Anatomie des Spitzenschuhs

Originale Autorin Carin Hunter basierend auf dem Kurs von Michelle Green-Smerdon
Top-BeitragendeCarin Hunter und Jess Bell

Einführung(edit | edit source)

Der Spitzenschuh ist ein komplexes und unverzichtbares Ausrüstungsstück für die Tänzerin oder den Tänzer und sollte bei der Beurteilung von Verletzungen bei Tänzern nicht außer Acht gelassen werden. Es gibt viele verschiedene Arten und Typen von Spitzenschuhen. Beispiele hierfür sind:(1)

  • Freed
  • Capezio
  • Teplov
  • Grishko
  • Gaynor Mindens

Aufbau des Spitzenschuhs ( edit | edit source )

Die Hauptbestandteile eines Spitzenschuhs sind folgende:(1)

  • Zugband (Engl. drawstring)
  • Bündchen oder Gummizug (Engl. binding)
  • Zehenbox oder Block (Engl. toe box)
    • Besteht aus komprimierten Schichten aus Papier, Stoff und Klebstoff
  • Wings oder Flügel (Engl. sides oder wings)
  • Falten (Engl. pleats) – plantare Oberfläche
  • Plattform oder Standfläche (Engl. platform)
  • Innensohle (Engl. inner sole)
  • Außensohle (Engl. outer sole)
  • Shank (Schaft, Zwischensohle, Gelenk, Wirbelsäule)
    • Zu den Variationen gehören Dicke, Länge und Menge
    • Angepasst an die Vorlieben des Tänzers
  • Seitliche Naht, links und rechts (Engl. waist seams)
  • Hintere Naht (Engl. back seam)
  • Zubehör – d. h. die Bänder oder Elastikbänder, mit denen der Schuh am Fuß der Tänzerin oder des Tänzers befestigt wird
    • Die Betrachtung des Zubehörs kann Therapeuten verschiedene Einblicke geben, z. B:
      • Vorlieben der Tänzerin / des Tänzers
      • Umfang der Erfahrung
      • Potenzielle oder aktuelle Verletzungen
      • Auch die Art und Weise, wie das Zubehör angebracht wird, kann zu Verletzungen führen (z. B. können die Nähte an Sehnen / Knochenvorsprüngen reiben).
  • Zehenpolster oder -schoner (Engl. toe caps)(2)
    • Bietet Komfort, Formbarkeit, Stoßdämpfung, Aufprallschutz, Schweißabsorption, Polsterung
    • Kann aus Stoff oder Silikon hergestellt werden:
      • Silikon – atmungsaktiv, verformbar, bessere Komprimierbarkeit, längere Lebensdauer
      • Material – härtet mit dem Schweiß vom Tanzen

Wichtige Messungen ( edit | edit source )

  • Vamplänge (Engl. vamp) – die Länge der Zehenbox
  • Profil (Engl. crown) – die Höhe der Zehenbox

Brechen der Spitzenschuhe ( edit | edit source )

Der Begriff „Brechen“ bezieht sich meist darauf, dass die Balletttänzerin oder der -tänzer die Zwischensohle (Shank) des Schuhs bricht oder abschneidet:(1)

  • Dies soll dazu beitragen, dass sich der Schuh dem Fuß der Tänzerin oder des Tänzers anpasst und somit bequem ist.
  • Die Stärke des Shanks hängt vom Gewölbetyp und der Gewölbeflexibilität der Tänzerin oder des Tänzers ab.
  • Das natürliche Fußgewölbe sollte mit der Stelle übereinstimmen, an der der Shank eingebrochen ist.
    • Als Faustregel gilt: Wenn ein Schuh eine starke Biegung aufweist, hat die Ballerina oft ein hohes Fußgewölbe; ist der Schuh steif, neigt die Ballerina zu einem niedrigen Fußgewölbe.
    • Die Tänzerin oder der Tänzer muss sich in ihrem / seinem Schuh mit flachen Füßen, auf Halbspitze und ganz auf Spitze wohlfühlen.
  • Physiotherapeuten können beim Brechen des Shanks helfen, indem sie auf den Schuhen der Tänzerin oder des Tänzers markieren, wo ihr / sein natürliches Fußgewölbe liegt – die Tänzerin oder der Tänzer kann dann den Bruch des Shanks an diesen Markierungen ausrichten

