Das Erlernen einer neuen Fertigkeit erfordert stundenlanges Üben mit Wiederholungen und das Erforschen der verschiedenen Möglichkeiten, ein gewünschtes Ergebnis zu erzielen. Es erfordert Ausdauer, wiederholte Erfolgserlebnisse und auch wiederholte Misserfolge.(1)(2) Das Erlernen des Stehens und des Entlanghangelns an Gegenständen (auch „Cruising“ genannt), zunächst mit Unterstützung und dann ohne, sowie der ersten Schritte kann in drei Phasen unterteilt werden:
Die Alberta Infant Motor Scale (AIMS) bietet einen nützlichen Anhaltspunkt für die Abfolge der Fähigkeiten, die bei normal entwickelten Säuglingen zu beobachten sind, sowie für die Altersspanne, in der 50-90 % der Säuglinge diese Fähigkeiten erwerben.(3)
Die AIMS wurde an kanadischen Säuglingen standardisiert, anschließend jedoch an zahlreichen Gruppen von Kindern in der ganzen Welt untersucht.(4)(5)(6)(7)
Interessanterweise blieb die Reihenfolge der Items immer gleich, obwohl es Unterschiede im Alter gab, in dem Säuglinge in den verschiedenen Studien die Items in jeder Subskala erreichten. Für die Beschreibung der Entwicklung des Stehens ist also die Reihenfolge des Erwerbs der verschiedenen Fertigkeiten nützlicher als das Alter, in welchem der Säugling sie erreicht.(1)
Wenn neugeborene Säuglinge in aufrechter Position um den oberen Brustkorb herum unterstützt werden und ihre Füße eine Unterlage berühren, übernehmen sie mit den unteren Extremitäten das eigene Körpergewicht in unterschiedlichem Maße.
Wiederholte Schritte können ausgelöst werden, wenn der Säugling nach vorne bewegt oder auch leicht nach vorne geneigt wird. Dieser Schreitreflex kann direkt nach der Geburt ausgelöst werden, lässt aber bald nach und verschwindet im Alter von etwa 2-3 Monaten.(8)
In dieser Phase des Stehenlernens, in der der Säugling von einer Betreuungsperson aufrecht gehalten und um den Brustkorb unterstützt wird, lernt er, seinen Rumpf, seine Hüften und Knie aktiv zu strecken, um sein Körpergewicht zu tragen.
Im Alter von 1-2 Monaten steht der Säugling mit leicht gebeugten Hüften und nach vorne geneigtem Rumpf. Er ist noch nicht in der Lage, sein Körpergewicht vollständig zu tragen.(3)
Mit etwas Übung und mit zunehmender Kraft der Streckmuskeln der unteren Extremitäten kann der Säugling mehr von seinem Körpergewicht tragen, wenn er von einer Betreuungsperson unterstützt wird.(9)
Mit 5-6 Monaten sind Säuglinge in der Lage, das Gewicht ihres Kopfes und ihres Rumpfes vollständig zu tragen. Sie stehen mit gestreckten Hüften und in einer Linie mit den Schultern. Säuglinge haben zu diesem Zeitpunkt auch gelernt, sich an den Händen einer Betreuungsperson festzuhalten.
In diesem Stadium hat der Säugling große Freude am Stehen und wippt in den Knien auf und ab, indem er sie beugt und streckt. Diese wiederholten Bewegungen tragen dazu bei, das Bewegungshirn zu trainieren, den sensorischen Input der Muskeln und Gelenke zu nutzen, um die zur Beibehaltung der Aufrichtung erforderliche Muskelkraft unter verschiedenen Bedingungen anzupassen.(9)
Ab dem 8. bis 10. Monat beginnen Säuglinge, sich mit Hilfe ihrer Hände in den Stand hochzuziehen, wobei sie zunächst mit den oberen Extremitäten ziehen und die unteren Extremitäten strecken. Mit etwas Übung lernen sie, durch den Halbkniestand in den Stand zu kommen.(10)
Sobald der Säugling steht, verlagert er sein Gewicht von einer Seite zur anderen und lernt, das Gleichgewicht zu halten, wenn er eine Hand hebt, um nach einem Spielzeug zu greifen.
