Spastikmanagement bei Rückenmarksverletzungen

Originale AutorinEwa Jaraczewska basierend auf dem Kurs von Melanie Harding

Top-Beitragende Ewa Jaraczewska, Jess Bell und Kim Jackson

Einleitung(edit | edit source)

Spastik oder Spastizität ist ein häufiges, aber oft unterdiagnostiziertes Symptom bei Menschen mit einer Rückenmarksverletzung (Spinal Cord Injury – SCI).(1) Laut Holtz et al.(2) benötigen 35% der Patienten mit problematischer Spastik innerhalb eines Jahres nach ihrer Rückenmarksverletzung ein Spastikmanagement.(2) Problematische Spastik kann schmerzhaft sein und die Mobilität und Funktion einer Person beeinträchtigen, einschließlich der Körperpflege und der Toilettengänge. Sie tritt am häufigsten bei Patienten mit einer Diagnose der ASIA-Grade B bis D im Bereich der Halswirbelsäule auf. Einige Personen können jedoch von der Spastik profitieren, da sie dazu beitragen kann, die Rumpfstabilität für die posturale Kontrolle zu erleichtern und Aktivitäten wie Stehen, Transfers und andere Aktivitäten des täglichen Lebens (ADLs) zu verbessern.(3) In diesem Artikel werden die verschiedenen Definitionen von Spastik, Assessments und Optionen für den Umgang mit Spastik bei Rückenmarksverletzungen erörtert.

Definitionen von Spastik ( edit | edit source )

Die Autoren des Europäischen Konsenses über die Konzepte und die Messung der pathophysiologischen neuromuskulären Reaktionen auf passive Muskeldehnung(4) schlagen vor, dass bei einer gestörten neuromuskulären Reaktion während der passiven Dehnung die Begriffe „Spastik“ oder „Hypertonus“ durch den Begriff übermäßiger Widerstand (hyper-resistance) ersetzt werden. Sie unterscheiden außerdem zwischen nicht neuralen (gewebebezogenen) und neuralen (mit dem zentralen Nervensystem verbundenen) Beiträgen auf den übermäßigen Widerstand:

  • „Die Beiträge des Gewebes sind Elastizität, Viskosität und Muskelverkürzung.“(4)
  • „Neurale Beiträge sind geschwindigkeitsabhängige Dehnungshyperreflexie und nicht geschwindigkeitsabhängige unwillkürliche Hintergrundaktivierung“.(4)

Zu den Definitionen von Spastik bzw. Spastizität gehören:

„Eine motorische Störung, die durch einen geschwindigkeitsabhängigen Anstieg der tonischen Dehnungsreflexe (Muskeltonuserhöhung) mit übertriebenen Sehnenzuckungen gekennzeichnet ist, die aus einer Übererregbarkeit des Dehnungsreflexes resultieren, als eine Komponente des Syndroms des oberen motorischen Neurons (Upper Motor Neuron Syndrome, UMNS)“ — JW Lance, 1980(5)

„Gestörte sensomotorische Kontrolle, die auf eine Läsion des oberen Motoneurons zurückzuführen ist und sich als intermittierende oder anhaltende unwillkürliche Aktivierung der Muskeln äußert.“ — 2005 SPASM (Support Programme for Assembly of a Database for Spasticity Measurement) Konsortium(6)

„Spastizität bezieht sich auf eine geschwindigkeitsabhängige Dehnungshyperreflexie als Teil des übermäßigen Widerstands (hyper-resistance).“ — Europäischer Konsens 2016 (4)

Kliniker müssen sich darüber im Klaren sein, dass der Begriff Spastik bzw. Spastizität nur verwendet werden kann, wenn er durch die Art der aufgetretenen Veränderungen klar definiert ist. Der Begriff Steifigkeit ist für die gewebebezogenen Beiträge zum übermäßigen Widerstand reserviert.(4)

Illustration der supraspinalen Kontrolle des spinalen Dehnungsreflexes. Abgeleitet von: Li S, Francisco GE. New insights into the pathophysiology of post-stroke spasticity. Front Hum Neurosci. 2015 Apr 10;9:192.

Neurologische Komponenten der Spastik ( edit | edit source )

  • Läsion des oberen motorischen Neurons (Upper Motor Neuron Lesion, UMNL) im Rückenmark(7)
  • Die Enthemmung erfolgt an der spinalen Reflexschleife als direkte Folge des neurologischen Insults(4)

Spastik vs. Muskelspasmen ( edit | edit source )

Spastik wird durch einen Verlust der supraspinalen hemmenden Modulation der Muskeldehnungsreflexe verursacht. Die supraspinale hemmende (inhibitorische) Modulation dieser Reflexe wird normalerweise von den kortikospinalen, kortikoretikulären und dorsalen retikulospinalen Bahnen gewährleistet.(8)

Muskelspasmen / Muskelkrämpfe sind Muskelkontraktionen, die unwillkürlich, unkontrolliert, periodisch und nicht anhaltend sind.

Epidemiologie der Spastik ( edit | edit source )

  • Spastik tritt häufiger bei Patienten mit Tetraplegie auf(7)
  • 48% der Patienten mit Rückenmarksverletzung (SCI) weisen bei der Aufnahme in eine akute stationäre Rehabilitationseinrichtung eine Spastik auf(9)
  • 46-65% der Personen mit traumatischen SCI berichteten bei der Entlassung über Spastik(3)(9)
  • 79% der Patienten mit zervikaler SCI, 69% der Patienten mit thorakaler SCI und 22% der Patienten mit hoher lumbaler SCI berichten über problematische Spastik(3)
  • Spastik tritt weniger häufig bei Läsionen zwischen T12-L2 auf(3)
    • Spastik entwickelt sich in:
      • 87% der Patienten mit einer Verletzung der Halswirbelsäule
      • 85% der Patienten mit einer Verletzung der Brustwirbelsäule
      • 57% der Patienten mit Verletzungen der Lendenwirbelsäule
  • Bei Läsionen unterhalb von L2 entwickelt sich keine Spastik(7)
  • Medikamente werden häufig zur Behandlung der Spastik bei einer Rückenmarksverletzung eingesetzt(9)

Lesen Sie hier Fakten und Zahlen zu Rückenmarksverletzungen.

Phasen in der Entwicklung der Spastik ( edit | edit source )

  • Anfangsphase der Areflexie(10)
  • Spinaler Schock: akute Rückenmarksverletzung mit schlaffem Tonus unterhalb der Verletzungshöhe(11)
  • Rückkehr der Reflexe(10)
  • Hyperreflexie, Spasmen und Klonus treten auf(10)

Beurteilung der Spastik ( edit | edit source )

Überlegungen vor der Befunderhebung:(7)

  • Die Spastik kann im Laufe des Tages, der Woche und sogar innerhalb einer Behandlungssitzung variieren.
  • Sie kann in allen vier Extremitäten und dem Rumpf vorkommen. Sie kann in den Beugern, Streckern, Rotatoren, Adduktoren oder Abduktoren auftreten. Um genaue Ergebnisse zu erzielen, sollten alle Untersuchungen im Ruhezustand (entspannt) des Muskels durchgeführt werden.
  • Die Spastik kann durch bestimmte Bewegungen, Aktivitäten, Stressoren oder Positionen zunehmen oder abnehmen.
  • Es ist notwendig, die Auswirkungen der Spastik auf die Funktion und die Aktivitäten des täglichen Lebens (z. B. Gang, Mobilität im Bett, Transfers, Schlaf, Blasen- und Darmfunktion) zu bewerten.

Die Ziele eines Spastik-Assessments sind:(7)

  • die Wahrnehmung der Spastik durch den Patienten und den Betreuungspersonen verstehen
  • identifizieren, wo das Problem liegen könnte
  • prüfen, wie realistisch das gewünschte Ergebnis ist
  • Behandlungsmaßnahmen bewerten(12)

Ergebnismessungen ( edit | edit source )

Obwohl die Messung der Spastik immer noch mit Herausforderungen verbunden ist, können die folgenden Methoden verwendet werden:(13)

