Atemphysiotherapie nach Rückenmarksverletzungen

Einleitung(edit | edit source)

Atmungsstörungen sind eine der häufigsten medizinischen Komplikationen sowie die Hauptursache für eine verminderte Lebensqualität und Sterblichkeit bei Personen mit Rückenmarksverletzungen.(1)(2)(3)

Eine retrospektive Übersichtsarbeit (Dez. 2020) der Patienten mit akuten traumatischen Rückenmarksverletzungen zwischen C5 und T5 im Zeitraum 2010-2015 zeigt eine höhere Prävalenz von respiratorischen Komplikationen während des ersten Krankenhausaufenthalts unmittelbar nach der Verletzung und deutet darauf hin, dass das Vorhandensein von früheren Atemwegserkrankungen, eine komplette motorische Beeinträchtigung (AISA A-B) sowie ein gleichzeitig bestehendes Thoraxtrauma Prädiktoren für Komplikationen der Atemwege sind. Bei Personen mit zervikalen und höheren thorakalen Rückenmarksverletzungen ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass es zu Komplikationen bei der Atmung kommt, vor allem aufgrund der Beeinträchtigung des Zwerchfells. (1)

  • Das Zwerchfell ist für 65 % der forcierten Vitalkapazität verantwortlich und spielt eine große Rolle bei der Ventilation.(3)
  • Eine normale Belüftung der Lungen ist nur durch die koordinierte Anstrengung vieler Systeme möglich, vor allem des muskuloskelettalen, neuromuskulären und Integumentsystems.

Die frühzeitige Erkennung von Patienten mit einer Rückenmarksverletzung, bei denen das Risiko von respiratorische Komplikationen besteht, könnte Klinikern helfen, präventive Strategien zur Verringerung von Komplikationen anzuwenden. (5)

Normale Atmung ( edit | edit source )

Zwerchfellatmung

Um zu verstehen, wie die Atmung bei Menschen mit einer Rückenmarksverletzung beeinträchtigt wird, ist es wichtig zu wissen, wie die normale Atmung abläuft. Bei der normalen Inspiration hebt sich zuerst der Oberbauch, gefolgt von einer seitlichen Ausdehnung des unteren Brustkorbs, die mit einer leichten Anhebung des oberen Brustkorbs in zwei Ebenen endet: superior und anterior. Ein weiteres Maß für die normale Atmung ist die Anzahl der Silben pro Atemzug. Bei einer normalen Unterhaltung produziert ein erwachsener Mensch in der Regel etwa 16,55 Silben pro Atemzug.

Eine normale Belüftung der Lungen ist nur durch die koordinierte Arbeit vieler beteiligter Systeme möglich. Die wichtigsten Systeme, die an der normalen Atmung beteiligt sind, sind die folgenden:

  • Muskuloskelettales System
  • Neuromuskuläres System

Muskuloskelettal(edit | edit source)

Die skelettale Unterstützung der Atmung umfasst:

  1. Anterior: Rippen (Costae) und Brustbein (Sternum)
  2. Posterior: Brustwirbelsäule und posteriore Rippen

Bei der Einatmung bewegen sich die oberen Rippen hauptsächlich in anteriorer und superiorer Richtung, die mittleren Rippen in allen drei Bewegungsebenen (anterior, superior und lateral) und die unteren Rippen hauptsächlich in lateraler und superiorer Richtung. Die größte Beweglichkeit des Brustkorbs ist entlang des Schwertfortsatzes (Processus xyphoideus) des Brustbeins und der unteren Ränder der vorderen und seitlichen Rippen gegeben. Die Brustwirbelsäule unterstützt die mechanische Ausrichtung des Brustkorbs.

Eine Eselsbrücke auf English lautet: „C three, four, five keeps us alive!“ (C3,4,5 halten uns am Leben!)

