Die Beweglichkeitsprüfung der Halswirbelsäule (HWS) ist ein grundlegender Bestandteil der muskuloskelettalen Untersuchung bei Patienten mit Nackenschmerzen, zervikalen Funktionsstörungen oder Beeinträchtigungen des oberen Quadranten. Die genaue Messung der zervikalen Beweglichkeit liefert Ausgangsdaten für die Diagnose und die Behandlungsplanung. Zudem ermöglicht sie eine objektive Überwachung des Behandlungsfortschritts während der gesamten Rehabilitation. Standardisierte Messverfahren tragen zur Zuverlässigkeit und Patientensicherheit bei.
Obwohl die veröffentlichten Normwerte für das Bewegungsausmaß der HWS in den verschiedenen Studien aufgrund von Unterschieden in der Ausrüstung, den Verfahren und den Alterskategorien stark variieren, besteht die Möglichkeit, bilaterale Bewegungen (Rotation und Lateralflexion) im Seitenvergleich zu bewerten sowie Veränderungen im Laufe der Zeit zu dokumentieren, was von unschätzbarem Wert für die klinische Entscheidungsfindung und den Nachweis der Wirksamkeit der Behandlung ist.(1) Das Verständnis der Messtechniken und gängigen kompensatorischen Bewegungsmustern ermöglicht es Klinikern, aussagekräftige Daten zu erhalten und gleichzeitig angemessene Vorsichtsmaßnahmen in dieser sensiblen Region einzuhalten.(2)
Wenn Sie mehr über die Anatomie dieser Region erfahren möchten, lesen Sie den Abschnitt Funktionelle Anatomie der Halswirbelsäule.
Nach Angaben der American Academy of Orthopedic Surgeons (AAOS) liegen die normativen aktiven Bewegungsausmaße für die HWS bei etwa:(3)(4)
- 80-90° Flexion (Beugung)
- 50-70° Extension (Streckung)
- 130° Gesamtbewegung von endgradiger Flexion bis endgradiger Extension
- 20-45° Lateralflexion (Seitneigung) je Seite
- 70-90° Rotation (Drehung) je Seite
Diese Werte variieren je nach Person und Forschungsstudie.
Das Kapselmuster der HWS zeigt sich als eine gleichmäßige Einschränkung der Extension, der bilateralen Lateralflexion und der bilateralen Rotation. Die Flexion ist die am wenigsten eingeschränkte oder „beste“ Bewegung.(5)(6) Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass Kapselmuster in erster Linie auf klinischen Befunden und nicht auf solider wissenschaftlicher Evidenz beruhen, was gewisse Unstimmigkeiten bei ihrer Anwendung in verschiedenen klinischen Kontexten erklären könnte.(7)
Aufgrund der komplexen neurovaskulären Anatomie und der empfindlichen Strukturen müssen Kliniker bei der Untersuchung der zervikalen Beweglichkeit die Sicherheit des Patienten sorgfältig berücksichtigen. Das Hauptaugenmerk bei der Untersuchung der HWS liegt auf der Aufrechterhaltung der Blutzufuhr zum Gehirn über die Vertebralarterie und die A. carotis interna, da eine Beeinträchtigung einer der beiden Arterien katastrophale Folgen haben könnte.(8)
Es wird generell nicht empfohlen, bei der Untersuchung des Bewegungsausmaßes der HWS routinemäßig das Endgefühl zu testen oder Überdruck anzuwenden. Das Gewicht des Kopfes liefert in der Regel ausreichend Last für die Beweglichkeitsprüfung, und die Patienten sind in diesem Bereich in der Regel empfindlich.(9)
Kliniker müssen Vorsicht walten lassen, wenn sie während der Rotation oder einer Kombination aus Rotation, Flexion und Extension Überdruck anwenden. Diese Positionen können die A. vertebralis komprimieren, was möglicherweise zu einer verminderten Blutversorgung des Gehirns führt.(7) Bei extremen Endpositionen, insbesondere bei Extension und Rotation, ist besondere Vorsicht geboten.(10)
In der Vergangenheit wurde vor Interventionen an der HWS (z.B. manuelle Therapie) der Arteria-vertebralis-Test (De-Klyn-Test) empfohlen. Bei diesem Test wird die HWS in einer Kombination von Rotation und Extension gehalten, während auf Symptome wie Schwindel, Sehstörungen, Nystagmus, Drop-Attacks, Dysarthrie oder Tinnitus als Zeichen einer vertebrobasilären Insuffizienz (VBI) geachtet wird.(10) Die aktuelle Evidenz stellt jedoch die Validität von Positionstests in Frage. Eine systematische Überprüfung ergab, dass prämanipulative VBI-Tests eine geringe Sensitivität (0-57 %) und eine variable Spezifität (67-100 %) aufweisen. Forscher sind daher zu dem Schluss gekommen, dass diese Tests für Screening-Zwecke nicht von ausreichender Validität sind.(11) Auch die Forschungsergebnisse zu zervikaler Bewegung und Hirndurchblutung sind uneinheitlich. Einige Studien fanden trotz Geschwindigkeitsänderungen keine signifikante Abnahme des Blutflussvolumens, während andere bei kombinierter Extension und Rotation sowohl in den kontralateralen als auch in den ipsilateralen Aa. vertebrales einen verminderten Blutfluss feststellten.(10)
