Einführung in die Gesundheit am Arbeitsplatz

Originale Autorin Jess Bell

Top-BeitragendeJess Bell, Kim Jackson, Lucinda hampton und Tarina van der Stockt

Einleitung(edit | edit source)

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Der Bereich der Gesundheit am Arbeitsplatz beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen Arbeit und Gesundheit.

  • Spezialisten für Gesundheit am Arbeitsplatz möchten den Gesundheitszustand der Arbeitnehmer verbessern, die Produktivität der Arbeitskräfte steigern, die Unternehmensleistung verbessern und die Wirtschaft fördern.(1)

Für diesen Bereich der Rehabilitation werden verschiedene Begriffe verwendet. Der Begriff „Gesundheit am Arbeitsplatz“ wird in der Regel für Personen verwendet, die einer Arbeit nachgehen, während „berufliche Rehabilitation“ in der Regel für Personen verwendet wird, die nicht erwerbstätig sind. Diese Begriffe sind jedoch weltweit unterschiedlich.(2)

Spezialisten für Gesundheit am Arbeitsplatz verfügen über eine spezielle Weiterbildung und Erfahrung, um den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Arbeit zu verstehen.(1) Dies ermöglicht es ihnen, sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber zu unterstützen. Die Gesundheit am Arbeitsplatz konzentriert sich auf drei Hauptziele:

  • Erhaltung und Förderung der Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der Arbeitnehmer
  • Verbesserung der Arbeitsumgebung, um sicherzustellen, dass sie der Gesundheit und Sicherheit förderlich ist
  • Die Entwicklung von Arbeitsorganisationen/-kulturen in einer Weise, die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz unterstützt, positive soziale Interaktionen fördert und die Produktivität verbessert(2)

Warum ist Gesundheit am Arbeitsplatz wichtig? ( edit | edit source )

Es heißt, dass gute Arbeit die körperliche und psychische Gesundheit fördert und das Gefühl von Sinnhaftigkeit, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Unabhängigkeit und Erfüllung stärkt.(3) Die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach einer Krankheit oder Verletzung sollte daher bei der Ermittlung von Behandlungsoptionen und der Unterstützung von Menschen im erwerbsfähigen Alter als wichtige Ergebnismessung betrachtet werden.(3)

  • Fünf Prozent aller krankheitsbedingten Fehlzeiten werden zu langfristigen Ausfällen (d.h. sie dauern länger als 4 Wochen) und machen fast die Hälfte aller verlorenen Arbeitstage pro Jahr aus(4)
  • Je länger eine Person von der Arbeit abwesend ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehrt.(3) Bei einer sechsmonatigen Abwesenheit von der Arbeit beispielsweise besteht eine 80%ige Chance, dass die betreffende Person fünf Jahre lang arbeitslos sein wird,(5) was mit erheblichen Kosten für den Einzelnen und die Gesellschaft verbunden ist
  • Wenn eine schlechte Arbeitsfähigkeit (körperlich oder psychisch) mit einer oder mehreren chronischen Krankheiten einhergeht, besteht ein erhöhtes Risiko langfristiger krankheitsbedingter Fehlzeiten in der Erwerbsbevölkerung(6)
  • Das Risiko langfristiger krankheitsbedingter Fehlzeiten erhöht sich allmählich aufgrund von Faktoren, die mit körperlich anstrengender Arbeit verbunden sind(7)
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Von besonderer Bedeutung für Physiotherapeuten ist, dass neben „Stress, Depressionen und Angstzuständen“ „andere muskuloskelettale Probleme“ zu den am häufigsten genannten Gründen für langfristige Fehlzeiten am Arbeitsplatz gehören.(3)

  • Kreuzschmerzen gehen mit einer erhöhten Abwesenheit vom Arbeitsplatz einher(8)(9)
  • Nackenschmerzen verursachen hohe sozioökonomische Kosten, die mit Arbeitsausfällen und Krankheitskosten zusammenhängen(10)
  • Langanhaltende Nacken-/Rückenschmerzen, die die Aktivität einschränken, können die Arbeitsleistung beeinträchtigen und zu Fehlzeiten und Frühverrentung führen(11)
  • Anhaltende Schulterschmerzen bei Erwachsenen im Alter von 20 bis 55 Jahren beeinträchtigen nachweislich die Erwerbsbeteiligung und Produktivität(12)

