Muskuloskelettale Verletzungen sind eine der Hauptursachen für Behinderung in den westlichen Ländern
(1) (2) und führen zu Fehlzeiten bzw. Funktionseinschränkungen bei der Arbeit sowie zu einer allgemeinen Verringerung der Fähigkeit, normale Aktivitäten durchzuführen.(3)(4) Die Prävalenzrate von muskuloskelettalen Schmerzen liegt bei etwa 30 % (zwischen 14 und 47 %), die Inzidenzrate bei 8,3 % pro Jahr.(3) In der Regel hat ein Mensch mindestens einmal im Leben eine muskuloskelettale Verletzung.(4)
Derzeit gibt es einen Trend zu immer mehr Behinderungen aufgrund muskuloskelettaler Erkrankungen.(5)(6)(7) Während die Behinderungen zunehmen, sind die Prävalenzraten für diese Erkrankungen jedoch statisch. Es gibt auch immer mehr Behandlungsmöglichkeiten und eine Verringerung der Arbeitsbelastung aufgrund der stärkeren Regulierung.(8)
Es wird angenommen, dass der Anstieg der Behinderungszahlen auf Faktoren wie folgende zurückzuführen ist:(8)(9)(10)
Die Auswirkungen einer muskuloskelettaler Erkrankung auf einen Arbeitnehmer sind unterschiedlich und werden von einer Reihe von Faktoren beeinflusst. Die Art der Arbeit kann einen Einfluss haben – eine norwegische Studie aus dem Jahr 2018 fand einen Zusammenhang zwischen beruflicher körperlicher Aktivität und dem Risiko eines Rentenanspruchs durch Behinderung für alle Ursachen und muskuloskelettale Erkrankungen.(11)
Allerdings beeinflusst die individuelle Reaktion auf den Schmerz die Prognose. Depressionen, Ängste und psychosoziale Faktoren (einschließlich des Umgangs mit Schmerzen, Angst vor Bewegung (Kinesiophobie), Schmerzkatastrophisierung, geringe Selbstwirksamkeit und passive Schmerzbewältigungsmechanismen) sind wichtige Faktoren, die bei der Beurteilung der Eignung dieser Patienten zur Rückkehr an den Arbeitsplatz berücksichtigt werden müssen.(3) Wenn eine Person befürchtet, dass die Arbeit ihren Zustand verschlimmert, kann sich dies auf ihre Fähigkeit zur Rückkehr an den Arbeitsplatz auswirken.(8)
De Vries und Kollegen berichten, dass Patienten mit chronischen unspezifischen muskuloskelettalen Schmerzen, die am Arbeitsplatz bleiben, im Allgemeinen eine schlechte bis mäßige Arbeitsfähigkeit und -leistung aufweisen.(12) Sie stellten jedoch fest, dass eine Untergruppe von Arbeitnehmern in der Lage ist, bei der Arbeit zu bleiben und eine hohe Leistung und Fähigkeit zu erzielen. Diese Menschen zeichnen sich durch ein hohes Maß an Selbstwirksamkeit im Umgang mit Schmerzen aus. Black und Kollegen stellen außerdem fest, dass bei Patienten mit muskuloskelettalen Verletzungen des Oberkörpers oder psychischen Verletzungen ein positiver Zusammenhang zwischen hoher Selbstwirksamkeit und der Rückkehr an den Arbeitsplatz besteht.(13) Es scheint also, dass persönliche und arbeitsbezogene Faktoren die Arbeitsfähigkeit und -leistung eher beeinflussen als Schmerzen allein.(12)
Arbeit gilt als wesentlicher Bestandteil des Lebens, und eine Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Behinderung oder anderen gesundheitlichen Problemen kann sowohl für den Arbeitnehmer als auch für die Wirtschaft im Allgemeinen zu erheblichen Verlusten führen.(14)(13) Aktiv zu bleiben, auch bei der Arbeit, ist ein wichtiger Teil der Genesung, denn Inaktivität verzögert die Genesung. Daher sollte die Rückkehr an den Arbeitsplatz für diese Patienten ein zentrales Anliegen sein.(1) Allerdings werden 5 % aller krankheitsbedingten Arbeitsausfälle zu Langzeit-Ausfällen (d.h. sie dauern länger als 4 Wochen).(15) Diese langfristigen Abwesenheiten machen fast die Hälfte der gesamten verlorenen Arbeitstage pro Jahr aus.(15) Je mehr Fehlzeiten eine Person hat, desto größer ist das Risiko, dass sie nicht wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt.(16) Wenn eine Person beispielsweise 6 Monate lang von der Arbeit abwesend ist, besteht eine 80-prozentige Chance, dass sie 5 Jahre lang arbeitslos sein wird.(17)