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Primäre Muskeln der Atmung:

  1. Diaphragma thoracicum (Zwerchfell): wird durch den Nervus phrenicus C3-C5 innerviert. Das Zwerchfell liefert bis zu 75 % des Atemzugvolumens. Er bewegt sich in allen drei Ebenen und seine Funktion hängt von der Funktion der Zwischenrippen- und Bauchmuskeln, der Stimmbänder und der Beckenbodenmuskulatur ab. Beim ruhigen und forcierten Einatmen zieht sich das Zwerchfell konzentrisch zusammen. Die kontrollierte Ausatmung erfordert eine exzentrische Kontraktion des Zwerchfells.
  2. Mm. intercostales (Zwischenrippen- oder Interkostalmuskeln): innerviert von den Ebenen T1-T11. In ihrer primären Funktion stabilisieren die Mm. intercostales den Brustkorb während der Einatmung und unterstützen die Rippensenkung während der forcierten Ausatmung. Außerdem heben die Mm. intercostales externi bei der forcierten Einatmung die Rippen an. Bei ruhigem und forciertem Einatmen und forciertem Ausatmen kontrahieren die Mm. intercostales konzentrisch, während das kontrollierte Ausatmen eine exzentrische Kontraktion erfordert. Hinweis: Ein Patient mit einer Rückenmarksverletzung, der eine Trachealkanüle hat, aber nicht in der Lage ist, ein Sprechventil zu tolerieren, kann sich nicht auf diese exzentrische Kontraktion verlassen um die Belüftung zu verbessern, da die Trachealkanüle die Luft nach Belieben entweichen lässt.(6)
  3. Bauchmuskeln: werden von T6 bis L1 innerviert. Die Hauptaufgabe der Mm. obliqui abdominales (Schräge Bauchmuskeln) besteht darin, am inferioren Rand des Brustkorbs den Zug nach unten zu unterstützen. Die Mm. obliqui externi (äußere schräge Bauchmuskeln) stabilisieren den unteren Rand des Brustkorbs. Der M. transversus abdominis (querer Bauchmuskel) unterstützt das Zwerchfell bei der Aufrechterhaltung des positiven Drucks.

Sehen Sie sich diese 2-minütige Animation über die Mechanik der Atmung an.

(7)

Atemhilfsmuskulatur:

  1. Paraspinale Muskulatur (M. erector spinae): Innervation von T1-S3, sorgt für die posteriore Stabilisation des Brustkorbs und ermöglicht die Ausdehnung des Brustkorbs nach anterior.
  2. Mm. pectoralis major und minor: Innervation von C5-T1, ermöglichen die Bewegung des oberen Brustkorbs in 2 Ebenen: anterior und lateral. Sie wirken wie Rippenstabilisatoren, wenn die Zwischenrippenmuskeln gelähmt sind.
  3. M. serratus Anterior: Innervation von C5-C7, hilft bei fixierter oberer Extremität bei der posterioren Ausdehnung des Brustkorbs. Dies ist der einzige inspiratorische Muskel, der seine Funktion mit der Rumpfbeugung verbindet.
  4. Mm. scaleni: Innervation von C3-C8, ermöglichen die Bewegung des oberen Brustkorbs nach superior und anterior .
  5. M. sternocleidomastoideus: Innervation von C2-C3 und N. accessorius (Hirnnerv), ermöglicht die superiore und anteriore Bewegung des oberen Brustkorbs.
  6. M. trapezius: Innervation von C2-C4, ermöglicht eine Bewegung des oberen Brustkorbs nach superior. Er muss das Gewicht der oberen Extremität heben, um die Atmung zu unterstützen, und ist ein äußerst ineffizienter Muskel.

Neuromuskuläres System(edit | edit source)

Das neurorespiratorische System umfasst die Großhirnrinde (Cortex cerebri) des Gehirns, die für die Steuerung der willkürlichen Atmung verantwortlich ist, und den Hirnstamm, der die unwillkürliche, automatische Atmung steuert. Das Rückenmark und die motorischen Neuronen sind ebenfalls Teil dieses Systems und für die Übertragung von Nervenimpulsen an die Atemmuskulatur verantwortlich, wodurch sich der Kreislauf der Atmung schließt. Außerdem gibt es ein System von Rezeptoren und Nerven, die den Prozess der Atmung regulieren.(8)

In diesem Video wird die neuromuskuläre Steuerung der Atmung erläutert.

