Neuroplastizität in der klinischen Praxis

Originaler Autor User:Dinu Dixon

Top-Beitragende Stacy Schiurring, Dinu Dixon, Jess Bell und Kim Jackson

Einleitung(edit | edit source)

Neuroplastizität, auch neuronale Plastizität oder Plastizität des Gehirns genannt, ist die „Fähigkeit von Neuronen und neuronalen Netzwerken im Gehirn, ihre Verbindungen und ihr Verhalten als Reaktion auf neue Informationen, sensorische Reize, Entwicklung, Schädigung oder Dysfunktion zu verändern.“(1)

Es handelt sich um einen normalen und fortlaufenden Prozess, der während des gesamten menschlichen Lebens als Reaktion auf innere und äußere Reize stattfindet.(2)(3)(4) Das Konzept der Neuroplastizität wird häufig mit neurologischen Verletzungen in Verbindung gebracht. Es ist jedoch ein wesentlicher Bestandteil der kindlichen Entwicklung, des Lernens und des Erwerbs von Fertigkeiten und wird häufig bei Interventionen in der Rehabilitation eingesetzt. Nicht jede Neuroplastizität kann als positiv oder vorteilhaft(5) für die menschlichen Funktionen und Fähigkeiten angesehen werden. Das Verständnis der Mechanismen der Neuroplastizität ist für Rehabilitationsfachleute von entscheidender Bedeutung und führt zu einer effektiveren und effizienteren Therapie und besseren Behandlungsergebnissen.

Dieser Artikel gibt einen Überblick über die Mechanismen der Neuroplastizität, erörtert die Prinzipien der erfahrungsabhängigen Plastizität und untersucht den Zusammenhang zwischen Neuroplastizität und motorischem Lernen.

Mechanismen der Neuroplastizität (edit | edit source)

„Neuroplastizität bezeichnet die inhärente Fähigkeit des Gehirns, sich als Reaktion auf veränderte Umweltanforderungen anzupassen. In diesem Rahmen ist Plastizität ein adaptiver Prozess, der durch ein anhaltendes Missverhältnis zwischen dem funktionellen Angebot, das das Gehirn momentan bereitstellen kann, und den Anforderungen, die die Umgebung derzeit stellt, ausgelöst wird …“ – Wenger und Kühn (2021)(6)

Die wissenschaftliche und medizinische Fachwelt hat das transformative Potenzial der Neuroplastizität erkannt, was zu einem Paradigmenwechsel in der Neurorehabilitation geführt hat, deren Schwerpunkt nun auf der Nutzung der Fähigkeit des Gehirns zur Reorganisation für die funktionelle Wiederherstellung liegt. Dies lässt sich beispielsweise bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie einem zerebrovaskulären Insult (Schlaganfall),(7) der Parkinson-Krankheit oder nach Rückenmarksverletzungen (Querschnitt) beobachten.(4) Es gibt verschiedene Mechanismen, die die Plastizität steuern. Das Verständnis der verschiedenen Formen der Plastizität kann bei der Auswahl therapeutischer Maßnahmen für eine bestimmte Diagnose von Vorteil sein.

Synaptische Plastizität (edit | edit source)

Synaptische Plastizität ist die Fähigkeit von Synapsen, den Verbindungen zwischen Neuronen, sich im Laufe der Zeit als Reaktion auf eine Zunahme oder Abnahme ihrer Aktivität zu stärken oder zu schwächen. Dieses Phänomen ist für verschiedene Gehirnfunktionen, einschließlich Lernen und Gedächtnis, von entscheidender Bedeutung und ermöglicht es dem Gehirn, sich aufgrund von Erfahrungen und Umweltveränderungen anzupassen. Es gibt zwei wichtige Mechanismen für die synaptische Plastizität.(2)

  1. Langzeitpotenzierung (LTP): Tritt auf, wenn eine Synapse wiederholt stimuliert wird, was zu einer anhaltenden Zunahme der Stärke der synaptischen Reaktion führt. Das bedeutet, dass das postsynaptische Neuron stärker auf den vom präsynaptischen Neuron freigesetzten Neurotransmitter reagiert.
  2. Langzeitdepression (LTD): das Gegenstück zur LTP. Die LTD beinhaltet eine lang anhaltende Abnahme der synaptischen Stärke, die in der Regel durch eine niederfrequente Stimulation des präsynaptischen Neurons verursacht wird. Sie hilft dabei, synaptische Verbindungen zu verfeinern und zu kürzen, sodass sich das Gehirn anpassen und neu organisieren kann, indem es schwächere Synapsen eliminiert.

