Originale Autorin – Ewa Jaraczewska basierend auf dem Kurs von Marissa Fourie
Top-Beitragende – Ewa Jaraczewska und Jess Bell
Die patientenzentrierte Versorgung ist als wesentlicher Bestandteil einer hochwertigen Patientenversorgung fest etabliert.(1)(2) Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als grundlegendes Ziel von „Gesundheit 2020” anerkannt, konzentriert sie sich auf die Partnerschaft zwischen Patienten und Angehörigen der Gesundheitsberufe, um eine höhere Patientenzufriedenheit und bessere Ergebnisse zu erzielen.(3)
Die patientenzentrierte Versorgung ist ein Versorgungsmodell, das auf die Werte, Bedürfnisse und Präferenzen des einzelnen Patienten abgestimmt ist.(4)
Eine patientenzentrierte Versorgung wird erreicht, wenn Kliniker ihre Patienten aktiv in Gespräche und Entscheidungen zur Gesundheitsversorgung einbeziehen.(4)(5) Kliniker, die eine patientenzentrierte Perspektive einnehmen, nehmen sich Zeit, um die bekannten Informationen über den Patienten zu berücksichtigen und ihn als einzigartigen Menschen zu verstehen, bevor sie eine klinische Diagnose stellen. Dieser Ansatz ermöglicht eine individuellere und effektivere Versorgung.(4)
Die Partnerschaft zwischen Arzt und Patient ist der Schlüssel zur patientenzentrierten Versorgung. Sie trägt dazu bei, Patienten von passiven Empfängern von Gesundheitsleistungen zu aktiven Teilnehmern zu machen, die eine bedeutende Rolle beim Management ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens spielen.(4)
Das Konzept der personenzentrierten Versorgung ist aus der patientenzentrierten Versorgung hervorgegangen. Sowohl die patientenzentrierte Versorgung als auch die personenzentrierte Versorgung legen Wert auf die aktive Einbeziehung des Patienten in seine Versorgung. Die patientenzentrierte Versorgung betont jedoch die Erreichung eines funktionalen Lebens, während die personenzentrierte Versorgung sich auf die Erfahrungen, das Wohlbefinden und ein sinnvolles Leben des Patienten konzentriert.(7) Beide Ansätze sind in der medizinischen Intervention wertvoll, und die spezifischen Bedürfnisse und gewünschten Ergebnisse jedes Patienten bestimmen, welches Modell bei seiner Versorgung stärker betont werden sollte.(4)
Das folgende Beispiel veranschaulicht den Unterschied zwischen patientenzentrierter und personenzentrierter Versorgung.(4)
Der 81-jährige Herr Xi hat eine Oberschenkelfraktur erlitten und ist nicht in der Lage, sich selbständig zu mobilisieren. Er bewegt sich derzeit ausschließlich in einem Rollstuhl und kann seine Wohnung nicht ohne weiteres verlassen. Vor seiner Verletzung arbeitete er als Gärtner und traf sich jeden zweiten Tag mit seinem Freund zum Tee. Die funktionellen Einschränkungen, die durch seine veränderte Mobilität verursacht werden, isolieren ihn und er fühlt sich ziemlich deprimiert.
Ein patientenzentrierter Ansatz würde die Verbesserung der Mobilität von Herrn Xi in den Vordergrund stellen, um seine Fähigkeit zu verbessern, funktionelle Aktivitäten wie die Teilnahme an gesellschaftlichen Veranstaltungen und die Gartenarbeit durchzuführen. Die Behandlung könnte die Vermittlung einer Betreuungsperson umfassen, die Herrn Xi bei der Mobilität unterstützt, oder einen Physiotherapeuten, der ihm mit Hilfe eines Hilfsmittels bei der Rehabilitation seines Gangs hilft.