(9)

Integument (Haut) ( edit | edit source )

Der Verlust der elastischen Qualität der Haut kann zu ernsteren Funktionsstörungen führen, die die Beweglichkeit der Wirbelsäule und des Brustkorbs beeinträchtigen. Narben und Verwachsungen bilden sich infolge von entzündlichen Erkrankungen, Verbrennungen, Traumata oder chirurgischen Eingriffen und können die Qualität des Gewebes und seine Flexibilität beeinträchtigen. Die Verwachsungen zwischen Epidermis, Dermis und Faszien machen nicht nur auf ihrer Ebene halt. Aufgrund der Kontinuität des Bindegewebes im gesamten Körper können sich die oberflächlichen Einschränkungen in die Tiefe erstrecken und die Beweglichkeit des gesamten Bewegungsapparats einschließlich der Faszien, Sehnen, Muskeln und Gelenke einschränken. Studien zeigen, dass eine eingeschränkte Beweglichkeit der Bauchdecke sowie des oberen und unteren Brustkorbs mit einer geringeren Lungenfunktion korreliert.(10)

Rückenmarksverletzung und Atmung ( edit | edit source )

Traumatische und atraumatische (Tumor, Gefäßerkrankung, Abszess, transverse Myelitis) Wirbelsäulenverletzungen können die Atmung aufgrund einer gestörten motorischen Kontrolle der Atemmuskulatur beeinträchtigen. Bei hochzervikalen Rückenmarksverletzungen (C3 und höher) kann eine Langzeitbeatmung erforderlich sein. Bei Verletzungen unterhalb von C3 kann unter Umständen eine unterstützende Beatmung erforderlich sein, während Patienten mit Verletzungen unterhalb von C5 in der Lage sein können, unabhängig von einer kontinuierlichen Beatmung zu atmen.(8)

Die folgende Tabelle veranschaulicht das für jede Beeinträchtigung entsprechende Niveau der neurologischen Verletzung:(1)(2)

Neurologisches Niveau Beeinträchtigung
C1-3 Völlig abhängig von einem Beatmungsgerät
C3-4 Phasen ohne assistierte Beatmung möglich

Zwerchfell beeinträchtigt – ↓ Atemzugvolumen/Tidalvolumen und Vitalkapazität

C5 Unabhängige Atmung

Anfängliche Unterstützung durch Beatmung

Zwerchfell intakt

Interkostal- und Bauchmuskeln beeinträchtigt – ↓ Lungenvolumen und forcierte Ausatmung für effektive Sekretmobilisation

C6-8 Unabhängige Atmung

Zwerchfell intakt

Interkostal- und Bauchmuskeln beeinträchtigt – ↓ Lungenvolumen und forcierte Ausatmung für effektive Sekretmobilisation

Nutzt Atemhilfsmuskeln, um einen effektiven Husten zu erzeugen

T1-4 Unabhängige Atmung

Zwerchfell intakt

Interkostalmuskeln intakt – normale Lungenvolumina

Beeinträchtigung der Bauchmuskeln – ↓ forcierte Ausatmung zur effektiven Sekretmobilisation

T5-12 Atmung annähernd gleich oder gleich wie bei einer Person ohne Rückenmarksverletzung

(2)

Respiratorische Komplikationen ( edit | edit source )

Die Art und das Ausmaß der respiratorischen Komplikationen hängen von dem Niveau der Verletzung und dem Grad der Schädigung ab. Sie können bei 80 % der Patienten mit einer Rückenmarksverletzung während des akuten Krankenhausaufenthalts auftreten und setzen sich in der postakuten und chronischen Phase der Rehabilitation von Rückenmarksverletzungen fort.(11) Zu den möglichen Komplikationen gehören:

Probleme mit der Beatmung und die oben genannten respiratorischen Komplikationen bei Personen mit einer Rückenmarksverletzung können auch mit Folgendem zusammenhängen:

  • Schwierigkeiten mit produktivem Husten und Sekretmobilisation
  • Übermäßige Sekretproduktion
  • Spastische Kontraktion der Bauchmuskeln
  • Begrenzte Lagerungsmöglichkeiten und Mobilitätseinschränkungen

Husten und Sekretion ( edit | edit source )

Bei Patienten mit Verletzungen der Hals-, Brust- und hohen Lendenwirbelsäule können Schwierigkeiten beim Husten und bei der Sekretmobilisation beobachtet werden. Diese beiden Funktionen hängen vom Einsatz der Interkostal- und Bauchmuskeln ab (die von T1-L1 innerviert werden).

