Originale Autorin – Mariam Hashem
Top-Beitragende – Mariam Hashem, Jess Bell, Kim Jackson, Lucinda hampton, Olajumoke Ogunleye, Stacy Schiurring, Tony Lowe, Tarina van der Stockt und Vidya Acharya
Chronische Krankheiten oder nicht übertragbare Krankheiten (Non-communicable Diseases – NCDs), teils auch „Langzeiterkrankungen“ genannt,(1) sind definiert als körperliche oder geistige Gesundheitsprobleme, die über einen langen Zeitraum hinweg behandelt werden müssen.(2) (3) Diese Krankheiten sind derzeit nicht heilbar, können aber mit Medikamenten und anderen Maßnahmen behandelt/kontrolliert werden.(4) Es handelt sich um chronische Erkrankungen, die nicht von einer Person zur anderen übertragen werden können. Sie werden durch verschiedene Faktoren verursacht, darunter die Genetik, die Physiologie, die Umwelt und das Verhalten des Einzelnen.(5)
Beispiele für NCDs sind: Herzkrankheiten, Schlaganfall, Krebs, Diabetes und chronische Lungenkrankheiten wie chronisch obstruktive Lungenerkrankung und Asthma.
Im Jahr 2021 starben mindestens 43 Millionen Menschen an NCDs, was etwa 75 % aller nicht pandemiebedingten Todesfälle weltweit entspricht. Kardiovaskuläre Erkrankungen machen mit über 19 Millionen jährlich den größten Anteil der NCD-Todesfälle aus, gefolgt von Krebserkrankungen (10 Millionen), chronischen Atemwegserkrankungen (etwa 4 Millionen) und Diabetes (1,6 Millionen bzw. über 2 Millionen, wenn die auf Diabetes zurückzuführenden Todesfälle durch Nierenerkrankungen berücksichtigt werden). Zusammen sind diese vier Krankheitsgruppen für 80 % aller vorzeitigen NCD-Todesfälle verantwortlich.(6)
Im Jahr 2021 starben 18 Millionen Menschen vor ihrem 70. Lebensjahr an einer NCD – mehr als an allen Verletzungen, Infektionen (einschließlich COVID-19) sowie mütterlichen und ernährungsbedingten Todesursachen zusammen. Von diesen vorzeitigen Todesfällen ereigneten sich 82 % in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Von allen NCD-Todesfällen weltweit treten 73 % in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen auf.(6)
„Die Hauptursache für Langzeiterkrankungen sind ungesunde oder schädliche Verhaltensweisen. (…) Ein weiterer Faktor, der bei Langzeiterkrankungen zu berücksichtigen ist, sind gesundheitliche Ungleichheiten, die sich auf die ungerechte und vermeidbare Verteilung der gesundheitlichen Ergebnisse in der Bevölkerung beziehen.“(2) — Matthieu Haentjens
Ungesunde oder schädliche Verhaltensweisen. Schädliche Verhaltensweisen tragen zu Langzeiterkrankungen bei. Dazu gehören ein sedentärer Lebensstil (Bewegungsmangel), ungesunde Ernährung,(7)Exposition zu Tabakrauch oder den schädlichen Konsum von Alkohol.(1) Eine bevölkerungsbezogene Kohortenstudie aus dem Jahr 2019 ergab, dass das Fehlen von drei Risikofaktoren (Rauchen, Bluthochdruck und Übergewicht) das Auftreten von NCDs bei Personen im Alter von über 45 Jahren um neun Jahre verzögert.(8) Ebenso sind Nichtrauchen, kein Bluthochdruck und kein Übergewicht mit einer längeren Lebenserwartung (von etwa sechs Jahren) und einer kürzeren Lebenszeit mit NCDs (von etwa 2 Jahren) verbunden.(8)
„Diese Ergebnisse unterstreichen das Potenzial, die vorzeitige Morbidität und Mortalität von NCDs in der Allgemeinbevölkerung durch Prävention von Rauchen, Bluthochdruck und Übergewicht erheblich zu reduzieren.“(8)
Gesundheitliche Ungleichheiten. Diese werden von der Weltgesundheitsorganisation definiert als: „vermeidbare Ungleichheiten in der Gesundheit zwischen Gruppen von Menschen innerhalb von Ländern und zwischen Ländern. Diese Ungleichheiten ergeben sich aus Ungleichheiten innerhalb und zwischen Gesellschaften.“(9) Die COVID-19-Pandemie hat dazu beigetragen, zahlreiche gesundheitliche Ungleichheiten aufzudecken und zu verdeutlichen. Im Vereinigten Königreich traf die Pandemie „Menschen aus schwarzen und ethnischen Minderheiten, aus ärmeren sozioökonomischen Verhältnissen, aus benachteiligten städtischen und ländlichen Gebieten sowie aus besonders schutzbedürftigen Bevölkerungsgruppen“ überproportional stark.(10)
Ein Beispiel für gesundheitliche Ungleichheiten betrifft das Rauchen. Angehörige marginalisierter Gruppen rauchen häufiger und haben größere Schwierigkeiten, mit dem Rauchen aufzuhören. Zwar ist die Zahl der Raucher insgesamt rückläufig, doch „vergrößern sich die sozioökonomischen Ungleichheiten hinsichtlich der Raucherquote und der Krebssterblichkeit.“(11)
Die Weltgesundheitsorganisation teilt die Faktoren, die zu Langzeiterkrankungen beitragen, in folgende Kategorien ein:(6)
Modifizierbare verhaltensbedingte Risikofaktoren:
Metabolische Risikofaktoren:
Umweltbedingte Risikofaktoren:
Chronische Krankheiten treten häufig als Multimorbidität (Mehrfacherkrankungen) auf, eine Tatsache, die die Lebensqualität des Einzelnen beeinträchtigt und das Gesundheitssystem belastet. Diese Multimorbiditäten belasten auch das Gesundheitssystem.
