Gesundheitliche Vorteile der Zeit im Freien

Originale Autorin Andrea Sturm
Top-Beitragende Top-BeitragendeRobin Tacchetti, Jess Bell, Aminat Abolade und Kim Jackson

Einleitung(edit | edit source)

Riskantes Spielen im Freien wird nicht nur bei Kindern aller Kulturen beobachtet, sondern ist auch bei vielen Säugetierarten zu finden und wird als adaptive Funktion angesehen.(1)(2) Riskantes Spiel spielt in der Entwicklung des Nachwuchses auf vielen Ebenen eine Rolle und unterstützt ihn beim Erwerb kognitiver, emotionaler, motorischer, funktionaler und sozialer Fähigkeiten. Auf spielerische Weise können die Kleinen allmählich lernen, wie sie Angst oder Wut überwinden können, indem sie sich im Spiel austoben. Das freie Spiel spielt eine wichtige Rolle bei der neurophysiologischen Reifung des präfrontalen Kortex, da es die Selbstregulierung des Verhaltens und die Impulsivität beeinflusst und die Selbstreflexion fördert.

Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur körperlichen Aktivität bei Kindern ( edit | edit source )

Kinder im Alter von 3 bis 4 Jahren sollten über den Tag verteilt mindestens 180 Minuten lang verschiedene Arten von körperlicher Aktivität jeglicher Intensität ausüben, davon mindestens 60 Minuten mit mäßig bis hoch intensiver körperlicher Aktivität. Die Einhaltung dieser Empfehlungen in den ersten fünf Lebensjahren wird mit einer besseren motorischen und kognitiven Entwicklung, einer besseren psychosozialen (emotionale Regulierung) und kardiometabolischen Gesundheit, einer besseren Knochen- und Skelettgesundheit und einem geringeren Verletzungsrisiko in Verbindung gebracht. Im Laufe eines Tages bringt eine Kombination aus mehr körperlicher Aktivität, weniger sedentärer Bildschirmzeit und längerer Schlafdauer die größten Vorteile mit sich.(3)

Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 17 Jahren sollten sich während der Woche mindestens 60 Minuten pro Tag mäßig bis hoch intensiv körperlich betätigen, vor allem an aeroben Aktivitäten. Es wird empfohlen, an mindestens 3 Tagen pro Woche auch hoch intensive aerobe Übungen sowie Aktivitäten zur Stärkung der Muskeln und Knochen durchzuführen. Darüber hinaus ist es wichtig, dass Kinder und Jugendliche, auch solche mit Behinderungen, ihr sedentäres Verhalten einschränken, insbesondere die Bildschirmzeit in der Freizeit. Wenn diese Richtlinien von der frühen Kindheit bis zu den ersten fünf Lebensjahren befolgt werden, kann sich die Knochengesundheit verbessern, das Gewicht besser kontrolliert werden, die kardiorespiratorische und muskuläre Fitness erhöht werden, die kardiovaskuläre und metabolische Gesundheit sowie die kognitiven Fähigkeiten verbessert und das Risiko einer Depression verringert werden.(4) Die Situation in Bezug auf die körperliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen stellt ein weltweites Problem dar: Schätzungsweise 80 % der Kinder im Alter von 5 bis 17 Jahren erreichen nicht die WHO-Empfehlung von 60 Minuten körperlicher Aktivität pro Tag.(5)

Das folgende Video von Safefood TV zeigt, wie viel körperliche Aktivität Kinder brauchen:

(6)

Auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 0 für das Sitzen und 10 für das höchste Aktivitätsniveau steht, liegt eine mäßig intensive körperliche Aktivität im Bereich von 5 oder 6. Bei mäßig intensiver Aktivität haben Kinder eine erhöhte Herzfrequenz und eine deutlich stärkere Atmung als in Ruhe oder im Sitzen. Dagegen entspricht eine hoch intensive Aktivität einem Wert von 7 oder 8 auf dieser Skala. Bei hoch intensiver Aktivität übersteigt die Herzfrequenz eines Kindes seinen normalen Rhythmus, und die Atmung wird merklich intensiver als gewöhnlich.(3)

Bewegungsmangel trägt zum Anstieg nicht übertragbarer Krankheiten bei Kindern bei, wie z. B. Adipositas oder Diabetes. In der Kindheit angelegte Gewohnheiten in Bezug auf körperliche Aktivität und sedentäres Verhalten bleiben in der Regel bis ins Erwachsenenalter erhalten. Die Einschränkung von Spielmöglichkeiten im Freien und von riskantem Spiel wurde als potenziell negative Auswirkung auf das Bewegungsverhalten von Kindern diskutiert.(7) Körperliche Aktivität und damit zusammenhängende Verhaltensweisen werden in der Globalen Strategie der Weltgesundheitsorganisation zur Bekämpfung nicht übertragbarer Krankheiten anerkannt.(4)(8) Strategien zur Förderung einer gesunden Entwicklung von Kindern durch die Prävention von Übergewicht und Bewegungsmangel sind dringend erforderlich. Die Entwicklung von Konzepten zur Lösung dieser Probleme, die zugänglich, akzeptabel, kosteneffizient, kulturell anpassbar und durchführbar sind, hat weltweit Priorität.(9)

Körperliche Aktivität ( edit | edit source )

Körperliche Aktivität steht eindeutig in Zusammenhang mit besseren Gesundheitsergebnissen und ist anerkanntermaßen eine der effizientesten Möglichkeiten, die Gesundheit eines Menschen über seine gesamte Lebensspanne hinweg zu verbessern.(10) Schätzungsweise 80 % der Kinder im Alter von 5 bis 17 Jahren erfüllen nicht die WHO-Empfehlung von 60 Minuten körperlicher Aktivität pro Tag.(5)(9) Parallel zu diesen Entwicklungen spielen die heutigen Kindergenerationen kürzer und seltener draußen als die Generation ihrer Eltern. Die körperliche Aktivität von Kindern verlagert sich vom unbeaufsichtigten und unstrukturierten Spielen im Freien hin zu strukturierten und beaufsichtigten Aktivitäten, die hauptsächlich in geschlossenen Räumen stattfinden.(9)(11) Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass ein vermehrter Aufenthalt bzw. ein vermehrtes Spiel im Freien das sedentäre Verhalten einschränkt und die körperliche Aktivität und Fitness von Kindern erhöht.(9) Es wurde festgestellt, dass die körperliche Aktivität von Kindern (mäßig und hoch intensive körperliche Aktivität) im Freien höher ist als in geschlossenen Räumen. Einige Studien haben gezeigt, dass die körperliche Aktivität insgesamt 2,2 bis 3,3 Mal höher ist, wenn sich Kinder im Freien aufhalten als in geschlossenen Räumen. Die Ergebnisse waren für verschiedene Altersgruppen, Geschlechter und Kontexte (Wochenenden, Schule/Vorschule) einheitlich. Daher wurde empfohlen, die Zeit, die Kinder im Freien verbringen („Outdoor-Zeit“), zu erhöhen, was eine vielversprechende Strategie zur Steigerung der körperlichen Aktivität und zur Förderung einer gesunden, aktiven Lebensweise zu sein scheint.(9)

Sedentäres Verhalten ( edit | edit source )

Kinder, die sich eine Stunde oder mehr im Freien aufhalten, sind weniger sedentär als Kinder, die weniger als eine Stunde im Freien verbringen. Auch die Zeit, die mit sedentärem Verhalten verbracht wird, ist geringer, wenn sich die Kinder im Freien aufhalten, als wenn sie sich in geschlossenen Räumen aufhalten. So verbringen Vorschulkinder in geschlossenen Räumen bis zu doppelt so viel Zeit mit sedentärem Verhalten wie im Freien.(9) Lose Teile in der Umgebung (Gegenstände, die sich bewegen, tragen, kombinieren, stapeln, aufreihen, umgestalten, auseinandernehmen und wieder zusammensetzen lassen, ohne Anweisungen oder eine vorgegebene Spielweise) fördern die Kreativität. Bei Kindern, die auf Spielplätzen mit losen Teilen spielen, die die Kreativität fördern und riskantes Spiel unterstützen, wurde nach einem 13-wöchigen Interventionszeitraum ein signifikanter, wenn auch geringer Rückgang der sedentären Zeit pro Tag festgestellt.(2) (7)

