Nackenschmerzen sind eine der häufigsten muskuloskelettalen Erkrankungen mit einer hohen persönlichen und wirtschaftlichen Belastung.(1)(2) Kliniker werden häufig mit Patienten mit Nackenschmerzen und anderen Problemen der Halswirbelsäule (HWS) konfrontiert. Daher ist es wichtig, dass sie in der Lage sind, eine gründliche Befunderhebung der HWS durchzuführen. Diese Seite bietet einen schrittweisen Überblick über die wichtigsten Elemente der Befunderhebung der Halswirbelsäule, einschließlich der subjektiven Untersuchung (Anamnese) und der objektiven Untersuchung (Inspektion und Tests). Außerdem wird das vorgeschlagene behandlungsbasierte Klassifikationssystem für HWS-Schmerzen (Proposed Treatment-Based Classification System for Cervical Spine Pain) vorgestellt.
Die Eselsbrücke L-M-N-O-P-Q-R-S-T (Original im Englischen) wird verwendet, um die wichtigsten Aspekte zu erfassen, die Sie bei der Anamnese eines Patienten berücksichtigen sollten.
L: Lokalisation der Symptome und Grad (Level) der funktionellen Beeinträchtigung
Diese Tabelle gibt einen Überblick über die wahrscheinliche Quelle der Symptome, basierend auf dem Bereich der Symptome.
| Bereich der Symptome | Mögliche Quelle der Symptome |
|---|---|
| Kopf / Okzipitalregion | Obere Halswirbelsäule |
| Lokalisierte Schmerzen ohne Ausstrahlung / Übertragung |
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| Ausstrahlende Schmerzen | Reizung der Nervenwurzel |
M: Medizinische Faktoren (Medikamente) und Mechanismus der Verletzung
Wenn ein traumatisches Ereignis im Zusammenhang mit dem Beginn der Beschwerden stattgefunden hat, sollten Sie in der Anamnese genau herausfinden, wann und wie die Verletzung geschah, welche Kräfte einwirkten und in welcher Position sich der Kopf zum Zeitpunkt des Traumas befand. Fragen Sie auch nach neurologischen Symptomen im Zusammenhang mit dem Trauma.
Red-Flag-Symptome im Zusammenhang mit dem Verletzungsmechanismus: Plötzliches Auftreten von starken Schmerzen, ohne dass ein Auslöser oder Unfall vorliegt.
N: Neurologische Symptome
Eine neurologische Untersuchung wird durchgeführt, um die neurologische Funktion festzustellen und bei der Diagnosenfindung zu helfen.(4) Es ist wichtig festzustellen, ob der Patient Taubheitsgefühle, Kribbeln, Brennen oder stromschlagartige Symptome hat, da diese auf eine neurologische Beteiligung hinweisen. Seien Sie möglichst spezifisch bei der Nachfrage der Lokalisation dieser Symptome, z.B.: folgt die Verteilung dieser Symptome einem dermatomalen Muster? Der Kliniker sollte auch vermerken, ob die Symptome konstant oder intermittierend auftreten und ob sie mit der Position des Kopfes zusammenhängen.
O: Beruf (engl.: „occupation“), einschließlich Einschränkungen
Stellen Sie fest, ob es arbeits- oder beschäftigungsbezogene Faktoren gibt, die von Bedeutung sind.
P: Provozierende und lindernde (engl.: „palliating“) Symptome
Stellen Sie fest, was die Symptome verstärkt oder vermindert. Achten Sie auch darauf, wie lange es dauert, bis die Symptome wieder abklingen, wenn sie sich verschlimmert haben.
Red-Flag-Symptome: konstante/unablässige Schmerzen unabhängig von der Position oder Aktivität.
Q: Qualität der Symptome/Schmerzen
Beachten Sie die Beschreibung der Symptome. Werden die Symptome als scharf, dumpf, stechend, schmerzend oder elektrisch/schockartig beschrieben?