Er lernt, eine Hand zu heben und zur Seite zu greifen, zunächst nach Spielzeug und anderen interessanten Gegenständen in Reichweite, dann nach Spielzeug, das knapp außer Reichweite ist. Der Säugling lernt auch, nach oben und nach hinten zu greifen.
Sobald Säuglinge gelernt haben, sich mit Unterstützung in den Stand zu ziehen, verbringen sie Zeit damit, zu erforschen, wie sie am besten das Gleichgewicht halten können, wenn sie nach einem Spielzeug greifen oder sich drehen, um in verschiedene Richtungen zu schauen.
Diese Erkundung der Gewichtsverlagerung und der Rumpfausrichtung zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts wird durch den Wunsch des Säuglings erleichtert, eine Hand zu heben und nach Spielzeug zu greifen.
Zunächst experimentieren sie mit verschiedenen Möglichkeiten, ihr Gewicht zu verteilen, wenn sie eine Hand heben. Es sind zwei Muster der Gewichtsverteilung zu erkennen, nämlich ein ipsilaterales und ein kontralaterales Muster.
Wenn ein Arm angehoben wird, verlagert sich das Gewicht auf die kontralaterale Hand und untere Extremität. Dies ist ein instabiles Muster, da die Unterstützungsfläche von Seite zu Seite schmal ist und Säuglinge leicht zur Seite fallen, wenn sie ihr Gewicht zu nahe an den seitlichen Rand ihrer Unterstützungsfläche verlagern.
Säuglinge, die aktiv erkunden, wie sie ihr Gewicht auf verschiedene Arten umverteilen, entdecken bald, dass das stabilste Muster beim Anheben einer Hand darin besteht, ihr Gewicht auf die ipsilaterale untere Extremität und die kontralaterale Hand zu verlagern. Pam Versfeld nennt dies das „überkreuzte Muster“ („Cross-over“).(11)
Neben dem Erlernen eines überkreuzten Musters zur Gewichtsverteilung müssen Säuglinge auch lernen, ihren Rumpf und ihre unteren Extremitäten vertikal (senkrecht) auszurichten.
Um weit zu einer Seite zu greifen, wird der Rumpf manchmal zu dieser Seite verlagert.
Dies bedeutet, dass der Rumpf nicht senkrecht zu den unteren Extremitäten ausgerichtet ist. Mit anderen Worten: Um das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, muss der Massenschwerpunkt vertikal so ausgerichtet sein, dass die SKL gut innerhalb der USTFL bleibt.
Mit wiederholtem Üben lernt der Säugling, kleine Schritte zur Seite zu machen, um von unten her die USTFL vertikal unter den Massenschwerpunkt zu bringen.
Säuglinge lernen auch, sich zu bücken, um Spielzeug zu ergreifen.
Oft beginnen sie damit, dass sie die Hüfte beugen und den Rumpf nach vorne lehnen. Mit etwas Übung lernen sie, ihre Hüften und Knie zu beugen, wenn sie sich nach vorne lehnen, um nach einem Spielzeug auf dem Boden zu greifen.
Das Entlanghangeln an Gegenständen, „Cruising“ genannt, unterscheidet sich vom Schreiten dadurch, dass der Säugling eine Reihe von Schritten mit einer definierten Stand- und Schwungphase für jede untere Extremität macht.
Die Neupositionierung der Hand auf der Kontaktfläche wird mit den Bewegungen der unteren Extremitäten gegenphasig synchronisiert. Mit zunehmender Erfahrung verbessert sich diese gegenphasige Koordination und die Geschwindigkeit nimmt zu.
Säuglinge lernen, die Bewegungen ihrer Extremitäten so zu koordinieren, dass sie immer größere Lücken überqueren können.