Schleimproduktion ( edit | edit source )

Eine weitere häufige Komplikation, die bei Patienten mit Tetraplegie auftritt, ist die übermäßige Sekretproduktion in den Bronchien. Die Ursache dafür ist noch unklar, aber man nimmt an, dass sie auf eine verminderte Aktivität des Vagusnervs zurückzuführen ist, was zu einem Ungleichgewicht des Parasympathikus führt:

  • Bronchospasmus
  • Verstärkte Gefäßstauung
  • Verminderte mukoziliäre Aktivität (im Zusammenhang mit mechanischer Beatmung)(1)

Spastische Kontraktion der Bauchmuskeln ( edit | edit source )

Nach der spinalen Schockphase können abnorme spinale Reflexe zu spastischen Kontraktionen der Bauchmuskeln führen. Dies kann die Schwierigkeiten mit der Atmung verstärken und zur Dyspnoe führen.(1)

Haltung und Orthesen ( edit | edit source )

Eine aufrechte Haltung kann sich negativ auf die Belüftung auswirken, da das Zwerchfell abgeflacht ist und sich der Bauchinhalt aufgrund einer schwachen Bauchmuskulatur nach vorne bewegt. Das Tragen einer Bauchbinde kann die Atmung in aufrechter Position erleichtern.(1)

Akute Respiratorische Versorgung ( edit | edit source )

Die Rolle der Mitglieder eines multidisziplinären Teams variiert bei vielen Aspekten der respiratorischen Versorgung von Patienten mit einer Rückenmarksverletzung. Dies hängt oft von den Richtlinien und Verfahren ab, die von den Berufsverbänden der einzelnen Länder festgelegt wurden.

Überwachung(edit | edit source)

In der akuten Phase der Rückenmarksverletzung kann das gesamte medizinische Team für das Monitoring (Überwachung) der folgenden Punkte verantwortlich sein:

Diese Marker zeigen an, dass der Patient intubiert werden muss:

  • Vitalkapazität unter 15mL/kg
  • Maximaler Inspirationsdruck unter -20cmH2O
  • Erhöhter pCO2(2)

Beatmung, Entwöhnung (Weaning) und Extubation ( edit | edit source )

Das medizinische Team, bestehend aus Neurologe, Anästhesist, Atemtherapeut, Krankenpfleger und Physiotherapeut, entscheidet über die Beatmungseinstellungen, um die spezifischen Bedürfnisse jedes einzelnen Patienten mit einer Rückenmarksverletzung zu erfüllen. Die vom Atmungstherapeuten, der Krankenschwester und/oder dem Physiotherapeuten durchgeführte Atemtherapie ist ein Schlüsselelement des Verfahrens nach der Extubation.

Tracheotomie und Dekanülierung ( edit | edit source )

Bei Personen mit einer Rückenmarksverletzung, die Komplikationen bei der Atmung entwickeln oder eine komplette Rückenmarksverletzung eines hohen Niveaus aufweisen, wird wahrscheinlich ein Luftröhrenschnitt (Tracheotomie) vorgenommen. Wenn eine Dekanülierung in Erwägung gezogen wird, ist es wichtig, dass das gesamte multidisziplinäre Team die Durchgängigkeit der Atemwege, die Wirksamkeit des Hustens und Schluckens sowie den Sauerstoffbedarf, die medizinische Stabilität, die Kooperation des Patienten, die Sauerstoffabhängigkeit und Infektionsmarker beurteilt.(1)(2)

Physiotherapeutisches Management der Atmung ( edit | edit source )

Untersuchung des Patienten(6) ( edit | edit source )