Ein personenzentrierter Ansatz würde sich auf das Bedürfnis von Herrn Xi nach sozialer Interaktion und die Beschäftigung mit Hobbys wie Gartenarbeit konzentrieren und nach alternativen Möglichkeiten suchen, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Die Ergotherapie könnte individuelle Möglichkeiten der sozialen Interaktion erforschen, wie z.B. die Vermittlung von Besuchern oder Telefon-/Videogesprächen, und alternative Freizeitaktivitäten finden.
Der patientenzentrierte Ansatz hat viele Vorteile. Der Fokus auf Zusammenarbeit verbessert die Zufriedenheit, da sich die Patienten in der therapeutischen Beziehung mehr wertgeschätzt und verstanden fühlen.(4) Er ermöglicht es den Patienten, sich aktiv an ihrer eigenen Versorgung zu beteiligen, reduziert die Symptombelastung und kann letztendlich die klinischen Ergebnisse und die Lebensqualität verbessern.(8)(9)(2)
Die patientenzentrierte Versorgung basiert auf mehreren miteinander verbundenen Prinzipien: (1) die Erforschung der Patientenerfahrung in Bezug auf Gesundheit, Krankheit und Kranksein, (2) das Verständnis für den Menschen als Ganzes und seinen Kontext, (3) die Suche nach Gemeinsamkeiten und (4) die Verbesserung der Beziehung zwischen Patient und Kliniker.(4)
Im Rahmen des patientenzentrierten Ansatzes müssen Kliniker versuchen, die Bedeutung und die Auswirkungen von Gesundheit, Krankheit (engl.: disease) und Kranksein (engl.: illness) auf eine Person zu verstehen. Diese Erkundung dient zwei Zwecken:(4)
Kliniker sollten außerdem die wesentlichen Unterschiede zwischen Gesundheit, Krankheit und Kranksein verstehen.
Gesundheit „ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen“.(10) Für manche bedeutet Gesundheit vielleicht die Freiheit von bestimmten Symptomen. Für andere könnte es die Fähigkeit sein, mit einer bestimmten Intensität zu trainieren oder bestimmte Aktivitäten durchzuführen. Um Erwartungen festzulegen und zu steuern und geeignete Behandlungspläne zu erstellen, müssen Kliniker die Definition und Wahrnehmung von Gesundheit jedes einzelnen Patienten verstehen.(4)(11)
Eine Krankheit liegt vor, wenn aufgrund einer Pathologie eine Abweichung vom normalen menschlichen Zustand vorliegt.(4) Krankheit bezieht sich auf einen objektiven medizinischen Zustand, wie z. B. einen Schlaganfall oder eine Lungenentzündung.(11)
Kranksein hingegen ist „ein Gefühl, eine Erfahrung von Ungesundheit, die ganz persönlich ist und im Inneren des Menschen stattfindet“.(12) Das Kranksein umfasst die Manifestation einer Krankheit, wie z.B. die Behinderung nach einem Schlaganfall oder Müdigkeit, Kurzatmigkeit und Fieber bei einer Lungenentzündung.(11) Kranksein bedeutet mehr als nur körperliche Symptome. Es umfasst auch die Gefühle und Vorstellungen einer Person, funktionelle Einschränkungen und Erwartungen hinsichtlich der Genesung oder Behandlung. Durch das Verständnis dieser Dimensionen und den Umgang mit der Erfahrung des Krankseins eines Patienten mittels Empathie(13) können Angehörige der Gesundheitsberufe patientenzentrierte Ansätze entwickeln, die sich mit der Erkrankung und ihren Auswirkungen auf das Leben eines Menschen befassen.(4)
Die Begriffe „ganzheitlich“, „holistisch“ und „biopsychosozial“ werden in der Gesundheitsliteratur oft synonym verwendet.(14) Jeder dieser Begriffe betont die Notwendigkeit, bei der Arbeit mit Patienten mehrere Dimensionen zu berücksichtigen und anzusprechen, darunter biologische, psychologische und soziale Faktoren sowie das Umfeld oder die Spiritualität des Patienten.(14)