R: Ausstrahlung (engl. „radiation“) der Symptome
Fragen Sie genau nach, wohin die Symptome ausstrahlen, wie lange die ausstrahlenden Symptome andauern und ob sie konstant oder eher positions- bzw. tätigkeitsbezogen sind.
Red-Flag-Symptome: ausstrahlende Symptome, die mehrere Dermatome betreffen.
S: Schweregrad der Symptome
Beachten Sie, wie sich die Symptome auf Funktion und Aktivität auswirken.
T: Zeitlicher Verlauf (engl. „timing“) der Symptome
Fragen Sie nach der Reihenfolge und dem Fortschreiten der Symptome.
Red-Flag-Symptome: der Schmerz unterbricht den Schlaf oder ist konstant / unablässig.
Erkundigen Sie sich nach dem Alter des Patienten und stellen Sie Fragen zu früheren Nackenschmerzen, konstitutionellen Symptomen (z.B. Schwindel / Benommenheit, Sturzattacken und Schwindel), Parästhesien, Taubheit, Schwäche oder Steifigkeit.
Red Flags sind Symptome, die auf das Vorliegen einer ernsthaften Pathologie hinweisen. Internationale Leitlinien empfehlen die Verwendung von Red Flags, um ernsthafte Pathologien zu erkennen.(5) Nachfolgend finden Sie eine Liste für das Red-Flag-Screening in der Befunderhebung der HWS:
Anamnestische Hinweise auf eine zervikale Spondylose umfassen ein Alter über 45 Jahre und das allmähliche, langsame Auftreten der Symptome (kein spezifisches Ereignis). Der Schmerz ist in der Regel einseitig und strahlt im typischen Muster von Facettengelenkschmerzen aus. Der Schmerz nimmt in der Regel bei Extension zu („Schließen“ des Gelenks, Konvergenz) und bei Flexion ab („Öffnen“ des Gelenks, Divergenz). Die am häufigsten betroffenen Ebenen der HWS sind C5, C6 und C7.(6)(3)
Anamnestische Hinweise auf eine zervikale Bandscheibenbeteiligung umfassen ein Alter unter 60 Jahren und ein plötzliches Auftreten der Symptome. Die Symptome können mit einem bestimmten Ereignis in Verbindung gebracht werden, z. B. einem Autounfall, oder einfach mit einer „ungewohnten“ Bewegung. Der Schmerz ist in der Regel einseitig und strahlt im typischen Muster eines Dermatoms aus. Der Schmerz nimmt in der Regel bei Flexion zu. Kribbeln und andere neurologische Symptome können vorhanden sein. Die am häufigsten betroffenen Ebenen der HWS sind C5 und C6.(6)
Die folgenden Fragebögen zur Selbsteinschätzung sind nützliche Ergebnismessungen bei der Befunderhebung der HWS:
Es ist wichtig, eine allgemeine Inspektion der Körperhaltung durchzuführen, einschließlich der Kopf-, Nacken- und Schulterposition. Achten Sie auch auf Anzeichen eines Schiefhalses (Torticollis).
Der Sharp-Purser-Test wird zur Beurteilung der Integrität des Lig. transversum verwendet (atlantoaxiale Instabilität). Es gibt jedoch Bedenken hinsichtlich der Zuverlässigkeit, Gültigkeit und Sicherheit dieses Tests.(10) Im Video unten sehen Sie eine Demonstration des Sharp-Purser-Tests.
Zu den Symptomen einer Insuffizienz der Vertebralarterien gehören Schwindel, Übelkeit/Erbrechen, Stehunfähigkeit, verschwommenes Sehen/Diplopie, Kopfschmerzen, Parästhesien im Gesicht/faziale Parese/Schluckschwierigkeiten.(12)
Nach einer gründlichen subjektiven Untersuchung der Halswirbelsäule sollte der Kliniker die körperliche Untersuchung sorgfältig planen und alle Vorsichtsmaßnahmen und Kontraindikationen im Zusammenhang mit einer vertebrobasilären Insuffizienz berücksichtigen.
