Integrative Ansätze zur Behandlung von Beckenschmerzen in der Traumabewältigung

Originale Autorin Naomi O’Reilly basierend auf dem Kurs von Diana Blaney

Top-Beitragende Ewa Jaraczewska, Jess Bell und Kim Jackson

Einleitung(edit | edit source)

In den letzten Jahren hat sich unser Wissen über die Zusammenhänge zwischen Trauma, emotionalem Wohlbefinden und sexueller Gesundheit erweitert.(1) Der Zusammenhang zwischen Gehirn, Trauma und dem körperlichen Wohlbefinden wird zunehmend erkannt und das Interesse daran steigt.(1) Ein gutes Verständnis von Schmerz, Nozizeption und den Auswirkungen eines Traumas auf den Schmerz ist von Vorteil, wenn es darum geht, Interventionen für Patienten mit einer Vorgeschichte von Trauma und Beckenschmerzen auszuwählen. Bestimmte integrative Strategien können helfen, Schmerzen und Ängste bei diesen Menschen zu bewältigen, darunter Achtsamkeit, achtsame Bewegung, Atemtechniken und Graded Exposure.

Schmerz – Begriffsbestimmung ( edit | edit source )

Die von der International Association for the Study of Pain (IASP) aufgestellte, am weitesten akzeptierte und aktuelle Definition von Schmerz lautet wie folgt:

Schmerz ist: „ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit einer tatsächlichen oder drohenden Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird.“(2)

Schmerz kann als ein komplexes Zusammenspiel zwischen körperlichen und emotionalen Reaktionen beschrieben werden, die durch tatsächliche oder potenzielle Gewebeschäden ausgelöst werden. Schmerz wird oft mit einem Warnsignal (z.B. einem Alarmsystem) verglichen, das uns signalisiert, wenn unser Körper einen möglichen Schaden wahrnimmt. Wenn Sie beispielsweise eine größere Portion Eiscreme schlucken, kann dies zu einem kurzzeitigen Kältekopfschmerz (engl. „brain freeze“) führen – eine Empfindung, die oft als Schmerz ohne Gewebeschaden interpretiert wird. Auch die kurze Berührung einer heißen Oberfläche löst als Schutzsignal Schmerzen aus, obwohl die Haut nicht dauerhaft geschädigt wird.(3) Diese Analogien können den Menschen helfen zu verstehen, dass Schmerzen nicht nur aufgrund von körperlichen Verletzungen auftreten, sondern dass das Gehirn und der Körper auch Signale verarbeiten, die auf potenzielle Bedrohungen für den Körper hinweisen.

Schmerz vs. Nozizeption ( edit | edit source )

Nozizeption und Schmerz sind zwei verschiedene Mechanismen. „Die Nozizeption bezieht sich auf das Signal, das im Nervensystem übertragen wird, während Schmerz die Wahrnehmung der unangenehmen Erfahrung ist.“(4) Nozizeptoren erkennen „Gefahr“ bzw. noxische Reize, darunter extreme Temperaturen (heiß und kalt), starke mechanische Kräfte und schädliche Chemikalien. Diese Nachrichten über das Rückenmark an das Gehirn gesendet.(5) Nozizeptive Signale werden auf mehreren Ebenen des zentralen Nervensystems moduliert, so dass „Schmerz nicht die bloße Reflexion der Nozizeption ist. Genetische, umweltbedingte, gesellschaftliche, physiologische und psychologische Faktoren beeinflussen die Wahrnehmung von Schmerzen.“(4)

Beckenschmerzen bei Traumaüberlebenden ( edit | edit source )

Eine traumatische Vorgeschichte, einschließlich körperlichen und sexuellen Missbrauchs, ist ein anerkannter Risikofaktor für chronische Beckenschmerzen.(6)(7) (8)(9) Über den Zusammenhang zwischen sexuellen Übergriffen und Beckenschmerzen wurde in Untersuchungen in der Allgemeinbevölkerung berichtet,(10) sowie in Studien, die die Auswirkungen von sexuellen Übergriffen auf Frauen und Männer untersuchten.(11)