  • Inspektion und Palpation
    • Inspektion und Palpation des Atemmusters durch Beobachtung des Brustkorbs von anterior und posterior (Ausdehnung des oberen, mittleren und unteren Brustkorbs)
    • Inspektion und Palpation der Ausrichtung der Rumpfmuskeln, einschließlich der Nacken- und Schultermuskeln, Interkostalmuskeln, Mm. pectorales, der Bauchmuskeln, des M. quadratus lumborum und der posterioren Rumpfmuskeln. Achten Sie auf Spannung, Funktion bei Ein- und Ausatmung, Funktion während der Anhebung der Kopfes oder beim Versuch des Patienten, aus dem Bett aufzustehen.
    • Beobachten Sie die Rippenabstände und die Funktion: Seitneigung, Rippenspreizung, Symmetrie in statischen und dynamischen Situationen.
  • Objektive Messungen
    • Brustwandexkursion mit Maßband
  • Zuhören
    • Auskultation der Atemgeräusche
    • Qualität der Phonation, einschließlich Silben pro Atemzug und Veränderungen in der Stimme
    • Husteneffektivität in jeder der vier Phasen des Hustens: Inspirationsphase, Inspiratorische Pause, Kompressionsphase und Expulsionphase (Ausstoßphase).
  • Ermittlung des Problems und Wahl des Aktionsplans: Das Problem kann in der Sekretmobilisation (von der Lunge aufwärts), dem Sekretauswurf (von den unteren Atemwegen aufwärts) oder im Sekretmanagement (Bewegung von der Luftröhre weg, um Aspiration zu vermeiden) liegen.

Positionierung (Lagerung) (edit | edit source)

Bei Personen mit beeinträchtigtem Atemsystem ist die richtige Lagerung der Schlüssel zur Beeinflussung der Atemmuster und zur Verbesserung der Belüftung. Eine Person mit einer Rückenmarksverletzung ist möglicherweise auf Atemhilfsmuskeln angewiesen, um zu atmen, einschließlich des Einsatzes der Rumpfmuskulatur beim Ein- und Ausatmen. Wenn die Rumpfmuskulatur zu schwach ist, um das aufrechte Sitzen zu stützen, ist eine geeignete Sitzhaltung und Lagerung im Rollstuhl erforderlich, um die Atmung zu optimieren und den Einsatz der Atemhilfsmuskulatur zu erleichtern.(13)

  • Crytzer et al.(13) schlugen eine Rückenstütze mit innenseitigen Luftzellen über einer starren Rückwand vor. Die Luftzellen ermöglichen die Ausdehnung von Rumpf und Brustkorb. (13)
  • Die Rückenlehne sollte individuell angepasst sein, um Haltung und Funktion zu optimieren.(14)
  • Die Einstellung der Fußstütze kann die obere Brustkorb- oder Zwerchfellatmung erleichtern: Eine niedrigere Fußstütze fördert die Beckenkippung nach vorne und damit die obere Brustkorbatmung, eine höhere Fußstütze die hintere Beckenkippung und damit die Zwerchfellatmung.(6)
  • Armlehnen, Armstützen vs. Therapietisch: Armlehnen und Armstützen positionieren die oberen Extremitäten in Abduktion und Außenrotation (obere Brustkorbatmung) und der Therapietisch unterstützt die Lagerung der oberen Extremitäten in Adduktion und Innenrotation (Zwerchfellatmung).
  • Eine Handtuchrolle kann waagerecht (unter dem Sitzbein) oder senkrecht (entlang der Wirbelsäule) platziert werden, damit sich die vordere Brustwand besser öffnet und die obere Brustkorbatmung erleichtert wird.
  • Weiche oder feste Stützen helfen bei der Ausrichtung von Kopf, Rumpf und Becken und können Folgendes umfassen: Bauchbinde, seitliche Rumpfstütze, Kopfstütze.(6)

Techniken(edit | edit source)

Sekretmobilisation ( edit | edit source )

Eine Person mit einer Rückenmarksverletzung kann aufgrund einer Schwäche der exspiratorischen Muskulatur (d. h. Schwäche des M. obliquus externus, M. obliquus internus, M. rectus abdominis und M. transversus abdominis) Schwierigkeiten bei der Sekretmobilisation haben. Eine angemessene Hydratation ist ein wichtiges Element für die wirksame Mobilisierung des Sekrets. Die Patienten müssen ausreichend Flüssigkeit erhalten, um die Kriterien für eine gute Hydratation zu erfüllen. Dies wird häufig anhand der Farbe des Urins beurteilt (blass grün-gelb im Gegensatz zu dunkelorange bei Dehydrierung).