Die gegenphasigen Bewegungen der oberen und unteren Extremitäten entsprechen denen des Krabbelns. Neuere Untersuchungen von Ori Osmy und Karen Adolph(12) von der New York University haben jedoch gezeigt, dass die Entwicklung des gut koordinierten gegenphasigen Cruisings nicht durch Krabbeln, Erfahrung oder Kompetenz beeinflusst wird. Sie wird jedoch von der Erfahrung des Säuglings mit dem Cruising selber und der Struktur der Umwelt beeinflusst, wie z. B. Höhe und Art der Kontaktflächen und Abstände zwischen den Kontaktflächen, die als Hilfestellung dienen.(12)
Die erste Erfahrung, die ein Säugling beim Hinsetzen aus dem Stehen macht, ist, dass er das Gleichgewicht verliert und hinfällt. Mit etwas Erfahrung lernt er, sich hinzusetzen, indem er das Gesäß nach hinten bewegt und den Rumpf nach vorne neigt, so dass er in einer sitzenden Position landet.
Mit etwas Übung lernen Säuglinge auch, ihre Hüften und Knie zu beugen, den Rumpf nach vorne zu neigen und sich in die Hocke zu begeben, um sich dann aus dieser Position hinzusetzen.
Die nächste Fertigkeit, die Säuglinge im Alter von etwa 10,5-13 Monaten erwerben, besteht darin, die Kontaktfläche der oberen Extremität loszulassen und für kurze Zeit selbstständig ohne Hilfestellung zu stehen.(13)(3)
Anschließend können ein paar Schritte nach vorne gemacht werden. Die Schritte sind schnell, kurz und breitbasig.
Ein wichtiger Aspekt bei der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts im Sitzen und Stehen ist die Integration und Gewichtung der sensorischen Informationen aus verschiedenen Quellen (Tastsinn, Propriozeption, vestibuläre und visuelle Wahrnehmung), die für die Einschätzung der Position des Körpers als Ganzes erforderlich sind. Diese Integration spiegelt sich im Vorhandensein und Ausmaß von Haltungsschwankungen wider.
Carpenter et al.(14) vermuten, dass das zentrale Nervensystem Schwankungen als Erkundungsmechanismus nutzt, um sicherzustellen, dass kontinuierlich dynamische sensorische Inputs bereitgestellt werden.(14)
„Die Muster der Haltungsschwankungen neu stehender Säuglinge wurden unter zwei Bedingungen verglichen: Stehen, während sie ein Spielzeug halten und Stehen, während sie kein Spielzeug halten. Säuglinge zeigten ein geringeres Ausmaß an Haltungsschwankungen und komplexere Schwankungsmuster, wenn sie das Spielzeug hielten. Diese Veränderungen deuten darauf hin, dass Säuglinge ihre Körperhaltung so anpassen, dass sie das Spielzeug in ihrer Hand visuell besser fixieren und stabilisieren können. Wenn die Säuglinge einfach nur stehen, zeigten sie ein eher exploratives Schwankungsverhalten. Explorative Schwankungsmuster könnten es Säuglingen ermöglichen, die Vorzüge ihrer neuen Stehhaltung zu erlernen. Diese Ergebnisse zeigen, dass Säuglinge, die gerade stehen, zu einer aufgabenabhängigen Haltungskontrolle fähig sind.“(15)
Sobald sie selbstständig stehen können, lernen Säuglinge, sich in die Hocke zu begeben und mit kontrollierter Flexion und Extension der Knie wieder aufzustehen. Sie beginnen auch, in der Hocke zu spielen. Sie lernen das Aufstehen aus dem Sitzen, meistens über den Bärenstand.
Sobald Säuglinge selbstständig stehen können, beginnen sie, kleine Schritte vorwärts zu machen. Das Alter, in dem das Gehen beginnt, ist sehr unterschiedlich. Normal entwickelte Kinder können zwischen 11 und 14 Monaten mit dem Gehen beginnen.(3)