Rückenschmerzen sind häufige Beschwerden bei Personen, die längere Zeit in einer bestimmten Position verbringen. Für den typischen Büromitarbeiter ist dies häufig eine sitzende Position. Eine sedentäre bzw. bewegungsarme Lebensweise kommt immer häufiger vor, da immer mehr Menschen sowohl bei der Arbeit als auch in der Freizeit viel Zeit im Sitzen verbringen. In einer 2019 in der Zeitschrift Applied Ergonomics veröffentlichten Studie wurde ein Zusammenhang zwischen chronischen Kreuzschmerzen (chronic low back pain – cLBP) und längerem statischen Sitzen festgestellt.(1)(2)
Kreuzschmerzen sind die dritthäufigste Ursache für selbst wahrgenommene Behinderung(3) (4)und stellt für den Einzelnen, den Arbeitgeber und die Gesellschaft eine große Last dar.(5) Die Ermittlung von Risikofaktoren ist für die Erstellung eines geeigneten Präventionsplans von großer Bedeutung. Für Physiotherapeuten bedeutet dies häufig den Einsatz von Ergonomie und Haltungsanalyse.
Ergonomie: „die Wissenschaft, die sich mit der Anpassung eines Arbeitsplatzes an die anatomischen, physiologischen und psychologischen Merkmale des Menschen befasst, um seine Effizienz und sein Wohlbefinden zu steigern.“(6)(7)
In diesem Artikel wird die Diskussion über Ergonomie auf die Büroumgebung beschränkt. Es sei darauf hingewiesen, dass ergonomische Beurteilungen in jeder Umgebung durchgeführt werden können, in der eine Person Arbeitstätigkeiten ausführen muss. Der Begriff „Ergonomie“ ist austauschbar mit „Human Factors“ (menschliche Faktoren) oder kann einheitlich als „Human Factors and Ergonomics“ (HFE) verwendet werden.(8)
Physiotherapeuten sind häufig an der physisch-ergonomischen (physikalisch-ergonomischen) Beurteilung von Arbeitsplätzen beteiligt. Sie führen Analysen durch und geben Empfehlungen zur Verbesserung der anatomischen oder physiologischen Funktionsfähigkeit einer Person, wobei die Körperhaltung während der Arbeit angepasst wird, um das Verletzungsrisiko zu minimieren und repetitive Bewegungsabläufe zu vermeiden. Die menschliche Komponente eines Arbeitssystems muss bei der Beurteilung berücksichtigt werden. Es ist wichtig, dass der Physiotherapeut prüft, ob:
Weitere Faktoren, die bei einer physisch-ergonomischen Analyse berücksichtigt werden, sind:
Die Ergonomie befasst sich nicht nur mit der physischen Funktionsfähigkeit und der Positionierung des Benutzers in einem Arbeitssystem. Laut der International Ergonomics Association ist die Ergonomie eine „multidisziplinäre, nutzerzentrierte, integrierende Wissenschaft. Die Probleme, mit denen sich die HFE (Human Factors and Ergonomics) befasst, sind in der Regel systemischer Natur; daher verwendet die HFE einen ganzheitlichen, systemischen Ansatz, um Theorien, Prinzipien und Daten aus vielen relevanten Disziplinen auf die Gestaltung und Beurteilung von Aufgaben, Arbeitsplätzen, Produkten, Umgebungen und Systemen anzuwenden. HFE berücksichtigt physische, kognitive, soziotechnische, organisatorische, umweltbezogene und andere relevante Faktoren sowie die komplexen Wechselwirkungen zwischen dem Menschen und anderen Menschen, der Umwelt, Werkzeugen, Produkten, Ausrüstung und Technologie.“(8) Viele Aspekte der ergonomischen Beurteilung liegen oft außerhalb des Aufgabenbereichs von Physiotherapeuten. Durch die Anwendung der Prinzipien der Integrativen Lebensstilmedizin und der ganzheitlichen Gesundheit kann jedoch eine vollständige und gründliche ergonomische Beurteilung mit Überweisung an den richtigen Kliniker oder Gesundheitsdienstleister gewährleistet werden.