Das International IFOMPT Cervical Framework (2023) empfiehlt eine umfassende Patientenbefragung zur Ermittlung von Risikofaktoren für eine zervikale arterielle Dysfunktion (CAD) in Kombination mit einer kontinuierlichen Überwachung auf Symptome während der Untersuchung, anstatt sich allein auf spezifische Positionstests zu verlassen.(12) Zu den Risikofaktoren gehören Alter (insbesondere über 60 Jahre), Schlaganfall oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Vorgeschichte, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Rauchen in der Vorgeschichte, Kopf- oder Nackentrauma und plötzlich auftretende starke Kopf- oder Nackenschmerzen. Liegen subtile Anzeichen oder Symptome einer vaskulären Pathologie vor, können zusätzliche Untersuchungen, wie die Messung des Blutdrucks, die Durchführung einer Untersuchung der Hirnnerven und eine Ganganalyse, erforderlich sein. Diese Tests können die vaskuläre Hypothese stützen oder widerlegen.(13)(12) Eine Untersuchung der Halswirbelsäule sollte nicht durchgeführt werden, wenn eindeutige Anzeichen einer vaskulären Pathologie oder ungeklärte Red Flags vorliegen, da diese mit ernsthaften Pathologien in Verbindung stehen könnten, die eine sofortige Überweisung an einen Facharzt erfordern.
Normalwerte: 80-90°. Bitte beachten Sie, dass die veröffentlichten Normwerte stark variieren und oft nicht den Beobachtungen der Kliniker in der Praxis entsprechen.
Endgefühl: fest. Denken Sie daran, dass die Beurteilung des Endgefühls und die Anwendung von Überdruck bei der Untersuchung der HWS nicht routinemäßig empfohlen werden.
Goniometer(9)
Maßband(9)
Die Ausgangsstellung wird auf dem Goniometer als 90° angezeigt. Ersetzen Sie diesen Wert für die Berechnung und Dokumentation durch 0°, da die Ausgangsstellung stets als Nullstellung betrachtet wird. Beispiel: Der Winkel auf dem Goniometer beträgt am Ende der Bewegung 130°. Dokumentieren Sie dies als 0-40° Flexion (130° – 90° = 40°).
Normalwerte: 50-70°. Es gibt eine große Bandbreite an veröffentlichten Normwerten, die jedoch häufig nicht den Beobachtungen der Kliniker in der Praxis entsprechen.
Endgefühl: fest. Denken Sie daran, dass Endgefühl und Überdruck an der Halswirbelsäule nicht routinemäßig empfohlen werden.
Goniometer(9)
Verwenden Sie die gleichen Landmarken wie bei der zervikalen Flexion.
Maßband(9)
Verwenden Sie die gleichen Landmarken wie bei der zervikalen Flexion:
Die zervikale Extension wird mit der gleichen Methode dokumentiert wie die zervikale Flexion. Ersetzen Sie die 90° in der Ausgangsstellung durch 0°. Dokumentieren Sie ab der Nullstellung (z. B. 0 – 60° Extension).
Normalwerte: 20-45° auf jeder Seite. Es gibt eine große Bandbreite an veröffentlichten Normwerten. Die rechte und die linke Seite können miteinander verglichen werden.
Endgefühl: fest. Es ist jedoch nicht erforderlich, bei der Untersuchung der Lateralflexion der HWS ein Endgefühl zu ermitteln.
Goniometer(9)
Maßband(9)
Dokumentieren Sie ausgehend von einer Null-Ausgangsstellung unter Verwendung der standardmäßigen goniometrischen Dokumentation.
Achten Sie auf kompensatorische Bewegungen: Eine häufige Kompensation ist die zusätzliche Rotation bei der Lateralflexion. Stellen Sie sicher, dass sich der Patient in einer einzigen Bewegungsebene mit gerader Lateralflexion bewegt, und korrigieren Sie den Patienten, wenn er eine Rotation hinzufügt.
Normalwerte: 70-90° auf jeder Seite.. Es gibt eine große Bandbreite an veröffentlichten Normwerten. Rechts- und Linksrotation können miteinander verglichen werden.
Endgefühl: fest. Es besteht erhebliche Kontroverse darüber, ob Überdruck ausgeübt werden sollte, da die A. vertebralis durch die Halswirbelsäule verläuft. Es ist möglicherweise nicht notwendig, das Endgefühl zu beurteilen – verlassen Sie sich stets auf Ihr klinisches Urteilsvermögen.