Strukturelle Plastizität (edit | edit source)

Strukturelle Plastizität bezieht sich auf die Fähigkeit des Gehirns, seine physische Struktur als Reaktion auf Erfahrungen, Lernen und Umweltanforderungen zu verändern. Im Gegensatz zur synaptischen Plastizität, bei der es um Veränderungen der Stärke bestehender synaptischer Verbindungen geht, umfasst die strukturelle Plastizität das Wachstum und die Reorganisation neuronaler Schaltkreise, einschließlich der Bildung und Beseitigung von Synapsen, Dendriten und sogar ganzen Neuronen.

Die strukturelle Plastizität ist für kognitive Funktionen wie Lernen, Gedächtnis und die Erholung nach neurologischen Verletzungen von entscheidender Bedeutung. Sie ermöglicht es dem zentralen Nervensystem (ZNS), sich an neue Erfahrungen und Umgebungen anzupassen, indem es seine Architektur physisch umgestaltet. Diese Form der Plastizität hat erhebliche Auswirkungen auf Rehabilitationsstrategien nach neurologischen Verletzungen und auf die Entwicklung von Behandlungen für kognitive Störungen. Eine Verbesserung der strukturellen Plastizität könnte zu besseren Ergebnissen bei der Genesung und einer besseren kognitiven Leistungsfähigkeit führen. Zu den wichtigsten Komponenten der strukturellen Plastizität gehören:(8)

  • Dendritisches Wachstum und Umbau: Das Wachstum neuer dendritischer Verzweigungen ermöglicht mehr synaptische Verbindungen und verbessert die Fähigkeit zur Informationsverarbeitung. Es hat sich gezeigt, dass Lernen und Gedächtnis einen dendritischen Umbau induzieren – d. h. Dendriten können als Reaktion auf neue Erfahrungen komplexer werden, was sich in einer Zunahme der synaptischen Verbindungen widerspiegelt.
  • Synaptogenese: Der Prozess der Bildung neuer Synapsen zwischen Neuronen. Die Synaptogenese findet während des Lernens und der Entwicklung statt und ermöglicht es dem Gehirn, neue Kommunikationswege zu schaffen. Sie kann durch verschiedene Faktoren beeinflusst werden, z.B. durch eine abwechslungsreiche Umgebung, körperliche Bewegung und den Kontakt mit neuen Reizen.
  • Synaptisches Pruning: Die Beseitigung schwächerer oder unnötiger Synapsen. Dieser Prozess ist entscheidend für die Verfeinerung neuronaler Schaltkreise und besonders ausgeprägt in kritischen Entwicklungsphasen wie der Kindheit und Jugend. Pruning (aus dem Englischen: stutzen, beschneiden) hilft, die Effizienz der neuronalen Bahnen aufrechtzuerhalten, indem überflüssige Verbindungen abgebaut und die Ressourcen auf die wichtigsten Bahnen konzentriert werden.
  • Neurogenese: Die Bildung von neuen Neuronen. In bestimmten Regionen des Gehirns, wie dem Hippocampus, können während des gesamten Erwachsenenalters neue Neuronen gebildet werden. Diese neuen Neuronen können sich in bestehende Schaltkreise integrieren und so die Lern- und Gedächtnisfähigkeiten verbessern.
  • Axonales Wachstum und Regeneration: Eine Reaktion auf neuronale Schäden, die die potenzielle Regeneration von Axonen nach einer neurologischen Verletzung ermöglicht. Obwohl diese Fähigkeit beim Menschen begrenzt ist, kann sie helfen, verlorene Funktionen nach einer Hirnverletzung oder einem Schlaganfall wiederherzustellen.