Zu den wichtigsten Maßnahmen zur Sekretmobilisation gehören:

Posturale Drainage (Lagerungsdrainage) ( edit | edit source )

Die posturale Drainage (Lagerungsdrainage) ist der Goldstandard für die Sekretmobilisation („mucus clearance“) Sie kann während der täglichen Routine von Ruhe und Schlaf verwendet werden. Die gewählte Position ermöglicht es der Schwerkraft, die Bewegung des Sekrets zu den oberen Atemwegen zu unterstützen, damit es dann durch Husten oder Absaugen entfernt werden kann. Die Dauer der posturalen Drainage kann zwischen 5 und 10 Minuten liegen.(1)

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Absaugung(edit | edit source)

Das Absaugen ist ein invasives Verfahren, mit dem Sekrete nur in den großen Atemwegen entfernt werden können. Obwohl diese Technik sehr effektiv ist, ist sie traumatisch für die Weichteile der Atemwege.(6) Der klinische Zustand des Patienten muss berücksichtigt werden, wenn die Sekretabsaugung gewählt wird.(15)

Über die Indikationen, die Vorbereitung und die Technik des Absaugens können Sie hier nachlesen. (In englischer Originalsprache)

Manuelle Hustenhilfe

Techniken zur Hustenunterstützung ( edit | edit source )
  1. Manuelle Hustenhilfe: Die Person, die dem Patienten mit Rückenmarksverletzung hilft, übt Druck auf den unteren Teil des Brustkorbs auf beiden Seiten oder unter das Zwerchfell, während der Patient versucht zu husten. Dabei handelt es sich um eine synchronisierte, nach innen und oben gerichtete manuelle Kraft, die den intraabdominalen Druck für einen effektiven Hustenstoß erzeugt. Diese manuelle Kraft erleichtert es den Interkostal- und Bauchmuskeln, den intraabdominalen Druck zu erhöhen, der für einen wirksamen Husten notwendig ist.(1)(2)
  2. Froschatmung (Glossopharyngealatmung): Nach 6 – 9 Zyklen des Ausatmens oder Hustens drückt der Patient mit schluckenden Bewegungen kleine Luftmengen in die Lunge.
Klopfungen und Vibrationen ( edit | edit source )

Klopfungen und Vibrationen sind manuelle Techniken, die dazu dienen, Sekret zu lösen, indem sie Vibrationen in der Brustwand erzeugen. Vor der Durchführung sind wichtige Vorsichtsmaßnahmen und Kontraindikationen zu beachten.

Zu den Kontraindikationen gehören:

(18)

Mechanische Insufflation und Exsufflation ( edit | edit source )

Bei dieser Technik wird ein Gerät zur Hustenunterstützung (cough assist) über eine Gesichtsmaske oder eine Trachealkanüle verwendet, um die Luft in die Lunge abzugeben und dann das Sekret abzusaugen.

(19)

Spezialisierte Atemtechniken ( edit | edit source )

  • Breath Stacking, Air Stacking oder Luftstapeln: drei bis sechs Einatmungshübe vor der Ausatmung. Diese Technik kann sowohl als aktives Breath Stacking von der Person selbst durchgeführt werden (Schnüffeln oder inspiratorische Haltetechniken), als auch mit einem Beatmungsbeutel mit Mundstück oder Gesichtsmaske (Air Stacking).(2)(11)
  • Aktiver Atemzyklus (Active Cycle of Breathing – ACBT): Ermöglicht die Entfernung von Sputum aus der Lunge. Besteht aus 3 Phasen: sanftes entspanntes Atmen, tiefes Atmen und Huffing (klein-lang und groß-kurz)(20)
  • Autogene Drainage: Atmung bei niedrigem, mittlerem und hohem Lungenvolumen, um Schleim zu mobilisieren, zu sammeln und abzutransportieren, gefolgt von forcierten Ausatmungstechniken(6)

(21)

Dehnungstechniken ( edit | edit source )

In Rücken- oder Seitenlage:

  • Passive Dehnung des Brustkorbs in Seitenlage oder in Rückenlage. Der Patient legt ein Kissen unter den Brustkorb oder eine Handtuchrolle entlang der Wirbelsäule.
  • Aktive Dehnung durch passive Bewegungen der oberen Extremitäten in Abduktion mit Außenrotation gepaart mit der Einatmung und Adduktion mit Innenrotation gepaart mit der Ausatmung.