Zu den Ursachen für chronische Beckenschmerzen bei Überlebenden von Folter können folgende gehören:(9)

  • Narbengewebe oder Verletzungen der peripheren Nerven, die zu lokalisierten Schmerzen führen
  • veränderte zentrale Schmerzmechanismen, einschließlich einer muskulären Hyperalgesie und einer sensorischen Dysästhesie (abnorme Empfindung)

Aktivierungsmuster der Beckenbodenmuskulatur und Bewusstheit als Reaktion auf Bedrohungen ( edit | edit source )

Van der Velde und Everaerd(12) untersuchten den Zusammenhang zwischen der unwillkürlichen Aktivität der Beckenbodenmuskulatur, der Wahrnehmung der Muskelaktivität und der erlebten Bedrohung bei Frauen mit und ohne Vaginismus. In dieser Studie wurden die Beckenbodenmuskeln der Teilnehmer als Reaktion auf bedrohliche und sexuell bedrohliche Videos aktiviert. Dies könnte als Teil eines allgemeinen Verteidigungsmechanismus betrachtet werden.(12) Frauen mit Vaginismus hatten auch ein vermindertes Muskelbewusstsein in ihrem Beckenbodenbereich.(3) In ähnlicher Weise wurde festgestellt, dass Überlebende sexueller Gewalt ein vermindertes Bewusstsein für die Anatomie ihres Beckenbodens und eine verminderte Wahrnehmung des Beckenbodens haben (d.h. ein „Brain Smudging“).(3)

Sehen Sie sich das Video unten an, wenn Sie mehr über das sogenannte „Brain Smudging“ erfahren möchten.

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Achtsamkeit und achtsame Bewegung ( edit | edit source )

Achtsamkeit ist eine Strategie zur Stressreduktion, bei der die Person eine Bewusstheit entwickelt, „indem sie ihre Aufmerksamkeit absichtlich, im gegenwärtigen Moment und nicht wertend auf die Entfaltung der Erfahrung von Augenblick zu Augenblick richtet.“(14) Die Person versucht, den Fokus und die Richtung ihrer Aufmerksamkeit zu kontrollieren, ohne Gedanken zu verwerfen oder zu unterdrücken.(15) Eine Reihe von Studien hat den signifikanten Einfluss von Achtsamkeit auf die Schmerzwahrnehmung hervorgehoben. Brotto et al.(16) fanden heraus, dass Achtsamkeit bei „den meisten schmerz- und sexualitätsbezogenen Endpunkten bei der Behandlung von PVD (provozierte Vestibulodynie) ebenso wirksam ist wie kognitive Verhaltenstherapie (CBT).“(16) Achtsamkeit kann Patienten helfen:(17)

  • ein stärkeres Bewusstsein für die Signale des eigenen Körpers zu entwickeln
  • Schmerzauslöser besser zu verstehen
  • die Schmerzempfindlichkeit zu reduzieren
  • Schmerzempfinden und Angstwerte zu reduzieren(18)
  • Bewältigungsmechanismen für den Umgang mit Beckenschmerzen zu verbessern

Achtsame Bewegung bedeutet, Bewegungen oder Übungen mit Bewusstheit und Aufmerksamkeit auszuführen. Sie kombiniert die Prinzipien der Achtsamkeit mit verschiedenen Bewegungsübungen wie Yoga, Tai Chi, Qi Gong oder einfachen Dehnübungen.(19)(16) Achtsame Bewegung erfordert, dass die Person langsamer wird und in Geist, Körper und Seele präsent ist.

