Ursprüngliche Herausgeberin – Ewa Jaraczewska basierend auf dem Kurs von Patricia Saleeby
Top-Beitragende – Ewa Jaraczewska und Jess Bell
Das Modell der Behinderung, das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) systematisch weiterentwickelt wird, berücksichtigt die ständige Interaktion zwischen der Gesundheit einer Person und den Kontextfaktoren. Dieses Modell erkennt an, dass Behinderung eine universelle menschliche Erfahrung ist, dass sie ätiologisch neutral ist und auf einem Kontinuum von keiner Behinderung bis zu vollständiger Behinderung liegt.[1] Zu den Kontextfaktoren, die sich auf die Gesundheit einer Person auswirken, gehören das reale Lebensumfeld, soziale Interaktionen und soziale Partizipation [Teilhabe].[1] Jeder Angehörige der Gesundheitsberufe muss verstehen und anerkennen, dass Patienten ihre Gesundheit durch die Brille ihres täglichen Lebens wahrnehmen, das von der Umwelt beeinflusst wird.[1] Auf dieser Seite wird die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) vorgestellt und ein Überblick über die Änderungen und Fortschritte bei der Konzeptualisierung und Messung von Behinderung gegeben.
Die Internationale Klassifikation der Schädigungen, Fähigkeitsstörungen und Beeinträchtigungen (International Classification of Impairment, Disability and Handicaps, ICIDH) wurde 1980 von der Weltgesundheitsorganisation veröffentlicht. Es war als Handbuch zur Klassifizierung der Folgen von Krankheiten, Verletzungen und anderen Störungen sowie als Rahmen für gesundheitsbezogene Informationen gedacht.[2]
Nach dem ICIDH-Handbuch ist eine Schädigung „eine Beeinträchtigung einer Körperfunktion oder -struktur im Sinn einer wesentlichen Abweichung oder eines Verlustes.“.[3] Die Klassifikation der Schädigungen (I-Kode) spiegelt dies wider:[3]
Die folgenden Kategorien von Schädigungen wurden im Handbuch aufgeführt: intellektuelle, andere psychische, Sprach-, Ohr-, Augen-, viszerale, Skelett-, entstellende, generalisierte, sensorische und andere Schädigungen.[3]
Eine Fähigkeitsstörung wurde als „jede Einschränkung oder jeder Mangel (als Folge einer Schädigung) der Fähigkeit, eine Aktivität in der Weise oder in dem Umfang auszuüben, wie es für einen Menschen als normal angesehen wird“, betrachtet.[3] Die Klassifikation von Fähigkeitsstörungen (D-Kode) spiegelt dies wider:[3]
Neun Kategorien von Fähigkeitsstörungen wurden berücksichtigt: Verhalten, Kommunikation, Selbstversorgung, Fortbewegung, körperliche Beweglichkeit, Geschicklichkeit, situationsbedingt, besondere Fertigkeiten und andere Aktivitätseinschränkungen.
Beeinträchtigungen (H-Kode) wurden definiert als „die Benachteiligungen, die der Einzelne aufgrund von Schädigungen und Fähigkeitsstörungen erfährt“. Sie schränken „die Erfüllung einer Rolle ein, die (je nach Alter, Geschlecht sowie sozialen und kulturellen Faktoren) für die betreffende Person normal ist“, oder verhindern sie.[3] In dem Handbuch werden zwei Dimensionen von Beeinträchtigung aufgeführt: die Überlebensrolle mit sechs Schlüsseldimensionen und andere. Zu den sechs wesentlichen Überlebensrollen gehören: Orientierung, physische Unabhängigkeit, Mobilität, Beschäftigung, soziale Integration und ökonomische Eigenständigkeit.