Auch die Zehenbox muss eingelaufen werden.(1) Um die Zehenbox einzulaufen, können Tänzerinnen und Tänzer:

  • Den Schuh tragen
  • Im Schuh tanzen
  • Barre-Arbeit im Schuh absolvieren
  • Den Zehenraum mit der Handfläche oder der Ferse des Fußes zusammendrücken
  • Mit der Fußsohlenfläche des Schuhs auf den Boden aufschlagen
  • Die Zehenbox des Spitzenschuhs muss stark genug sein, um die Tänzerin oder den Tänzer auf der Spitze zu stützen, aber auch flexibel genug, um die Beweglichkeit der Fuß- und Sprunggelenke zu ermöglichen.
Foot Shape.jpg

Fußform ( edit | edit source )

Es gibt drei Fußtypen:(1)

  • Römisch oder kubisch
  • Ägyptisch (spitz zulaufend)
  • Griechisch (etwas zulaufend)

Da sowohl die Füße als auch die Schuhe sehr unterschiedlich sind, muss ein Ballettschuh professionell angepasst werden. Zu den Variationen innerhalb eines Spitzenschuhs gehören: unterschiedliche Shanklänge, -höhe und -breite, unterschiedliche Vamplänge, Zehenboxlänge, Flügelhöhe, Plattformhöhe und Profilhöhe.(1)

Auswirkung des Zehentyps auf die Haltungsstabilität ( edit | edit source )

Kizawa et al.(3) untersuchten Balletttänzer mit ägyptischem Fußtyp (oder spitz zulaufenden Zehen) und mit römischem Fußtyp. Sie stellten fest, dass es keinen signifikanten Unterschied in der Haltungsstabilität zwischen diesen beiden Zehentypen bei Tänzerinnen und Tänzer im Stehen und in der Halbspitzenposition gab. Allerdings waren Tänzerinnen und Tänzer mit römischen Zehen stabiler auf Spitze als Tänzerinnen und Tänzer mit ägyptischen Zehen.(3)

Bei Tänzerinnen und Tänzern mit römischen Zehen haben Kizawa et al.(3) festgestellt, dass eine ähnliche Zehenlänge eine stärkere gleichzeitige Belastung der Zehenspitzen ermöglicht. Da dadurch eine größere Auflagefläche für den Körper bzw. die Last entsteht, kann die Bodenreaktionskraft gleichmäßiger auf die beiden Zehenspitzen übertragen werden. So ist die Verschiebung des Druckzentrums bei Tänzerinnen und Tänzern mit römischen Zehen geringer als bei Tänzerinnen und Tänzern mit ägyptischen Zehen.(3)

Richtiger Sitz der Schuhe ( edit | edit source )

  • Die Stärke des Shanks hängt vom Gewölbetyp und der Gewölbeflexibilität des Tänzers ab.
  • Fersenhöhe und -breite haben einen Einfluss auf den Fersenbereich des Spitzenschuhs
  • Die Vamplänge hängt von der Stauchbarkeit der Zehen, der Länge der Zehen und der Flexibilität des Fußgewölbes ab.
  • Die Höhe des Schuhprofils hängt von der Art und Flexibilität des Fußgewölbes, der Form und Breite der Box, der Zehenlänge und der Höhe des Fußprofils ab.(1)

Warum ist die Passform so wichtig? ( edit | edit source )

Die richtige Passform des Schuhs ist von entscheidender Bedeutung, da der Zehentyp und die zusammengedrückten Zehen Auswirkungen auf die richtigen Belastungspunkte der Füße haben. Zu den Komplikationen, die mit zu stark zusammengedrückten Zehen einhergehen, gehören:Morton-Neurom, Ballenzehen und hallux valgus.(1) Zehentyp und Haltungsstabilität(3) sind entscheidend bei der korrekten Anpassung eines Spitzenschuhs. Der Spitzenschuh ist so konzipiert, dass er die Tänzerin oder den Tänzer in der Plantarflexion unterstützt, die Füße vor Stoßkräften schützt und die Tänzerin oder den Tänzer stabilisiert.(4)

Worauf sollten Physiotherapeuten bei einem Spitzenschuh achten?(1)

