Das reaktive Gleichgewichtstraining (Reactive Balance Training – RBT) ist eine Art von Übung zur Verbesserung der Kontrolle von Sturzreaktionen, wenn eine Person aus dem Gleichgewicht gerät. Das RBT beinhaltet Ganzkörperbewegungen, die ähnliche Vorteile wie andere Übungen haben, z. B. Gehen. Es kannn mit der Zeit auch Kraft und Kondition verbessern.(1)(2) Der Ansatz des RBT hat das Potenzial, mehrere Aspekte der körperlichen Gesundheit gleichzeitig zu verbessern.(2)
Viele Gleichgewichtsprogramme zielen traditionell nur auf die statischen und dynamischen Komponenten des Gleichgewichts ab, ohne die reaktive Komponente zu berücksichtigen.(3) Der vorherrschende Faktor für Stürze ist jedoch ein Ausrutschen oder Stolpern beim Gehen.(4) Angemessene und rechtzeitige Gleichgewichtsreaktionen sind entscheidend für die Stabilität nach einem Gleichgewichtsverlust.(5) Gleichgewichtsreaktionen, wie z. B. reaktive Schritte, sind für die Sturzprävention entscheidend.(5)
Systematische Übersichtsarbeiten deuten darauf hin, dass reaktives Gleichgewichtstraining die Sturzrate um 46 %-48 % senken kann.(6)(7)
Die Indikation für die Anwendung des reaktiven Gleichgewichtstrainings (RBT) als Behandlungstechnik beruht weitgehend (aber nicht ausschließlich) auf der Feststellung, dass ein Patient ein Problem mit seinem Gleichgewicht hat. Als Physiotherapeut gibt es viele Möglichkeiten, das Gleichgewicht zu beurteilen, aber die Berg Balance Scale ist eine nützliche Ergebnismessung, mit der das Sturzrisiko bei älteren Erwachsenen vorhergesagt werden kann.(8)(9) Außerdem muss sichergestellt werden, dass ein Patient die für sein aktuelles Niveau entsprechenden Übungen erhält. Die Balance Intensity Scale (BIS) ist ein klinisches Maß für die Intensität von Gleichgewichtsübungen bei älteren Erwachsenen.(10)(11) Die BIS hat jeweils eine Komponente, die vom Kliniker bewertet wird, und eine Komponente, die vom Trainierenden selbst bewertet wird.(12) Viele Patienten können von einem reaktiven Gleichgewichtstraining profitieren, z. B. Patienten nach Schlaganfall,(2) mit Parkinson-Krankheit(13) sowie alle, die sturzgefährdet sind.
Hier ist ein Beispiel für RBT:
Die Therapeuten setzen den Patienten absichtlich einer herausfordernden Erfahrung aus und steigern die Herausforderung im Laufe der Zeit schrittweise. Eine Kraft wird auf den Patienten ausgeübt. Bei den Kräften kann es sich um eine innere/interne oder äußere/externe Kraft handeln, die auf den Massenschwerpunkt des Patienten einwirkt. Ziel der Übung ist es, eine Instabilität mit einer Intensität zu erzeugen, die von dem Patienten eine Strategie verlangt, um den Massenschwerpunkt innerhalb der Unterstützungsfläche zu halten und einen Sturz zu verhindern.(14)
Bei den Übungen kann es sich oft um die Wiederholung derselben unerwarteten, dynamischen Aktivität handeln, die eine körperliche Reaktion erfordert, um einen Sturz zu verhindern, bis der Patient in der Lage ist, konsequent in einer Weise zu reagieren, die eine angemessene Kontrolle über seinen Massenschwerpunkt ermöglicht.
Reaktives Gleichgewichtstraining integriert Perturbationen (Störungen) in Interventionen.(15)
Interne Perturbationen treten auf, während der Patient eine antizipierte Aktivität ausführt und seinen Massenschwerpunkt nicht angemessen kontrolliert. Es handelt sich dabei um patienteneigene Faktoren: i) Mangel an Kontrolle, ii) schlechte Koordination, iii) mangelndes Bewusstsein für den Massenschwerpunkt oder iv) unzureichende motorische Reaktion, die dazu führt, dass sich der Massenschwerpunkt der Grenze der Unterstützungsfläche nähert oder sich aus ihr herausbewegt.
Externe Perturbationen unterscheiden sich von internen Perturbationen. Eine externe Perturbation setzt voraus, dass etwas in der Umgebung außerhalb der Person eine Kraft verursacht, die auf den Massenschwerpunkt einwirkt, so dass sich der Massenschwerpunkt bewegt und die Grenzen der Stabilität erreicht oder überschreitet werden.
Lesen Sie mehr über Perturbationstechniken.
Sehen Sie sich das folgende Video eines RBT mit einer rollenden Plattform an und versuchen Sie, die verschiedenen Arten von Perturbationen zu erkennen.