Motorische Fertigkeiten und kardiorespiratorische Fitness ( edit | edit source )

Spielzeit im Freien korreliert mit einer schnelleren Absolvierung eines 10-Meter-Laufs.(9) Eine Studie, an der 25.782 Schüler teilnahmen, zeigte, dass die Häufigkeit und Schwere von Knochenbrüchen nicht mit der Höhe von Spielplatzgeräten zusammenhängt (Kategorie des riskanten Spiels: „große Höhen“). In dieser Studie traten Unterarmfrakturen (die 42 % der Frakturen auf Spielplätzen ausmachen und somit die häufigste Art von Frakturen auf Spielplätzen sind) am häufigsten unterhalb einer Höhe von 59′ oder 180 cm auf, ebenso wie Schienbeinfrakturen. Es wurden keine Frakturen an Kopf oder Wirbelsäule infolge von Stürzen von Spielplatzgeräten gemeldet.(7)

Grobmotorische Funktionen wie Laufen, Springen, Werfen, Klettern, Krabbeln, Rollen, Schaukeln und Rutschen überwiegen, wenn Kinder in der Natur spielen, im Vergleich zu traditionellen Bereichen des Kindergartens.(12) Kinder, die nicht die Möglichkeit haben, zu schaukeln, zu klettern oder zu rennen, haben mit höherer Wahrscheinlichkeit mangelnde motorische Fertigkeiten.(2) Landschaftsstrukturen wie steile Hänge, raue Felsen und Bäume erleichtern Aktivitäten wie Klettern und Rutschen.(12) Kinder, die in der freien Natur spielen, zeigten bessere motorische und räumliche Fertigkeiten. Es wurde auch berichtet, dass diese Kinder Risikobewertungen und Wege zur Bewältigung von Risikosituationen lernen.(12) Bewegung im Freien steht bei Kindern in Zusammenhang mit einem niedrigeren diastolischen Blutdruck. Bei Kindern und Jugendlichen kann die Outdoor-Zeit mit einer besseren aeroben Fitness verbunden sein.(9)

Psychische Gesundheit und soziale Kompetenz ( edit | edit source )

Kinder mit größerer unabhängiger Mobilität trafen sich nach eigenen Angaben häufiger zum Spielen mit Gleichaltrigen, Schulkameraden und Nachbarn als Kinder mit weniger unabhängiger Mobilität (Kategorie des riskanten Spiels: „Verschwinden/verloren gehen“). Bei Jungen wurde „Toben und Raufen“ mit einer höheren interpersonellen kognitiven Problemlösungskompetenz in Verbindung gebracht, nicht aber mit erhöhter Aggression.(7) Interaktives Spielen ist vor allem auf Abenteuerspielplätzen üblich, während sich die Nutzung auf vorgefertigten Spielplätzen auf die Geräte konzentriert. Es wurde auch berichtet, dass Kinder sozialer, kreativer und widerstandsfähiger werden, wenn sie auf Spielplätzen mit losen Teilen in Berührung kommen.(7)

Riskantes Spiel kann in der normalen Entwicklung eines Kindes eine angstreduzierende Wirkung haben. Kinder werden motiviert, ihre Umwelt durch Verhaltensexperimente zu erforschen, wodurch das Sicherheitsverhalten verringert wird. In einem normalen Entwicklungsprozess zeigt ein Kind zunächst normale adaptive Ängste, die das Kind vor ökologischen Risikofaktoren schützen. Das riskante Spiel ist ein Verhalten für den schrittweise Abbau von Angst. Riskantes Spiel im Freien verbessert die Bewältigungsfähigkeiten des Kindes, und es lernt, solche Situationen und Reize zu meistern, so dass es sich nicht mehr davor fürchtet. Wenn man Kindern nicht erlaubt, an altersgerechtem riskanten Spiel teilzunehmen, kann dies zu einer Zunahme von Neurotizismus oder Psychopathologie in der Gesellschaft führen, da die Ängste fortbestehen können, obwohl sie aufgrund der physischen und psychischen Reifung des Kindes nicht mehr relevant sind. Diese Ängste können sich möglicherweise sogar zu Angststörungen entwickeln.(1)