Funktionelle Plastizität (edit | edit source)

Funktionelle Plastizität bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen und seine Funktionen als Reaktion auf Veränderungen in der Aktivität, Erfahrung oder Verletzung neu zu organisieren. Dieser Prozess ermöglicht es verschiedenen Bereichen des Gehirns, neue Aufgaben zu übernehmen oder verlorene Funktionen zu kompensieren und so kognitive und körperliche Fähigkeiten zu erhalten.(9)

Das Verständnis der funktionellen Plastizität ist wichtig für die Entwicklung effektiver Rehabilitationsstrategien nach Hirnverletzungen. Therapien können so gestaltet werden, dass sie das Gehirn dazu anregen, sich neu zu organisieren und verlorene Funktionen zu kompensieren, beispielsweise durch gezielte Übungen oder kognitives Training. Funktionelle Plastizität spielt auch eine wichtige Rolle beim Erlernen neuer Informationen und Fertigkeiten. Sie unterstreicht die Bedeutung von Übung und Engagement für die Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten. Es gibt zwei Hauptmechanismen der funktionellen Plastizität:

  1. Anpassung des neuronalen Netzwerks: Wenn ein Bereich des Gehirns weniger aktiv ist, können benachbarte Regionen stärker aktiv werden und sich anpassen, um die verlorenen Funktionen zu unterstützen. Dabei werden bestehende Verbindungen gestärkt und neue gebildet.
  2. Kompensationsstrategien: Das Gehirn kann alternative Wege entwickeln, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Wenn zum Beispiel eine motorische Funktion beeinträchtigt ist, können andere Bereiche aktiver werden, um diesen Verlust auszugleichen.

Erfahrungsabhängige Plastizität (edit | edit source)

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Erfahrungsabhängige Plastizität ist der Prozess, durch den synaptische Verbindungen als Reaktion auf bestimmte Erfahrungen verstärkt oder geschwächt werden. Im Gegensatz zu anderen Formen der Plastizität, die eher angeboren oder entwicklungsbedingt sind, wird die erfahrungsabhängige Plastizität direkt durch die einzigartigen Interaktionen eines Individuums mit seiner Umwelt beeinflusst.(10)

Erfahrungsabhängige Plastizität ist entscheidend für die Genesung nach Hirnverletzungen oder Schlaganfällen. Rehabilitationstherapien können so gestaltet werden, dass sie diese Plastizität nutzen, indem sie Patienten zu gezielten Übungen anleiten, die die Reorganisation neuronaler Bahnen und die Wiederherstellung verlorener Funktionen fördern. Die erfahrungsabhängige Plastizität beruht auf zwei Hauptmechanismen:

  1. Synaptische Verstärkung: Die wiederholte Exposition gegenüber bestimmten Reizen oder Aufgaben kann die mit diesen Erfahrungen verbundenen synaptischen Verbindungen verstärken. Zum Beispiel führt das Üben eines Musikinstruments zu einer erhöhten Konnektivität in Gehirnregionen, die an der auditiven Verarbeitung und der motorischen Kontrolle beteiligt sind.
  2. Synaptisches Pruning: Erfahrungen können auch dazu führen, dass ungenutzte oder weniger effiziente synaptische Verbindungen abgebaut werden. Dieser Prozess trägt dazu bei, die neuronalen Schaltkreise zu verfeinern und sie effizienter zu machen, indem die Ressourcen auf die wichtigsten Verbindungen konzentriert werden.

Prinzipien der erfahrungsabhängigen Plastizität (edit | edit source)

Ein wegweisender Artikel, der 2008 von Kleim und Jones(11) veröffentlicht wurde, umreißt zehn Prinzipien der erfahrungsabhängigen Plastizität. Diese Liste basiert auf jahrzehntelanger neurowissenschaftlicher Forschung darüber, wie das Gehirn nach einer neurologischen Verletzung lernt und sich erholt.(11) Das Verständnis dieser Grundsätze kann Rehabilitationsfachleuten helfen, effektivere Behandlungspläne zu erstellen, die die Fähigkeit des Gehirns zur erfahrungsabhängigen Plastizität nutzen und letztendlich zu besseren Behandlungsergebnissen führen.

„Es wird angenommen, dass die neuronale Plastizität die Grundlage sowohl für das Lernen im intakten Gehirn als auch für das Neulernen im geschädigten Gehirn ist, das durch die körperliche Rehabilitation erfolgt.“ – Kleim und Jones (2008)(11)

Nachfolgend sind die zehn Prinzipien aufgeführt, die in dem Artikel von Kleim und Jones(11) beschrieben werden, mit einem klinischen Beispiel für jede Anwendung.

