Originale Autorin – Tarina van der Stockt
Top-Beitragende – Ewa Jaraczewska, Tarina van der Stockt, Kim Jackson und Jess Bell
Für Menschen mit Rückenmarksverletzungen (Spinal Cord Injury – SCI) ist es von entscheidender Bedeutung, körperlich aktiv zu sein, um ihre Gesundheit zu erhalten und Komorbiditäten zu vermeiden. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus sind Menschen mit Rückenmarksverletzungen jedoch relativ inaktiv, wobei bis zu 50 % der Betroffenen völlig sedentär sind.(1) Die Rolle der Rehabilitation als Strategie zur Wiedereingliederung in die Gemeinschaft besteht darin, den Einzelnen in die Lage zu versetzen, „das höchstmögliche Maß an Partizipation (Teilhabe)“ zu erreichen und zu einem „Leben zurückzukehren, das er sich wünscht, soweit es seine Behinderung zulässt“.(1)(2)
Die Förderung der körperlichen Aktivität ist ein wichtiger Bestandteil der Rehabilitation nach Rückenmarksverletzungen. Leider begegnen Menschen mit Rückenmarksverletzungen viele Barrieren für körperliche Aktivität, darunter Zeit, Energie, Motivation und mangelndes Wissen darüber, was zu tun ist und wo man sich bewegen kann.(1) Eine Studie, die an 73 Personen mit Rückenmarksverletzungen aus Quebec, Kanada, durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass 43 % der Teilnehmer angaben, 0 Minuten aktiv zu sein. Eine andere Studie untersuchte die körperliche Aktivität von 277 Menschen mit Rückenmarksverletzungen und stellte fest, dass 48 % von ihnen sich in keiner Form körperlich betätigten.(3)
Eine empirische Studie untersuchte die Überzeugungen von Physiotherapeuten in Bezug auf körperliche Aktivität für Menschen mit Rückenmarksverletzungen und die Maßnahmen der Physiotherapeuten zur Förderung körperlicher Aktivität während der Rehabilitation und in der Gemeinschaft. Die Autoren stellten fest, dass Physiotherapeuten die Bedeutung der körperlichen Aktivität für Menschen mit Rückenmarksverletzungen schätzen, dass aber die Förderung der körperlichen Aktivität in der Rehabilitation nach Rückenmarksverletzungen im Vereinigten Königreich und in Irland kaum vorhanden ist. Die Förderung wurde als nicht inkonsistent angesehen. Dies wurde wie folgt begründet:(1)
In der Rehabilitation von Menschen mit Rückenmarksverletzungen spielt die Hoffnung eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, wie sich die Menschen auf ihr Leben einstellen und an den Aktivitäten teilnehmen, die sie ihren Zielen näher bringen. Wenn jedoch gesundheitliche oder umweltbedingte Schwierigkeiten Menschen mit Rückenmarksverletzungen weiterhin beeinträchtigen, kann ihre Fähigkeit, sich selbst zu motivieren und Aktivitäten zu suchen, ernsthaft in Frage gestellt werden.(4) Aus diesem Grund ist der Zugang zu Gesundheitsdiensten und die Unterstützung durch die Gemeinschaft so wichtig für die Einhaltung der Leitlinien für körperliche Aktivität, die für Menschen mit Rückenmarksverletzungen empfohlen werden.(3)
Die Patientenperspektive der Bereitschaft zur Krankenhausentlassung nach einer Rückenmarksverletzung besteht aus vier Attributen: persönlicher Status, Bewältigungsfähigkeit, Wissen und Erwartung von Unterstützung. Sekundäre Gesundheitszustände und Bewältigungsfähigkeiten sind personenbezogene Barrieren, die die vollständige Integration von Menschen mit Rückenmarksverletzungen in die Gemeinschaft einschränken. Soziale und umweltbedingte Barrieren können zu Isolation und Verzögerungen bei anderen Formen der Wiedereingliederung in die Gemeinschaft führen, z. B. bei der Aufnahme von Arbeit und Freizeitaktivitäten.(7)
Rückenmarksverletzungen können direkt oder indirekt zur Entwicklung sekundärer Gesundheitsstörungen führen, die häufig medizinische Eingriffe und einen erneuten Krankenhausaufenthalt erfordern. Harnwegsinfektionen und Druckgeschwüre gehören zu den Gesundheitsproblemen, die eine Einweisung ins Krankenhaus erforderlich machen. Zu den anderen gehören Komplikationen des Atmungssystems und des Magen-Darm-Trakts.(8) Zu den starken gesundheitlichen Barrieren für die Wiedereingliederung in die Gemeinschaft gehören: Schmerzen, neurogene Blase, Spastizität, Kontrakturen und Schlafprobleme. Darüber hinaus können ungeeignete oder fehlende Hilfsmittel und Ausfälle die Teilhabe von Menschen mit Rückenmarksverletzungen an der Gemeinschaft einschränken.(9)
Menschen mit Rückenmarksverletzungen berichten häufig über Gefühle der Isolation und Einsamkeit nach der Entlassung aus dem Krankenhaus. Dies kann in erheblichem Gegensatz zu der Freundschaft stehen, die sie während des Krankenhausaufenthalts von ihren Mitpatienten erfahren.