Bei der achtsamen Bewegung achten die Teilnehmer bei jeder Bewegung oder Haltung genau auf ihre Körperempfindungen, ihren Atem, ihre Gedanken und ihre Gefühle. Der Schwerpunkt liegt darauf, sich auf die Bewegungen des Körpers einzustimmen, Empfindungen nicht wertend zu beobachten und eine tiefe Verbindung zwischen Geist und Körper zu fördern. Diese Praxis verbessert die Körperwahrnehmung, fördert die Entspannung, baut Stress ab und kultiviert ein Gefühl der Ruhe und Klarheit durch die Steigerung der „neuronalen Aktivität in den Bereichen der interozeptiven Wahrnehmung“.(20) Außerdem „ermöglicht sie eine Neubewertung der sensorischen Informationen“.(20)

Graded Exposure ( edit | edit source )

Graded Exposure (etwa: „abgestufte Exposition“) soll Menschen dabei helfen, bestimmte Ängste, Phobien, Traumata oder Ängste zu überwinden, indem sie sich schrittweise einem gefürchteten Reiz oder einer Situation auf kontrollierte und systematische Weise aussetzen.(21) Bei diesem Ansatz muss die Person einen angstauslösenden Reiz oder eine Situation in kleinere, leichter zu bewältigende Schritte zerlegen. Die Person wird schrittweise mit diesen Schritten vertraut gemacht, beginnend mit dem Schritt, der am wenigsten Angst verursacht. Jeder Schritt zielt darauf ab, der Person zu helfen, ihr Vertrauen und ihre Toleranz aufzubauen und sie allmählich gegenüber dem Reiz zu desensibilisieren. So lernt sie, mit der Situation umzugehen, ohne überwältigende Angst oder Bedrängnis zu empfinden.(22)

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Toleranzfenster in der Therapie mit Graded Exposure ( edit | edit source )

Das Konzept des „Toleranzfensters“ spielt im Therapieverfahren der Graded Exposure eine wichtige Rolle. Es bietet einen Rahmen für das Verständnis und die Bewältigung der emotionalen und physiologischen Erregungsniveaus einer Person während des therapeutischen Prozesses.

Das Toleranzfenster, eingeführt von dem Psychiater Dan Siegel,(24) definiert einen optimalen Erregungszustand, in dem eine Person Emotionen und Informationen effektiv verarbeiten kann.

Wenn sie innerhalb eines Toleranzfensters arbeiten, können die Menschen ihre Ängste erkunden, ohne extreme Reaktionen auszulösen.(25) Wenn sich die Person jedoch außerhalb ihres Toleranzfensters bewegt, kann sie in einen Zustand der Übererregung/Hyperarousal (gekennzeichnet durch Panik oder extreme Angst) oder Untererregung/Hypoarousal (gekennzeichnet durch Dissoziation oder Taubheit) geraten. Daher muss die Graded Exposure sorgfältig darauf abgestimmt sein, dass die Person innerhalb ihres Toleranzfensters bleibt. Dadurch wird sichergestellt, dass Angst und Furcht auf einem überschaubaren Niveau gehalten werden, was eine allmähliche Anpassung und eine Verringerung des Leidensdrucks im Laufe der Zeit ermöglicht.

Praktische Anwendungen ( edit | edit source )

Atemtechniken ( edit | edit source )

Praktische Atemübungen beginnen in der Regel mit einem „Check-In“ (Zeit zum Ankommen), gefolgt von sanften, langsamen Bewegungen und Aktivitäten zur Kontrolle der Atmung. Die folgenden Übungen können Sie ausprobieren. Das Sitzen auf einem Gymnastikball kann bei diesen Techniken hilfreich sein:(3)

  • nehmen Sie Ihren Körper wahr und achten Sie auf steife Stellen
  • beginnen Sie, sich sanft auf dem Ball zu bewegen, während Sie die Atemmuster beobachten
  • erkunden Sie die Rippenatmung und die Bauchatmung anstelle der oberen Brustatmung (apikale Atmung), die eher flach ist und mit dem Modus von Kampf, Flucht und Erstarrung assoziiert wird
  • lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Beckenboden
    • finden Sie Ihre Beckenkämme, Schambein und Steißbein
    • kippen Sie das Becken nach vorne und nach hinten, um bei diesen Bewegungen Unterschiede im Beckenboden zu spüren
    • konzentrieren Sie sich, darauf, wie sich der Beckenboden mit der Atmung verändert
  • denken Sie an einen freudigen oder ängstlichen Moment und machen Sie sich bewusst, was im Beckenboden passiert. Erleben Sie, wie der Atem diese Empfindungen beeinflusst
  • probieren Sie verschiedene Atemtechniken aus, wie z.B. Visualisierungen (stellen Sie sich z.B. vor, dass Sie an Kaffee schnuppern oder Kerzen ausblasen), Boxatmung (Quadratatmung) oder abwechselnd durch die Nasenlöcher zu atmen