  • „Über der Box“ stehen – achten Sie auf Abnutzungserscheinungen an der Plattform beider Schuhe
  • Die Abnutzung sollte in der Mitte liegen und nicht links- oder rechtslastig sein.
  • Nähte rund um die Plattform können propriozeptives Feedback darüber geben, wo sich die Tänzerin oder der Tänzer auf der Zehenbox befindet
  • Berücksichtigen Sie die Art des Shanks – Tänzer mit schwachen Sprunggelenken benötigen möglicherweise einen starren Shank, während sie von einem flexiblen Shank Abstand nehmen sollten.
  • Die Shanks sollten sich zueinander wölben, so dass in der 5. Position keine Lücken zwischen den Füßen des Tänzers entstehen, wie in den folgenden Abbildungen gezeigt
  • Die Zehen sollten im Spitzenschuh gerade sein (keine Biegung)
Correct vs Incorrect Foot Gap.jpg

Es gibt keine „ideale“ Fußstruktur für den Spitzentanz:(1)

  • Sprunggelenke, die weniger anfällig für Verletzungen sind, weisen folgende Merkmale auf:
    • Gleich lange Zehen
    • Hoher Spann
    • Flexibles Sprunggelenk
    • Hohe Gewölbe WENN sie sehr stark sind
  • Sprunggelenke, die anfälliger für Verletzungen sind, weisen folgende Merkmale auf:
    • Ungleiche Zehenlänge
    • Unflexibles / steifes Sprunggelenk
    • Niedriger Spann oder flaches Fußgewölbe – ein flaches Fußgewölbe bedeutet, dass die Tänzerin oder der Tänzer an ihrer / seiner Flexibilität arbeiten muss, obwohl sie / er in der Regel über eine gute Kraft verfügt.

Beurteilung des Schuhs ( edit | edit source )

Die folgenden Punkte könnten auf unerfahrene Tänzerinnen oder Tänzer hinweisen:(1)

  • Shank nicht „gebrochen“
  • Ein Elastikband an der Ferse hält den Schuh an Ort und Stelle
    • Erfahrenere Tänzerinnen und Tänzer haben entweder eine richtige Schuhpassform oder nähen das Elastikband entlang der Innennaht, um Stabilität zu gewährleisten und das Verletzungsrisiko zu verringern.

Nach Bickle et al(5) hält ein Spitzenschuh etwa 20 Tanzstunden lang. Ein getragener Spitzenschuh erhöht nachweislich die Flexion des Mittelfußes und die Plantarflexion des Sprunggelenks, wenn man auf Spitze steht. Es wird angenommen, dass die beeinträchtigte strukturelle Integrität des verwendeten Spitzenschuhs zu biomechanischen Veränderungen beiträgt, die zu Schmerzen und Verletzungen führen können. Professionelle Balletttänzerinnen und -tänzer werden dazu angehalten, ihre Spitzenschuhe während einer Aufführung mehrmals zu wechseln, da die hohe Beanspruchung der Schuhe ihre strukturelle Integrität schnell verringert.(6)(7)

Verletzungen im Zusammenhang mit Spitzenschuhen ( edit | edit source )

Der Spitzenschuh ist ein kompliziertes Gerät, mit dem die Tänerin oder der Tänzer ihre / seine Füße in Szene setzt. Es gibt jedoch einige Probleme, die häufig auftreten, wenn ein Spitzenschuh abgenutzt ist,(1) wie zum Beispiel:

  • Verminderte strukturelle Integrität
    • Dies kann zu einem erhöhten Risiko von Muskelermüdung, Sprunggelenksdistorsionen oder Stürzen führen(8)
  • Erhöhte Flexibilität
    • Dies kann bedeuten, dass der Schuh im extremen Endbereich der Plantarflexion, die bei der Spitzenarbeit erreicht wird, wenig oder keinen Halt bietet(9)
    • Kann zu einer übermäßigen Plantarflexion im talocruralem Gelenk sowie zu einer übermäßigen Flexion des Mittelfußes führen(10)
  • Schlechter Zustand oder schlechter Halt des Schuhs
    • Dies kann zu Überlastung und akuten Verletzungen führen.(10)
  • Fehlen von ausreichend stoßdämpfendem Material
    • Ein neuerer Schuh kann die Bodenreaktionskräfte verringern(5)

Die Gelenke und Bänder des Fußes sind nicht dafür ausgelegt, übermäßige, sich wiederholende Belastungen in den extremsten Bereichen aufzunehmen. Diese Art von Training kann zu einer Kompression der Weichteilstrukturen führen(11) und Zerrungen in den Bändern des Mittelfußes.(12)