Der patientenzentrierte Ansatz erkennt jeden Menschen als einzigartig an. Er berücksichtigt die Lebenserfahrung des Patienten und stellt ihn in den Mittelpunkt der Gesundheitsversorgung.(15) Um einen Patienten vollständig zu verstehen, müssen Kliniker verschiedene Aspekte seines Lebens erforschen, darunter seine Lebensgeschichte, persönliche und entwicklungsbedingte Probleme, individuelle Werte, Moralvorstellungen, Ideen, Motivationen und Vorlieben. Darüber hinaus hilft es dem Kliniker, Einblicke in die Familiendynamik oder Unterstützungssysteme, die Beschäftigungssituation, den kulturellen Hintergrund, die Verbindungen zur Gemeinschaft und das gesamte Ökosystem zu gewinnen, um den breiteren Kontext des Patienten zu verstehen. Oft können Kliniker diese Informationen durch sorgfältige Beobachtung und allgemeine Interaktionen mit dem Patienten während der regelmäßigen Versorgung sammeln, anstatt durch gezielte Befragung.(4)
Durch das Verständnis des ganzen Menschen sind Kliniker besser in der Lage, maßgeschneiderte Behandlungspläne zu erstellen, die den individuellen Bedürfnissen und Präferenzen des Patienten entsprechen.(4)
In der patientenzentrierten Versorgung hilft die Suche nach Gemeinsamkeiten mit einem Patienten, eine mögliche Diskrepanz zwischen den Erwartungen des Patienten und denen des Klinikers zu vermeiden.(4)
Wenn Patienten Rehabilitationsleistungen in Anspruch nehmen, haben sie sehr spezifische, persönliche Bedürfnisse und Ziele. Oft möchten sie ihre Lebensqualität und ihre Alltagsfunktionen verbessern. Sie möchten vielleicht ihre Schmerzen lindern, ihre Beweglichkeit verbessern und die Fähigkeit wiedererlangen, an Aktivitäten teilzunehmen, die ihnen wichtig sind. Angehörige der Gesundheitsberufe haben ihre eigenen Ziele – sie wollen die zugrunde liegende Pathologie durch genaue Befunderhebung und evidenzbasierte Interventionen identifizieren und behandeln.(16) Diese Perspektiven stehen nicht im Widerspruch zueinander, können jedoch zu unterschiedlichen Prioritäten führen. Um eine gemeinsame Basis zu finden, müssen Angehörige der Gesundheitsberufe in drei Schlüsselbereichen ein gegenseitiges Verständnis mit den Patienten erreichen.(16)
Erstens müssen sie gemeinsam das Problem definieren. Die Interpretation des Patienten über seinen Zustand und dessen Auswirkungen auf sein Leben muss berücksichtigt werden. Eine gemeinsame Problemdefinition erkennt sowohl die klinische Realität als auch die Erfahrung des Patienten an.
Zweitens müssen sie gemeinsam mit dem Patienten Ziele und Prioritäten festlegen. Diese Ziele und Prioritäten müssen die klinische Situation und die Werte des Patienten widerspiegeln. Wenn es jedoch zu Diskrepanzen zwischen den Zielen kommt, muss der Kliniker sorgfältig mit dem Patienten verhandeln, anstatt einfach die Prioritäten seines Fachs durchzusetzen.
Drittens müssen sie die Rollen und Verantwortlichkeiten jeder Person klar abgrenzen. Die Beziehung zwischen Patient und Kliniker sollte wie eine Partnerschaft mit definierten Beiträgen von beiden Seiten funktionieren. Patienten müssen ihre aktive Rolle im Genesungsprozess verstehen, während Kliniker die Grenzen ihres Einflusses erkennen müssen.
