Der Begriff „Entwicklung“ bezieht sich auf Veränderungen von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die die tägliche Funktionsfähigkeit verbessern. Zu verstehen, wie Säuglinge ihre motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickeln, ist von grundlegender Bedeutung für die kinderphysiotherapeutische Praxis. Das Erkennen typischer Entwicklungsmuster ermöglicht es Klinikern, festzustellen, wann die Entwicklung eines Säuglings von den erwarteten Normen abweicht, und die Behandlung entsprechend anzupassen.
Die Forschung zur motorischen Entwicklung von Säuglingen hat konsistente, vorhersehbare Muster beim Erwerb von Bewegungsfertigkeiten identifiziert. Vier wichtige Prinzipien beschreiben die typische Richtung und den Verlauf dieser Entwicklung:(1)(2)(3)(4)
Jedes dieser Prinzipien wird in den folgenden Abschnitten näher erläutert. Während diese Prinzipien die typische Richtung und Sequenz der motorischen Entwicklung beschreiben, ist es wichtig zu beachten, dass Kinder unterschiedlich schnell Fortschritte machen. Die Entwicklung wird durch das Zusammenspiel von erblichen Faktoren und Umwelteinflüssen (Familie, Kultur und soziale Einflüsse) geprägt, was bedeutet, dass sich das Tempo und das Muster des Fertigkeitserwerbs von Kind zu Kind unterscheiden.(1)(5)(6)
Motorische Fertigkeiten werden in kephalokaudaler Richtung (wörtlich „vom Kopf zum Schwanz“, sinngemäß „vom Kopf zum Fuß“) erworben.(1) Säuglinge entwickeln zuerst die Kopfkontrolle, gefolgt von der Kontrolle des Schultergürtels und der Arme, dann die Kontrolle des Rumpfes und schließlich die Kontrolle der unteren Extremitäten und der Füße.(2)
Dieser Verlauf ist bei der Entwicklung in Bauchlage deutlich zu erkennen. Im Alter von einem Monat verfügen Säuglinge über eine minimale Kopfkontrolle und liegen mit dem Gesicht nahe an der Unterstützungsfläche. Im Alter von zwei bis drei Monaten beginnen sie, den Kopf anzuheben; ihr Kinn hebt sich von der Oberfläche ab, doch die Ellbogen bleiben noch hinter den Schultern. Im Alter von drei bis vier Monaten erreichen Säuglinge typischerweise den Unterarm- bzw. Handstütz, wobei die Ellbogen unter die Schultern kommen, und sie beginnen, Gewicht auf ihre Arme zu bringen. Im Alter von fünf bis sechs Monaten können sie sich typischerweise auf den durchgestreckten Armen abstützen und verfügen über eine zunehmende Kontrolle über den oberen und mittleren Rumpf.(2)
Die motorische Kontrolle entwickelt sich vom Körperzentrum in Richtung Peripherie (proximodistal),(1) dass sich die grobmotorischen Fertigkeiten, die den Rumpf und die Schultern betreffen, vor den feinmotorischen Fertigkeiten der Hände und Finger entwickeln.(2)
Dieser Verlauf zeigt sich auch in der oben beschriebenen Entwicklungssequenz in Bauchlage. In den ersten Monaten zeigen Säuglinge eine zentrale Kontrolle durch das Anheben des Kopfes und die Stabilität der Körpermitte. In diesem Stadium tragen ihre Arme nur wenig dazu bei. Im Laufe der Entwicklung beginnen Säuglinge, sich etwas mehr auf ihre Ellbogen zu stützen, und schließlich sind sie in der Lage, ihre Ellbogen zu strecken, während sie sich mit den Händen abstützen. Die Fingerkontrolle und die Fähigkeit, kleine Gegenstände zu manipulieren, entwickeln sich später.(2)
Die Bewegungen von Säuglingen im frühen Alter zeichnen sich durch allgemeine, nicht zielgerichtete Aktivitäten aus, die den gesamten Körper einbeziehen. Mit der Zeit, wenn das Nervensystem reift, werden diese weit gefassten Bewegungsmuster zunehmend spezifischer und zielgerichteter.(2)
Allgemeine Bewegungen (GMs) werden als komplex beschrieben und umfassen den gesamten Körper, insbesondere Arm-, Bein-, Hals- und Rumpfbewegungen, in unterschiedlicher Abfolge.(7) In den ersten beiden Lebensmonaten sind die GMs durch „Writhing Movements“ gekennzeichnet, die in Intensität, Geschwindigkeit und Bewegungsausmaß variieren. Drehungen um die Achse der Extremität und leichte Änderungen der Bewegungsrichtung lassen sie fließend erscheinen. Writhing Movements haben einen allmählichen Beginn und ein allmähliches Ende.(2)(8)(9)
