled trial. BMJ open. 2020 Nov 1;10(11):e041364. DOI: i:10.1136/bmjopen-2020-041364
  17. AboutKidsHealth. STOP for Minfulness. Published 26 Nov 2019. Available from: https://www.youtube.com/watch?v=GgBVIZAEQqU&t=43s (last accessed 14 May 2021)


Berufliche Entwicklung in Ihrer Sprache

Schließen Sie sich unserer internationalen Gemeinschaft an und nehmen Sie an Online-Kursen für alle Rehabilitationsfachleute teil.

Verfügbare Kurse anzeigen