Das Ziel besteht darin, den Patienten dabei zu unterstützen, fundierte Entscheidungen zu treffen, die sowohl die klinische Expertise als auch die persönlichen Werte berücksichtigen. Manchmal bedeutet dies, zu akzeptieren, dass die Prioritäten des Patienten von den Entscheidungen des Klinikers abweichen können, während gleichzeitig sichergestellt wird, dass der Patient die möglichen Folgen aller Optionen versteht.
Die Beziehung zwischen Patient und Kliniker beeinflusst die Adhärenz zur Behandlung (Therapietreue), die Patientenzufriedenheit und die klinischen Ergebnisse.(16)
Die Beziehung zwischen Patient und Kliniker muss auf grundlegenden menschlichen Werten aufgebaut sein: Würde, Freundlichkeit, Mitgefühl, Höflichkeit, Respekt, Verständnis und Ehrlichkeit. Diese Eigenschaften sind wesentliche Bestandteile des Heilungsprozesses.(4) Wenn Patienten sich wirklich gesehen und geschätzt fühlen, engagieren sie sich stärker für ihre Versorgung. Durch den Aufbau dauerhafter Beziehungen schafft ein Kliniker einen sicheren Raum, in dem Patienten sich wohlfühlen, ihre Bedenken äußern, Fragen stellen und an Entscheidungen mitwirken können. Diese langfristige Perspektive ermöglicht eine Versorgung, die sich mit den sich ändernden Bedürfnissen und Umständen des Patienten weiterentwickelt.
In der patientenzentrierten Praxis arbeiten Kliniker bewusst daran, diese Macht umzuverteilen und die Selbstwirksamkeit zu fördern, indem sie die Expertise des Patienten in Bezug auf seine eigene Lebenserfahrung anerkennen.(16)
Um die Beziehung zwischen Patient und Kliniker effektiv zu gestalten, sollte der Gesundheitsdienstleister eine ständige Selbstreflexion durchführen, um sicherzustellen, dass er sich seiner Biases, seiner Annahmen und seiner emotionalen Reaktionen bewusst ist, die die Patientenversorgung beeinträchtigen könnten. Er muss seinen Ansatz an die Bedürfnisse jedes einzelnen Patienten anpassen – manche Patienten legen Wert auf direkte, detaillierte Informationen, während andere allgemeinere Erklärungen bevorzugen. Er sollte auch in Zeiten der Verletzlichkeit die Verbindung und das Verständnis zu seinen Patienten aufrechterhalten und gleichzeitig die Voraussetzungen für eine wirksame Behandlung schaffen.
Verschiedene Faktoren können den patientenzentrierten Ansatz fördern, darunter Kommunikation, gemeinsame Entscheidungsfindung, Empathie und kulturelle Kompetenz.
Kommunikation im Gesundheitswesen wird definiert als der Austausch von Informationen zwischen einem Patienten und einem Kliniker, wobei gegebenenfalls auch die Familie oder Pflegepersonen einbezogen werden.(4)
In der patientenzentrierten Versorgung ist Kommunikation ein therapeutisches Instrument, das die Gesundheitsergebnisse erheblich beeinflussen kann. Patientenzentrierte Kommunikation verwandelt klinische Begegnungen in einen sinnvollen Austausch, der die einzigartigen Umstände, Überzeugungen und Anliegen jedes Patienten berücksichtigt.(17) Eine patientenzentrierte Kommunikation bildet die Grundlage für die Diagnose, die Behandlungsplanung und die laufende Betreuung.(17)
Schlechte Kommunikation kann negative Folgen haben. Sie kann zu einer erhöhten Unzufriedenheit der Patienten und zu einer Unterbrechung der Versorgungskontinuität führen. Die Patientensicherheit kann beeinträchtigt werden, und die Autonomie des Patienten nimmt ab. Unzureichende Kommunikation untergräbt den gemeinsamen Entscheidungsprozess, der das Herzstück der patientenzentrierten Praxis bildet.
