Vorausschauende Versorgung bei chronischen Krankheiten in der Physiotherapie

Einleitung(edit | edit source)

Chronische Krankheiten oder nicht übertragbare Krankheiten (Non-communicable Diseases – NCDs), teils auch „Langzeiterkrankungen“ genannt,(1) sind definiert als körperliche oder geistige Gesundheitsprobleme, die über einen langen Zeitraum hinweg behandelt werden müssen.(2) Diese Krankheiten sind derzeit nicht heilbar, können aber mit Medikamenten und anderen Maßnahmen behandelt/kontrolliert werden.(3) Es handelt sich um chronische Erkrankungen, die nicht von einer Person zur anderen übertragen werden können. Sie werden durch verschiedene Faktoren verursacht, darunter die Genetik, die Physiologie, die Umwelt und das Verhalten des Einzelnen.(4)

Beispiele:

Statistiken und Fakten ( edit | edit source )

  • Proportional mortality.jpg

    Chronische Krankheiten sind jedes Jahr für 41 Millionen Todesfälle verantwortlich und machen 70 % aller Todesfälle weltweit aus.(1) Schätzungen zufolge wird diese Zahl bis zum Jahr 2030 auf 52 Millionen ansteigen.(5)

  • Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen für die meisten NCD-Todesfälle verantwortlich, nämlich 17,9 Millionen Menschen jährlich, gefolgt von Krebserkrankungen (9,0 Millionen), Atemwegserkrankungen (3,9 Millionen) und Diabetes (1,6 Millionen).(1)
  • 15% der jungen Erwachsenen im Alter von 11-15 Jahren haben eine chronische Krankheit(6)
  • 15 Millionen aller auf NCDs zurückzuführenden Todesfälle ereignen sich im Alter zwischen 30 und 69 Jahren(1)
  • Schätzungsweise 1-7 Millionen (4%) der NCD-Todesfälle traten bei Menschen unter 30 Jahren auf(7)
  • In Schottland entfallen 80 % aller hausärztlichen Konsultationen auf chronische Krankheiten, und die Wahrscheinlichkeit, dass Patienten mit diesen Erkrankungen ins Krankenhaus eingeliefert werden, ist doppelt so hoch(8)
  • In England sind schätzungsweise nur 59 % der Menschen, die mit einer chronischen Krankheit leben, erwerbstätig, verglichen mit 72 % der Allgemeinbevölkerung(6)
  • Menschen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen sind unverhältnismäßig stark von NCDs betroffen.(1)(7)(9)(10) Prognosen zufolge wird es in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen bis 2040 zu einer erheblichen Zunahme von Behinderungen, Krankheiten und vorzeitigen Todesfällen aufgrund von NCDs kommen(11)

Ursachen und Risikofaktoren ( edit | edit source )

Schädliche Verhaltensweisen wie ein sedentärer Lebensstil (Bewegungsmangel), ungesunde Ernährung, Exposition zu Tabakrauch oder Alkoholkonsum sind allesamt Faktoren, die zur Entstehung von NCDs beitragen.(1) Eine bevölkerungsbezogene Kohortenstudie aus dem Jahr 2019 ergab, dass das Fehlen von drei Risikofaktoren (Rauchen, Bluthochdruck und Übergewicht) das Auftreten von NCDs bei Personen im Alter von über 45 Jahren um neun Jahre verzögert.(12)

Die Weltgesundheitsorganisation hat die Faktoren, die zu chronischen Krankheiten beitragen, in zwei Kategorien eingeteilt:(1)

Modifizierbare verhaltensbedingte Risikofaktoren:

Metabolische Risikofaktoren:

Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaft ( edit | edit source )

Chronische Krankheiten treten häufig als Multimorbidität (Mehrfacherkrankungen) auf, eine Tatsache, die die Lebensqualität des Einzelnen beeinträchtigt und das Gesundheitssystem belastet.