  1. Use it or lose it: Neurale Verbindungen, die nicht aktiv genutzt werden, können mit der Zeit schwächer werden oder verloren gehen. Die regelmäßige Nutzung der betroffenen Bereiche ist entscheidend für den Erhalt der Funktion.
    • Klinisches Beispiel: Ein Patient nach einem Schlaganfall leidet unter einer Schwäche in einem Arm. Wenn der Patient den betroffenen Arm nicht benutzt, werden die mit der Bewegung verbundenen neuralen Bahnen schwächer. Wenn Sie als behandelnder Therapeut den regelmäßigen Gebrauch des betroffenen Arms durch Aktivitäten wie das Greifen nach Gegenständen oder das Ausführen einfacher Aufgaben fördern, hilft das, diese Bahnen zu erhalten und zu stärken.
  2. Use it and improve it: Gezielte Aktivitäten können spezifische neurale Verbindungen stärken. Konzentrieren Sie sich auf Aufgaben, die die gewünschten Bewegungsmuster oder Fertigkeiten herausfordern und stimulieren.
    • Klinisches Beispiel: Bei einem Patienten, dessen Ziele die Verbesserung des Gleichgewichts umfassen, können Aktivitäten wie das Stehen auf einem Bein, die Verwendung eines Therapiekreisels oder das Stehen auf instabilen Oberflächen während anderer therapeutischer Aktivitäten gezielt die für das Gleichgewicht verantwortlichen neuronalen Schaltkreise trainieren.
  3. Spezifität: Die Art des Trainings muss dem gewünschten Ergebnis entsprechen oder es direkt fördern.
    • Klinisches Beispiel: Bei einem Patienten, der nach einer Knieverletzung ein eingeschränktes Bewegungsausmaß und eine verminderte Kraft aufweist, sollten sich die Übungen auf spezifische Bewegungen konzentrieren, z. B. auf die zunehmende Flexion bei der Kniebeuge oder auf das Treppensteigen, anstatt auf allgemeines Krafttraining. Dieser gezielte Ansatz stellt sicher, dass die Therapie direkt auf die Bewegungen abzielt, die der Patient im täglichen Leben ausführen muss.
  4. Wiederholung ist wichtig: Wiederholtes Üben ist für die Stärkung der synaptischen Verbindungen unerlässlich. Mehr Wiederholungen führen zu größeren Verbesserungen der Funktion. Die Forschung ist sich immer noch nicht im Klaren darüber, wie viele Wiederholungen einer bestimmten Aktivität für eine neuronale Veränderung erforderlich sind, aber es ist wahrscheinlich, dass es sich um Hunderttausende bis Millionen handelt.
    1. Klinisches Beispiel: Bei Patienten, die nach einem Schlaganfall unter einer Beeinträchtigung der Gehfähigkeit leiden, sollte die Behandlung ein Gangtraining umfassen, um die für das Gehen erforderlichen neuralen Verbindungen zu stärken. Höhere Wiederholungen dieser spezifischen Bewegungen helfen, den Lernprozess zu festigen. Es ist sinnvoll, ganze Trainingseinheiten auf das Gangtraining zu konzentrieren, um die hohe Anzahl an Wiederholungen zu erreichen, die für neuronale Veränderungen notwendig sind.
  5. Intensität ist wichtig: Ein Training mit höherer Intensität kann zu signifikanteren neuronalen Veränderungen führen. Stellen Sie sicher, dass die Rehabilitationsübungen anspruchsvoll genug sind, um Verbesserungen zu erzielen.
    • Klinisches Beispiel: Ein Patient mit Parkinson würde von hochintensiven Übungen profitieren, wie z. B. den intensiven und amplitudenbasierten Übungen, die Teil eines LSVT-BIG-Programms sind. Diese Art von Training kann im Vergleich zu Aktivitäten mit geringerer Intensität größere neuroplastische Veränderungen hervorrufen. Die Überwachung und Anpassung der Intensität der Übungen kann zu besseren Ergebnissen führen.