Goniometer(9)
Maßband(9)
Dokumentieren Sie mit der goniometrischen Standarddokumentation von der Nullstellung aus.
Verschiedene Instrumente (z.B. Goniometer/Winkelmesser, Inklinometer/Neigungsmesser, CROM-Gerät oder Maßband) weisen unterschiedliche Grade an Reliabilität und Validität auf. Zudem ist es notwendig, die Position der zentralen Achse zu standardisieren, da Abweichungen bei der Positionierung der Achsen durch verschiedene Untersucher die Konsistenz beeinträchtigen können.(14)
Zu den untersucherbezogenen Faktoren zählen die Ausbildung, die Fertigkeiten und die Erfahrung des Klinikers bei der Durchführung von Messungen, insbesondere bei passiven Mobilisationstechniken, bei denen die Fähigkeit des Untersuchers, die physiologische Barriere zu erreichen und eine gleichmäßige Kraft auszuüben, die Messgenauigkeit beeinflusst. Weitere Faktoren, die mit dem Untersucher zusammenhängen, sind eine mögliche Voreingenommenheit des Untersuchers und die Subjektivität der Identifizierung von Landmarken und der Ausrichtung des Goniometers.
Verschiedene patientenbezogene Faktoren können die Untersuchung des zervikalen Bewegungsausmaßes beeinflussen. Psychosoziale Faktoren wie Angst vor Bewegung (Kinesiophobie), Schmerzkatastrophisierung, Angst und das Ausmaß der freiwilligen Anstrengung während des Tests können zu einem reduzierten oder inkonsistenten Bewegungsausmaß beitragen. Das Vorhandensein von Schmerzen kann die Bewegungsmuster verändern und das Bewegungsausmaß verringern. Die Patienten können auch bewusst oder unbewusst ihre Symptome übertreiben oder herunterspielen. Dies kann die Variabilität erhöhen und die Gültigkeit der Messungen beeinträchtigen.
Demografische und biologische Variablen tragen ebenfalls zu Messabweichungen bei. Das Alter zeigt eine umgekehrte Beziehung zum Bewegungsausmaß der HWS, wobei alle zervikalen Bewegungen sowohl bei Männern als auch bei Frauen mit dem Alter signifikant abnehmen. Das Geschlecht beeinflusst das Bewegungsausmaß, wobei Frauen im Allgemeinen bei allen Bewegungen außer der Flexion ein größeres aktives Bewegungsausmaß aufweisen als Männer. Die klinische Bedeutung dieser Unterschiede bleibt jedoch umstritten.(14)
Zeitliche Faktoren wie die Tageszeit können sich auf die Untersuchung des Beweglichkeit auswirken (z. B. könnte eine Person mit Morgensteifigkeit je nach Tageszeit ein anderes Bewegungsausmaß haben). Die Wiederholung der Tests etwa zur gleichen Tageszeit kann dazu beitragen, diese Variable zu vermeiden.
Frühere Verletzungen der Halswirbelsäule, Schleudertraumata (WAD) oder chronische Nackenschmerzen können zu veränderten Muskelaktivierungsmustern und Kompensationsstrategien führen, was sich auf das Bewegungsausmaß auswirken kann. Strukturelle und posturale Faktoren, einschließlich der vorwärtsgerichteten Kopfhaltung, der thorakalen Hyperkyphose, der Schulterprotraktion und des zervikalen Muskeltonus, beeinflussen die Ausgangs- und Endstellung der zervikalen Bewegungen. Das Vorliegen von Muskelspasmen, insbesondere als Reaktion auf akute Verletzungen oder Schmerzen, kann das Bewegungsausmaß ebenfalls erheblich einschränken und zu einer schützenden Abwehrhaltung führen, die von Testdurchgang zu Testdurchgang variiert.(15)
Weitere zu berücksichtigende Patientenfaktoren sind: der Body-Mass-Index, der sich auf die Fähigkeit des Klinikers auswirken kann, anatomische Landmarken genau zu palpieren; die Ausdauer und Kraft der HWS-Muskulatur, die sich auf die Fähigkeit einer Person auswirken können, die Positionen während des Tests beizubehalten; propriozeptive Defizite, die sich auf die Bewegungsgenauigkeit und den Gelenkstellungssinn auswirken; das Verständnis des Patienten für die Anweisungen und seine Fähigkeit, Bewegungen in einer Ebene ohne kompensatorische Muster zu isolieren (wie z. B. das Hinzufügen von Rotation während der Lateralflexion); und der Grad der Ermüdung, der die Leistung bei wiederholten Messungen verringern kann.(15)
Zu den verfahrensbezogenen Faktoren gehören: die Testposition (z. B. Sitzen oder Stehen), ob die Messungen aktiv oder passiv sind, die Anzahl der Wiederholungen, die Geschwindigkeit der Bewegung, das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Aufwärmübungen vor dem Test und ob die Augen des Patienten während des Tests offen oder geschlossen sind.(15)