Gelerntes besser behalten

Originaler Autor Michael Rowe

Top-Beitragende Ewa Jaraczewska, Jess Bell und Kim Jackson

Einleitung(edit | edit source)

Erinnern ist ein komplexer kognitiver Prozess. Um etwas im Gedächtnis zu behalten, müssen wir die Informationen, die wir uns merken wollen, regelmäßig wiederholen.(1)

Von Schülern und Studenten wird erwartet, dass sie sich große Mengen an neuen Informationen merken, lernen und beherrschen. Obwohl diese Informationen oft auf vielfältige und ansprechende Weise präsentiert werden,(2) fühlen sich die Lernenden oft von der Menge der Informationen überfordert. Sie müssen entscheiden, welche Informationen sie aus einem nicht enden wollenden Strom von Fakten behalten wollen.(3) Außerdem gehen Lehrer und Dozenten oft davon aus, dass Lernende wissen, wie man lernt. In Wirklichkeit aber greifen viele Schüler und Studenten auf ineffektive Lerntechniken zurück.(2) Das Internet und die sozialen Medien haben auch die Art und Weise verändert, wie Menschen Informationen erhalten, behalten und weitergeben.(4) Die Online-Suche nach Informationen kann zu einer Entlastung des Speichers führen (d. h. Nutzung des Internets und anderer Tools als externe Speicher)(4) sowie zum Vergessen.

Dieser Artikel bietet Strategien an, wie Sie Ihre Erinnerungsfähigkeit verbessern können.

Gedächtnis(edit | edit source)

Das Gedächtnis ist die Fähigkeit, Informationen zu speichern und abzurufen.(5)

Schematische Darstellung der Funktionsweise der Filtertheorie der Aufmerksamkeit. Quelle: Wikimedia Commons.

Filtertheorie der Aufmerksamkeit nach Broadbent ( edit | edit source )

Die Filtertheorie der Aufmerksamkeit nach Broadbent basiert auf der Annahme, dass der Mensch nicht alle Sinneseindrücke gleichzeitig bewusst wahrnehmen kann.(6) Wir können immer nur eine begrenzte Menge an Sinnesinformationen verarbeiten, so dass nur ein Bruchteil der Informationen, denen wir ausgesetzt sind, in unser bewusstes Erleben der Welt einfließt. Das menschliche Gehirn kann die meisten der eingehenden sensorischen Informationen herausfiltern. Dies wird als „selektive Aufmerksamkeit“ bezeichnet, d. h. als die Fähigkeit, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren.

Kurzzeitgedächtnis ( edit | edit source )

Das Kurzzeitgedächtnis (KZG) ist unser Arbeitsgedächtnis. Hier speichern wir Informationen für kurze Zeit und halten sie für eine spätere Verarbeitung bereit. Wir können etwa vier bis sieben Informationen in unserem KZG speichern. Diese Informationseinheiten werden als „Chunks“ bezeichnet. Wir können diese Chunks zu größeren Chunks zusammenfassen, was als „Chunking“ bezeichnet wird.

Chunking ist „eine Art Informationskomprimierung, mit der wir zusammenhängende Informationen so gruppieren, dass sie sich besser einprägen. Indem wir diese zusammenhängenden Informationsbrocken gruppieren, können wir die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses erheblich steigern.“(7) — Michael Rowe

Gedächtnisspur ( edit | edit source )

  • Eine anfängliche Erinnerung wird als Gedächtnisspur bezeichnet
  • Die Gedächtnisspur ist schwach
  • Sie muss durch intentionales (absichtliches) Lernen verstärkt werden, um Informationen über einen längeren Zeitraum zu behalten

Mythen und Fakten über das Gedächtnis ( edit | edit source )

  1. Man muss einen Text wiederholt lesen, um ihn in Erinnerung zu behalten: Das wiederholte Lesen von Texten schafft eher eine Wissensillusion wegen der reinen Wiedererkennung des Textes.
  2. Textabschnitte mit bunten Markern hervorzuheben hilft, sich diese zu merken: Es gibt keine Evidenz für diese Strategie.
  3. Intensives Pauken für eine Prüfung (d. h. massiertes Lernen) ist eine gute Methode, um sich Dinge zu merken: Diese Technik ist nicht effektiv, um Informationen langfristig zu behalten.
  4. Die Nacht durchzuarbeiten ist eine sinnvolle Strategie, wenn man sich auf eine Prüfung vorbereitet: Guter Schlaf ist wichtig, um Erinnerungen zu kodieren.