  6. Zeit ist wichtig: Der Zeitpunkt der Interventionen ist wichtig. Eine frühzeitige Therapie nach einer Verletzung kann aufgrund der erhöhten Plastizität das Genesungspotenzial maximieren.
    • Klinisches Beispiel: Bei einem Patienten, der kürzlich eine Rückenmarksverletzung erlitten hat, kann eine möglichst frühzeitige Rehabilitation die erhöhte Plastizität des Gehirns nutzen. Eine Frührehabilitation mit gezielten Übungen kann die Genesung und die funktionelle Unabhängigkeit verbessern.
  7. Salienz ist wichtig: Die Aktivität muss für den Patienten sinnvoll sein. Das Einbeziehen von Interessen oder Aufgaben aus dem wirklichen Leben kann die Motivation und das Engagement steigern und so das Lernen verbessern.
    • Wenn ein Patient Musiker ist, kann die Einbeziehung von Musik in Rehabilitationsübungen (z. B. die Verwendung von Rhythmus zur Verbesserung der Koordination) die Motivation und das Engagement steigern. Die Relevanz und Sinnhaftigkeit der Übungen trägt dazu bei, die Lernerfahrung zu verbessern.
  8. Alter und Plastizität: Die Fähigkeit zur Neuroplastizität ändert sich mit dem Alter. Jüngere Menschen verfügen oft über eine größere Plastizität, daher sollten die Maßnahmen entsprechend angepasst werden. Das bedeutet nicht, dass ältere Erwachsene keine Neuroplastizität haben, aber sie benötigen Anpassungen, wie z. B. mehr Zeit oder Wiederholungen, um dauerhafte Ergebnisse zu erzielen.
    • Klinisches Beispiel: Bei älteren Erwachsenen, die sich von einer Hüftfraktur erholen, kann der Ansatz von dem für jüngere Patienten abweichen. Während jüngere Patienten ihre Funktion schnell wiedererlangen können, benötigen ältere Erwachsene möglicherweise mehr Zeit und maßgeschneiderte Strategien, um neuroplastische Veränderungen zu fördern. Die Aktivitäten können sich auf sicheres Gehen und Krafttraining konzentrieren, um die allgemeine Mobilität zu fördern.
  9. Übertragung: Lernen in einem Bereich kann die Leistung in einem anderen Bereich beeinflussen. In der Therapie entwickelte Fertigkeiten können auf alltägliche Aktivitäten übertragen werden und so die allgemeine Funktionsverbesserung verstärken.
    • Klinisches Beispiel: Ein Patient, der Feinmotorikübungen wie das Greifen von Gegenständen trainiert, kann diese Fertigkeiten auf alltägliche Aufgaben wie das Knöpfen eines Hemdes oder die Benutzung von Besteck übertragen. Wenn gezeigt wird, wie die in der Therapie erlernten Fertigkeiten im Alltag angewendet werden können, wird ihre Bedeutung verstärkt und das Üben außerhalb der Sitzungen gefördert.
  10. Interferenz: Neues Lernen kann zuvor etablierte Muster beeinflussen. Achten Sie darauf, keine neuen Techniken einzuführen, die den aktuellen Fortschritt eines Patienten stören könnten.
    • Klinisches Beispiel: Wenn ein Patient nach einer Verletzung des Sprunggelenks als kompensatorische Bewegungsstrategie ein Hinken entwickelt hat, sollte die Einführung neuer Techniken im Gangtraining sorgfältig abgewogen werden, um das Hinken nicht zu verstärken. Allmähliche Anpassungen und konsistentes Feedback sind der Schlüssel, um eine Beeinträchtigung bereits erworbener Fertigkeiten zu verhindern.