Im Sitzen oder in Rückenlage:

  • Schulterblätter beim Einatmen zusammenziehen
  • Augen und Kopf heben sich bei passiver oder aktiver Rumpfextension, gepaart mit der Einatmung
  • Augen und Kopf bewegen sich nach unten bei passiver oder aktiver Rumpfflexion, gepaart mit der Ausatmung
  • Passive oder aktive Rumprotation mit Kopfbewegung. Der Physiotherapeut weist den Patienten an, über die Schulter zu schauen und einzuatmen, während der Therapeut den Arm bzw. die Arme des Patienten passiv oder aktiv nach oben und hinten bewegt. Auf dem Rückweg wird der Arm bzw. werden die Arme nach unten in Richtung des gegenüberliegenden Knies bewegt, während der Patient ausatmet. Ziel ist es, die Interkostalmuskeln und die schrägen Bauchmuskeln zu aktivieren.(6)

Weichteiltechniken ( edit | edit source )

Myofasziales Release der Interkostalmuskeln, des M. quadratus lumborum, der Bauchmuskeln und des M. pectoralis

Atemmuskeltraining ( edit | edit source )

Beim Atemmuskeltraining werden Einwegventile verwendet, um entweder die inspiratorischen oder die exspiratorischen Muskeln zu trainieren.(24)(25) Die Atemmuskeltrainer (Ventilatory Muscle Trainers – VMTs) werden unterteilt in:

  • Inspiratorische Muskeltrainer (P-flex, Threshold IMT, The Breather) und
  • Exspiratorische Muskeltrainer (Resistex, Threshold PEP, The Breather)

Nicht-invasive Beatmung (NIV) ( edit | edit source )

Bei dieser Technik wird ein positiver Druck in den Atemwegen aufgebaut, der als positive Druckunterstützung bezeichnet wird. Beispiele für Geräte zur positiven Druckunterstützung sind: CPAP, BIPAP und IPPB. Die Patienten sollten kooperativ sein und die bevorzugte Technik sollte tagsüber über ein Mundstück und nachts über eine Nasenmaske durchgeführt werden. Die NIV-Unterstützung (NIV steht für Non-Invasive Ventilatory Support) wird auch zur anfänglichen unterstützenden Beatmung oder Entwöhnung und als nächtliche Unterstützung eingesetzt.

(26)

Bauchbinde

Frühmobilisation ( edit | edit source )

Die Frühmobilisation wirkt sich positiv auf die Sekretmobilisation und Belüftung aus.(25) Physiotherapeuten können Patienten mit einer Rückenmarksverletzung dabei helfen, sich auf einen Stuhl zu setzen, sobald die Wirbelsäulenbrüche chirurgisch stabilisiert wurden. Die frühzeitige Mobilisation beschleunigt nachweislich den Verlauf und verkürzt den Krankenhausaufenthalt. Es ist jedoch äußerst wichtig, dass Physiotherapeuten während der spinalen Schockphase die Verwendung von Bauchbinden und eine langsame, schrittweise Aufrichtung in Betracht ziehen, da ein Patient mit einer Rückenmarksverletzung in aufrechter Position durchaus mit Hypotonie und erhöhter Atemarbeit zu kämpfen haben kann. Falls erforderlich, kann das medizinische Team auch Medikamente zur Blutdruckerhöhung verabreichen.(2)

Langzeitbeatmung ( edit | edit source )

Patienten mit einer Rückenmarksverletzung von C4 und höher benötigen häufig eine langfristige Atmungsunterstützung. Die Unterweisung und umfassende Schulung der Betreuer muss von dem gesamten multidisziplinären Team durchgeführt werden. Um den Zustand der Patienten zu überwachen, sind regelmäßige ärztliche und physiotherapeutische Untersuchungen ratsam.(27)

Referenzen(edit | edit source)

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