Es gibt verschiedene Gründe, warum Arbeit wichtig ist:(16)(8)
Physiotherapeuten für Gesundheit am Arbeitsplatz helfen bei der Behandlung von muskuloskelettalen Verletzungen am Arbeitsplatz.(8) Sie führen neutrale und objektive Beurteilungen durch, um sowohl für den Arbeitnehmer als auch für den Arbeitgeber das beste Ergebnis zu gewährleisten.(18) Ein wichtiger Teil ihrer Aufgabe ist die Beratung darüber, wann eine Person nach einer Verletzung oder einer anderen Abwesenheit wieder in der Lage ist, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren (Arbeitsreintegration).(8)
Ein vorrangiges Ziel der Physiotherapeuten für Gesundheit am Arbeitsplatz ist es, den Betroffenen bei der Rückkehr an den früheren Arbeitsplatz zu helfen. Wenn dies nicht auf gleiche Art möglich ist, liegt der Schwerpunkt auf der Rückkehr an den früheren Arbeitsplatz, allerdings mit Anpassungen.(19) Alternativ kann auch eine andere Stelle im gleichen Betrieb angestrebt werden. Wenn keines dieser Szenarien zutrifft, wird zur Rückkehr an einen Arbeitsplatz in einem anderen Betrieb beigetragen.(8)
Zu den wichtigsten Informationen, die Physiotherapeuten für Gesundheit am Arbeitsplatz den Arbeitgebern und Arbeitnehmern zur Verfügung stellen, gehören:(8)
Die Beurteilung der Eignung für die Rückkehr an den Arbeitsplatz schätzt die Fähigkeit eines Arbeitnehmers zur Reintegration ein.
Wenn die Fähigkeiten des Arbeitnehmers mit den Anforderungen der Stelle übereinstimmen, wird er wahrscheinlich erfolgreich wiedereingegliedert. In Situationen, in denen die Fähigkeiten des Arbeitnehmers und die Anforderungen des Arbeitsplatzes unvereinbar sind, sind Interventionen der Gesundheit am Arbeitsplatz erforderlich. Dazu gehören:(8)
Eine Befunderhebung mit Blick auf die Arbeitsreintegration umfasst:(8)
Bei einer subjektiven Untersuchung ist es wichtig, die Vorgeschichte der Erkrankung zu erforschen, einschließlich früherer Behandlungen und medizinischer Eingriffe. Dies gibt Aufschluss über das Stadium der Heilung und das Stadium des Patienten im Genesungsprozess. Sie liefert zwar wichtige Informationen über die Vorgeschichte des Patienten, gibt aber nicht unbedingt einen Hinweis darauf, was für den Patienten in Zukunft möglich ist.(8)
Die objektive Untersuchung ist deshalb wichtig, weil sie bei der Diagnose hilft und die Richtung des physiotherapeutischen Managements vorgibt. Die Tests im Rahmen der körperlichen Untersuchung sind jedoch nicht immer sehr spezifisch und korrelieren nicht immer mit Funktionsverlusten. Das bedeutet, dass sie nicht unbedingt vorhersagen, ob ein Patient in der Lage sein wird, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren oder nicht (Arbeitsfähigkeit). Auch können sie nicht prädiktiv für die Arbeitsleistung eingesetzt werden.(8) Ein Patient mit starken Schulterschmerzen, eingeschränkter Beweglichkeit und Schwäche kann zum Beispiel in der Lage sein, seine Arbeit normal auszuführen, wenn sie am Computer stattfindet.(8) Es hat sich auch gezeigt, dass die klinische Untersuchung tendenziell größere Einschränkungen aufzeigt als funktionelle Tests (bewertet durch die Isernhagen Work Systems Functional Capacity Evaluation).(20) Eine objektive Untersuchung ist zwar nützlich, kann aber für sich genommen keine ausreichenden Informationen liefern, um die Eignung eines Patienten zur Rückkehr an den Arbeitsplatz zu bestimmen.(8)