Die Wirkstoffe der Neuroplastizität (edit | edit source)

Eine Veröffentlichung von Winstein und Kay aus dem Jahr 2015(12) befasste sich eingehender mit den zehn Prinzipien der erfahrungsabhängigen Plastizität und identifizierte die „vier Wirkstoffe der Neuroplastizität”, die in Behandlungspläne integriert werden sollten, um das Ergebnis für den Patienten zu optimieren. Diese Prinzipien sind (1) Intensität, (2) Salienz, (3) Wiederholung und (4) Spezifität.(12)

Neuroplastizität und motorisches Lernen (edit | edit source)

Motorisches Lernen ist der Prozess des Erwerbs und der Veränderung von Bewegungsmustern im Laufe der Zeit durch Übung und Erfahrung. Der Erwerb und die langfristige Beibehaltung von motorischen Fertigkeiten sind für alltägliche Aktivitäten wie Schreiben und Sport von entscheidender Bedeutung und bilden die Grundlage für Rehabilitationsinterventionen.(13)

Jüngste Fortschritte in der Neurobildgebung und der nicht invasiven Hirnstimulation haben unser Verständnis der Hirnmechanismen hinter dem motorischen Lernen verbessert. Studien an Menschen und Tieren haben gezeigt, dass die Entwicklung von Fertigkeiten mit der Neuroplastizität in verschiedenen miteinander verbundenen Hirnregionen zusammenhängt, wobei verschiedene Lernphasen unterschiedliche neuronale Schaltkreise beanspruchen.(13) Es gibt zunehmend Evidenz dafür, dass körperliche Aktivität neuroprotektive Wirkungen hat, die dem altersbedingten geistigen Abbau und neurodegenerativen Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer entgegenwirken. Darüber hinaus unterstützt körperliches Traning die motorische und kognitive Erholung nach Verletzungen des ZNS. So verbessern beispielsweise aerobe Trainingsmaßnahmen wie Exergaming und Laufbandtraining die Neuroplastizität erheblich, indem sie die kortikale Neukartierung fördern und die motorischen Konnektivitätsmuster des Gehirns verändern.(4)

Neuroplastizität liegt dem motorischen Lernen zugrunde, und motorisches Lernen treibt die Neuroplastizität an.(14) Bitte lesen Sie diesen Artikel, um mehr über motorische Kontrolle und motorisches Lernen zu erfahren.

Die OPTIMAL-Theorie des motorischen Lernens geht davon aus, dass optimales Lernen und optimale Leistung durch bestimmte Bedingungen erreicht werden, die die Motivation steigern und die Neuroplastizität fördern. „OPTIMAL“ ist ein Akronym, das für „Optimizing Performance Through Intrinsic Motivation and Attention for Learning“ steht. Die OPTIMAL-Theorie unterstreicht die Bedeutung motivierender und kontextbezogener Faktoren bei der Förderung neuroplastischer Veränderungen während des motorischen Lernens, die letztlich die Effektivität des Erwerbs und der Beibehaltung (Retention) von Fertigkeiten verbessern.(15) Die OPTIMAL-Theorie steht in folgender Weise mit der Neuroplastizität in Zusammenhang:

  • Gesteigerte Motivation: Die OPTIMAL-Theorie legt nahe, dass die Förderung der intrinsischen Motivation zu einem effektiveren Üben führt. Wenn Lernende motiviert sind, beschäftigen sie sich intensiver mit Aufgaben, was neuroplastische Veränderungen fördern kann, da sich ihr Gehirn an die Anforderungen der Aktivität anpasst.
  • Feedback-Mechanismen: Die OPTIMAL-Theorie unterstreicht die Bedeutung von effektivem Feedback beim Lernen. Positives Feedback und spezifische Anleitung können Lernende dazu ermutigen, ihre Bewegungen zu verfeinern, was zu bedeutenderen neuronalen Anpassungen führt, während sie ihre Techniken üben und korrigieren.
  • Einbindung in eine Aufgabe: Die Beschäftigung mit sinnvollen, kontextreichen Aufgaben kann die an der motorischen Kontrolle beteiligten Gehirnbereiche stimulieren. Dieser aufgabenorientierte Ansatz fördert die Entwicklung neuronaler Schaltkreise, die mit den spezifischen geübten Fertigkeiten zusammenhängen, und begünstigt neuroplastische Veränderungen.
  • Konsolidierung und Beibehaltung : Die OPTIMAL-Theorie erkennt an, dass optimale Übungsbedingungen nicht nur unmittelbare Leistungsverbesserungen unterstützen, sondern auch die Konsolidierung motorischer Fertigkeiten im Langzeitgedächtnis erleichtern. Dieser Konsolidierungsprozess ist eng mit der Neuroplastizität verbunden, da er strukturelle und funktionelle Veränderungen im Gehirn beinhaltet, die die erlernten Fertigkeiten stabilisieren.

Bitte lesen Sie diesen Artikel, um mehr über die OPTIMAL-Theorie des motorischen Lernens zu erfahren.