Bei der kognitiven Ergonomie werden die Arbeitsbedingungen bewertet, die eine kognitive Herausforderung darstellen können, wie z. B. Störungen, Unterbrechungen und Informationsüberlastung, die die Arbeitsleistung einer Person beeinträchtigen und zu einem verminderten Wohlbefinden am Arbeitsplatz führen können. Zu den Störungen können Hintergrundgeräusche im Büro oder das Sprechen von Kollegen gehören. Unterbrechungen haben negative Auswirkungen auf die Produktivität und die Arbeitsleistung. Informationsüberlastung („information overload“) kann die Arbeitsleistung ebenfalls durch Multitasking oder übermäßige Inputs von Kommunikations-Apps oder Softwares beeinträchtigen.(11)
Weitere Faktoren, die bei einer kognitiven ergonomischen Analyse berücksichtigt werden, sind:
Bei der organisatorischen Ergonomie oder Makroergonomie werden die größeren Strukturen, Strategien und Verfahren einer Organisation beurteilt. Dabei werden auch die Auswirkungen der Technologie auf die Mitarbeiter, die Prozesse und die gesamte Organisation berücksichtigt.
Beispiele für organisatorische Ergonomie sind:
Die Forschung belegt, dass sowohl langes Sitzen(12) als auch langes Stehen(13) zu Kreuzschmerzen und muskuloskelettalen Beschwerden führen können.(7) In einer Studie von Hong und Shin aus dem Jahr 2020 wurde festgestellt, dass Kreuzschmerzen bei einer Gruppe von Büroangestellten an einer thailändischen Universität durch eine inadäquate Einrichtung und Gestaltung des Arbeitsplatzes, eine schlechte Beleuchtung, die zu einer Überanstrengung der Augen führt, sowie durch langes Sitzen von mindestens 4 Stunden pro Tag ausgelöst wurde. Die Studie ergab auch, dass diejenigen mit subjektiven Berichten über vermehrte Kreuzschmerzen ein schlechtes Präventionsverhalten, wie z. B. mangelnde Bewegung, und einen BMI ≤ 25 aufwiesen.(14)
Eine mangelhafte ergonomische Büroeinrichtung mit langem Sitzen führt häufig zu einer schlechten Körperhaltung. Die am häufigsten zu beobachtende Körperhaltung umfasst: eine vorwärtsgerichtete Kopfhaltung, eine abgerundete, gebeugte Wirbelsäule, gerundete Schultern mit vorgezogenen Schulterblättern, sakrales Sitzen, eine oft schlechte Ausrichtung der unteren Extremitäten, bei der die Hüften tiefer als die Knieliegen, und möglicherweise einer mangelhaftem Abstützung der Füße auf dem Boden.
Es ist auch wichtig, die Überanstrengung der Augen zu berücksichtigen, wenn es darum geht, eine Ursache für Kreuzschmerzen bei Büromitarbeitern zu ermitteln.(14) Der visuelle Input und die Orientierung sind ein wichtiger Faktor für die Ausrichtung der Körperhaltung. Für Büromitarbeiter sind die Höhe und die Platzierung des Computerbildschirms von großer Bedeutung für die Einstellung der Körperhaltung. Ist der Bildschirm zum Beispiel zu niedrig, nimmt der Mitarbeiter eine gebeugte Haltung mit vorwärtsgerichtetem Kopf ein, um den Bildschirm richtig sehen zu können. Wenn der Bildschirm zu nahe ist, müssen die Augen des Mitarbeiters konvergieren und die Pupillen verengen, um den Bildschirm richtig ablesen zu können. Schlechte Beleuchtung wirkt sich ebenfalls auf die Funktion der Augenmuskeln aus. Solche Beispiele verursachen sowohl Haltungsbeschwerden und Schmerzen als auch eine Überlastung der Augenmuskeln.(15) Die richtige ergonomische Einrichtung des Büros reduziert nachweislich auch das Computer-Vision-Syndrom (digitale Augenbelastung), bei dem es sich um eine Reihe von Augen- und Sehproblemen handelt, die mit Tätigkeiten im Nahbereich, wie z. B. der Computernutzung, zusammenhängen. Zu den Symptomen gehören: Augenermüdung, trockene Augen, Augenreizung und -tränen, Doppelbilder, verschwommenes Sehen, Verlangsamung der Konzentration, Schulterschmerzen, Nacken- und Rückenschmerzen.(16)
Das folgende Video gibt einen Überblick über die Belastung der Augen bei der Computernutzung.