Eine effektive, sinnvolle Kommunikation entsteht aus einer echten „Bindung” zwischen Patient und Gesundheitsdienstleister. Dieses Verständnis entwickelt sich allmählich und erfordert oft mehrere Begegnungen, um das für einen offenen Dialog notwendige Vertrauen aufzubauen. Sich die Zeit zu nehmen, diese Beziehungen aufzubauen, verbessert die Kommunikationsqualität und die Gesundheitsergebnisse.(18)
Die patientenzentrierte Kommunikation hat viele Vorteile. Wenn Gesundheitsdienstleister die verfügbaren Versorgungsoptionen klar darlegen und das Recht und die Fähigkeit des Patienten anerkennen, aus diesen Optionen zu wählen, werden Patienten dazu befähigt, sinnvolle Entscheidungen über ihre Behandlung zu treffen. Die patientenzentrierte Kommunikation unterstützt Patienten bei der Entscheidungsfindung und der Umsetzung der von ihnen gewählten Maßnahmen. Sie hilft Patienten auch dabei, mehr Kontrolle über ihren Behandlungsverlauf zu erlangen. In jeder Phase können sie fundierte Entscheidungen treffen, die ihren Werten und Vorlieben entsprechen.(17)
Die Einholung der informierten Einwilligung ist ein wesentlicher Bestandteil der patientenzentrierten Kommunikation. Die informierte Einwilligung liegt vor, wenn ein Patient oder sein Vertreter einer bestimmten medizinischen Maßnahme zustimmt oder diese billigt. Die informierte Einwilligung kann interaktiv (im Rahmen eines Gesprächs) oder nicht interaktiv (durch Lesen und Unterzeichnen eines Dokuments) erfolgen. Bei der Einholung der informierten Einwilligung sollten Kliniker Informationen über die Intervention zur Verfügung stellen, einschließlich aller Risiken, Vorteile und Alternativen. Der Patient sollte die Informationen verstehen, sie frei diskutieren können und freiwillig einwilligen.(19)
Die effektive Patientenedukation ist eine weitere wichtige Fertigkeit für Angehörige der Gesundheitsberufe. Unter Patientenedukation versteht man pädagogische Aktivitäten, um Patienten zu helfen, ihre Behandlung zu steuern, Komplikationen zu vermeiden und ihre Lebensqualität zu erhalten oder zu verbessern. Patientenedukation kann die Selbstständigkeit der Patienten fördern und sie zu aktiven Partnern in ihrer Gesundheitsversorgung machen.(20)
Angehörige der Gesundheitsberufe müssen auch in der Lage sein, schwierige Gespräche mit Patienten zu führen. Der Leitfaden „Serious Illness Conversation Guide“(21) bietet eine Struktur für diese Gespräche:(4)
Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, wie Sie Ihre Kommunikation durch aktives Zuhören verbessern können, lesen Sie bitte hier: Kommunikative Fertigkeiten.
„Gemeinsame Entscheidungsfindung ist ein kooperativer Prozess, bei dem Patient und Kliniker gemeinsam Entscheidungen über die Gesundheit des Patienten treffen, nachdem sie die verfügbaren Optionen diskutiert, die Vor- und Nachteile jeder Option identifiziert und die Werte, Vorlieben und persönlichen Umstände des Patienten berücksichtigt haben.“(22)
Die gemeinsame Entscheidungsfindung gewährleistet einen kooperativen Ansatz bei Gesundheitsentscheidungen. Sie erkennt zwei gleichermaßen wertvolle Quellen der Expertise an: das Fachwissen des Klinikers und die Lebenserfahrung des Patienten. Der Kliniker bringt seine spezielle Ausbildung, sein klinisches Reasoning und seine Vertrautheit mit evidenzbasierten Praktiken ein.(22) Der Patient bringt sein Expertenwissen über seinen Körper, seine persönlichen Werte, seinen Lebenskontext und seine Behandlungspräferenzen ein. Wenn diese Perspektiven zusammengeführt werden, sind Entscheidungen mit größerer Wahrscheinlichkeit klinisch fundiert und sinnvoll.