Die Verwendung der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) (siehe unten) oder verschiedener Kategorien der ICIDH-Klassifikation hatte ihre Berechtigung, und es lag im Ermessen des Anwenders zu entscheiden, welche Klassifikationen für den jeweiligen Patienten angemessen waren.[4] Zum Beispiel würde die ICD (Krankheit oder Störung) gewählt, um die Ursache von Blindheit zu verstehen, wenn eine Person nicht fähig war, zu sehen. Eine Klassifikation der Schädigungen würde die Gruppierung von Sehbehinderungen erleichtern. Die Kategorie der Fähigkeitsstörungen würde bei der Planung des Rehabilitationsverlaufs dieser Person helfen, da sie es ermöglicht, das Ergebnis oder die Prognose einer sehbedingten Behinderung zu spezifizieren.[4]
Eine neuere Version der ICIDH, die ICIDH-2, wurde 1996 als Alphaversion veröffentlicht, gefolgt von den Versionen Beta 1 und Beta 2. Diese wurden 1997 und 1999 von der WHO getestet. Zu den größten Änderungen der ICIDH-2 im Vergleich zur ursprünglichen ICIDH gehörte die Hinzufügung von zwei neuen Dimensionen: die Partizipation [Teilhabe] an sozialen Aktivitäten und die Liste der Umweltfaktoren, die für das Verständnis der Komplexität von Behinderung wichtig ist.[4] Dieses Modell ermöglichte es den Anwendern, die Folgen der diagnostizierten Erkrankung zu beschreiben.[4]
Die ICD-11 und die ICF bilden die Kernklassifikationen der WHO-Familie der internationalen Klassifikationen, auch bekannt als WHO-FIC.[2]
Die Internationale Klassifikation der Krankheiten (International Classification of Diseases – ICD) wurde erstmals 1893 veröffentlicht. Sie gehört zur Familie der Klassifikationen der WHO und wird zur Klassifizierung bestehender Krankheiten (Morbidität) und/oder Todesursachen (Mortalität) verwendet. Die ICD befindet sich derzeit in ihrer 11. Überarbeitung und wird unter dem Namen ICD-11 für Mortalitäts- und Morbiditätsstatistiken (ICD-11-MMS) geführt.[4] [5] Der ICD-11-Rahmen besteht aus drei Teilen: Foundation (Datenbank), Klassifikationen (aus der Foundation gewonnen) und biomedizinische Ontologie (mit der Foundation verbunden). Die biomedizinische Ontologie stellt das wichtigste Wissen über eine Krankheit dar, das in das Kodierungssystem aufgenommen werden sollte. Als zum Beispiel verschiedene Erscheinungsformen der COVID-19-Krankheit nach der Veröffentlichung der ICD-11 entdeckt wurden, konnten sie als neue Dimensionen in das ICD-11-Modell aufgenommen werden.[5]
Im Jahr 2001 verabschiedete die Vierundfünzigste Weltgesundheitsversammlung offiziell die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) als Ersatz für die Internationale Klassifikation der Schädigungen, Fähigkeitsstörungen und Beeinträchtigungen (ICIDH).[6] Die ICF ist eine Klassifikation von Gesundheit und gesundheitsbezogenen Domänen.[2] Im Mittelpunkt steht die menschliche Funktionsfähigkeit, von der „ordentlichen Funktion“ bis zur „schweren Behinderung“, in Bezug auf die Aktivitäten und die Partizipation [Teilhabe] einer Person, die von den Umweltfaktoren, dem Gesundheitszustand und von persönlichen Faktoren beeinflusst werden.[6]
Die einzigartigen Merkmale der ICF:
Die Rolle der ICF in der Rehabilitation entwickelt sich weiter. Im Folgenden werden aktuelle und potenzielle Auswirkungen der ICF auf die Rehabilitation dargestellt:
Einschränkungen der ICF-Klassifikation in der Rehabilitation:
Zu den wichtigsten Komponenten des ICF-Modells gehören Gesundheitszustände bzw. Störungen/Krankheiten, Körperfunktion und -struktur, Aktivitäten und Partizipation [Teilhabe], Umweltfaktoren und personenbezogene Faktoren.[2] Aufgrund kultureller Unterschiede sind personenbezogene Faktoren in der ICF-Klassifikation nicht enthalten. Es wird jedoch anerkannt, dass sie für das Verständnis von Funktionsfähigkeit und Behinderung wesentlich sind.[2]
Die folgenden Definitionen der ICF-Komponenten sind im Handbuch enthalten:[10]
Körperfunktionen und -strukturen:
Schädigungen: „Beeinträchtigungen einer Körperfunktion oder -struktur“. Beinhalten eine signifikante Abweichung oder einen Verlust.[10]
Aktivität: „Durchführung einer Aufgabe oder Handlung (Aktion) durch einen Menschen“.[10]
Partizipation [Teilhabe]: „Einbezogensein in eine Lebenssituation“[10]
Beeinträchtigungen der Aktivität: „Schwierigkeiten, die ein Mensch bei der Durchführung einer Aktivität haben kann“[10]
Beeinträchtigungen der Partizipation [Teilhabe]: „Probleme, die ein Mensch beim Einbezogensein in eine Lebenssituation erlebt“.[10] Dies kann entweder auf Schädigungen, Aktivitäten oder die Umwelt zurückzuführen sein.[2]
Umweltfaktoren: „bilden die materielle, soziale und einstellungsbezogene Umwelt ab, in der Menschen leben und ihr Dasein entfalten“.[10] Umweltfaktoren können als Barriere oder Förderfaktor betrachtet werden, je nachdem, wie sie sich auf die Funktionsfähigkeit des Menschen auswirken.[2]
Personenbezogene Faktoren sind in der ICF nicht klassifiziert, aber sie werden als Schlüssel zum Verständnis von Funktionsfähigkeit und Behinderung anerkannt. Beispiele für personenbezogene Faktoren sind: Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, körperliche Leistungsfähigkeit, Lebensstil, Gewohnheiten, Erziehung, Bewältigungsstil, sozialer Hintergrund, Bildung, Charakter und wichtige Lebensereignisse.[11]
Die erste Ebene jeder der Kernkomponenten der ICF besteht aus Kapiteln (Domänen). Jedes Kapitel hat die Aufgabe, einen Überblick über den jeweiligen Bereich der Funktionsfähigkeit zu geben.[11] Anschließend werden die Kapitel in drei Gliederungsebenen eingeteilt, die den Bereich der Funktionsfähigkeit näher beschreiben.[11]
Tabelle 1 zeigt die wichtigsten Komponenten der ICF und ihrer Kapitel:
Tabelle 1. Die wichtigsten Komponenten des ICF-Modells und seiner Kapitel.