Die posturale Kontrolle ist die Art und Weise, wie der Körper das Gleichgewicht in jeder Situation aufrechterhält. Sie erfordert ein flexibles, automatisches System, das auf erwartete und unerwartete Ereignisse angemessen reagieren kann. Sie umfasst sowohl Feed-Forward-Mechanismen als auch reaktive Strategien. Eine erfolgreiche posturale Kontrolle beruht auf einer Vielzahl von Systemen wie dem somatosensorischen System, dem vestibulären System, dem visuellen System und dem neuromuskulären System.
Lesen Sie mehr über posturale Kontrolle.
Unter Gleichgewichtskontrolle versteht man die Fähigkeit des Körpers, den Massenschwerpunkt innerhalb seiner Unterstützungsfläche zu halten. Ein Sturz passiert, wenn der Massenschwerpunkt einer Person sich über die Grenzen der Unterstützungsfläche hinaus bewegt und die Person keine angemessene reaktive Strategie hat. Biomechanisch kann man den Sturzvorgang auch als Perturbation (Störung) des Massenschwerpunkts bezeichnen. Der Massenschwerpunkt befindet sich dann nicht mehr in einer stabilen Position in Bezug auf die Unterstützungsfläche.
Lesen Sie mehr über den Massenschwerpunkt.
Perturbationsbasiertes Gleichgewichtstraining ist die wichtigste Form des reaktiven Gleichgewichtstrainings und ist in der Literatur weit verbreitet. Eine Perturbation wird von außen auf den Patienten ausgeübt, so dass er gezwungen ist, auf die äußere Kraft zu reagieren und die posturale Stabilität zu erhalten, um nicht zu stürzen. So wenden Therapeuten beispielsweise Vorwärts-, Rückwärts- und Seitwärtskräfte durch Ziehen an den Hüften oder Schultern an.
Das Otago-Übungsprogramm (Otago Exercise Program) ist kein reaktives Gleichgewichtstraining, aber es ist ein sehr effektiver Ansatz zur Verbesserung des Gleichgewichts und zur Verringerung von Stürzen bei älteren Erwachsenen.(16) Obwohl das Programm Aktivitäten zur Verbesserung des Gleichgewichts beinhaltet, sind die Aktivitäten antizipatorischer Natur. Antizipatorische Anpassungen, die eine Person herausfordern, das Gleichgewicht zu halten, sind nicht unbedingt reaktives Gleichgewichtstraining. Wenn sich eine Person einer Aufgabe bewusst ist, hat sie die Zeit, über die Aufgabe nachzudenken und zu entscheiden, wie sie die Aktivität ausführen will. Die Person ist in der Lage, vorauszusehen, was zu tun ist. Beispiele hierfür sind klinische Aktivitäten wie Sirtaki tanzen, die Clock Yourself App, Tandemgehen, Rückwärtsgehen oder Greifaktivitäten. In diesen Beispielen kennt die Person die auszuführende Aktivität, weil sie ein Kommando erhalten hat und die auszuführende Aufgabe vorhersehen kann.
Tai Chi ist nicht unbedingt ein reaktives Gleichgewichtstraining. Obwohl Tai Chi langsame, kontrollierte Bewegungen beinhaltet und diese Bewegungen dazu beitragen, das Gleichgewicht zu trainieren, ist diese Übung vorwiegend antizipatorischer Natur. Wenn jemand jedoch nicht in der Lage ist, die Bewegungen reibungslos auszuführen, und dies interne Perturbationen mit ausreichender Intensität erzeugt, um eine sturzvermeidende Reaktion zu erzeugen, dann fällt die Aktivität durchaus in den Bereich des reaktiven Gleichgewichtstrainings. Lesen Sie mehr über Tai Chi und der ältere Mensch.
Die Wii-Balance-Aktivitäten sind in der Regel kein reaktives Gleichgewichtstraining. Diese Art von Übung ist eher antizipatorischer Natur. Auch hier hängt es von der Ausführung des Patienten ab, ob die Aktivität reaktiv oder antizipativ ist.
Das Gleichgewichtstraining mit virtueller Realität hat das Potenzial, als reaktives Gleichgewichtstraining eingestuft zu werden. Die Anwendung muss jedoch eine Situation schaffen, in der sich der Patient instabil fühlt und auf das Gefühl der Instabilität mit einer motorischen Reaktion reagieren muss.
Es gibt viele Beispiele für ein RBT. Situationen können eingerichtet und auf klinische Interventionen aufbauen. Es ist wichtig, einige Dinge zu beachten, wenn Sie ein RBT in die Praxis einführen:
Das reaktive Gleichgewichtstraining (RBT) integriert unvorhergesehene Situationen in Interventionen. Der Patient sollte nicht in der Lage sein, das Ereignis oder die Situation vorherzusehen, um seine Reaktion zu planen. Eine unerlässliche Voraussetzung ist, dass sich der Massenschwerpunkt in Richtung der äußeren Grenzen der Stabilität bewegt und eine Schrittstrategie erforderlich ist, um einen Sturz zu verhindern. RBT ist eine wirksame Strategie zur Sturzprävention bei Patienten unterschiedlicher Altersgruppen.(17)
Perturbationen auf einem Laufband:
Reaktives Gleichgewicht/Balance Board:
Shuttle Board/Stabilisationstrainer
Proprio Reactive Balance System: