Atemphysiotherapie bei Patienten auf der Intensivstation

Das Atmungssystem ( edit | edit source )

Atmungssystem (Respiratorisches System)

Das Atmungssystem (oder respiratorisches System) besteht aus den Atemwegen, der Lunge und den muskuloskelettalen Strukturen des Brustkorbs. Eine einfache Möglichkeit, das Atmungssystem zu verstehen, besteht darin, es in zwei Teile, die „muskuloskelettale Pumpe“ und das „Gasaustauschorgan“, zu unterteilen.(1) Die muskuloskelettale Pumpe besteht aus den umgebenden knöchernen Strukturen (Brustkorb Hals- und Brustwirbelsäule, oberer Beckenbereich) und den Atemmuskeln. Das Gasaustauschorgan bezieht sich zum einen auf die Atemwege. Diese ermöglichen die Bewegung der Luft von außerhalb des Körpers in die Alveolen. Darüber hinaus umfasst es die alveolokapilläreMembran, die die spezielle Schnittstelle zwischen der eingeatmeten Luft und dem Kreislauf darstellt.(1) Der Begriff der Atmung umfasst den Gasaustausch zwischen der Atmosphäre und der Lunge, der Lunge und dem Blut sowie dem Blut und dem Körpergewebe. Die Funktion dieses Systems besteht darin, die Versorgung mit Sauerstoff und den Abtransport von Kohlendioxid aus dem Körper aufrechtzuerhalten.(1) Ein Versagen einer der Komponenten des Atmungssystems kann dazu führen, dass eine mechanische Beatmung erforderlich wird.(2)

Atemstörungen sind ein häufiges Problem bei kritisch Kranken Patienten auf der Intensivstation.(2)(3) Kritisch kranke Patienten auf der Intensivstation sind oft bettlägerig, was zu einer allgemeinen Dekonditionierung führt, die sich auf viele Systeme des Körpers, einschließlich des Atmungssystems, auswirkt.(1) Pulmonale Komplikationen sind die Hauptursache für Krankenhausmorbidität und geben daher bei Intensivpatienten Anlass zu großer Sorge.(1) Zu den häufigen Komplikationen nach der Bettruhe gehören ein verringertes Lungenvolumen und eine verringerte Ausatmungsrate, eine verminderte Atemmuskelkraft, eine verringerte Compliance von Lunge und Thoraxwand sowie ein beeinträchtigter Gasaustausch.(1) All diese Faktoren führen zu einem Anstieg der Atemarbeit des Patienten und erhöhen das Risiko der Entwicklung einer Lungenentzündung (Pneumonie) und einer Atelektase. Eine Schwäche der Atemmuskulatur kann zusammen mit der Verringerung des Atemzugvolumens den Hustenmechanismus beeinträchtigen, was das Risiko für Lungeninfektionen weiter erhöht.(1) Bei Intensivpatienten besteht immer die Gefahr, dass sie Komplikationen wie Sekretretention, Atelektasen, beatmungsassoziierte Pneumonie, verminderte Lungenexpansion, erhöhte Atemarbeit, ein Missverhältnis zwischen Ventilation und Perfusion, inspiratorische Muskelschwäche und Entwöhnungsversagen entwickeln.(1)(3)(4)(5)(6)

Ziele der Physiotherapie ( edit | edit source )

Ziel der Physiotherapie bei Atemstörungen auf der Intensivstation ist es, das Lungenvolumen aufrechtzuerhalten, die Sauerstoffzufuhr und die Ventilation zu verbessern, Sekrete aus den Atemwegen abzutransportieren, die Atemarbeit zu verringern und die inspiratorische Muskelfunktion zu verbessern, um Komplikationen bei der Atmung sowohl bei intubierten als auch bei spontan atmenden Patienten zu verhindern.(2)(4)(6)(7)(8)(9) Weitere Ziele sind die Maximierung der muskuloskelettalen Funktion, die Verkürzung der Dauer der mechanischen Beatmung, die Erleichterung der Rückkehr zu einer unabhängigen Funktion nach der Entlassung aus der Intensivstation, die Verbesserung der langfristigen Lebensqualität und die Verkürzung der Verweildauer auf der Intensivstation und im Krankenhaus, um die Kosten der Pflege zu senken.(4)(5)(10) Das Ziel der Physiotherapie ist auf vier Schlüsselkategorien ausgerichtet:(1)(4)(9)(11)(12)