Menschen mit Multimorbidität haben einen schlechteren Funktionsstatus, eine schlechtere Lebensqualität, verminderte Arbeitsfähigkeit und schlechtere Gesundheitsergebnisse als Menschen ohne Multimorbidität.(13)

Chronische Krankheiten können sich negativ auf die Mobilität der Person auswirken und zu sozialen Konsequenzen führen, wie z. B. Hausgebundenheit, Behinderung bei der Selbstpflege und Bettlägerigkeit, was letztlich zu sozialer Isolation, familiären Konflikten und sogar Stigmatisierung führt.(14)

Die Bewältigung von chronischen Krankheiten kann schwierig sein und zu Stress oder Behinderungen führen. Interessenverlust, Schuld- oder Verantwortungsgefühle und ein geringes Selbstwertgefühl können die Entwicklung der Krankheit verschlimmern. Die Person kann auch die Fähigkeit verlieren, sich an Aktivitäten zu beteiligen, die dem Leben einen Sinn und ein Ziel geben.(15)

Die wirtschaftliche Belastung durch chronische Krankheiten ist erheblich. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen könnte sich der kumulative Verlust für die Weltwirtschaft bis 2030 auf 47 Billionen Dollar belaufen, die auf NCDs zurückzuführen sind.(16)

Die geschätzten Kosten für die Langzeitpflege im Vereinigten Königreich beliefen sich im Jahr 2017 auf 320 Millionen Pfund.(2)

Gesundheitspolitik ( edit | edit source )

Die Rolle von Verhaltensfaktoren bei der Entwicklung von chronischen Krankheiten ist beträchtlich. Die Veränderung dieser Faktoren kann zur Vorbeugung und Behandlung dieser Erkrankungen beitragen.

Gesundheitsmodelle sollten die Vorbeugung und vorausschauende Versorgung von chronischen Krankheiten durch Präventivmaßnahmen, Gesundheitsförderung und die Förderung der Patienteninteressen unterstützen.(2)

Das Modell „Making Every Contact Count“ (MECC) des britischen NHS ist ein Ansatz zur Verhaltensänderung, der Gesundheitsfachkräfte dazu ermutigt, alltägliche Interaktionen zu nutzen, um Verhaltensänderungen zu fördern, die sich positiv auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Einzelpersonen, Gemeinschaften und Bevölkerungsgruppen auswirken.(17)(18)

Das MECC konzentriert sich auf Änderungen des Lebensstils, die die Gesundheit der Person beeinflussen können, wie z. B.:

  • Mit dem Rauchen aufhören
  • Beschränkung des Alkoholkonsums auf die empfohlenen Grenzwerte
  • Gesunde Ernährung – gesunde Ernährungsweisen wie die Mittelmeerdiät und die neue nordische Diät wurden als Mittel zur Verringerung der mit NCDs verbundenen Risikofaktoren vorgeschlagen(19)
  • Körperliche Aktivität
  • Ein gesundes Körpergewicht aufrechterhalten
  • Psychische Gesundheit und Wohlbefinden

Mehr über das MECC erfahren Sie hier.

Das MECC-Modell wurde von mehreren Organisationen in die physiotherapeutische Praxis integriert und führte zu erfolgreichen Ergebnissen bei der Verbesserung der Gespräche über die Gesundheit und der Förderung körperlicher Aktivitäten.(20)

Physiotherapie und Gesundheitsförderung ( edit | edit source )

Die Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung von chronischen Krankheiten in verschiedenen Stadien:(2)

  1. Medizinische Prävention durch verschiedene Interventionen in der kardialen Rehabilitation bei Herzerkrankungen
  2. Verhaltensprävention durch individuelle Unterstützung und Förderung eines gesunden Lebensstils
  3. Soziale und umweltbezogene Prävention durch Aufklärung über umweltbezogene Maßnahmen und der Unterstützung von Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz

Das Modell „Making Every Contact Count“ kann in vier Stufen in die physiotherapeutische Praxis integriert werden:(2)

  1. Screening des Gesundheitszustands und Ermittlung von Bereichen, in denen Veränderungen notwending sind
  2. Festlegung von Schwerpunkten („Agenda Setting“) durch Besprechung der erforderlichen Veränderungen mit dem Patienten
  3. Bereitschaft zur Veränderung durch Erörterung und Beurteilung von Hindernissen für die Veränderung
  4. Zielsetzung mit Hilfe von SMART-Zielen (Spezifisch, Messbar, Ausführbar, Realistisch, Terminiert)
SMART-goals.png