Auswirkungen auf den Einzelnen. Menschen mit Multimorbidität haben einen schlechteren Funktionsstatus, eine schlechtere Lebensqualität, verminderte Arbeitsfähigkeit und schlechtere Gesundheitsergebnisse als Menschen ohne Multimorbidität.(12) Chronische Krankheiten können sich negativ auf die Mobilität der Person auswirken und zu sozialen Konsequenzen führen, wie z. B. Hausgebundenheit, Behinderung bei der Selbstpflege und Bettlägerigkeit. Die letztendliche Folge dieser Faktoren können soziale Isolation, familiäre Konflikte und Stigmatisierung sein.(13)(14) Die Bewältigung von Langzeiterkrankungen kann schwierig sein und zu Stress oder Behinderungen führen. Interessenverlust, Schuld- oder Verantwortungsgefühle und ein geringes Selbstwertgefühl können die Entwicklung der Krankheit verschlimmern. Die Person kann auch die Fähigkeit verlieren, sich an Aktivitäten zu beteiligen, die dem Leben einen Sinn und ein Ziel geben.(15)
Auswirkungen auf die Gesellschaft:
Die wirtschaftliche Belastung durch chronische Krankheiten ist erheblich. Die geschätzten Kosten für die Langzeitpflege im Vereinigten Königreich beliefen sich im Jahr 2017 auf 320 Millionen Pfund.(2)
Die Vereinten Nationen haben geschätzt, dass der kumulative Verlust für die Weltwirtschaft durch Langzeiterkrankungen bis 2030 47 Billionen Dollar erreichen könnte.(16) Bei der COPD werden bis 2050 weltweit direkte Kosten in Höhe von 24,35 Billionen Dollar und indirekte Kosten in Höhe von 15,43 Billionen Dollar erwartet.(17)
Chronische Erkrankungen stellen eine große Herausforderung für die Gesundheitssysteme dar, die dazu übergegangen sind, ihr Versorgungsmodell von einer reaktiven auf eine vorausschauende Versorgung umzustellen, um diese Erkrankungen besser bewältigen zu können.(2)
Bei der proaktiven Versorgung „sucht eine Person bereits vor dem Auftreten von Symptomen ärztliche Hilfe auf, um einer Erkrankung vorzubeugen oder diese frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, bevor sie fortschreitet oder chronisch wird.“(18)
„Vorausschauende Versorgung ist ein weit gefasster Begriff, der verschiedene Strategien umfasst, die Physiotherapeuten im Alltag anwenden können, um zu verhindern, dass Menschen überhaupt erkranken oder sich ihr Zustand verschlechtert.“(2) — Matthieu Haentjens
Wie bereits erwähnt, haben Verhaltensfaktoren einen erheblichen Einfluss auf chronische Erkrankungen. Eine Veränderung dieser Faktoren kann dazu beitragen, diese Erkrankungen zu verhindern und zu bewältigen. Gesundheitsmodelle können die Prävention und vorausschauende Versorgung bei chronischen Erkrankungen durch vorbeugende Maßnahmen, Gesundheitsförderung und die Stärkung der Patienteninteressen unterstützen.(2)(19)
Das Modell „Making Every Contact Count (MECC)“ ist ein Ansatz zur Verhaltensänderung, der vom NHS im Vereinigten Königreich eingeführt wurde(20) und Gesundheitsfachkräfte dazu ermutigt, alltägliche Interaktionen zu nutzen, um Verhaltensänderungen zu fördern, die sich positiv auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Einzelpersonen, Gemeinschaften und Bevölkerungsgruppen auswirken.(21)(22) Es soll „die Prävention chronischer Krankheiten in der täglichen Praxis verankern und die öffentliche Gesundheit verbessern.“(20)
Das MECC konzentriert sich auf Änderungen des Lebensstils, die die Gesundheit der Person beeinflussen können, wie z. B.: Mit dem Rauchen aufhören, Beschränkung des Alkoholkonsums auf die empfohlenen Grenzwerte, gesunde Ernährungsweisen (wie die Mittelmeerdiät und die neue nordische Diät),(23) die Förderung körperlicher Aktivität, die Aufrechterhaltung eines gesunden Gewichts sowie die Förderung der psychischen Gesundheit und des Wohlbefindens.
Mehr über das MECC erfahren Sie hier.
Das MECC-Modell wurde von mehreren Organisationen in die physiotherapeutische Praxis integriert und führte zu erfolgreichen Ergebnissen bei der Verbesserung der Gespräche über die Gesundheit und der Förderung körperlicher Aktivitäten.(24)
Die Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung von chronischen Krankheiten in verschiedenen Stadien:(2)
Das Modell „Making Every Contact Count“ kann in vier Stufen in die physiotherapeutische Praxis integriert werden:(2)
Die mentale Bereitschaft kann ein Hindernis für Veränderungen des Lebensstils sein. Wie in Abbildung 2 dargestellt und im Folgenden zusammengefasst, gibt es sechs Phasen der mentalen Vorbereitung, die Rehabilitationsfachleute kennen sollten, um Patienten dabei zu helfen, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu verbessern:(2)
Das Selbstmanagement ist der Prozess, der es den Patienten ermöglicht, ihre Gesundheit und Behandlung selbst in die Hand zu nehmen. Und im Grunde ist es die Idee, Dinge mit dem Patienten zu tun, anstatt Dinge am Patienten zu tun.(2) — Matthieu Haentjens
Die Rolle von Physiotherapeuten und Rehabilitationsfachleuten beim Selbstmanagement:(2)