Was macht ein Spezialist für Gesundheit am Arbeitsplatz? ( edit | edit source )

Der Spezialist für Gesundheit am Arbeitsplatz führt unparteiische und objektive Bewertungen durch, die nicht nur das Beste für den Arbeitnehmer, sondern auch das Beste für den Arbeitgeber berücksichtigen.(2)

  • Dies ist wichtig, da der Erfolg eines Unternehmens stark von der Gesundheit und dem Wohlbefinden seiner Mitarbeiter abhängt.(1)
  • Um ein produktives Ergebnis für alle Beteiligten zu gewährleisten, ist es wichtig, die Anforderungen beider Seiten effektiv zu erfüllen.(2)
  • Diese Ausrichtung auf den Patienten und seinen Arbeitgeber unterscheidet die Gesundheit am Arbeitsplatz von anderen Bereichen der Physiotherapie, in denen in der Regel nur der einzelne Patient im Mittelpunkt steht.(2)

Nicht alle Arbeitnehmer haben den gleichen Zugang zu Leistungen der Gesundheit am Arbeitsplatz. Arbeitnehmer, die für größere Organisationen arbeiten, werden eher in der Lage sein, diese Unterstützung in Anspruch zu nehmen, ebenso wie Arbeitnehmer, die im öffentlichen Sektor arbeiten, im Vergleich zu Arbeitnehmern im privaten Sektor,(3) Daher scheint es wichtig, dass alle Physiotherapeuten diesen Bereich bei der Erstellung von Behandlungs- oder Rehabilitationsplänen berücksichtigen.

Biopsychosoziales Modell ( edit | edit source )

Die Gesundheit am Arbeitsplatz verwendet das biopsychosoziale (oder bio-beruflich-psycho-soziale) Modell und nicht das biomedizinische Modell.(2) Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Gesundheit und Krankheit auf die Wechselwirkung zwischen biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren zurückzuführen sind:(13)

  • Bio – Ausrichtung auf die physiologische Pathologie, den Grad der körperlichen Gesundheit oder Behinderung
  • Psycho – Ausrichtung auf Gedanken, Emotionen und Verhaltensweisen wie psychische Belastung, Angst-Vermeidung/Überzeugungen und aktuelle Bewältigungsmechanismen
  • Soziales – Ausrichtung auf sozioökonomische, sozioökologische und kulturelle Faktoren wie Arbeitsfragen, familiäre Umstände und wirtschaftliche Faktoren

Alle diese Bereiche sind miteinander verbunden und müssen für eine wirksame Beurteilung und Unterstützung im Rahmen der Gesundheit am Arbeitsplatz zusammen betrachtet werden.(2)

Das Team für Gesundheit am Arbeitsplatz ( edit | edit source )

Das Team für Gesundheit am Arbeitsplatz besteht aus Gesundheitsexperten mit unterschiedlichem Hintergrund, die zusammenarbeiten, um den Arbeitnehmern die Rückkehr an den Arbeitsplatz bzw. den Verbleib am Arbeitsplatz zu ermöglichen. (Beachte: die Folgende Auflistung berücksichtigt die derzeitigen Fachausbildungen und Bezeichnungen, die im Vereinigten Königreich gelten.)

  1. Arbeitsmediziner (Occupational Health Physicians) fördern und schützen die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit von Arbeitnehmern. Sie konzentrieren sich auf die Präventivmedizin und das Management von Krankheiten, Verletzungen und Behinderungen im Zusammenhang mit dem Arbeitsplatz.(2)
  2. Berater für Gesundheit am Arbeitsplatz (Occupational Health Advisors) sind Gesundheits- und Krankenpfleger mit einer Fachausbildung in Gesundheit am Arbeitsplatz. Sie übernehmen häufig eine Fallmanagementfunktion und führen Aufgaben wie Gesundheitsuntersuchungen für Neueinsteiger, Gesundheitsüberwachung und Screening-Programme wie Audiometrie, Spirometrie, Sehtests, Beurteilungen von Hand-Arm-Vibrationen und Assessments bei Schichtarbeitern durch.(2)
  3. Psychologen für Gesundheit am Arbeitsplatz (Occupational Health Psychologists) kümmern sich um das psychische Wohlbefinden des Einzelnen. Sie tragen zur Arbeitszufriedenheit und zur Effizienz des Unternehmens bei. Ihre Aufgaben sind vielfältig und können sich auf Edukation und Training oder auf individuelle Unterstützung und Therapie konzentrieren. Ebenso können sie an der Beratung von Managern und Entscheidungsträgern beteiligt sein, wie die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter am besten gefördert werden können.(2)
  4. Ergotherapeuten am Arbeitsplatz helfen Arbeitnehmern bei der Überwindung von Barrieren, die sie an der Partizipation (Teilhabe) am Arbeitsleben hindern. Diese Barrieren sind vielfältig und umfassen Themen wie Krankheit, Behinderung, soziale / institutionelle oder physische Umweltprobleme.(2)
  5. Physiotherapeuten für Gesundheit am Arbeitsplatz (Occupational Health Physiotherapists) sind häufig am Assessment für die Rückkehr zum Arbeitsplatz, der funktionellen Rehabilitation und anderen klinischen Behandlungsleistungen beteiligt. Sie können Aufgaben im Bereich der Gesundheitsförderung und Edukation, der Risikobewertung und des Trainings sowie des Managements langfristiger Erkrankungen am Arbeitsplatz übernehmen. Physiotherapeuten, die in der Gesundheit am Arbeitsplatz tätig sind, haben die Möglichkeit, ihre eigene Praxis in verschiedene Richtungen zu entwickeln, vom Risikomanagement und Interventionen bis hin zum Fallmanagement von Langzeiterkrankungen am Arbeitsplatz.(2)

Die Aufgaben dieser Fachkräfte überschneiden sich häufig, und alle können im Direktzugang (Erstkontakt) aufgesucht werden. Sie können auch von Ergonomen, Arbeitshygienikern, Berater für betriebliches Gesundheitsmanagement und Arbeitssicherheit, Personalverantwortlichen und Führungskräften unterstützt werden.(2)

Die Beziehung zwischen Gesundheit am Arbeitsplatz und Physiotherapie ( edit | edit source )

Die Physiotherapie hat sich als klinisch und kosteneffektiv erwiesen, wenn es darum geht, Menschen wieder an den Arbeitsplatz zu bringen.(5) Auch wenn nicht alle Physiotherapeuten zu Spezialisten für Gesundheit am Arbeitsplatz werden, müssen alle Physiotherapeuten bei der Befunderhebung und Beurteilung von Patienten die Bedeutung von Arbeitsfaktoren berücksichtigen.(2)

Physiotherapeuten sind gut geeignet, Fragen zur Arbeit zu stellen und Ziele für die Rückkehr an den Arbeitsplatz festzulegen. Beispiele für Fragen, die Ihnen bei der Beurteilung der Auswirkungen einer Verletzung auf die Arbeit helfen können, sind:

  • Welche Arbeitsaufgaben sind aufgrund Ihrer Verletzung/Krankheit/Behinderung schwierig?
  • Was könnte Ihrer Meinung nach getan werden, um dieses Problem zu lösen?
  • Welche Ihrer Arbeitsaufgaben können Sie derzeit noch ausführen?(2)

Durch sorgfältige Befragung können sich Physiotherapeuten ein Bild davon machen, wie die Arbeitsbedingungen den Zustand eines Patienten verschlimmern können.(2) Die Patienten können auch Fotos oder Videos von ihrem Arbeitsplatz zur Verfügung stellen, um dem Physiotherapeuten ein besseres Verständnis des Arbeitsplatzes zu ermöglichen. Viele Büroangestellte sitzen über längere Zeit vor dem Computer/Laptop. Physiotherapeuten können daher Informationen über ergonomische Hilfsmittel wie Laptop-Ständer, die Verwendung einer externen Maus und Tastatur sowie Empfehlungen zur Haltung und ein einfaches Übungsprogramm für die Arbeit geben.(2)

Physiotherapeuten können auch Blue Flags (die Wahrnehmung des Arbeitnehmers von arbeitsbezogenen Faktoren, die sich auf die Behinderung auswirken(14)) oder Yellow Flags (psychologische, verhaltensbezogene und emotionale Risikofaktoren für die Gesundheit(14)(15)) berücksichtigen, die sich auf den Zustand oder das Engagement des Arbeitnehmers am Arbeitsplatz auswirken können. Wenn ein Physiotherapeut nicht in der Lage ist, alle relevanten Probleme zu lösen, kann er eine Überweisung zu einem Spezialisten für Gesundheit am Arbeitsplatz in Betracht ziehen.

Relevante Ressourcen ( edit | edit source )

The Association of Chartered Physiotherapists in Occupational Health and Ergonomics. Verfügbar unter www.ACPOHE.csp.org.uk (Zugriff am 13. April 2020).

International Federation of Physical Therapists working in Occupational Health and Ergonomics. Verfügbar unter www.wcpt.org/IFPTOHE (Zugriff am 13. April 2020).

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 1.2 Nicholson PJ. Occupational Health: The Value Proposition. The Society of Occupational Medicine. London; 2017. Available from https://www.som.org.uk/sites/som.org.uk/files/Occupational_health_the_value_proposition_0.pdf
  2. 2.00 2.01 2.02 2.03 2.04 2.05 2.06 2.07 2.08 2.09 2.10 2.11 2.12 2.13 2.14 2.15 2.16 Roberts, K. An Introduction to Occupational Health. Plus. 2020.
  3. 3.0 3.1 3.2 3.3 3.4 Department of Work and Pensions. Department of Health and Social Care. Health in the Workplace- Patterns of Sickness Absence, Employer Support and Employment Retention. 2019. Available from https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/817124/health-in-the-workplace-statistics.pdf. (Accessed 13 April 2020).
  4. Black C, Frost D. Health at work – an independent review of sickness absence. London: Department of Work and Pensions; 2011. Available from: http://www.dwp.gov.uk/policy/welfare-reform/sickness-absence-review (Accessed 13 April 2020)
  5. 5.0 5.1 Chartered Society of Physiotherapy. Physiotherapy Works: Occupational Health. United Kingdom; 2010. Available from https://www.csp.org.uk/publications/physiotherapy-works-occupational-health (accessed 13 April 2020).
  6. Sundstrup E, Jakobsen MD, Mortensen OS, Andersen LL. Joint association of multimorbidity and work ability with risk of long-term sickness absence: a prospective cohort study with register follow-up. Scand J Work Environ Health. 2017;43(2):146-54.
  7. Andersen LL, Thorsen SV, Flyvholm MA, Holtermann A. Long-term sickness absence from combined factors related to physical work demands: prospective cohort study. Eur J Public Health. 2018;28(5):824-9.
  8. Virkkunen T, Husu P, Tokola K, Parkkari J, Kankaanpää M. Depressive symptoms are associated with decreased quality of life and work ability in currently working health care workers with recurrent low back pain. J Occup Environ Med. 2022 Sep 1;64(9):782-787.
  9. Prieto-González P, Šutvajová M, Lesňáková A, Bartík P, Buľáková K, Friediger T. Back pain prevalence, intensity, and associated risk factors among female teachers in Slovakia during the COVID-19 pandemic: A cross-sectional study. Healthcare (Basel). 2021 Jul 7;9(7):860.
  10. Moggioli F, Pérez-Fernández T, Liébana S, Corredor EB, Armijo-Olivo S, Fernandez-Carnero J, et al. Analysis of sensorimotor control in people with and without neck pain using inertial sensor technology: study protocol for a 1-year longitudinal prospective observational study. BMJ Open. 2022 Feb 15;12(2):e058190.
  11. Bohman T, Holm LW, Lekander M, Hallqvist J, Skillgate E. Influence of work ability and smoking on the prognosis of long-duration activity-limiting neck/back pain: a cohort study of a Swedish working population. BMJ Open. 2022 Apr 12;12(4):e054512.
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  15. Winkelmann C, Schreiber T. Using ’White Flags’ to categorize socio-cultural aspects in chronic pain. European Journal of Public Health. 2019;29:10.


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