Fidgety Movements (FMs) können bereits 6 Wochen nach der Geburt auftreten, treten jedoch in der Regel ab etwa 9 Wochen bis zur 16. bis 20. Woche auf. FMs sind kleine Bewegungen von mittlerer Geschwindigkeit mit variabler Beschleunigung von Hals, Rumpf und Extremitäten in alle Richtungen. Sie lassen mit der Zeit nach, wenn die Bewegungen gegen die Schwerkraft und intentionale Bewegungen überwiegen.(2) Das Vorhandensein und der Charakter der FMs sind gute Indikatoren für die Integrität des Nervensystems des Säuglings.(10)(9)
Mit fortschreitender Entwicklung weichen diese allgemeinen Bewegungen spezifischeren, zielgerichteten Handlungen. Ein Säugling, der anfangs Arme und Beine ungerichtet bewegt, wird nach und nach die Fähigkeit entwickeln, gezielt nach einem bestimmten Objekt zu greifen.(2)
Säuglinge werden mit einer Reihe von sogenannten frühkindlichen Reflexen geboren. Diese Reflexe sind stereotypische, unwillkürliche, überlebensorientierte motorische Reaktionen, die sich in der Gebärmutter entwickeln und postnatal verstärken. Im Laufe der Zeit, wenn das Nervensystem reift, integrieren sich diese Reflexe und werden durch willkürliche, zielgerichtete Bewegungen ersetzt. Das Fehlen oder Fortbestehen eines frühkindlichen Reflexes kann auf neurologische Probleme hindeuten.(2)(11)(12) Einen detaillierten Überblick über frühkindliche Reflexe finden Sie unter Grundbegriffe in der Neonatologie und frühkindliche Reflexe.
Entwicklung beruht auf Lernen und Reifung. Reifung bezieht sich auf das biologische Wachstum und die Veränderungen, die im Laufe der Zeit im Gehirn und im Nervensystem natürlich auftreten. Diese Reifung ermöglicht den allmählichen Übergang von der reflektorischen zur willkürlichen motorischen Kontrolle.(1)
Willkürliche Bewegungen sind willentlich und zielgerichtet – zum Beispiel, wenn ein Säugling bewusst nach einem Spielzeug greift. Dieser Übergang von der reflektorischen zur willkürlichen Kontrolle spiegelt die fortschreitende Reifung höherer kortikaler Zentren wider.(2)
Bei reifgeborenen Säuglingen ist das Bewegungsausmaß der Hüften und Knie durch eine verminderte Muskellänge und einen erhöhten Muskeltonus (Steifheit) in den Flexoren der unteren Extremitäten eingeschränkt. Diese Beugehaltung entsteht, weil der Platz in der Gebärmutter in den letzten Wochen des intrauterinen Lebens beschränkt ist. Diese Position wird als „neonatale Hüftbeugekontraktur“ bezeichnet.(7)
In Phasen relativer Beruhigung der Bewegung sind die Hüften flektiert, abduziert und außenrotiert, und der Säugling hat im Liegen die Füße von der Unterlage abgehoben. Die Knie können nicht in die vollständige Extension gebracht werden, und wenn sie passiv durchgestreckt werden, kehren sie in eine stärker flektierte Position zurück. Die Strampelbewegungen des Neugeborenen sind durch eine verringerte Hüftflexion und eine gewisse Extension des Knies gekennzeichnet, während das Sprunggelenk in Dorsalextension und die Zehen in Flexion bleiben. Auf diese relative Extension von Hüfte und Knie folgt die Rückkehr in die stärker flektierte Ruheposition.(7)
Muskelsynergien beziehen sich auf gleichbleibende Muster der Muskelkoordination, die genau eine bestimmte motorische Aktion erzeugen.(13) Die multisegmentale Struktur des Körpers bildet die Grundlage für die vielfältigen Bewegungsmuster, die bei menschlichen Handlungen zu beobachten sind, stellt aber auch eine große Herausforderung für die neuronale Kontrolle dar. Um die Kontrolle über die vielen Freiheitsgrade eines multisegmentalen Körpers zu vereinfachen, werden die spontanen Bewegungen des Säuglings begrenzt und in Synergien organisiert.(14)
Das Synergiemuster der unteren Extremitäten umfasst die Kopplung innerhalb der Extremität von:(15)
Das Synergiemuster der oberen Extremitäten umfasst eine Kombination aus:
Die motorische Entwicklung von Säuglingen folgt vier Grundprinzipien: kephalokaudal, proximodistal, von allgemein zu spezifisch und von reflektorisch zu willkürlich. Diese Prinzipien beschreiben die typische Richtung und Abfolge, in der Bewegungsfertigkeiten erworben werden, und werden durch die fortschreitende Reifung des zentralen Nervensystems untermauert. Das Erkennen dieser Muster ermöglicht es Klinikern, eine typische Entwicklung festzustellen und frühe Anzeichen einer Entwicklungsverzögerung zu identifizieren.