1. Klinische Skalen

  • Modifizierte Ashworth-Skala (MAS)(14)
    • sechsstufige Ordinalskala zur Einstufung des Widerstands, der bei passiver Bewegung und zunehmender Geschwindigkeit auftritt
      • 0 = keine Erhöhung des Muskeltonus
      • 1 = leichte Erhöhung des Muskeltonus, die sich durch ein „catch and release“ oder durch einen minimalen Widerstand am Ende des Bewegungsausmaßes äußert, wenn der/die betroffene(n) Körperteil(e) in Flexion oder Extension bewegt wird/werden
      • 1+ = leichte Erhöhung des Muskeltonus, die sich in einem „catch“ äußert, gefolgt von einem minimalen Widerstand im restlichen Bewegungsausmaß (weniger als die Hälfte)
      • 2 = deutlichere Erhöhung des Muskeltonus über den größten Teil des Bewegungsausmaßes, aber der/die betroffene(n) Körperteil(e) ist/sind leicht zu bewegen
      • 3 = erhebliche Erhöhung des Muskeltonus; passive Bewegung ist schwierig
      • 4 = betroffene(r) Körperteil(e) starr in Flexion oder Extension
    • weist eine ausreichende Zuverlässigkeit für die Bewertung der Spastik der unteren Extremitäten bei Patienten mit SCI auf
    • die MAS ist hier verfügbar (in englischer Originalsprache)
  • Modifizierte Tardieu-Skala (MTS)(15)
    • validiert für Rückenmarksverletzungen
    • prüft drei Schlüsselkomponenten:
      • Geschwindigkeit der Dehnung
      • Qualität der Muskelreaktion
      • Winkel der Muskelreaktion
    • die MTS wird als der MAS überlegen angesehen
    • sie kann zwischen neuralen und peripheren Beiträgen zur Spastik unterscheiden
    • quantifiziert den „Muskeltonus bei bestimmten Geschwindigkeiten“.
    • die quantitativen Gelenkwinkelmessungen werden bei drei Geschwindigkeiten der passiven Bewegungen gemessen:(15)
      • sehr langsam (V1)
      • „passives Fallenlassen der Extremität mit der Schwerkraft“ (V2)(15)
      • so schnell wie möglich (V3)
    • dient als ergänzendes Instrument für die Planung der Behandlung von Menschen mit Rückenmarksverletzung
    • die MTS ist hier verfügbar (in englischer Originalsprache)
  • Penn Spasm Frequency Scale (PSFS)
    • eine Selbsteinschätzung über die Häufigkeit von Muskelkrämpfen
    • wird häufig zur Quantifizierung der Spastik verwendet
    • besteht aus zwei Teilen: Häufigkeit und Intensität der Krämpfe
    • Häufigkeit der Krämpfe/Spasmen:
      • 0 = keine Krämpfe
      • 1 = ein oder ein paar Krämpfe pro Tag
      • 2 = zwischen 1 und 5 Krämpfe pro Tag
      • 3 = zwischen 5 und <10 Spasmen pro Tag
      • 4 = 10 oder mehr Krämpfe pro Tag oder anhaltende Kontraktion
    • Intensität der Krämpfe/Spasmen:
      • mild (1)
      • mäßig (2)
      • schwer (3)
    • korreliert nur schwach mit der MAS
    • Weitere Informationen über die PSFS finden Sie hier (in englischer Originalsprache)
  • Spastic Paraplegia Rating Scale (SPRS)
    • die Ausführung dauert 15 Minuten
    • erfordert keine besondere Ausrüstung(16)
    • hat eine hohe Interrater-Korrelation
    • enthält 13 Variablen zur Messung des Schweregrads der spastischen Paraplegie(17)
    • bewertet funktionelle Beeinträchtigungen durch die Beurteilung von Gehfähigkeit, Muskelkraft, Spastik, Schmerzen und Harnfunktion(18)
    • für jede Variable wird eine Punktzahl angegeben, die von 0 (normal) bis 4 (schwere Beeinträchtigung) reicht(17)
    • die maximale Gesamtpunktzahl ist 52

2. Biomechanische Methoden

  • Pendeltest nach Wartenberg
    • eine einfache Methode, um den Schweregrad der Spastik zu quantifizieren
    • der Patient sitzt oder liegt und sein Bein hängt über das Ende eines Bettes/einer Couch
    • der Untersucher streckt das Knie und lässt es dann los, so dass der Unterschenkel frei schwingt
    • der Umfang des Schwungs ist bei Personen mit Spastik generell reduziert
    • dieser Test kann mit Hilfe eines Goniometers quantifiziert werden, das die Winkeldifferenz zwischen der Ausgangs- und Endposition des Knies misst(19)
    • die Ergebnisse hängen von der Sitzposition des Patienten und seiner Fähigkeit ab, sich vollständig zu entspannen(19)
    • dieser Test kann nur die Spastik der Kniemuskulatur beurteilen
    • dieser Test ist nicht in der Lage, „den erhöhten Widerstand im Muskel aufgrund viskoelastischer Veränderungen von dem geschwindigkeitsabhängigen Widerstand aufgrund von Spastizität unterscheiden“