Selbstberichtete Ergebnismessungen der Behinderung geben Aufschluss über die von den Patienten wahrgenommene Fähigkeit, sich an verschiedenen Aktivitäten zu beteiligen.(8) Es gibt eine Reihe verschiedener Fragebögen zur Selbsteinschätzung der Behinderung für verschiedene Körperteile, darunter der Roland Morris Disability Questionnaire für Rückenschmerzen, der DASH oder quickDASH für die obere Extremität und der KOOS für das Knie. Es gibt auch eine Reihe von verletzungsspezifischen Assessments, darunter das Carpal Tunnel Assessment für das Karpaltunnelsyndrom.(8)
Jeder Fragebogen gibt an, wie sich die Verletzung oder Erkrankung auf den Lebensstil der Person auswirkt. Ein entscheidender Nachteil dieser Skalen ist jedoch, dass sie von der individuellen Schmerzwahrnehmung des Patienten beeinflusst werden. Es wurde festgestellt, dass Patienten eher über stärkere Einschränkungen berichten, als es die objektive Untersuchung oder die funktionellen Tests zeigen.(20)
Die Reaktion einer Person auf ihre Schmerzen beeinflusst ihre Prognose. Wie bereits erwähnt, sind psychische Gesundheit und psychosoziale Faktoren wichtige Bereiche, die bei der Beurteilung der Eignung zur Rückkehr an den Arbeitsplatz zu berücksichtigen sind.(3)
Es gibt eine Reihe von psychologischen Instrumenten, die bei der Beurteilung der Rückkehr eines Patienten an den Arbeitsplatz eingesetzt werden können. Sleijser-Koehorst und Kollegen stellten jedoch fest, dass bei der Beurteilung von muskuloskelettalen Schmerzen besonders die folgenden Bereiche untersucht werden sollten:(3)(8)
Funktionelle Tests werden oft als Maß für die arbeitsbezogene körperliche Leistungsfähigkeit beschrieben. Die Tests sind in der Regel aktivitätsspezifisch, und eine Person wird bei einer Reihe von Aufgaben beurteilt, darunter Aktivitäten mit variierender Kraftanforderung, statische Haltung, Gleichgewicht, Lastenhandhabung und Geschicklichkeit der Hände.(8)(21) Es wurde vorgeschlagen, dass diese funktionellen Messungen am besten geeignet sind, um altersbedingte Unterschiede in der funktionellen Leistungsfähigkeit zu erfassen.(22) Die Beurteilung der Eignung für die Rückkehr an den Arbeitsplatz sollte Tests umfassen, die eine Reihe verschiedener körperlicher Aktivitäten untersuchen.(8)
Jüngste Forschungen haben untersucht, welche der oben genannten Instrumente am besten geeignet sind, um die Fähigkeit zur Rückkehr an den Arbeitsplatz zu beurteilen. Die Evidenz deutet jedoch darauf hin, dass kein einzelner Test oder Messung die Fähigkeit zur Rückkehr an den Arbeitsplatz vorhersagen kann.(20) So weisen beispielsweise selbstberichtete Fragebögen, klinische Untersuchung und funktionelle Tests alle signifikante Unterschiede auf, wenn es darum geht, Einschränkungen vorherzusagen, und es ist wichtig, dass sich Angehörige der Gesundheitsberufe dieser Einschränkungen bewusst sind, wenn sie diese Messungen anwenden.(20)
Wenn jedoch leistungsbezogene (d. h. funktionelle Tests) und nicht leistungsbezogene Messungen (d. h. selbstberichtete Behinderung, soziale Assessments) zusammengenommen werden, können sie Aufschluss über die Fähigkeit einer Person zur Rückkehr an den Arbeitsplatz geben.(23)(8)
Gouttebarge und Kollegen besprechen einen 3-stufigen konzeptionellen Rahmen für die Auswahl von spezifischen funktionellen Tests bei muskuloskelettalen Beschwerden:(4)
Ein wesentlicher Vorteil von funktionellen Tests besteht darin, dass der Therapeut einem standardisierten Protokoll mit einer standardisierten Auswertung folgen kann. Dies bedeutet, dass die Ergebnisse konsistent, gültig und leicht reproduzierbar sind.(8) Außerdem liefern sie Daten über den Patienten, die mit der Allgemeinbevölkerung (durch normative Daten) oder mit den beruflichen Anforderungen verglichen werden können. Daher ist der Einsatz dieser Instrumente bei der Beurteilung der Eignung für die Rückkehr an den Arbeitsplatz von Vorteil.(8)
