Allgemeine Befunderhebung bei Zerebralparese

Originale Autorin Robin Tacchetti basierend auf dem Kurs von Krista Eskay
Top-Beitragende Robin Tacchetti, Jess Bell und Tarina van der Stockt

Einleitung(edit | edit source)

Zerebralparese (CP) ist eine nicht progressive neuromotorische Störung. Zu den primären Beeinträchtigungen im Zusammenhang mit der Zerebralparese gehören Bewegungsstörungen, Veränderungen des Muskeltonus und eine verminderte motorische und posturale Kontrolle.
Eine Zerebralparese kann auch zu einer Reihe von sekundären muskuloskelettalen Erkrankungen führen, die ebenfalls die Funktionsfähigkeit beeinträchtigen können Die zugrundeliegende Ursache der CP ist eine Schädigung des sich entwickelnden Gehirns in der pränatalen und neonatalen Phase.(1)

Allgemeine Diagnose (edit | edit source)

In der pädiatrischen Praxis ist es in den ersten 1-2 Lebensjahren schwierig, eine endgültige Diagnose der CP zu stellen. Während dieses Zeitraums können Entwicklungsverzögerungen Teil der normalen Schwankungen in der Entwicklung sein und sich wieder auflösen. Eine zuverlässigere Diagnose wird nach dem 2. Lebensjahr auf der Grundlage klinischer Befunde gestellt, zu denen typischerweise folgende gehören:

  • Das Nichterreichen bestimmter wichtiger Meilensteine in einem erwarteten Alter
  • Fortbestehen von frühkindlichen Reflexen oder primären motorischen Mustern über das erwartete Alter hinaus(1)

Die vorläufige Diagnose „hohes Risiko für Zerebralparese“ kann jedoch bereits vor dem Alter von 2 Jahren gestellt werden. Diese Risikokategorie erfordert eine motorische Dysfunktion und entweder eine klinische Vorgeschichte, die auf ein CP-Risiko hinweist, und/oder Anzeichen einer Abnormalität im MRT.(1) Im Jahr 2017 haben Novak et al.(2) Möglichkeiten zur Vorhersage von CP bei Säuglingen vorgeschlagen:

  • Säuglinge vor dem 5. Lebensmonat (korrigiertes Alter): „MRT zum errechneten Geburtstermin (86-89 % Sensitivität), Untersuchung der General Movements nach Prechtl (98 % Sensitivität) und die Hammersmith Infant Neurological Examination (90 % Sensitivität)“(2)
  • Säuglinge nach dem 5. Lebensmonat (korrigiertes Alter): „MRT (86-89 % Sensitivität) (wo sicher und durchführbar), Hammersmith Infant Neurological Examination (90 % Sensitivität) und Developmental Assessment of Young Children (83 % C-Index)“(2)

Spezifische Tests (edit | edit source)

Beurteilung der General Movements (GM) (edit | edit source)

Die Analyse der allgemeinen Bewegungen des Säuglings (General Movements – GMs) nach Prechtl wird zur Beobachtung der Bewegungen von Säuglingen zwischen der Geburt und 20 Wochen verwendet. Ein Kliniker beobachtet ein 3-5-minütiges Video von den Bewegungen des Kindes und nimmt eine Bewertung nach einer standardisierten Methode vor. Dieses Assessment hat nachweislich eine hohe Spezifität und Sensitivität für die Vorhersage der CP.(3) Es ist daher nützlich für die Früherkennung einer CP in Hochrisikogruppen.(3)

Barry-Albright-Dystonie-Skala (BAD-Skala) (edit | edit source)

Die Barry-Albright-Dystonie-Skala (BAD-Skala) wird verwendet, um sekundäre Dystonien bei Patienten mit traumatischen Hirnverletzungen oder CP zu beurteilen. Die BAD-Skala ist eine kriterienbasierte, ordinale Skala, die acht Körperregionen auf einer 5-Punkte-Skala erfasst.(4)

Gross Motor Function Measure (GMFM) (edit | edit source)

Das Gross Motor Function Measure (GMFM) ist ein Assessment-Tool, das bei Kindern mit CP eingesetzt wird. Dieser Test verwendet eine 4-Punkte-Ordinalskala, um die Fähigkeit eines Kindes zu bewerten, motorische Funktionen wie Sitzen, Stehen, Rollen, Krabbeln, Treppensteigen, Springen usw. auszuführen.(5)

Gross Motor Function Classification System (GMFCS) (edit | edit source)