3. Neurophysiologisch-elektrophysiologische Methoden

  • Spinal Cord Assessment Tool for Spastic Reflexes (SCATS)
    • zur Beurteilung von Klonus, Beuge- und Streckspasmen
    • der Grad der Spasmen wird von null bis drei bewertet: kein Spasmus (0) bis zu schwerem Spasmus (3)
    • zuverlässiges klinisches Messinstrument zur Bewertung der Spasmusaktivität und spastischer Hypertonie bei Patienten mit Rückenmarksverletzung(20)
    • Weitere Informationen über das SCATS finden Sie hier (in englischer Originalsprache)

Merkmale der Spastik bei Rückenmarksverletzungen ( edit | edit source )

Spastik kann sich negativ auf die Lebensqualität einer Person auswirken, indem sie ihre Fähigkeit zur Durchführung von Aktivitäten des täglichen Lebens einschränkt, die Selbstversorgung behindert, Schmerzen verursacht und die Sicherheit beeinträchtigt. Das Vorliegen einer Spastik kann jedoch einige Vorteile haben, wie z.B. die Verbesserung der Rumpfstabilität beim Sitzen und Stehen, die Erleichterung von Transfers und des Gehens und die Verbesserung des venösen Rückflusses, wodurch das Auftreten von tiefen Venenthrombosen verringert wird. Das Auftreten und der Schweregrad der Spastik können im Laufe des Tages variieren, und bekannte Faktoren können die Spastik verschlimmern oder lindern.

Verschlimmernde Faktoren ( edit | edit source )

  • Immobilität oder zu langes Verharren in einer Position
  • Schmerzen (Fraktur, muskuläre Überlastungsverletzungen, Dekubitus, Nierensteine, Blasenentzündung, Appendizitis, Wehen)
  • Überfüllte Blase oder Darm
  • Obstipation (Verstopfung)
  • Verschiedene Infektionen: Harnwegsinfektionen, eingewachsene Zehennägel und Dekubitus
  • Ängste, Stress / emotionale Störungen
  • Plötzliche Wärme- und Feuchtigkeitsänderungen in der Umgebung (z. B. kaltes Wetter, aufkommender Regen)
  • Druck auf den Fußballen (stimuliert den Plantarreflex)
  • Bett- oder Rollstuhlpositionierung mit unzureichender Hüft- und Knieflexion
  • Heterotope Ossifikationen (HO)
  • Kontrakturen
  • Syringomyelie
  • Tiefe Venenthrombose (TVT)
  • Fieber
  • Eng anliegende Kleidung oder Urinbeutelgurte
  • Unbequeme Schuheinlagen

Lindernde Faktoren ( edit | edit source )

  • Langsame passive Bewegungen und Dehnungen bei regelmäßiger Durchführung(7)(21)
  • Stehen und Gewichtsbelastung(22)
  • Rhythmische Lateralflexion und Extension des Rumpfes kombiniert mit Rumpfrotation (z.B. beim Reiten)(23)
  • Körperliche Aktivität und Behandlung, einschließlich Dehnen und Beugen(24)
  • Richtige Positionierung in Bett und Stuhl
  • Schmerzmanagement;
  • Blasen- und Darmmanagement
  • Stressmanagement
  • Tiefatmung und Entspannung
  • Kälte / Eis(21)

Allgemeine Prinzipien des Spastikmanagements ( edit | edit source )

Die Spastik sollte dann behandelt werden, wenn sie für den Patienten schädlich ist und Probleme wie Schmerzen, Funktions- oder Positionseinschränkungen oder Muskelkontrakturen verursacht.(3)

Es wird eine frühzeitige Intervention zur Vorbeugung und Behandlung der Spastik nach Rückenmarksverletzung empfohlen.(10)

Bei der Planung der Behandlung der Spastik sollten Kliniker die folgenden Faktoren berücksichtigen:(3)

  • Qualität der Spastik
  • Schweregrad der Spastik
  • Verteilung der Spastik
  • lindernde Faktoren
  • verschlimmernde Faktoren
  • die Wahrnehmung des Patienten / die Erklärung für seine Spastik

Therapeutisches Management der Spastik ( edit | edit source )