Bei der Auswahl eines funktionellen Tests ist es wichtig, einen Test zu wählen, der folgende Merkmale aufweist:(8)
Es ist auch wichtig, dass Sie eine Reihe von Tests mit Fokus auf verschiedenen körperlichen Aktionen auswählen. Um die richtigen Tests auszuwählen, ist es wichtig, dass Sie:(8)
Die Person wird gebeten, 10 Mal vom Sitzen aufzustehen. Es gibt Variationen für diesen Test, wie z. B. der 5x Sit-to-Stand (5XSST, siehe Video unten) oder der 30s-Chair-Stand-Test (30CST), bei welchem der Patient gebeten wird, so oft wie möglich in 30 Sekunden aufzustehen und sich wieder hinzusetzen). Dieser Test ist ein schnelles, einfaches und reproduzierbares Verfahren zur Quantifizierung der Kraft der unteren Extremitäten, insbesondere der Funktion der Kniestrecker (Extensoren).(25) (26) Die Evidenz zeigt, dass eine geringere Muskelkraft ein verlässlicher Prädiktor für eine spätere Behinderung ist.(8) Es besteht eine signifikante Korrelation zwischen Zeit und Alter bei allen Geschlechtern.(25) Die Ergebnisse können also mit normativen Daten verglichen werden, aber es ist wichtig zu berücksichtigen, ob die Daten repräsentativ für die getestete Population sind (ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, usw.).(8) Francis et al. weisen darauf hin, dass die Referenzbereiche für die magere Körper- oder Muskelmasse am besten aus der Oberschenkelregion ermittelt werden, da der Oberschenkel offenbar am stärksten auf altersbedingte Veränderungen oder Interventionen reagiert.(22) Daher ist es sinnvoll, prädiktive Parameter aus dieser Muskulatur abzuleiten. Darüber hinaus wird die maximale Krafterzeugungskapazität des Oberschenkels am besten durch die Kniestrecker repräsentiert, weil sie:(22)
Die maximale Griffkraft (Greifkraft) ist ein Maß für die allgemeine Fitness und Kraft und basiert auf dem Durchschnitt von drei Testdurchgängen. Auch hier sollten die Ergebnisse mit normativen Daten verglichen werden. Die Person sollte nicht im Voraus üben, da dies zu Ermüdung führen kann.(8) Die Griffkraft ist mehr als nur ein Maß für die Handkraft – sie wird auch mit verschiedenen Alterserscheinungen in Verbindung gebracht und steht im Zusammenhang mit Phänotypen von Sarkopenie und Frailty(28) sowie mit der Gesamtmortalität, der kardiovaskulären Mortalität und kardiovaskulären Erkrankungen.(29) Es ist bekannt, dass die Griffkraft im frühen Erwachsenenalter ihren Höhepunkt erreicht. Darauf folgt eine Erhaltungsphase und dann nimmt die Kraft mit zunehmendem Alter ab, und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen bereits ab 40 Jahren.(28)
Leistungsbasierte Hebetests (wie z. B. ein Hebetest vom Boden bis auf Hüfthöhe bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen) scheinen prädiktiv für die Arbeitsbeteiligung zu sein.(23) Dies mag daran liegen, dass das Heben eine Vielzahl von körperlichen Handlungen umfasst, darunter Greifen, Halten, Bücken, Heben und Absenken. Es gibt widersprüchliche Evidenz über den Zusammenhang mit Schmerzintensität, Kinesiophobie, Angst vor (erneuter) Verletzung, Depression, Geschlecht und Alter.(23) Hebetests sind ein wichtiger Prädiktor für die Arbeitsfähigkeit von Patienten mit muskuloskelettalen Beschwerden.
Der Pile-Test (Progressive Isoinertial Lifting Evaluation, PILE) ist ein Hebetest, bei dem eine Person vor einer Kiste steht und diese dann innerhalb von 20 Sekunden viermal auf einen 75 cm hohen Tisch hebt.
Bevor ein Test durchgeführt wird, ist es wichtig, die Zustimmung des Patienten einzuholen, zu prüfen, ob er den Test versteht, und seine Sicherheit durch geeignetes Screening und Überwachung zu gewährleisten.