Zugang zu Hilfsmitteln

Originale Autorin Robin Tacchetti Top-Beitragende Robin Tacchetti, Jess Bell und Lucinda hampton

Einleitung(edit | edit source)

Der Begriff „Hilfsmittel“ (auch „assistive Technologien“ oder „Unterstützungstechnologien“) ist weit gefasst und bezeichnet Geräte, die Menschen mit Behinderungen dabei helfen, ihre Funktionen zu verbessern und unabhängiger zu leben. Zu den üblichen Kategorien der Hilfsmittel gehören: Sehen, Hören, Kommunikation, Mobilität, Selbstversorgung und Kognition. Mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt benötigen ein oder mehrere Hilfsmittel. Diese Zahl wird den Prognosen zufolge bis 2050 auf über 2 Milliarden ansteigen, was auf die Zunahme nicht übertragbarer Krankheiten und die Alterung der Bevölkerung zurückzuführen ist.(1) Die Auswirkungen von Behinderungen und Krankheiten nehmen ohne den Einsatz von Unterstützungstechnologien zu, da sich diese Menschen oft isoliert und von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen.(2)

Zu den Personen, die von Hilfsmitteln profitieren würden, gehören:

Länder mit niedrigem Einkommen ( edit | edit source )

Behinderung und Armut sind in einem Kreislauf miteinander verbunden, in dem Behinderung zu Armut führen kann und umgekehrt.(3) In Ländern mit niedrigem Einkommen (Low Income Countries – LIC) leben die meisten Menschen mit Behinderungen, und sie haben am ehesten keinen Zugang zu Hilfsmitteln.(4) Viele Menschen in diesen Ländern wissen nicht, dass es Hilfsmittel gibt und wie sie zur Verbesserung ihrer Situation beitragen können. Wenn die Menschen erst einmal auf Hilfsmittel aufmerksam geworden sind, müssen sie unter Umständen viele Jahre warten, bis sie Zugang dazu erhalten.(4) Darüber hinaus haben Menschen, die in Ländern mit niedrigem Einkommen leben, in der Regel keinen Krankenversicherungsschutz und sind auf die Unterstützung durch ihre Familien oder NROs (Nichtregierungsorganisationen) angewiesen, wenn es um Hilfsmittel geht.(5) Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass 90 % der Menschen, die von Hilfsmitteln profitieren würden, keinen Zugang dazu haben. Nachstehend finden Sie Statistiken, die diese Informationen stützen:

  • nur 5-15 % der 70 Millionen Menschen, die einen Rollstuhl benötigen, haben Zugang dazu;
  • nur 5 % der 40 Millionen Amputierten, die Prothesen benötigen, haben Zugang zu ihnen;
  • 10 % der Weltbevölkerung hat Zugang zu Hörgeräten – in Ländern mit niedrigem Einkommen dafür nur 3 %;
  • 200 Millionen Menschen mit Sehbehinderung haben keinen Zugang zu Brillen oder anderen Sehhilfen.(1)

Das folgende Video der Weltgesundheitsorganisation zeigt, wie Hilfsmittel das Leben verändern können:

Zugang zu Hilfsmitteln ( edit | edit source )

Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse des Institute of Developmental Studies in Bezug auf Hilfsmittel und Länder mit niedrigem Einkommen aufgeführt:

  • Zugang und Bedarf:
    • Allgemeiner Mangel an Aufklärung, Regierungsführung und Personal mit entsprechend hohen Kosten und begrenzter Verfügbarkeit
    • Ungleichheit beim Zugang zu Hilfsmitteln ist bei Menschen unterschiedlicher Kulturen, Beeinträchtigungen, Geschlechter, Alter und Wirtschaftslage zu beobachten
  • Verfügbarkeit:
    • Der Großteil der verfügbaren Hilfsmittel befindet sich in Ländern mit hohem Einkommen
    • In ressourcenarmen Ländern ist das Angebot knapp
    • Kleine Produzenten und Anbieter von Hilfsmitteln in Ländern mit niedrigem Einkommen können die hohe Nachfrage nicht decken
  • Erschwinglichkeit:
    • Die Kosten können unerschwinglich sein
    • Wartung und andere indirekte Kosten verursachen weitere Kosten für den Benutzer
  • Gestaltung:
    • Die Gestaltung („Design“) des Hilfsmittels muss für den Benutzer und die Umgebung bzw. den Kontext, in dem er es benutzt, geeignet sein.
  • Aufklärung:
    • Es gibt einen Kreislauf, bei dem die mangelnde Kenntnis über Hilfsmittel, die von Nutzen sein könnten, zu geringer Nachfrage und geringer Motivation für das Angebot führt(1)

Lösungen(edit | edit source)

Um die Probleme im Zusammenhang mit der mangelnden Zugänglichkeit von Hilfsmitteln in den Ländern mit niedrigem Einkommen zu bekämpfen, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Aktionsplan mit der Bezeichnung „Global Cooperation on Assistive Technology“ (GATE) entwickelt. Diese Aufgabe der WHO besteht darin, den Mitgliedstaaten zu helfen, den Zugang zu Hilfsmitteln zu verbessern, die kulturell angemessen und auf die Bedürfnisse der Benutzer zugeschnitten sind.(6) Nach Tangcharoensathien et al.(7) umfasst das GATE-Rahmenkonzept vier Lösungen, die den Zugang zu Hilfsmitteln verbessern sollen:

  1. Angemessene finanzielle Unterstützung durch einen nationalen politischen Rahmenplan
  2. Strategien für Forschungs- und Entwicklungsanreize zur Förderung erschwinglicher Hilfsmittel
  3. Aufbau von Kapazitäten durch die Ausbildung von Betreuern, Hochschulabsolventen und Gesundheitspersonal
  4. Integration des Gesundheitssystems zur Verbesserung der Versorgungsleistungen(7)

Einer der ersten Schritte des GATE-Programms war die Entwicklung einer Liste prioritärer Hilfsmittel (Assistive Product List – APL), die 50 prioritäre Hilfsmittel auf der Grundlage der Auswirkungen auf das Leben einer Person und des allgemeinen Bedarfs enthält.(6) Diese 50 Produkte sollten den Bürgern aller Länder im Rahmen der allgemeinen Gesundheitsversorgung zur Verfügung stehen.(8) Die Liste enthält High-Tech- und Low-Tech-Produkte zu den Themen Hören, Sehen, Körperpflege, Kommunikation, Kognition und Mobilität. Jedes Land wird von der WHO ermutigt, eine eigene Bedarfsliste zu erstellen, die Artikel enthält, die erschwinglich und kosteneffizient sind und Mindestqualitäts- und Sicherheitsstandards erfüllen.(6)(8)

Das folgende Video der WHO beschreibt den Bedarf für die Zugänglichkeit von Hilfsmitteln und die APL-Liste:

Weitere Lösungen ( edit | edit source )

Damit die APL-Liste erfolgreich sein kann, braucht sie die Unterstützung durch Rechtsvorschriften, Ressourcen und Personal. Die WHO hat fünf zusätzliche Instrumente für die Mitgliedstaaten entwickelt, die zeitgleich mit der APL eingesetzt werden sollen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Diese fünf Instrumente sind im Folgenden aufgeführt:

  1. Politik: Strategisches Rahmenkonzept für assistive Technologien (Assistive Technology Policy Framework – ATP)
    • Finanzierungsmechanismen zur Erleichterung des allgemeinen Zugangs
    • Anleitung zu APL-Ausbildung, -Dienstleistungen und -Standards
    • Überwachung und Bewertung der Programme
  2. Personal: Hilfsmittelbezogenes Schulungspaket (Assistive Products Training Package – APT)
    • Ausbildung des vorhandenen Gesundheits- und Rehabilitationspersonals
    • Schulung der Betreuerinnen und Betreuer
    • Aufbau von Kapazitäten in den Mitgliedstaaten für die Fachausbildung
    • Die Schulung umfasst vier Schritte: Beurteilung/Auswahl, Anpassung, Einweisung/Nutzen und Nachbetreuung
  3. Versorgung: Modell für die Bereitstellung von Hilfsmittel-Dienstleistungen (Assistive Products Service Delivery Model – APS)
    • Infrastruktur im Zusammenhang mit Überweisungszentren in der primären Gesundheitsversorgung, die für den Zugang zu Hilfsmitteln erforderlich sind(9)
  4. Menschen
    • Sensibilisierung und Aufklärung über Hilfsmittel
    • Kulturelle Angemessenheit
    • Einbindung von Benutzern und Familien
  5. Produkte: Entwicklung einer Prioritätenliste für Assistive Technologien (Priority Assistive Products List – APL)
    • Reparatur und Aufarbeitung von Produkten
    • Forschung und Entwicklung

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 1.2 Rohwerder B. Assistive technologies in developing countries. 2018
  2. 2.0 2.1 Assistive technology factsheet. Geneva: World Health Organization; 2018 (https://www.who.int/en/news-room/fact-sheets/detail/assistive-technology, accessed 24 may 2021).
  3. Bright T, Wallace S, Kuper H. A systematic review of access to rehabilitation for people with disabilities in low-and middle-income countries. International journal of environmental research and public health. 2018 Oct;15(10):2165.
  4. 4.0 4.1 Karki J, Rushton S, Bhattarai S, De Witte L. Access to assistive technology for persons with disabilities: a critical review from Nepal, India and Bangladesh. Disability and Rehabilitation: Assistive Technology. 2021 May 14:1-9.
  5. Cote A. Social protection and access to assistive technology in low-and middle-income countries. Assistive Technology. 2021 Dec 1;33(sup1):S102-8.
  6. 6.0 6.1 6.2 Boot FH, Owuor J, Dinsmore J, MacLachlan M. Access to assistive technology for people with intellectual disabilities: A systematic review to identify barriers and facilitators. Journal of Intellectual Disability Research. 2018 Oct;62(10):900-21.
  7. 7.0 7.1 Tangcharoensathien V, Witthayapipopsakul W, Viriyathorn S, Patcharanarumol W. Improving access to assistive technologies: challenges and solutions in low-and middle-income countries. WHO South-East Asia journal of public health. 2018 Jul 1;7(2):84.
  8. 8.0 8.1 Smith EM, Ebuenyi ID, Kafumba J, Jamali-Phiri M, MacLachlan M, Munthali A. An overview of assistive technology products and services provided in Malawi. Disability and Rehabilitation: Assistive Technology. 2020 Nov 24:1-5.
  9. World Health Organization. Priority Assistive Products List: Improving access to assistive technology for everyone, everywhere. World Health Organization; 2016.


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