Bei der gemeinsamen Entscheidungsfindung ist keine der beiden Parteien allein für eine Entscheidung verantwortlich. Stattdessen schafft dieser Ansatz einen Mittelweg, bei dem die Verantwortung geteilt wird. Die gemeinsame Entscheidungsfindung folgt einem strukturierten und dennoch flexiblen Prozess. Kliniker und Patienten arbeiten gemeinsam daran, das Problem zu identifizieren und zu klären. Die gemeinsame Definition des Problems gewährleistet von Anfang an eine Angleichung der Prioritäten. Anschließend prüfen Kliniker und Patient alle möglichen Optionen, einschließlich der Möglichkeit, nichts zu unternehmen. Der Kliniker stellt verschiedene Ansätze vor und erörtert die potenziellen Vor- und Nachteile der einzelnen Optionen. Dabei muss er darauf achten, Begriffe und eine Sprache zu verwenden, die der Patient versteht. Der Patient hat dann die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Bedenken zu äußern. Dieser offene Dialog schafft Raum, um alle Missverständnisse anzusprechen, und sorgt dafür, dass sich die Patienten gehört und respektiert fühlen. Schließlich muss bestätigt werden, dass Kliniker und Patient sich über den gewählten Weg einig sind. Diese ausdrückliche Bestätigung trägt erneut dazu bei, unterschiedliche Erwartungen zu vermeiden.(4)
In der Akutversorgung kann die gemeinsame Entscheidungsfindung die unmittelbaren klinischen Prioritäten in den Vordergrund stellen und gleichzeitig den Beitrag des Patienten zu Vorgehensweise und Präferenzen berücksichtigen. In der langfristigen Versorgung wird die gemeinsame Entscheidungsfindung oft komplexer, da die Ziele, Werte und Lebensumstände des Patienten stärker berücksichtigt werden.(18)
Bei erfolgreicher Umsetzung kann die gemeinsame Entscheidungsfindung zahlreiche Vorteile haben, darunter:
Empathie ist die Fähigkeit, die Situation, die Perspektiven und die Gefühle des Patienten zu verstehen, dieses Verständnis mitzuteilen und auf seine Richtigkeit hin zu überprüfen und dann auf der Grundlage dieses Verständnisses gegenüber dem Patienten zu handeln.(24)
Empathie bildet die Grundlage für effektive therapeutische Beziehungen und fördert positive Erfahrungen in der Gesundheitsversorgung.(4) Im Gesundheitswesen beruht Empathie auf drei grundlegenden Handlungen:(25)
Es gibt verschiedene Arten von Empathie, die für das Gesundheitswesen relevant sind. Kognitive Empathie bezieht sich auf das kognitive Verständnis des Klinikers für den Kontext und das emotionale Erleben eines Patienten. Durch logische Überlegungen sind Gesundheitsdienstleister in der Lage, die Situation des Patienten zu verstehen und Emotionen wie Angst oder Not zu erkennen. Selbsterkenntnis und Emotionsregulation sind ebenfalls wichtige Komponenten der kognitiven Empathie. Kliniker sollten sich rational bewusst sein, dass die Emotionen und Erfahrungen des Patienten zu ihm gehören und nicht zum Kliniker.(4)(26)
Affektive Empathie bezieht sich auf die Fähigkeit eines Klinikers, sich in die Emotionen eines Patienten hineinzuversetzen und diese Emotionen bis zu einem gewissen Grad auch selbst zu empfinden. Diese Verbindung ermöglicht es Klinikern, Emotionen des Patienten zu spüren, wie z.B. Unsicherheit oder Besorgnis. Dies kann zu einer weiteren Erforschung dieser Gefühle führen. (4)(26)