Graded Exposure ( edit | edit source )

Das zentrale Ziel der Graded Exposure ist es, die Fähigkeit einer Person zu verbessern, trotz Schmerzen oder Angst an relevanten Aktivitäten teilzunehmen. Ein Programm zur Graded Exposure sollte Folgendes umfassen:(26)(27)

  • Assessment
  • Festlegung funktioneller Ziele
  • Aufstellung einer individuellen Hierarchie der schmerzbezogenen Angstreize
  • Patientenedukation
  • Auswahl einer Aktivität auf der Grundlage dieser Angsthierarchie
  • Graded Exposure (abgestufte Exposition) zu schwierigen Situationen durch Übung und Vorbereitung
  • Wiederholte Exposition in Echtzeit(28)
  • Übertragung dieser Aktivitäten in den Alltag
  • Neubewertung der Angsthierarchie

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 Darnell C. Tending to painful sex: applying the neuroscience of trauma and anxiety using mindfulness and somatic embodiment in working with genito-pelvic pain and penetration disorders. Sexual and Relationship Therapy. 2023 Jul 3;38(3):398-410.
  2. Malik NA. Revised definition of pain by ‘International Association for the Study of Pain’: Concepts, challenges and compromises. Anaesthesia, Pain & Intensive Care. 2020 Jun 10;24(5):481-3.
  3. 3.0 3.1 3.2 3.3 Blaney D. Integrative Approaches for Pelvic Pain in Trauma Recovery Course. Plus, 2024.
  4. 4.0 4.1 Marchand S. Mechanisms challenges of the pain phenomenon. Front Pain Res (Lausanne). 2021 Feb 10;1:574370.
  5. Armstrong SA, Herr MJ. Physiology, Nociception. (Updated 2023 May 1). In: StatPearls (Internet). Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2024 Jan-. Available from: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK551562/
  6. Garza-Leal JG, Sosa-Bravo FJ, Garza-Marichalar JG, Soto-Quintero G, Castillo-Saenz L, Fernández-Zambrano S. Sexual abuse and chronic pelvic pain in a gynecology outpatient clinic. A pilot study. Int Urogynecol J. 2021 May;32(5):1285-91.
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  22. Ariza-Mateos MJ, Cabrera-Martos I, Ortiz-Rubio A, Torres-Sánchez I, Rodríguez-Torres J, Valenza MC. Effects of a Patient-Centered Graded Exposure Intervention Added to Manual Therapy for Women With Chronic Pelvic Pain: A Randomized Controlled Trial. Arch Phys Med Rehabil. 2019 Jan;100(1):9-16.
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  24. Siegel DJ.The Developing Mind. How Relationships and the Brain Interact to Shape Who We Are, 1st Edition. New York: Guilford Publications, 1999.
  25. Ogden P, Minton K, Pain C. (2006). Trauma and the body: A sensorimotor approach to psychotherapy. W. W. Norton & Company.
  26. Vlaeyen JW, de Jong J, Leeuw M, Crombez G. Fear reduction in chronic pain: graded exposure in vivo with behavioural experiments. Understanding and treating fear of pain. 2004 Jul 29:313-43.
  27. Leonhardt C, Kuss K, Becker A, Basler HD, de Jong J, Flatau B, Laekeman M, Mattenklodt P, Schuler M, Vlaeyen J, Quint S. Graded Exposure for Chronic Low Back Pain in Older Adults: A Pilot Study. J Geriatr Phys Ther. 2017 Jan/Mar;40(1):51-59.
  28. Naachimuthu KP, Kalpana T. Graded Exposure and Use of Thiruppugazh for Stuttering: A Case Study. Indian Journal of Positive Psychology. 2022 Mar 1;13(1).


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