Die weltweite COVID-19-Pandemie hat die Arbeitsweise vieler Menschen verändert, insbesondere derjenigen, die in einem Büro arbeiten. Nach Angaben des US-Zensusbüros gab mehr als ein Drittel der US-Haushalte an, dass ein Familienmitglied nun häufiger von zu Hause aus arbeitet als vor der Pandemie.(18) Die Arbeit von zu Hause aus kann zu einer Zunahme von muskuloskelettalen Beschwerden und Schmerzen beitragen, weil es an Ressourcen für eine angemessene ergonomische Einrichtung und Beurteilung fehlt.(19) Eine im Jahr 2020 veröffentlichte Studie von Pekyavas(20) fand heraus, dass beim Übergang zu einer Home-Office-Umgebung etwa 86 % der Teilnehmer an einem Schreibtisch arbeiten und 65 % der Teilnehmer 3-8 Stunden pro Tag in dieser Umgebung arbeiten. Etwa die Hälfte der Befragten gab „Kreuzschmerzen“ als ihre schmerzhafteste muskuloskelettale Beschwerde an, gefolgt von Schulterschmerzen (44,8 %) und Knieschmerzen (35,6 %).(20)
Diese beiden kurzen Videos informieren über die Auswirkungen, die langes Sitzen mit schlechter Haltung auf den Körper hat:
Der menschliche Körper wurde so konzipiert, dass er eine große Vielfalt an Bewegungen ausführen kann. Muskuloskelettale Beschwerden und Verletzungen treten auf, wenn der Körper über einen längeren Zeitraum in einer Haltung verharrt.(12)(13)(14)(19) Schmerzen im unteren Rückenbereich bei Büromitarbeitern oder anderen Personen mit sitzender Tätigkeit können mit einigen einfachen Maßnahmen verbessert oder beseitigt werden:
Bitte lesen Sie HIER weitere Informationen über die Sitzhaltung und ihre Auswirkungen auf Kreuzschmerzen.
Beim Sitzen am Arbeitsplatz sollte der Büromitarbeiter die folgende Ausrichtung einnehmen, um eine optimale Körperhaltung zu erreichen und das Risiko von Beschwerden und Verletzungen des Bewegungsapparats zu verringern.
Bitte sehen Sie sich das folgende Video an, in dem ein Physiotherapeut eine grundlegende Analyse des Sitzens am Computer demonstriert.
Klicken Sie HIER, um einen Leitfaden für ergonomische Computerarbeitsplätze und eine Checkliste des National Institute of Health zu erhalten.(24)
Als Bewegungsspezialisten können Physiotherapeuten Büromitarbeiter zu einem aktiveren Lebensstil anregen. Nachfolgend finden Sie eine Liste(7) der klinischen Möglichkeiten, die einem Büromitarbeiter helfen können, Kreuzschmerzen zu bewältigen und/oder vorzubeugen:
Nachfolgend finden Sie eine Liste mit einfachen Bewegungsübungen, die als Mikropausen während des Arbeitstages durchgeführt werden können.
| Bewegungen im Sitzen | Bewegungen im Stehen |
|---|---|
| Ändern Sie die Art und Weise, wie die Arme oder Beine überkreuzt sind | Fersenheben |
| Tippen Sie mit den Füßen auf den Boden. | Schulterblätter zusammenziehen |
| Abwechselnd die Ferse und die Zehen anheben, während die Füße auf dem Boden stehen | Drehen Sie den Kopf sanft von einer Seite zur anderen |
| Füße ein- und auswärts drehen | Hände öffnen/schließen |
| Beine nacheinander beugen/strecken | An Ort und Stelle marschieren |
| Mit den Zehen wackeln | Boxen in die Luft |
Die folgenden Videos sind Beispiele für Bewegungen, die von Büromitarbeitern ausgeführt werden können. Das erste Video basiert auf Yoga-Formen für einen eher integrativen medizinischen Bewegungsansatz, das zweite ist eine eher klinische Alternative.
Beachten Sie auch die Ideen, die in diesem TED-Talk vorgestellt werden.
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