Die mentale Bereitschaft kann ein Hindernis für Veränderungen des Lebensstils sein. Es gibt sechs Phasen der mentalen Vorbereitung, die Physiotherapeuten kennen müssen, um ihren Patienten zu helfen, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu verbessern:(2)

  • Absichtslosigkeit (Precontemplation): Der Patient ist sich des Problems bewusst, aber nicht bereit, eine Maßnahme zu ergreifen
  • Absichtsbildung oder Kontemplation (Contemplation): Der Patient ist sich des Weges zur Veränderung bewusst
  • Vorbereitung (Preparation): Physiotherapeuten können mit Hilfe von SMART-Zielen helfen
  • Handlung (Action): Basiert auf die festgelegten Ziele
  • Aufrechterhaltung (Maintenance): In dieser Phase versagen die meisten Menschen. Physiotherapeuten können helfen, indem sie das Engagement des Patienten fördern und unterstützen
  • Rückfall (Relapse): Wenn es dazu kommt, können Physiotherapeuten helfen, indem sie die Situation neu beurteilen und neue Ziele setzen
Transtheoretical Model-The Stages of Change.png

Selbstmanagement(edit | edit source)

Das Selbstmanagement ist ein leistungsfähiges Instrument, das es den Patienten ermöglicht, ihre Behandlung selbst in die Hand zu nehmen, indem sie aktiv an Maßnahmen zur Genesung mitwirken.(2)

Die Rolle der Physiotherapie beim Selbstmanagement:(2)

  • Die Patienten dabei unterstützen, eine korrekte Diagnose zu erhalten und die Pathologie klar zu verstehen
  • Kommunikation mit den Patienten unter Verwendung offener Fragen, die die Patienten dazu anregen, sich zu engagieren und über ihren Lebensstil und ihr Verhalten nachzudenken
  • Ziele setzen, um den Patienten ihr Potenzial zu zeigen
  • Nutzung digitaler Gesundheitsdienste/Telegesundheit: um mit den Patienten auf einfache Weise Kontakt aufzunehmen und in Verbindung zu bleiben, insbesondere wenn Fahrten oder Pendeln eine Herausforderung darstellen. Die Verfügbarkeit von Videos und Bildern kann die Behandlung einfacher und verständlicher machen. Smartphone-Apps bieten eine einfache und zugängliche Schnittstelle und eine Reihe von Technologien, die die Adhärenz zum Behandlungsplan erleichtern, z. B. Übungsvorlagen, Online-Terminplaner, Feedback in Echtzeit und Überwachung der Vitalwerte. Der Einsatz der digitalen Gesundheit hat jedoch auch einige Nachteile, wie das Risiko der Verletzung des Datenschutzes und der Privatsphäre der Patienten sowie die damit verbundenen hohen Kosten, insbesondere in ressourcenarmen Gebieten.
  • Förderung der Verwendung von Sets zur Selbstkontrolle der Vitalparameter bei Diabetes und Blutdruck
  • Anwendung von Screening-Tests zur Erkennung von Risiken, z. B. Erfassung der Gehgeschwindigkeit und Timed-Up-And-Go-Test
  • Arbeit in einem integrierten Versorgungsteam und Nutzung eines effektiven Überweisungsschemas, um Patienten mit anderen Diensten in Verbindung zu bringen und sie bei Bedarf an Unterstützung zu verweisen(2)