Selbstmanagement(edit | edit source)

Das Selbstmanagement ist ein wesentlicher Bestandteil des therapeutischen Managements der Spastik. Der Patient und die Betreuungspersonen müssen den Gesundheitszustand des Patienten und die möglichen therapeutischen Interventionen verstehen, um eine wirksame Behandlung auszuwählen und das beste Ergebnis zu erzielen.(25) Der Patient sollte in Selbstmanagementtechniken zur Kontrolle der Spastik unterwiesen werden. Die Patientenedukation sollte Folgendes umfassen:

  • Erkennen und Vorbeugen von Faktoren, die Spastik und Spasmen verschlimmern können(25)
  • regelmäßiges Dehnen, einschließlich Dehnen in Bauchlage, um die Muskellänge zu erhalten
  • Drücken des Knies nach unten, um den Fuß auf dem Boden oder der Fußstütze abzuflachen, um den Klonus zu stoppen
  • Nutzung der Spastik für die Funktion

Gewichtsbelastung(edit | edit source)

Die langfristige Wirksamkeit von gewichtsbelastenden Aktivitäten ist nicht gut erforscht und wird häufig in Frage gestellt.(26) Eine 1993 durchgeführte Fallstudie von Bohannon(27) stellte eine sofortige Verringerung der Spastik der unteren Extremitäten nach belastenden Maßnahmen (z. B. Verwendung eines Kipptisches) fest, die einige Stunden nach der Behandlung anhielt. Auch die Krämpfe gingen zurück, und die Verbesserung hielt bis zum Morgen nach der Behandlung an.

Kipptisch, Stehbrett oder Stehtrainer/Stehständer:

  • Die Vorteile der Verwendung eines Stehbretts oder eines Stehtrainers übertreffen die des alleinigen manuellen Dehnens
  • Dehnen im Stehen beeinflusst den Input der Haut- und Gelenkrezeptoren in die spinalen Motoneuronen, was zu einer verringerten Erregbarkeit führt
  • Eine verlängerte Dehnung der Plantarflexoren des Sprunggelenks in stehender Position führt zu einer Verringerung der Spastik in der unteren Extremität

Positionierung (edit | edit source)

Die richtige Positionierung (Lagerung) im Bett oder im Rollstuhl ist entscheidend für die Erhaltung der Muskellänge. Es gibt zwar klinische Berichte über die Wirksamkeit der Positionierung bei der Verringerung der Spastik, aber es fehlt der wissenschaftliche Beweis.(26) Es gibt auch spezifische Faktoren, die bei Personen mit Rückenmarksverletzung, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, eine Zunahme der Spastik verursachen können:

  • mangelnde Rumpfstabilität und die Anstrengung, die erforderlich ist, um sie zu kompensieren
  • Schmerzen als Folge einer schlechten Positionierung
  • verkürzte Muskeln aufgrund einer schlechten Positionierung können eine Spastik auslösen, wenn sie plötzlich gedehnt werden

Um die Auswirkungen eines abnormalen Tonus zu verringern, müssen wir Folgendes beachten:

  • Standardlösungen für die Positionierung im Rollstuhl sollten meistens nicht angewendet werden(28)
  • ein Teamansatz zwischen Ergotherapeuten und Physiotherapeuten ist unerlässlich
  • Kenntnisse über den Zustand und die körperlichen Beeinträchtigungen des Patienten, die Anpassung des Rollstuhls, Sitzsysteme und Kissen sind ein Muss
  • Das Verständnis der Wünsche / Anforderungen eines Patienten sollte die Entscheidung des Teams beeinflussen
  • eine goldene Regel der Positionierung ist es, die Position im Laufe des Tages häufig zu wechseln(25)

In diesem Abschnitt des Kurses Positionierung und allgemeines Management der oberen Extremitäten bei Rückenmarksverletzungen wird die Positionierung in Rückenlage und im Rollstuhl ausführlicher behandelt.

Spastikmanagement der oberen Extremität ( edit | edit source )

Hier erfahren Sie mehr über die Behandlung der Spastik der oberen Extremitäten.

Physikalische Modalitäten(edit | edit source)

Dieser Artikel befasst sich mit dem Einsatz von physikalischen Modalitäten zur Behandlung der oberen Extremitäten bei Tetraplegie.