Das Gross Motor Function Classification System (GMFCS) wird bei Kindern im Alter von 2-18 Jahren verwendet, um die grobmotorischen Funktionen zu beschreiben, insbesondere die Fähigkeit zu gehen. Diese Skala kann verwendet werden, um Bewegungen zu beschreiben, für die Hilfsmittel (Walker, Krücken, Rollstühle usw.) erforderlich sind, aber auch selbstinitiierte Bewegungen.(1)

Hammersmith Infant Neurological Examination (HINE-Test) (edit | edit source)

Die Hammersmith Infant Neurological Examination (HINE-Test) wird bei Säuglingen im Alter von 2 Monaten bis 2 Jahren eingesetzt, um einen Rahmen für die Überwachung und Identifizierung von Abweichungen von der normalen Entwicklung zu schaffen. Es hat sich gezeigt, dass der HINE-Test eine hohe Spezifität und Sensitivität für die Vorhersage der CP besitzt.(3)

Manual Ability Classification System (MACS) (edit | edit source)

Das Manual Ability Classification System (MACS) beschreibt den typischen Gebrauch der oberen Extremitäten und Hände von Kindern im Alter von 4-18 Jahren.(1)

Communication Function Classification System (CFCS) (edit | edit source)

Das Communication Function Classification System (CFCS) wird verwendet, um die alltägliche Kommunikation von Kindern mit CP zu beurteilen (d.h. das Empfangen oder Senden einer Nachricht). Mit dem CFCS können alle Arten der Kommunikation bewertet werden, einschließlich Blicke, Bilder, sprachgenerierende Geräte, Vokalisationen und Kommunikationstafeln.(1)

Eating and Drinking Ability Classification System (EDACS) (edit | edit source)

Das Eating and Drinking Ability Classification System (EDACS) wird für Kinder ab 3 Jahren verwendet und gibt Auskunft über ihre Ess- und Trinkfähigkeiten. Dieser Test bewertet insbesondere die Effizienz des Essens und Trinkens sowie die Sicherheit (Aspirations- oder Erstickungsgefahr).(1)

Die folgende Tabelle aus Paulson et al. (2017)(6) zeigt die Klassifikationsstufen der CP unter Verwendung von GMFCS, MACS, CFCS und EDACS:

Stufe GMFCS MACS CFCS EDACS
I Freies Gehen ohne Einschränkungen möglich Einfacher und erfolgreicher Umgang mit Gegenständen ohne wesentliche Schwierigkeiten Wirksamer Sender und Empfänger mit unvertrauten und vertrauten Partnern Isst und trinkt sicher und effizient
II Gehen mit Einschränkungen möglich (keine Gehhilfe mit 4 Jahren) Umgang mit den meisten Gegenständen möglich, jedoch reduzierte Bewegungsqualität und/oder Geschwindigkeit Wirksamer, aber langsamer Sender und/oder Empfänger mit unvertrauten und/oder vertrauten Partnern Isst und trinkt sicher mit einigen Einschränkungen in der Effizienz
III Gehen mit einer Gehhilfe möglich Schwierigkeiten im Umgang mit Gegenständen; Hilfestellung ist bei der Vorbereitung und/oder Modifizierung der Aktivitäten nötig Wirksamer Sender und Empfänger mit vertrauten Partnern Isst und trinkt mit einigen Einschränkungen in der Sicherheit, es kann zu Einschränkungen in der Effizienz kommen
IV Eingeschränkte selbständige Mobilität – kann ggf. einen Aktiv-Rollstuhl oder elektrische Mobilität benötigen Benutzung einer begrenzten Auswahl von Gegenständen mit dauernder Hilfestellung und Anpassung an die Fähigkeiten Gelegentlich wirksamer Sender und/oder Empfänger mit vertrauten Partnern. Isst und trinkt mit erheblichen Einschränkungen in der Sicherheit
V Ausschließlicher Transport im Rollstuhl Kein Gebrauch von Gegenständen möglich Selten wirksamer Sender und Empfänger auch mit vertrauten Partnern Kann nicht sicher essen oder trinken – eine Sondenernährung wird möglicherweise in Erwägung gezogen, um die Ernährung zu gewährleisten

(6)

Beurteilung der Spastizität (edit | edit source)

Modifizierte Ashworth-Skala (MAS) (edit | edit source)

Das allgemein anerkannte klinische Instrument zur Beurteilung der Zunahme des Muskeltonus ist die Modifizierte Ashworth-Skala (MAS).
Wie in Harb und Kishner beschrieben,(7) wird die Spastizität anhand dieser Skala wie folgt eingestuft:

  • 0: Keine Erhöhung des Muskeltonus
  • 1: Leichte Erhöhung des Muskeltonus, die sich durch ein „catch and release“ oder durch einen minimalen Widerstand am Ende des Bewegungsausmaßes äußert, wenn der/die betroffene(n) Körperteil(e) in Flexion oder Extension bewegt wird/werden
  • 1+: Leichte Erhöhung des Muskeltonus, die sich in einem „catch“ äußert, gefolgt von einem minimalen Widerstand im restlichen Bewegungsausmaß (weniger als die Hälfte)
  • 2: Deutlichere Erhöhung des Muskeltonus über den größten Teil des Bewegungsausmaßes, aber der/die betroffene(n) Körperteil(e) ist/sind leicht zu bewegen
  • 3: Erhebliche Erhöhung des Muskeltonus; passive Bewegung ist schwierig
  • 4: Betroffene(r) Körperteil(e) starr in Flexion oder Extension(7)

Tardieu-Skala (edit | edit source)

Die Tardieu-Skala ist ein weiteres Instrument zur Bewertung der Spastizität. Diese Skala bewertet den Widerstand gegen die passive Bewegung bei verschiedenen Geschwindigkeiten – d.h. schnell und langsam. Sie ermöglicht es dem Untersucher, zwischen nicht neuralen Faktoren (z. B. Kontraktur) und neuralen Faktoren (z. B. Spastizität) zu unterscheiden, die einen erhöhten Widerstand gegen passive Dehnung erklären können.(8) Eine passive Dehnung wird in zwei Etappen mit drei Geschwindigkeiten auf eine Muskelgruppe ausgeübt:(8)

  1. Die erste Bewegung erfolgt sehr langsam (V1); entspricht dem passiven Bewegungsausmaß
  2. Zweite Etappe:
    1. Geschwindigkeit des „passiven Fallenlassens der Extremität mit der Schwerkraft“ (V2)
    2. „so schnell wie möglich“ (V3)

** Für die Bewertung wird eine Sechs-Punkte-Skala verwendet, wobei 0 ‚kein Widerstand im Verlauf der passiven Bewegung‘ und 5 ‚das Gelenk ist unbeweglich‘ bedeutet.(8)

Hüfttests (edit | edit source)

Barlow-Zeichen und Ortolani-Test (edit | edit source)

Barlow-Test: zielt darauf ab, das (Sub-)Luxieren des Femurkopfs durch Adduktion des Oberschenkels mit einer leichten anteroposterior Kraft zu erkennen.(9)

Ortolani-Test: zielt darauf ab, den subluxierten Femurkopf zu reponieren, indem der Oberschenkel mit einer leichten anteroposteriorer Kraft abduziert wird.(9)

Galeazzi-Zeichen (edit | edit source)

Das Galeazzi-Zeichen wird beim Verdacht auf eine Instabilität oder Luxation der Hüfte oder eine Fehlbildung der Hüftpfanne verwendet. Das Kind liegt in Rückenlage mit gebeugten Hüften und Knien, die Füße sind flach auf der Unterlage. Der Untersucher vergleicht die Höhe der Knie von lateral.

Dieses Zeichen ist positiv, wenn ein Knie höher als das andere steht. Dies weist auf eine Instabilität, Luxation oder anteriore Translation der Hüftpfanne auf der unteren Seite hin.(10)

In den folgenden Videos finden Sie Beschreibungen und Demonstrationen dieser Tests.

Activity Scale for Kids (ASK) (edit | edit source)

Die Activities Scales for Kids (ASK) ist ein Fragebogen zur Selbstbeurteilung mit 30 Fragen zu dem, was das Kind zu Hause, in der Schule und auf dem Spielplatz tun kann oder tun würde.(13)

Pediatric Evaluation of Disability Inventory (PEDI) (edit | edit source)

Das Pediatric Evaluation of Disability Inventory (PEDI) ist ein gründliches klinisches Assessment, das wichtige funktionelle Leistungen und Fähigkeiten bei Kindern im Alter von 6 Monaten bis 7½ Jahren überprüft.(14)

Functional Independence Measure für Kinder (WeeFIM) (edit | edit source)

Das WeeFIM ist ein Assessment-Tool, das die konstante Leistung eines Kindes in den wesentlichen funktionellen Fertigkeiten des täglichen Lebens misst. Das Instrument besteht aus einer 18-teiligen, 7-stufigen Ordinalskala, die drei Hauptbereiche (Selbstfürsorge, Mobilität und Wahrnehmung) abdeckt.(15)