Es gibt auch die imaginative Empathie. Diese bezieht sich auf die Fähigkeit eines Klinikers, sich mental von seinen eigenen Erfahrungen zu lösen und die Erfahrungen aus der Perspektive des Patienten aufzunehmen. Mit anderen Worten: Der Kliniker kann sich in die Lage seines Patienten versetzen. Durch imaginative Empathie sind Gesundheitsdienstleister besser in der Lage, die Welt aus dem Kontext und der Perspektive ihres Patienten zu sehen.(4)(26)
Schließlich gibt es noch die Verhaltensempathie, die eine Kombination aus kognitiver, affektiver und imaginativer Empathie ist. Verhaltensempathie hilft uns, Verständnis in hilfreiche Handlungen umzusetzen. Sie steht für die praktische Anwendung von Empathie in der klinischen Praxis.(4)(26)
Empathie muss den Patienten über verbale und nonverbale Kanäle vermittelt werden. Patienten können auf unterschiedliche Kommunikationsstile reagieren, so dass Gesundheitsdienstleister ihren Ansatz an die individuellen Patientenprofile und -präferenzen anpassen müssen.(4)
Kulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit, Menschen aus anderen Kulturen oder mit anderen Glaubenssystemen zu verstehen, zu schätzen und mit ihnen zu interagieren.(4)
Da Gesundheitssysteme eine immer vielfältigere Bevölkerung versorgen, ist die Fähigkeit, kulturelle Faktoren zu verstehen, zu respektieren und angemessen darauf zu reagieren, ein wesentlicher Bestandteil einer hochwertigen Versorgung.(27)
Verschiedene kulturelle Faktoren können die Erfahrungen, die Autonomie und die Entscheidungsprozesse von Patienten erheblich beeinflussen und sich somit direkt auf die Gesundheitsversorgung auswirken. Zu diesen Faktoren gehören:(4)
Das Verständnis dieser Faktoren ermöglicht es Gesundheitsdienstleistern, effektivere und persönlichere therapeutische Beziehungen zu Patienten mit unterschiedlichem Hintergrund aufzubauen.
Die Entwicklung kultureller Kompetenz ist ein fortlaufender Prozess, der mehrere Schlüsselelemente umfasst, darunter (1) Selbsterkenntnis, (2) das Erkennen von Vorurteilen, (3) und der Erwerb von kulturellem Wissen.
Selbsterkenntnis erfordert, dass Gesundheitsdienstleister ihre kulturellen Überzeugungen, Werte, Einstellungen und Praktiken erkennen. Dieses Bewusstsein bildet die Grundlage für das Verständnis, wie sich ihre kulturelle Perspektive von der ihrer Patienten unterscheiden könnte.(28)
Kliniker müssen dann ihre eigenen Biases erkennen und reflektieren. Das Erkennen dieser Biases ist der erste Schritt, um deren Auswirkungen auf die Versorgung zu mindern.(29)
Auch wenn Gesundheitsdienstleister nicht in allen Kulturen Experten sein können, sollten sie sich bemühen, das kulturelle Wissen und die Fertigkeiten zu erwerben, die erforderlich sind, um bei der Versorgung mit kultureller Vielfalt umzugehen.(4)(27)
Kulturelle Sensibilität muss in die klinische Praxis und in Strategien zur Gesundheitsförderung integriert werden. Es hat sich gezeigt, dass diese Integration die Gesundheitsergebnisse der Patienten in verschiedenen Bevölkerungsgruppen verbessert.(5)(30)
Wenn Gesundheitsdienstleister kulturelle Kompetenz entwickeln, können sie stärkere therapeutische Beziehungen zu den Patienten aufbauen, die Kommunikation verbessern, die Zufriedenheit der Patienten und deren Engagement für Behandlungspläne steigern, Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen verringern und die Gesamtqualität der Versorgung verbessern.(31)