Der Mangel an psychologischer Unterstützung und die Reaktionen der Betroffenen auf die Rückenmarksverletzung beeinträchtigen ihre Anpassung an das neue Leben erheblich.(10) Umwelt- und soziale Faktoren werden als entscheidend für die Teilhabe an körperlichen Aktivitäten bei Personen mit Rückenmarksverletzungen angesehen,(11) darunter:
„Rehabilitationsfachleute sollten nicht nur darüber nachdenken, wie die Gemeinschaft Menschen mit Rückenmarksverletzungen unterstützt, sondern auch darüber, wie Rehabilitationsprogramme die Gemeinschaft verändern“.(11)
Bei der körperlichen Aktivität geht es darum, ein breites Spektrum an Aktivitäten anzubieten.(1) Wenn der Schwerpunkt auf dem Sport liegt, werden zwar die sportlich Interessierten gefördert, aber diejenigen, die keinen Sport treiben wollen oder körperlich oder finanziell nicht in der Lage sind, daran teilzunehmen, werden entmutigt. Es kann auch Personen entmutigen, die keinen Sport treiben wollen, aber an anderen Aktivitäten wie Kraft- oder Ausdauertraining interessiert sind.
Gruppenaktivitäten für Menschen mit Rückenmarksverletzungen können in Form eines Kräftigungsprogramms, Aerobic-Trainings oder Zirkeltrainings durchgeführt werden.
Die folgenden Risikofaktoren müssen berücksichtigt werden, wenn man eine körperliche Aktivität anleitet oder daran teilnimmt. Um die Sicherheit aller Teilnehmer zu gewährleisten, muss gelernt werden, mit diesen Risikofaktoren umzugehen.
Ein höheres Niveau der Rückenmarksverletzung (d. h. T6 und höher) führt eher zu Problemen bei der Regulierung der Körpertemperatur. Sie kann nach einer Rückenmarksverletzung auftreten und ein Leben lang andauern.
Das autonome Nervensystem steuert die Wärmeregulierung, wobei die absteigende Bahn des Sympathikus für die Aufrechterhaltung der Körperhomöostase als Reaktion auf die Veränderungen in der Umwelt verantwortlich ist. Beide Funktionen sind von der Rückenmarksverletzung betroffen.(14)
Bei einer Temperaturdysregulation treten bei Personen mit einer Rückenmarksverletzung die folgenden Symptome auf:
Hautverletzungen können als Folge von Fehlhaltungen und -positionen bei körperlichen Aktivitäten auftreten. Diese Verletzungen sind sehr schwerwiegend und können zu Folgekomplikationen führen.
Druckgeschwüre oder Dekubitalgeschwüre (Dekubitus) entstehen, wenn über einen längeren Zeitraum Druck auf einen Knochenvorsprung ausgeübt wird. Sie können auch durch Scherkräfte entstehen, die bei bestimmten Bewegungen wie Drehen, Wenden oder Rutschen auf die Haut ausgeübt werden.
Hautprobleme sind vermeidbar, wenn die folgenden Maßnahmen ergriffen werden:(15)
Die autonome Dysreflexie (AD) ist gekennzeichnet durch einen paroxysmalen (anfallsweise auftretenden) Bluthochdruck als Reaktion auf einen unspezifischen Reiz unterhalb des Verletzungsniveaus. Der auslösende Stimulus für autonome Dysreflexie kann sein:
AD kann sowohl im akuten als auch im chronischen Stadium der Rückenmarksverletzung auftreten und zu beeinträchtigenden Symptomen führen:
In schwerwiegenderen Fällen kann es zur Hirnblutung, Lungenödem oder Krampfanfällen kommen.(16)
„Orthostatische Hypotonie (OH) wird in der Regel als ein Abfall des systolischen Blutdrucks von 20 mmHg oder mehr oder ein Abfall des diastolischen Blutdrucks von 10 mmHg oder mehr bei einem Wechsel der Körperposition von der Rückenlage in eine aufrechte Haltung annerkannt, unabhängig vom Vorliegen von Symptomen.(17) Die Symptome können auch noch Jahre nach einer Rückenmarksverletzung vorhanden sein und sich mit der Zeit verschlimmern.
Zu den typischen Erscheinungsformen von OH gehören:(18)
Menschen mit einer Rückenmarksverletzung klagen häufig über Schulterschmerzen als Folge von Überlastungsschäden. Werden sie vernachlässigt, können sie viele Jahre andauern und zu ernsteren Problemen führen. Die Ursache der Schmerzen ist in der Regel multifaktoriell, aber höchstwahrscheinlich ist sie auf Folgendes zurückzuführen:
Das Impingement-Syndrom entspricht einer Kompression oder Einklemmung der Sehne eines Rotatorenmanschettenmuskels, die Mikrorisse in der Sehne verursachen kann. Hält das Problem an, kann es zu weiteren Schäden an den Sehnen kommen, die Schmerzen und eine Unfähigkeit, die Schulter zu benutzen, verursachen können.
Die Behandlungsmöglichkeiten hängen von der Ursache des Problems und dem Ausmaß der Schädigung der Schulterstrukturen ab. Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind:(19)
In diesem Video finden Sie ausführliche Informationen zu den oben genannten Komplikationen:
„Das Zirkeltraining besteht aus einer Reihe von zeitlich abgestimmten Übungen, die nacheinander ausgeführt werden, wobei zwischen den einzelnen Übungen unterschiedlich lange Pausen eingelegt werden“.(21)
Yoga ist eine Form der Bewegung. Es besteht aus zwei grundlegenden Komponenten, nämlich Haltung und Atmung, und umfasst Beweglichkeitsübungen, Kräftigungsübungen und Atemübungen.
Der Schwerpunkt des Kräftigungstrainings liegt auf der Steigerung der Kraft von bestimmten Muskeln oder Muskelgruppen. Es beeinflusst Muskelkraft, -ausdauer und -masse.(24)
Ausdauer- oder Aerobics-Training ist die Grundlage für die kardiovaskuläre Konditionierung. Bei Ausdauerübungen sollten sich die Herzfrequenz und die Atmung als Reaktion auf die ausgeführten Aktivitäten erhöhen. Beispiele hierfür sind Armergometer (Handkurbelergometer), Ellipsentraining, Schwimmen und Tanzen.
Physiotherapeuten, die eine unterstützende Haltung an den Tag legen, sind wichtige Motivatoren für Menschen mit Rückenmarksverletzungen, sich körperlich zu betätigen. Eine solche Haltung gibt ihnen ein Gefühl von Autonomie, Hoffnung und Ermutigung. Der Einsatz von Physiotherapeuten mit Behinderungen zur Durchführung von Bewegungskursen kann die Teilnehmer positiv beeinflussen und das Klischee, dass Menschen mit Behinderungen immer Patienten sind, verändern.(26)
Wenn die Ressourcen an Fachpersonal begrenzt sind, kann der Einsatz von geschulten Freiwilligen sehr kostengünstig sein. Darüber hinaus zeigt eine Studie von Lim et al.(27) dass von Freiwilligen durchgeführte Interventionen wahrscheinlich nachhaltiger sind, Kommunikationsbarrieren abbauen und ein positives Rollenmodell bieten. Wichtig ist auch, dass die von Freiwilligen geleiteten Bewegungsprogramme sicher sind und dass es keine Berichte über schwerwiegende unerwünschte Ereignisse gibt.(27)
Das Modell „The Training of the Trainer“ (ToT) der Ausbildung von Instruktoren kann für Gruppenaktivitätsprogramme genutzt werden, da es das Potenzial hat, lokale Trainer zu entwickeln und die Nachhaltigkeit der Programme zu verbessern.(28) Ziel einer ToT-Intervention ist es, Freiwillige oder Teilnehmer von Bewegungsgruppen zu Instruktoren auszubilden, die die Aufgabe übernehmen, die Aktivität zu leiten, auf Fragen zu antworten und das Gelernte zu vertiefen.(29) Die Trainer können nur dann erfolgreich sein, wenn während der Ausbildung genügend Zeit und ausführliche Anweisungen gegeben werden. In den CDC-Richtlinien(29) für das „Training of the Trainers“-Modell werden die folgenden Elemente bei der Gestaltung eines Schulungsplans berücksichtigt:
Zu den Zulassungskriterien für die Instruktoren gehören: