Originale Autorin – Anna Fuhrmann
Top-Beitragende – Naomi O’Reilly, Anna Fuhrmann, Wanda van Niekerk, Ewa Jaraczewska und Jess Bell
Ein Trauma entsteht durch ein Ereignis, eine Reihe von Ereignissen oder eine Reihe von Umständen. Ein Trauma ist „eine Erfahrung, die eine Person als körperlich oder emotional schädlich oder lebensbedrohlich erlebt und die dauerhafte negative Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit und das geistige, körperliche, soziale, emotionale oder spirituelle Wohlbefinden der Person hat.“(1) Traumatische Ereignisse kommen häufig vor und können jeden Menschen unabhängig von seinem kulturellen, sozioökonomischen, ethnischen, religiösen oder Bildungshintergrund treffen. Sie sind nicht geschlechts- oder altersspezifisch. Ein traumatisches Erlebnis kann ein einzelnes Ereignis, eine Reihe von Ereignissen und/oder ein chronischer Zustand sein (z. B. Vernachlässigung in der Kindheit, häusliche Gewalt).(1) (2) Es kann auch Erfahrungen aus zweiter Hand umfassen, d. h. jemand kann ein Trauma haben, das er nicht selbst erlebt hat, von dem er aber indirekt betroffen war.(1) Bei manchen Menschen sind die Reaktionen auf ein traumatisches Ereignis vorübergehend und haben unmittelbare psychische und/oder körperliche Auswirkungen. Bei anderen kann ein Trauma dauerhafte Auswirkungen auf das Leben und das Wohlbefinden haben. Bei manchen Menschen ist die Reaktion auf ein Trauma nachhaltiger. Diese Reaktion kann chronisch oder anhaltend werden und zu schwereren, länger anhaltenden oder dauerhaften Folgen für die psychische Gesundheit (z. B. posttraumatischer Stress und andere Angststörungen, Substanzkonsum und affektive Störungen) und zu körperlichen Beeinträchtigungen (z. B. Arthritis, Kopfschmerzen, chronische Schmerzen) führen. Sie kann die individuelle Biologie und das Verhalten im Laufe des Lebens verändern, was sich sowohl auf die zwischenmenschlichen als auch auf die generationenübergreifenden Beziehungen auswirken kann.
Aufgrund der hohen Prävalenz nicht erfasster Traumata und belastender Kindheitserfahrungen (Adverse Childhood Experiences – ACE) ist Trauma-Informed Care (etwa: traumainformierte Versorgung) als wertvoller Bestandteil der Patientenversorgung anerkannt worden. In Konfliktsituationen oder bei Naturkatastrophen kann eine Denkweise in den professionellen Gesundheits- und Sozialdiensten, die auf frühere Traumata von versorgungsbedürftigen Personen Rücksicht nimmt, eine erneute Traumatisierung verhindern und die Behandlungsergebnisse für Menschen, die ein Trauma erlebt haben, verbessern.
Menschen, die ein Trauma erlebt haben, einschließlich belastender Kindheitserfahrungen, sind anfälliger für eine Reihe von Gesundheitsstörungen und Krankheiten, z. B. psychische Störungen, Substanzmissbrauch, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Schmerzzustände usw.(3)(4) Häufig wird ein Trauma nicht erkannt oder verarbeitet und beeinflusst unbewusst die Reaktion der Patienten auf eine Behandlung. Achtsamkeit im Umgang mit Traumata und belastenden Kindheitserfahrungen kann dazu beitragen, die langfristigen Auswirkungen auf die körperliche und geistige Gesundheit der Betroffenen zu verringern, indem die zugrunde liegenden Bedingungen einfühlsam und respektvoll behandelt werden.
„Traumainformierte Dienste richten keinen Schaden an, d.h. sie retraumatisieren die Überlebenden nicht und geben ihnen nicht die Schuld für ihre Bemühungen, mit ihren traumatischen Reaktionen umzugehen, und sie vermitteln eine Botschaft der Hoffnung und des Optimismus, dass Genesung möglich ist. In traumainformierten Diensten werden Traumaüberlebende als einzigartige Individuen gesehen, die extrem abnormale Situationen erlebt und so gut wie möglich bewältigt haben“.(7) – Dr. Cathy Kezelman
Das Modell der Trauma-Informed Care (TIC, traumainformierte Versorgung) ist ein Rahmenkonzept, das das Verständnis für die Auswirkungen von Traumata und die Möglichkeiten zur Bewältigung von Traumata anerkennt. Darüber hinaus wird die physische, psychische und emotionale Sicherheit von Dienstleistern und Patienten verbessert und den Patienten die Möglichkeit gegeben, ihre Selbstkontrolle und Selbstbestimmung wiederherzustellen.(8) Es gibt sechs Schlüsselelemente für einen traumainformierten Ansatz.(7)(9)(10)(11)(12)(13)
Das erste und wichtigste Prinzip der Trauma-Informed Care besteht darin, sowohl dem Personal als auch den Patienten ein Gefühl der physischen, psychischen und emotionalen Sicherheit zu vermitteln.(8) Bei der Durchführung einer Befunderhebung, Untersuchung oder eines Assessments sollte das Rehabilitationspersonal eine Umgebung schaffen, in der sich die Patienten physisch und psychisch sicher fühlen können. Ein Therapeut sollte so interagieren und Fragen stellen, dass der Patient sich wohl fühlt, wenn er seine Geschichte erzählt und seine subjektiven Gefühle und Emotionen während des Prozesses der Befunderhebung beschreibt. Der Therapeut sollte dem Patienten versichern, dass er diesen Prozess jederzeit abbrechen kann, wenn er sich unwohl fühlt. Dem Patienten wird außerdem zugesichert, dass die Vertraulichkeit zwischen dem Therapeuten und dem Patienten gewahrt wird.
Ein wichtiger Aspekt bei der Entwicklung von Vertrauen und Transparenz ist die Klarheit in der Kommunikation und bei der Entscheidungsfindung, um Vertrauen zu schaffen. Die Entscheidung, die getroffen wird, und das vorbereitete Ziel sollten transparent sein, damit der Patient dem Rehabilitationsexperten vertrauen kann. Die Befunderhebung sollte klientenorientiert sein und die Ergebnisse sollten aufgezeichnet werden, damit eine Kontinuität zwischen den einzelnen Therapiesitzungen besteht.(14) Die Art und das Verhalten der beschriebenen Schmerzen sollten genau so aufgezeichnet werden, wie sie vom Patienten beschrieben wurden. Die Autonomie des Patienten sollte respektiert werden. Bei der Schmerzerfassung sollten validierte Ergebnismessungen verwendet werden.(15)
Das Zusammenbringen von Patienten und Fachleuten mit ähnlichen Hintergrunderfahrungen kann dazu beitragen, die Integration des Einzelnen in die Dienstleistung oder Therapie zu erreichen. Der Begriff „Gleiche“ bedeutet die Gruppe von Menschen, die die gleiche Art von Trauma erlebt haben. Wenn der Patient sich unter Gleichen (engl.: „Peers“) wohlfühlt, kann der Therapeut dem Patienten diese Möglichkeit anbieten.(7) Die Unterstützung durch Gleiche („Peer support“) kann emotionale Unterstützung bieten und je nach Wahl des Patienten von Angesicht zu Angesicht, in einer Gruppe oder über das Internet angeboten werden.(1)
Es ist unerlässlich, dass der Patient in die Behandlungspläne einbezogen wird. Im Allgemeinen sollten die Entscheidungen von Mitarbeitern verschiedener Ebenen/Berufe und dem Einzelnen gemeinsam getroffen werden. Die Ergebnisse von Befunderhebungen, Untersuchungen und Assessments sollten zum Wohle des Klienten mit den jeweils anderen Gesundheitsfachkräften besprochen werden. Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Gesundheitsfachkräften und den weiteren betreuenden Personen führt zu einem positiven Ergebnis. Der Patient kann Schmerzen zu verschiedenen Zeitpunkten bei verschiedenen Personen unterschiedlich wahrnehmen. Wenn also die Ergebnisse der Schmerzerfassung des Patienten mit den Betreuern und anderen Mitgliedern des Teams besprochen werden, können präzisere Ergebnisse erzielt werden. Jeder hat eine Rolle in der Trauma-Informed Care.(7)(14)(1)
Sowohl Patienten als auch Fachkräfte müssen in der Lage sein, ihre Stärken zu nutzen. Dieses Prinzip unterstützt die Resilienz und Selbstwirksamkeit innerhalb der Therapie/des Heilungsprozesses, indem es dem Einzelnen die Kontrolle zurückgibt. Ein wesentlicher Aspekt besteht darin, allen beteiligten Patienten und Fachkräften in allen Phasen der Behandlung die Möglichkeit zu geben und zu fördern, individuelle Entscheidungen zu treffen. Der Therapeut kann dem Patienten emotionale und psychologische Unterstützung bieten, damit er seine Schmerzen auf angenehme Weise beschreiben kann. Der Patient sollte in den gemeinsamen Entscheidungsprozess, die Zielsetzung und die Strategien zur Schmerzbewältigung einbezogen werden. Der Physiotherapeut sollte den Patienten bei der Entwicklung von Fähigkeiten zur Selbsthilfe unterstützen.(7)(14)
Traumabedingte Diskriminierung (z. B. aufgrund des Geschlechts, der Hautfarbe oder der ethnischen Zugehörigkeit) wird erkannt, Voreingenommenheit („Bias“) und Stereotypen werden thematisiert, und die Vielfalt („Diversity“) wird bei der Behandlung sowohl von den Patienten als auch vom Personal in jeder Hinsicht respektiert. Alle Patienten sollten gleich behandelt werden, und ihr kultureller bzw. historischer Hintergrund sollte respektiert werden. Bei der Untersuchung sollten die Privatsphäre des Patienten und kulturelle Aspekte berücksichtigt werden. Ein Beispiel dafür ist die Einholung einer angemessenen Einwilligung und die Erläuterung des Verfahrens, bevor eine Patientin für eine Untersuchung entkleidet wird. Wenn einige Patienten sich mit einer Fachkraft des gleichen Geschlechts wohler fühlen, sollte die Organisation die Entscheidung des Patienten berücksichtigen.(7)(14)(1)
Zur Implementierung von Trauma-Informed Care ist eine Schulung des klinischen und nichtklinischen Personals erforderlich.(14) Das Rahmenkonzept sollte sich auf die oben genannten Prinzipien stützen. Die klinischen und administrativen Standardverfahren sollten überprüft werden, um sicherzustellen, dass die oben genannten Prinzipien berücksichtigt werden. Außerdem muss sichergestellt werden, dass diese Verfahren patientenzentriert sind.
Ein Ansatz zur Trauma-Informed Care muss sowohl auf organisatorischer als auch auf klinischer Ebene erfolgen.(14) Durch die Schulung des (klinischen und nicht klinischen) Personals, die Eröffnung von Kommunikationsmöglichkeiten über Trauma und Bewältigung (sowohl für Patienten als auch für das Personal) und die Bereitstellung von Mitteln zur Einbeziehung von Patienten und Arbeitnehmern in organisatorische Aufgaben kann eine Einrichtung damit beginnen, diese Prinzipien zu berücksichtigen. Es ist auch ratsam, einen Traumaexperten für Beratung und Schulung zu engagieren. Die Gewissheit, dass es eine spezialisierte Kontaktperson gibt, die bei traumabezogenen Problemen konsultiert werden kann, trägt dazu bei, für viele Menschen ein sicheres Umfeld zu schaffen. Allerdings müssen zunächst die strukturellen Voraussetzungen geschaffen werden. Das Führungsteam muss den Ansatz anerkennen und unterstützen, da er Veränderungen innerhalb der klinischen Organisation erfordert. Die Bereitstellung von Ressourcen und Finanzmitteln ist der erste Schritt zur Schaffung eines traumainformierten klinischen Umfelds. Der Gruppe, die die Integration der Trauma-Informed Care in den klinischen Bereich überwacht, sollten auch Personen angehören, die ein Trauma erlebt haben, um Transparenz, Vertrauen und Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitsfachkräften und den Patienten zu gewährleisten.
Trauma-Informed Care ist ein Interventions- und Organisationsansatz, der sich darauf konzentriert, wie ein Trauma das Leben eines Menschen und seine Reaktion auf verhaltensbezogene Gesundheitsdienste beeinflussen kann, von der Prävention bis zur Behandlung. Der Schwerpunkt liegt auf der Bedeutung einer patientenzentrierten Versorgung anstelle der Anwendung allgemeiner Behandlungsansätze und bietet den Patienten mehr Möglichkeiten, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, die eine mitfühlende Perspektive auf ihre Probleme widerspiegeln.(1)