Fazit ( edit | edit source )

  • Alle professionellen Tänzerinnen und Tänzer müssen einen professionellen Anpasser aufsuchen.
  • Anfängern, die sich wiederholt verletzen oder die in ihrer Disziplin vorankommen möchten, sollte empfohlen werden, einen professionellen Anpasser aufzusuchen.
  • Die Redewendung „zu viel, zu früh“ gilt für den Übergang zur Spitzenarbeit
    • Der Körper einer Tänzerin oder eines Tänzers sollte bereit sein, die Belastung mit dem richtigen Schuh aufzunehmen, und sie / er sollte über ein ausreichendes Bewegungsausmaß und eine ausreichende Kraft verfügen, bevor Spitzenarbeit überhaupt in Betracht gezogen wird.(13)
    • Die Tänzerin oder der Tänzer muss in der Lage sein, sich vom flachen Fuß über die Halbspitze bis hin zur ganzen Spitze zu bewegen und die Bewegung umzukehren.

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.00 1.01 1.02 1.03 1.04 1.05 1.06 1.07 1.08 1.09 1.10 1.11 Green-Smerdon M. Anatomy of the Pointe Shoe Course. Physioplus. 2022.
  2. Annamaria Salzano, Fabiana Camuso, Mario Sepe, Maha Sellami, Luca P. Ardigò, and Johnny Padulo, Acute Effect of Toe Cap Choice on Toe Deviation Angle and Perceived Pain in Female Professional Ballet Dancers. BioMed Research International Volume 2019, Article ID 9515079, 8 pages https://doi.org/10.1155/2019/9515079
  3. 3.0 3.1 3.2 3.3 3.4 Kizawa M, Yasuda T, Shima H, Mori K, Tsujinaka S, Neo M. Effect of toe type on static balance in ballet dancers. Medical Problems of Performing Artists. 2020 Mar 1;35(1):35-41.
  4. Heather L. Walter, Carrie L. Docherty, and John Schrader. Ground Reaction Forces in Ballet Dancers Landing in Flat Shoes versus Pointe Shoes. Journal of Dance Medicine & Science, Volume 15, Number 2, 2011
  5. 5.0 5.1 Bickle, C; Deighan, M and Theis, N. The effect of pointe shoe deterioration on foot and ankle kinematics and kinetics in professional ballet dancers. Human Movement Science, 60. pp. 72-77. 2018
  6. Fong Yan A, Hiller C, Smith R, Vanwanseele B. Effect of footwear on dancers: a systematic review. Journal of Dance Medicine & Science. 2011 Jun 15;15(2):86-92.
  7. Cunningham BW, DiStefano AF, Kirjanov NA, Levine SE, Schon LC. A comparative mechanical analysis of the pointe shoe toe box. The American Journal of Sports Medicine. 1998 Jul;26(4):555-61.
  8. Beynnon BD, Murphy DF, Alosa DM. Predictive factors for lateral ankle sprains: a literature review. Journal of athletic training. 2002 Oct;37(4):376.
  9. Jeffrey A. Russell, Ruth M. Shave, David W. Kruse, Alan M. Nevill, Yiannis Koutedakis and Matthew A. Wyon. Is Goniometry Suitable for Measuring Ankle Range of Motion in Female Ballet Dancers? An Initial Comparison With Radiographic Measurement. Foot Ankle Spec 2011 4: 151 originally published online 2 March 2011
  10. 10.0 10.1 Aquino J, Amasay T. Biomechanical comparison of “dead” and “new” pointe shoes in female professional ballet dancers. The Sport Journal. 2019;21.
  11. Moser BR. Posterior ankle impingement in the dancer. Current Sports Medicine Reports. 2011 Nov 1;10(6):371-7.
  12. Russell JA, Kruse DW, Nevill AM, Koutedakis Y, Wyon MA. Measurement of the extreme ankle range of motion required by female ballet dancers. Foot & ankle specialist. 2010 Dec;3(6):324-30.
  13. Kimberly P Veirs, Jonathan D Baldwin, Josiah Rippetoe; Andrew Fagg ; Amgad Haleem ; Lynn Jeffries; Ken Randall; Susan Sisson; Carol P Dionne, Multi-Segment Assessment of Ankle and Foot Kinematics during Relevé Barefoot and En Pointe. Orthopaedic Practice volume 32 / number 3 / 2020


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