Zusätzliche Ressourcen (edit | edit source)

Optionale empfohlene Literatur (edit | edit source)

Optionale Videos (edit | edit source)

  • Das folgende TED-Talk-Video zeigt ein klinisches Beispiel für Neuroplastizität in der Rehabilitationspraxis des Ergotherapeuten Dr. Shawn Phipps:

(16)

  • Der folgende Podcast ist ein Interview mit den Autoren und Forschern Gaby Wulf und Rebecca Lewthwaite über die OPTIMAL-Theorie des motorischen Lernens:

(17)

Referenzen(edit | edit source)

  1. Britannica. Neuroplasticity. Available from: https://www.britannica.com/science/neuroplasticity (accessed 8 October 2024).
  2. 2.0 2.1 National Library of Medicine, StatPearls, Neuroplasticity. 2023. Available from: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK557811/ (Accessed 8 October 2024).
  3. Dinse HR. Neuroplasticity in humans. Neuroscience for Psychologists: An Introduction. 2021:193-230.
  4. 4.0 4.1 4.2 Cardoso SV, Fernandes SR, T TOMÁS MA. Therapeutic importance of exercise in neuroplasticity in adults with neurological pathology: systematic review. International Journal of Exercise Science. 2024 Aug 1;17(1):1105.
  5. Pelletier R, Higgins J, Bourbonnais D. Is neuroplasticity in the central nervous system the missing link to our understanding of chronic musculoskeletal disorders?. BMC musculoskeletal disorders. 2015 Dec;16:1-3.
  6. Wenger E, Kühn S. Neuroplasticity. Cognitive training: An overview of features and applications. 2021:69-83.
  7. Aderinto N, AbdulBasit MO, Olatunji G, Adejumo T. Exploring the transformative influence of neuroplasticity on stroke rehabilitation: a narrative review of current evidence. Annals of Medicine and Surgery. 2023 Sep 1;85(9):4425-32.
  8. Gage FH. Structural plasticity of the adult brain. Dialogues in clinical neuroscience. 2004 Jun 30;6(2):135-41.
  9. Oberman L, Pascual-Leone A. Changes in plasticity across the lifespan: cause of disease and target for intervention. Progress in brain research. 2013 Jan 1;207:91-120.
  10. LibreTexts Social Sciences. Experience-dependent plasticity. Available from: https://socialsci.libretexts.org/Workbench/Infant_and_Toddler_Care_and_Development_Revised_Edition_(Taintor_and_LaMarr)/05%3A_Supporting_Brain_Development_in_Group_Care/5.03%3A_Experience-dependent_plasticity (accessed 8 October 2024).
  11. 11.0 11.1 11.2 11.3 Kleim JA, Jones TA. Principles of experience-dependent neural plasticity: implications for rehabilitation after brain damage. Journal of Speech, Language, and Hearing Research. 2008;51:S225–S239.
  12. 12.0 12.1 Winstein CJ, Kay DB. Translating the science into practice: shaping rehabilitation practice to enhance recovery after brain damage. Progress in brain research. 2015 Jan 1;218:331-60.
  13. 13.0 13.1 Dayan E, Cohen LG. Neuroplasticity subserving motor skill learning. Neuron. 2011 Nov 3;72(3):443-54.
  14. AT Still University, Department of Physical Therapy. Neuroplasticity and Motor Learning. Available from: https://www.barrowneuro.org/wp-content/uploads/Neuroplasticity_Motor-Learning_Lynskey.pdf (accessed 11 October 2024).
  15. Wulf G, Lewthwaite R. Optimizing performance through intrinsic motivation and attention for learning: The OPTIMAL theory of motor learning. Psychonomic bulletin & review. 2016 Oct;23:1382-414.
  16. YouTube. Occupational Therapy and Neuroplasticity After Brain Injury | Dr. Shawn Phipps | TEDxAlmansorPark. Available from: https://www.youtube.com/watch?v=AEzsxKQ3Gfc (last accessed 16 October 2024)
  17. YouTube. Interview with Gaby Wulf & Rebecca Lewthwaite, OPTIMAL Theory of Motor Learning. Available from: https://www.youtube.com/watch?v=_BGNVfQDkdc (last accessed 16 October 2024)


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