Die psychische Gesundheit von Kindern verschlechtert sich Berichten zufolge in allen westlichen Ländern: So leiden beispielsweise 20 % der Kinder in den Vereinigten Staaten unter psychischen Problemen wie Depressionen und Ängsten. Obwohl viele verschiedene Faktoren als Ursachen für dieses Phänomen genannt werden, hat die Forschung einen eindeutigen Zusammenhang zwischen einem Mangel an freiem Spiel und dem zunehmenden Auftreten von psychischen Problemen bei Jugendlichen und Kindern aufgezeigt.(2) Außerdem ist es wichtig, dass die Grundbedürfnisse von Kindern nach Wohlbefinden erfüllt werden. Andernfalls wird es für sie schwierig, sich zu konzentrieren und sich wirklich auf die Erfahrungen einzulassen. Anzeichen für echte Beteiligung sind tiefe Konzentration, Fokussierung und Hingabe.(10)

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 Sandseter EB, Kennair LE. Children’s risky play from an evolutionary perspective: The anti-phobic effects of thrilling experiences. Evolutionary psychology. 2011 Apr 1;9(2):147470491100900212.
  2. 2.0 2.1 2.2 2.3 Caprino F. WHEN THE RISK IS WORTH IT: THE INCLUSION OF CHILDREN WITH DISABILITIES IN FREE RISKY PLAY. Today’s Children are Tomorrow’s Parents. 2018 Feb 1.
  3. 3.0 3.1 World Health Organization. Guidelines on physical activity, sedentary behaviour and sleep for children under 5 years of age. World Health Organization; 2019.
  4. 4.0 4.1 WHO. Physical activity (Internet). 2020 (cited 2022 Jun 13). Available from: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/physical-activity
  5. 5.0 5.1 Aubert S, Barnes JD, Abdeta C, Abi Nader P, Adeniyi AF, Aguilar-Farias N, Tenesaca DS, Bhawra J, Brazo-Sayavera J, Cardon G, Chang CK. Global matrix 3.0 physical activity report card grades for children and youth: results and analysis from 49 countries. Journal of physical activity and health. 2018 Jan 2;15(s2):S251-73.
  6. SafefoodTV. How much physical activity do children need? Available from: https://www.youtube.com/watch?v=O6qAT8b8r3c (last accessed 6/21/2023)
  7. 7.0 7.1 7.2 7.3 7.4 Brussoni, M., Gibbons, R., Gray, C., Ishikawa, T., Sandseter, E.B.H., Bienenstock, A., Chabot, G., Fuselli, P., Herrington, S., Janssen, I. and Pickett, W., 2015. What is the relationship between risky outdoor play and health in children? A systematic review. International journal of environmental research and public health, 12(6), pp.6423-6454.
  8. World Health Organization. Global strategy on diet, physical activity and health. 2004. Available from: https://www.who.int/publications/i/item/9241592222
  9. 9.0 9.1 9.2 9.3 9.4 9.5 9.6 9.7 Gray C, Gibbons R, Larouche R, Sandseter EB, Bienenstock A, Brussoni M, Chabot G, Herrington S, Janssen I, Pickett W, Power M. What is the relationship between outdoor time and physical activity, sedentary behaviour, and physical fitness in children? A systematic review. International journal of environmental research and public health. 2015 Jun;12(6):6455-74.
  10. 10.0 10.1 Sando OJ, Kleppe R, Sandseter EB. Risky play and children’s well-being, involvement and physical activity. Child Indicators Research. 2021 Aug;14(4):1435-51.
  11. Tremblay MS, Gray C, Babcock S, Barnes J, Bradstreet CC, Carr D, Chabot G, Choquette L, Chorney D, Collyer C, Herrington S. Position statement on active outdoor play. International journal of environmental research and public health. 2015 Jun;12(6):6475-505.
  12. 12.0 12.1 12.2 Sandseter EB. Restrictive safety or unsafe freedom? Norwegian ECEC practitioners‘ perceptions and practices concerning children’s risky play. Child Care in Practice. 2012 Jan 1;18(1):83-101.


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