Gedächtnisspeicherung ( edit | edit source )

Um uns etwas merken zu können, müssen wir:

  • Schritt Nr. 1: Informationen im Arbeitsgedächtnis (Kurzzeitgedächtnis) speichern
  • Schritt Nr. 2: Informationen in das Langzeitgedächtnis verschieben. Dieser zweite Schritt erfolgt in drei Stufen:
    • Stufe 1: Enkodierung: Umwandlung eingehender Informationen in neue synaptische Verbindungen.
      • Regel Nr. 1 für ein effektives Lernen: Selektive Aufmerksamkeit. Die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zu fokussieren, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Sie neue Informationen enkodieren können. Die Einrichtung Ihrer Lernumgebung hilft Ihnen, sich auf die wichtigen Informationen zu konzentrieren.
    • Stufe 2: Konsolidierung: Gedächtnisspuren werden in einen Langzeitspeicher mit höherer Kapazität verschoben.
      • Regel Nr. 2 für effektives Lernen: Emotionale Salienz. Wenn die Information Sie begeistert, bewegt oder an besondere Momente erinnert, werden Sie sie mit größerer Wahrscheinlichkeit enkodieren.
      • Regel Nr. 3 für effektives Lernen: Relevanz. Wenn Sie ein mentales Modell haben, dem Sie die neuen Informationen zuordnen können, werden Sie sie eher enkodieren.
      • Regel Nr. 4 für effektives Lernen: Verständlichkeit. Es ist wahrscheinlicher, dass Sie Informationen enkodieren, wenn sie für Sie einen Sinn ergeben.
    • Stufe 3: Abrufen: Die Informationen werden aus dem Langzeitspeicher abgerufen.
      • Regel Nr. 4 für effektives Lernen: Abrufübungen. Bei regelmäßiger Anwendung erhöhen Abrufübungen die Stärke der Gedächtnisspur. Je häufiger Sie Informationen aktiv abrufen, vor allem in den frühen Stadien der Gedächtnisbildung, desto besser werden Ihre Erinnerungen sein. Das Abrufen von Informationen erweitert die Größe der Chunks, die Sie enkodieren können.

Der Prozess des Vergessens ( edit | edit source )

Fakten über das Vergessen ( edit | edit source )

  • Wir vergessen etwa 70% von dem, was wir gerade gehört oder gelesen haben
  • Die letzten 30% der Informationen verblassen langsamer
  • Wir vergessen schnell das meiste, was wir beachten
  • Um das Lernen zu verbessern, müssen wir den Prozess des Vergessens unterbrechen

Die Vergessenskurve. Quelle: Wikimedia Commons.

Vergessenskurve ( edit | edit source )

Die Vergessenskurve ist ein Diagramm, das die durchschnittliche Geschwindigkeit zeigt, mit der Informationen aus dem Gedächtnis verschwinden. Diese Kurve zeigt Folgendes an:

  • die Halbwertszeit neuer Informationen beträgt etwa eine Woche (7 Tage), es sei denn, wir verwenden Zeit darauf, den Stoff zu wiederholen
    • der Lernende vergisst 90 % der neuen Informationen innerhalb der ersten sieben Tage.(8)
    • 50 % aller neuen Informationen werden innerhalb eines Tages vergessen; der größte Verlust an neu erworbenem Wissen tritt kurz nach dem Lernen auf.(8)
    • hier erfahren Sie mehr über das Timing der Speicherung von Informationen.
  • aktives Abrufen ist ein einfaches Mittel, um eine Erinnerung über einen längeren Zeitraum zu behalten

Gedächtnisstärke ( edit | edit source )

Die Gedächtnisstärke ist die Dauerhaftigkeit der im Gehirn hinterlassenen Gedächtnisspur. Je stärker die Erinnerung, desto länger können Sie sie abrufen.