Schienen(edit | edit source)

  • Eine dorso-palmare Schiene kann empfohlen werden, wenn der Tonus in den Fingern und/oder im Handgelenk erhöht ist.
  • Ruheschiene: Eine Nachtschiene kann verwendet werden, um die Hand in einer funktionellen Position mit leicht gebeugtem Handgelenk und Fingern zu halten.

Weitere Informationen zur Schienenbehandlung von Personen mit Rückenmarksverletzungen finden Sie in diesem Leitfaden.

Medikamente bei Schmerzen, Spastik und Infektionen je nach Ursache ( edit | edit source )

Baclofen-Tabletten:(24)

  • nur ein kleiner Teil des Wirkstoffs durchdringt die Blut-Hirn-Schranke, so dass er nur eine begrenzte Wirkung hat
  • hat starke Nebenwirkungen, einschließlich Sedierung, Übelkeit, Schwindelgefühl und Atembeschwerden
  • eine plötzliche Unterbrechung der Einnahme dieses Medikaments kann epileptische Anfälle, Psychosen und Hyperthermie verursachen

Tizanidin:

  • bietet eine ausgeprägte muskelentspannende Wirkung
  • unterdrückt polysynaptische Reflexe bei einer kompletten Rückenmarksverletzung
  • kann mit Baclofen kombiniert werden(29)
  • hat ähnliche Nebenwirkungen wie Baclofen

Cannabisprodukte:

  • widersprüchliche Ergebnisse(24)
  • Laut Karst et al. wird Cannabis „wegen der geringen therapeutischen Reichweite und des Risikos von Nebenwirkungen und Abhängigkeit nicht zur Behandlung von Spastizität empfohlen“(30)

Injektionsbehandlung mit Botulinumtoxin:

  • wird verwendet, wenn die Spastik in einigen wenigen Muskeln oder einer begrenzten Muskelgruppe auftritt
  • blockiert vorübergehend die Verbindung zwischen der Nervenendigung und der Muskelfaser, indem es die präsynaptische Freisetzung von Acetylcholin aus dem Nervenende stoppt
  • eine gründliche Beurteilung mit einer detaillierten Analyse und Beschreibung der Funktion ist für ein gutes Ergebnis unerlässlich

Intrathekale Pumpe:

  • Medikamente werden von einer programmierbaren Pumpe über ein Kathetersystem in den Subarachnoidalraum abgegeben
  • die Pumpe muss nachgefüllt werden, und die Dosis des Medikaments kann angepasst werden

Chirurgisches Management ( edit | edit source )

  • Z-Plastik oder Tenotomien, um den Muskel zu verlängern:(31)(32)
    • Zu den häufigsten Indikationen für Sehnenoperationen an den unteren Extremitäten gehören:(32)
      • Hüftflexion, Hüftadduktion
      • Kniebeugekontraktur, Kniestreckkontraktur
      • Pes equinovarus (Klumpfuß) am Sprunggelenk
      • Beugekontraktur der Zehe und manchmal auch Extension des Hallux
    • Im Bereich der oberen Extremität werden häufig Releases an den Sehnen des M. flexor digitorum profundus und superficialis sowie des M. flexor carpi radialis und des M. flexor pollicis longus durchgeführt. Falls erforderlich, kann eine Z-Verlängerung des M. flexor carpi ulnaris eingesetzt werden.(31)

Positive Auswirkungen der Spastik auf die Funktion ( edit | edit source )

Gehtraining:

  • Eine Spastik der Extensoren kann beim Gehen, Aufstehen und anderen Transfers hilfreich sein. Eine schwere Spastik erhöht jedoch den Energieverbrauch, begrenzt die Gehgeschwindigkeit und beeinträchtigt die Sicherheit. Diese Faktoren können gegenüber der Schnelligkeit und Bequemlichkeit eines Rollstuhls die Vorteile des Gehens in den Hintergrund drängen.(7)
  • Weitere Informationen über das Gehen nach einer Rückenmarksverletzung finden Sie hier.

Mobilität im Bett:

  • Eine Rumpfspastik kann das Drehen oder Aufsetzen erleichtern(7)

Transfers:

  • Spastik kann beim Hochheben der Beine auf ein Bett helfen(7)

Husten:

  • Spastik kann genutzt werden, um einen effektiveren Husten zu stimulieren(7)

Greifen:

  • Die Spastik der Fingerbeuger kann stimuliert werden, um die Stärkung des Tenodesegriffs zu unterstützen(7)

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

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