  1. Reinigung der Atemwege (Sekretabtransport)
  2. Vergrößerung des Lungenvolumens und Verbesserung der Atelektasen
  3. Aufrechterhaltung oder Verbesserung der Sauerstoffversorgung der Lunge
  4. Aufrechterhaltung oder Verbesserung der inspiratorischen Muskelkraft

Physiotherapeutische Maßnahmen für die Atemtherapie ( edit | edit source )

Physiotherapeuten versuchen, die Beeinträchtigung der Atmung bei Intensivpatienten zu vermindern, indem sie verschiedene Maßnahmen anwenden, die im Folgenden kurz erläutert werden. Diese Maßnahmen werden nach ihrer Verwendung klassifiziert.

Maßnahmen für die Reinigung der Atemwege (Sekretabtransport) ( edit | edit source )

Techniken zur Befreiung und Reinigung der Atemwege sind die manuellen oder mechanischen Verfahren, die eingesetzt werden, um die Mobilisierung und den Abtransport von Sekret aus den Atemwegen zu erleichtern (Unterstützung der mukoziliären Clearance).(4)(13) Das System der mukoziliären Clearance ist normalerweise sehr effizient und wirksam, aber nach vielen Atemwegserkrankungen, pulmonalen Komplikationen, Anästhesie und chirurgischen Eingriffen wird häufig überschüssiges Sputum produziert, und die eigenen Mechanismen zum Sekretabstransport können beeinträchtigt werden.(4) Techniken zur Belüftung und Reinigung der Atemwege umfassen:(1)(3)(4)(5)(8)(11)(12)

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Maßnahmen zur Vergrößerung des Lungenvolumens und Verbesserung der Atelektasen ( edit | edit source )

Atelektasen

Zur Vergrößerung des Lungenvolumens oder zur Verbesserung von Atelektasen können die folgenden Maßnahmen eingesetzt werden:(1)(4)(8)(11)

  • Positionierung (Lagerung in Seitenlage mit der betroffenen Seite nach oben)
  • Manuelle und maschinelle Hyperinflation
  • Übungen zur Tiefatmung (segmentale Atmung und Atmen gegen Widerstand)
  • Incentive-Spirometrie (IS)
  • Positiver endexpiratorischer Druck (PEEP)
  • ACBT
  • Breath Stacking
  • Übungen zur Thoraxausdehnung (Thoracic Expansion Exercises – TEE)
  • „Springing“ der Rippen
  • Manuelle Schüttelungen und Vibrationen der Thoraxwand
  • Intermittierende Überdruckinhalation (IPPB)
  • Nicht-invasive Beatmung (NIV) und CPAP

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Maßnahmen zur Aufrechterhaltung oder Verbesserung der Sauerstoffversorgung der Lunge ( edit | edit source )

  • Positionierung
  • Nicht-invasive Beatmung (kontinuierlicher positiver Atemwegsdruck – CPAP, intermittierende Überdruckinhalation – IPPB, BiPAP, VPAP)
  • Manuelle oder maschinelle Hyperinflation
  • Breath Stacking
  • Übungen zur Tiefatmung
  • TEE(1)(4)(8)(11)

Maßnahmen zur Aufrechterhaltung oder Verbesserung der inspiratorischen Muskelkraft ( edit | edit source )

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Fazit(edit | edit source)

Bei der Behandlung von kritisch kranken Patienten auf der Intensivstation ist eine kontinuierliche Beurteilung unerlässlich. Die Ergebnisse der Befunderhebung sowie der Wiederbefunde dienen dem Physiotherapeuten auch als Leitfaden für die am besten geeignete Behandlung. Die ständigen Veränderungen des physiologischen, motivationalen und emotionalen Zustands des Patienten auf der Intensivstation machen es erforderlich, dass der Versorgungsplan flexibel bleibt.(1) Die Atemphysiotherapie ist auf der Intensivstation unverzichtbar, aber es sollte bedacht werden, dass die Rolle des Physiotherapeuten auf der Intensivstation nicht nur auf die Behandlung der Atmung beschränkt ist, sondern sich auch auf die Mobilisation und Rehabilitation erstreckt, die ihrerseits einen direkten Einfluss auf das Atmungssystem haben werden.

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Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

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