Darüber hinaus sollte der Kliniker seine Fähigkeit zur Durchführung bestimmter Tests berücksichtigen und sich bei Bedarf dementsprechend fortbilden.(12)
Die folgenden Tests können zur Beurteilung der Insuffizienz der Vertebralarterien herangezogen werden:(6)
Die Canadian C-Spine Rule ist ein klinischer Algorithmus zur Entscheidungsfindung über die Bildgebung bei Patienten nach einem Trauma (V.a. HWS-Verletzung). Dieses Tool hat eine sehr geringe negative Likelihood Ratio (LR). Das bedeutet, dass bei einem negativen Testergebnis nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit besteht, dass bei dem Patienten diese Diagnose/Erkrankung vorliegt (im Falle der Canadian C-Spine Rule bezieht sich dies auf die weitere Notwendigkeit einer Röntgenuntersuchung).(13)(6)
Typischerweise umfasst ein funktionelles Screening die „Chin-In“-Bewegung (Einziehen des Kinns), die Flexion, Extension und Rotation der HWS sowie Schulterbewegungen.
Die Palpation umfasst die relevante HWS-Muskulatur: M. trapezius, M. sternocleidomastoideus, subokzipitale Muskulatur und Mm. scaleni. Darüber hinaus sollten auch die Dornfortsätze und die Facettengelenke palpiert werden.
Achten Sie bei der Beurteilung des Bewegungsausmaßes der HWS auf die mit den Bewegungen verbundenen Symptome. Im Allgemeinen wird beim Testen des Bewegungsausmaßes der HWS kein Überdruck angewendet, da das Gewicht des Kopfes für die Testung ausreicht.
Nackenschmerzen sind häufig mit einer Schwäche der tiefen Nackenflexoren verbunden, was zu einem Mangel an Ausdauer und einer verminderten Fähigkeit führt, den Nacken in Position zu halten.(14) Der Kraniozervikale Flexionstest (CCFT), auch bekannt als „Deep Cervical Flexion Test“, sowie der Cervical Flexor Endurance Test (CFE) können durchgeführt werden, um die Kraft und Ausdauer der tiefen Nackenflexoren zu beurteilen.
Ein neurologisches Screening umfasst Tests der Reflexe, Dermatome und Kennmuskeln. Es ist wichtig, dass auch ein Hirnnervenscreening sowie neurodynamische Tests (Upper Limb Tension Tests – ULTTs) durchgeführt werden.
Passive akzessorische intervertebrale Bewegungen (PAIVMs) und passive physiologische intervertebrale Bewegungen (PPIVMs) sind Teil der Untersuchung der HWS, um die Gelenkbeweglichkeit zu beurteilen.
Ein Klassifikationssystem identifiziert Gruppen mit gemeinsamen Merkmalen. Klassifikationssysteme helfen dabei, die Intervention(en) zu bestimmen, die innerhalb bestimmter Gruppen optimale klinische Ergebnisse erzielen würden.(6) Fritz et al.(19) fanden heraus, dass Probanden, die den Interventionen anhand des vorgeschlagenen Klassifikationssystems für HWS-Schmerzen zugewiesen wurden, eine stärkere Verringerung ihrer Behinderung aufwiesen als Probanden, deren Intervention nicht auf Grundlage dieses Systems ausgesucht wurde.(19)
| Klassifikation | Hauptmerkmal | Untersuchungsbefunde | Schwerpunkte der Interventionen |
|---|---|---|---|
| Nackenschmerzen mit Beweglichkeitsdefiziten | Beweglichkeit |
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| Nackenschmerzen mit ausstrahlenden Schmerzen | Zentralisation |
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| Nackenschmerzen mit Störungen der Bewegungskoordination | Ausdauertraining |
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| Nackenschmerzen | Schmerzen |
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| Nackenschmerzen mit Kopfschmerzen | Kopfschmerzen |
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