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 1.2 1.3 1.4 1.5 1.6 World Health Organization. Noncommunicable diseases. Available from:https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/noncommunicable-diseases (Accessed 20 May 2020)
  2. 2.0 2.1 2.2 2.3 2.4 2.5 2.6 2.7 2.8 Haentjens M. Anticipatory Care for Long Term Conditions in Physiotherapy. Plus course 2020
  3. Ambrosio L, Hislop-Lennie K, Barker H, Culliford D, Portillo MC. Living with Long term condition Scale: A pilot validation study of a new person centred tool in the UK. Nurs Open. 2021 Jul;8(4):1909-19.
  4. Tabish SA. Lifestyle diseases: consequences, characteristics, causes and control. Journal of Cardiology & Current Research. 2017;9(3): 326-9.
  5. Kelland K. Chronic disease to cost $47 trillion by 2030: WEF. Reuters 2011. Available from: https://www.reuters.com/article/us-disease-chronic-costs-idUSTRE78H2IY20110918 (Accessed 20 May 2020)
  6. 6.0 6.1 Pharmaceutical Services Negotiating Committee. Essential facts, stats and quotes relating to long-term conditions. Available from:http://psnc.org.uk/services-commissioning/essential-facts-stats-and-quotes-relating-to-long-term-conditions/ (accessed 20 May 2020)
  7. 7.0 7.1 NCD Countdown 2030 collaborators. NCD Countdown 2030: worldwide trends in non-communicable disease mortality and progress towards Sustainable Development Goal target 3.4. Lancet. 2018;392(10152):1072-88.
  8. Scotland A. Managing long-term conditions. Edinburgh: Audit Scotland. 2007.
  9. Kazibwe J, Tran PB, Annerstedt KS. The household financial burden of non-communicable diseases in low- and middle-income countries: a systematic review. Health Res Policy Syst. 2021 Jun 21;19(1):96.
  10. Bharatan T, Devi R, Huang PH, Javed A, Jeffers B, Lansberg P, et al. A methodology for mapping the patient journey for noncommunicable diseases in low- and middle-income countries. J Healthc Leadersh. 2021 Jan 29;13:35-46.
  11. Reeve B, Gostin LO. „Big“ Food, Tobacco, and Alcohol: Reducing Industry Influence on Noncommunicable Disease Prevention Laws and Policies Comment on „Addressing NCDs: Challenges From Industry Market Promotion and Interferences“. Int J Health Policy Manag. 2019;8(7):450-4.
  12. Licher S, Heshmatollah A, van der Willik KD, Stricker BHC, Ruiter R, de Roos EW et al. Lifetime risk and multimorbidity of non-communicable diseases and disease-free life expectancy in the general population: A population-based cohort study. PLoS Med. 2019;16(2):e1002741.
  13. Prevalence, expenditures, and complications of multiple chronic conditions in the elderly.Arch Intern Med. 2002; 162: 2269-2276
  14. Roca M, Mitu O, Roca IC, Mitu F. Chronic Diseases–Medical and Social Aspects. Revista de Cercetare si Interventie Sociala. 2015 Jun 1;49.
  15. Roberts L. Psychological Aspects of Chronic Illness. Sheffield APT.Available from: https://www.sth.nhs.uk/clientfiles/File/Mental%20Health%20Awareness%20presentation%20-%20based%20on%20Maria%20and%20Ian’s%20POTS%20training.pdf (Accessed 20 May 2020)
  16. Institute for Global Health Sciences. Non-communicable Disease Could Cost Global Economy $47 Trillion by 2030. Available from:https://globalhealthsciences.ucsf.edu/news/non-communicable-disease-could-cost-global-economy-47-trillion-2030 (Last Accessed 20 May 2020)
  17. Lawrence W, Black C, Tinati T, Cradock S, Begum R, Jarman M,et al. ‚Making every contact count‘: Evaluation of the impact of an intervention to train health and social care practitioners in skills to support health behaviour change. J Health Psychol. 2016 Feb;21(2):138-51.
  18. Lussiez A, Hallway A, Lui M, Perez-Escolano J, Sukhon D, Palazzolo W, et al. Evaluation of an Intervention to Address Smoking and Food Insecurity at Preoperative Surgical Clinic Appointments. JAMA Netw Open. 2022 Oct 3;5(10):e2238677.
  19. Iriti M, Varoni EM, Vitalini S. Healthy Diets and Modifiable Risk Factors for Non-Communicable Diseases-The European Perspective. Foods. 2020;9(7):940.
  20. Cooper-Ryan AM, Ure CM. Making Every Contact Count: Evaluation of the use of MECC within the outpatient MSK Physiotherapy service and Bury Integrated MSK Service at Fairfield General Hospital, part of the Bury and Rochdale Care Organisation which is part of the Northern Care Alliance Group.


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