Funktionelle Gleichgewichtstests (edit | edit source)

  1. Timed-up-and-go-Test (TUG): bewertet die Mobilität
  2. Timed-Floor-to-Stand: bewertet den Übergang zum und vom Boden
  3. Five-Times-Sit-to-Stand-Test (FTSTS): bewertet 5 aufeinanderfolgende Zyklen des Aufstehens vom Sitz in den Stand
  4. Paediatric Reach: Bewertet die Entfernung, mit der eine Hand nach vorne seitlich gestreckt werden kann, während das Gleichgewicht (im Sitzen oder Stehen) gehalten wird.(16)

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 1.2 1.3 1.4 1.5 1.6 Patel DR, Neelakantan M, Pandher K, Merrick J. Cerebral palsy in children: a clinical overview. Translational pediatrics. 2020 Feb;9(Suppl 1):S125.
  2. 2.0 2.1 2.2 Novak I, Morgan C, Adde L, Blackman J, Boyd RN, Brunstrom-Hernandez J, Cioni G, Damiano D, Darrah J, Eliasson AC, De Vries LS. Early, accurate diagnosis and early intervention in cerebral palsy: advances in diagnosis and treatment. JAMA pediatrics. 2017 Sep 1;171(9):897-907.
  3. 3.0 3.1 3.2 Graham D, Paget SP, Wimalasundera N. Current thinking in the health care management of children with cerebral palsy. Medical Journal of Australia. 2019 Feb;210(3):129-35.
  4. Stewart K, Lewis J, Wallen M, Bear N, Harvey A. The Dyskinetic Cerebral Palsy Functional Impact Scale: development and validation of a new tool. Dev Med Child Neurol. 2021 Dec;63(12):1469-75.
  5. Russell DJ, Rosenbaum P, Wright M, Avery LM. Gross motor function measure (GMFM-66 & GMFM-88) users manual. Mac keith press; 2002.
  6. 6.0 6.1 Paulson A, Vargus-Adams J. Overview of four functional classification systems commonly used in cerebral palsy. Children. 2017 Apr 24;4(4):30.
  7. 7.0 7.1 Harb A, Kishner S. Modified ashworth scale. InStatPearls (Internet) 2021 May 9. StatPearls Publishing. Commons Attribution 4.0 International License (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/),
  8. 8.0 8.1 8.2 Glinsky J. Tardieu Scale. J Physiother. 2016 Oct;62(4):229
  9. 9.0 9.1 Shipman S, Helfand M, Nygren P, et al. Screening for Developmental Dysplasia of the Hip (Internet). Rockville (MD): Agency for Healthcare Research and Quality (US); 2006 Mar. (Evidence Syntheses, No. 42.) 1, Introduction. Available from: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK33426/
  10. Eskay, K. Cerebral Palsy General Assessment and Interventions. Plus. 2022
  11. nabil ebraheim. Barlow & Ortolani test, Congenital Hip Dislocation- Everything You Need To Know – Dr. Nabil Ebraheim. Available from: https://www.youtube.com/watch?v=imhI6PLtGLc (last accessed 30/11/2022)

  12. Texas Children’s Hospital. TCH Ortho – Hip. Available from: https://www.youtube.com/watch?v=Qn-bWuvm0Pk (last accessed 30/11/2022)
  13. Costi S, Mecugni D, Beccani L, Alboresi S, Bressi B, Paltrinieri S, Ferrari A, Pelosin E. Construct validity of the activities scale for kids performance in children with cerebral palsy: brief report. Developmental Neurorehabilitation. 2020 Oct 2;23(7):474-7.
  14. Haley, S.M., Coster, W.J., Kao, Y.C., Dumas, H.M., Fragala-Pinkham, M.A., Kramer, J.M., Ludlow, L.H. and Moed, R., 2010. Lessons from use of the pediatric evaluation of disability inventory (pedi): Where do we go from here?. Pediatric physical therapy: the official publication of the Section on Pediatrics of the American Physical Therapy Association, 22(1), p.69.
  15. Wong V, Wong S, Chan K, Wong W. Functional independence measure (WeeFIM) for Chinese children: Hong Kong cohort. Pediatrics. 2002 Feb;109(2):e36-.
  16. Seek Freaks: Top 9 Functional Balance Tests for School-Based PTs. 2018. Available from: https://www.seekfreaks.com/index.php/2015/12/19/resource-top-9-functional-balance-tests-for-school-based-pts/


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