Abruf von Informationen ( edit | edit source )

Manchmal haben wir Schwierigkeiten, uns an Informationen zu erinnern, die wir erst wenige Stunden zuvor erworben haben. Für dieses Phänomen gibt es im Wesentlichen zwei Erklärungen:

  • Die Wissensillusion. Nachdem Sie eine Information 3-4 Mal gelesen haben, beginnen Sie, die Wörter und die Reihenfolge, in der sie erscheinen, zu erkennen:
    • dies trägt nicht dazu bei, dass Sie sich das Gelesene besser merken können
    • es vermittelt das Gefühl, mit dem Text vertraut zu sein, aber es ist kein Wissen
    • Sie können das Konzept nicht mit Ihren eigenen Worten erklären
    • das erneute Lesen eines Textes ist ein Beispiel für massiertes Lernen, und es ist die am wenigsten produktive Erinnerungstechnik
    • es ist ein kognitiv wenig anspruchsvoller Ansatz zum Erinnern – man hat nur das Gefühl, dass man lernt
  • Illusion der Erklärungstiefe. Die Überzeugung, dass man etwas versteht, wenn man Hinweise aus der Umgebung hat, die helfen, die Wissenslücken zu schließen:
    • das Abrufen von Informationen kann ohne diese Umgebungshinweise unmöglich sein (z. B. die räumliche Umgebung, der Patient, an dem Sie das Gerät benutzen, die medizinische Akte, die Sie gerade durchgesehen haben, usw.).
    • liefert eine oberflächliche Erklärung für das Wissen (z. B. die Verwendung von allgemeinen Ressourcen anstelle von spezialisierten Ressourcen, um etwas über Pathologie zu lernen).

Strategien, um mehr zu behalten ( edit | edit source )

„Je stärker die Erinnerung, desto länger können wir sie abrufen. Wir müssen also daran arbeiten, die Stärke der Gedächtnisspur zu erhöhen.“(7) — Michael Rowe

Vier der wirksamsten Strategien zur Verbesserung der Konsolidierung und des Abrufs von Informationen sind: Abrufübungen / Selbsttests, verteiltes Lernen, verschachteltes Lernen und Elaboration / Selbsterklärung.

Abrufübungen / Selbsttests ( edit | edit source )

Abrufübungen oder aktives Abrufen bedeutet, dass Sie enkodierte Informationseinheiten aus Ihrem Langzeitgedächtnis abrufen. Dazu gehört die Beantwortung von Fragen oder die Erklärung von Konzepten, ohne sich auf die Quelle zu beziehen und unter Verwendung eigener Worte.

Eine einfache Möglichkeit, das Abrufen zu üben, ist die folgende:

  • gehen Sie unmittelbar nach einem Vortrag Ihre Notizen durch und prüfen Sie, wie viele der übergeordneten Konzepte Sie aus dem Gedächtnis abrufen können
  • Konzentrieren Sie sich beim Abrufen von Informationen auf die Konzepte, über die der Dozent gesprochen hat, anstatt zu versuchen, sich viele Informationen zum Thema zu merken
  • wenn Sie zu Hause mit der Durchsicht Ihrer Notizen beginnen, wählen Sie einen Textabschnitt aus, der mit dem Vortrag des Tages zuvor zusammenhängt – lesen Sie den Text einmal, schauen Sie weg und versuchen Sie, das Gelesene mit Ihren eigenen Worten zu wiederholen
  • wenn Sie sicher sind, dass Sie das Konzept erklären können, ohne die Quelle zu lesen, fahren Sie mit dem nächsten Absatz fort

Verteiltes Lernen ( edit | edit source )

Verteiltes Lernen ist das Gegenteil von massiertem Lernen. Zum verteilten Lernen gehört das Abrufen von Informationen in immer größeren Abständen. Eine Regel des verteilten Lernen besagt, dass man üben muss, Informationen abzurufen, kurz bevor man sie zu vergessen droht.

„Aber das ist eine schwierige logistische Herausforderung. (…) Man kann zwar nach dem Zufallsprinzip in verschiedenen Abständen bestimmte Themen zur Wiederholung zuweisen, aber im Grunde müsste man raten, was man zu welchem Zeitpunkt angehen sollte, weil man nicht genau weiß, was man wann vergessen wird.“(7) — Michael Rowe

Die folgenden Strategien können beim verteilten Lernen helfen:

  • ein computergestütztes System zu verwenden – z. B. Anki, ein Lernkartensystem (App oder Web-Version) mit freien Abständen zur Wiederholung. Anki verwendet einen Algorithmus, um die Informationen, an die Sie sich erinnern wollen, aufzurufen, wenn der Algorithmus sagt, dass Sie im Begriff sind, sie zu vergessen.
  • Es gibt gute Evidenz dafür, dass 10-15 Minuten täglicher Wiederholung dazu beitragen, dass Sie sich mehr merken können.

Verschachteltes Lernen ( edit | edit source )

Beim verschachtelten Lernen mischen Sie verschiedene, aber verwandte Konzepte in Ihr aktives Abrufen von Informationen. Es hilft Ihnen, vorhandene Informationen mit neuen Informationen zu verknüpfen, indem es die Fähigkeit Ihres Gehirns nutzt, Verbindungen zwischen Informationseinheiten zu erkennen.

Die folgenden Strategien helfen Ihnen dabei, Informationen mit Hilfe des verschachtelten Lernens abzurufen:

  • wählen Sie 2-3 verschiedene Bereiche desselben Themas aus – zum Beispiel könnten Sie über das Thema „Knie“ die Anatomie, die Physiologie und die funktionellen Bewegungen durchgehen.
  • legen Sie eine „Sitzung“ von ca. 30-45 Minuten ein, um jedes Thema durchzuarbeiten und dabei ausdrücklich nach Beziehungen zwischen den Unterthemen suchen.
  • festigen Sie Ihr Verständnis, indem Sie die folgenden Fragen stellen:
    • Wie verbinden sich die Bereiche miteinander? Welche Bereiche in jedem Unterthema erscheinen im Bezug auf die anderen Unterthemen am wichtigsten? Wie beeinflussen sie sich gegenseitig?

Elaboration / Selbsterklärung(edit | edit source)

Unter Elaboration versteht man die Erläuterung und Vertiefung von Begriffen, die Sie aus dem Gedächtnis abrufen, mit eigenen Worten und ohne Bezugnahme auf das Quellenmaterial:

  • es ist eine Strategie, um neue Informationen mit bestehenden Informationen zu verbinden
  • sie schafft eine Beziehung zwischen Variablen, die Konzepte miteinander verbindet
  • es ist ein Gespräch mit dem Autor, in dem Sie Fragen stellen und beantworten

Arbeitsablauf für das Erinnern von Lerninhalten ( edit | edit source )

Der tägliche Arbeitsablauf sollte nicht länger als zwei Stunden dauern und die folgenden Schritte umfassen:

  • machen Sie es sich zur Gewohnheit, Ihre Lernunterlagen täglich durchzugehen
    • legen Sie einen Hinweis fest, der Sie daran erinnert, dass es Zeit ist, Ihre Lernunterlagen durchzugehen – z. B. eine Stunde vor dem Abendessen
  • richten Ihre Umgebung so ein, dass Unterbrechungen und Ablenkungen vermieden werden
  • überprüfen und erweitern Sie Ihre täglichen Notizen
  • schlagen Sie zusätzliche Informationen nach und lesen Sie sie durch
  • schreiben Sie mit dem Ziel, ein wichtiges Lernziel zu erreichen
  • beziehen Sie Konzepte aus den Vorträgen des Tages in Ihre Abrufübungen ein und integrieren Sie sie in Ihr Wiederholungssystem

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

  1. Kiswardhani AM, Ayu M. Memorization Strategy During Learning Process: Students‘ Review. Journal of English Language Teaching and Learning. 2021 Dec 31;2(2):68-73.
  2. 2.0 2.1 McGuire SY. Teach yourself how to learn: Strategies you can use to ace any course at any level. Taylor & Francis; 2023 Jul 3.
  3. Bhattacharjee R, Mahajan G. Learning what to remember. Proceedings of The 33rd International Conference on Algorithmic Learning Theory in Proceedings of Machine Learning Research 2022; 167:70-89.
  4. 4.0 4.1 Wang Q. Memory online: introduction to the special issue. Memory 2022; 30(4): 369-374.
  5. Zlotnik G, Vansintjan A. Memory: An Extended Definition. Front Psychol. 2019 Nov 7;10:2523.
  6. Mcleod S.Theories Of Selective Attention In Psychology. Available from https://www.simplypsychology.org/attention-models.html (last access 7.10.23)
  7. 7.0 7.1 7.2 Rowe M. How to Remember What You Learn Course. Plus, 2023.
  8. 8.0 8.1 THE FORGETTING CURVE: WHY WE FORGET AND HOW TO REMEMBER (2023). Available from https://www.growthengineering.co.uk/what-is-the-forgetting-curve (last access 25.11.2023)


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