Eine Einführung zu Frailty

Einleitung(edit | edit source)

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„Frailty“ ist ein englischer Begriff, der mit „altersassoziierte Gebrechlichkeit“ übersetzt werden kann, jedoch über die Bedeutung von Gebrechlichkeit hinausgeht. Frailty ist ein klinischer Zustand, der mit einem erhöhten Risiko von Stürzen, Schadensereignissen, Heimeinweisung, Pflegebedürftigkeit und Behinderung/Tod verbunden ist.(1)

  • Frailty beeinträchtigt die Lebensqualität
  • Mit zunehmender Alterung der Bevölkerung wird sie immer häufiger(1)
  • Schätzungen zufolge sind 25 bis 50 % der über 85-Jährigen betroffen(2)

Es ist zwar allgemein anerkannt, dass Frailty existiert, doch ist sie schwer zu definieren, da sie sich bei jedem Menschen anders äußert. Eine Arbeitsdefinition von Frailty lautet wie folgt:

  • Es handelt sich um eine von der Alterung getrennte klinische Entität, die jedoch mit dem Alterungsprozess zusammenhängt. Frailty besteht aus einer Dysregulation mehrerer Systeme, die zu einem Verlust der physiologischen Reserven führt. Dieser Verlust an Reserven bedeutet, dass die Person, die mit Frailty lebt, in einem Zustand erhöhter Vulnerabilität für Stressfaktoren ist, was bedeutet, dass sie mit größerer Wahrscheinlichkeit negative Auswirkungen von Behandlungen, Krankheiten oder Infektionen erleidet.
  • Morley et al.(3) (2013) liefern auch die folgende Definition:

„Frailty ist ein klinischer Zustand, in dem die Vulnerabilität einer Person für die Entwicklung einer erhöhten Abhängigkeit und/oder Sterblichkeit zunimmt, wenn sie einem Stressor ausgesetzt ist.“(3)

Aus diesen Definitionen lassen sich also zwei Kerngedanken ableiten:(1)

  1. Frailty ist etwas anderes als das Altern, hängt aber damit zusammen. Ältere Menschen neigen zwar dazu, ausgeprägter frail zu sein, aber eine Frailty entwickelt sich nicht zwingend, nur weil man alt ist. Sie hängt vielmehr von dem physiologischen Zustand der Person ab und davon, wie gut sie in der Lage ist, auf Stressfaktoren (Verletzungen/Krankheiten) zu reagieren.(1)(4)
  2. Frailty betrifft mehrere Systeme und nicht nur ein einziges Körpersystem. Betroffene haben in der Regel eine Reihe von Komorbiditäten (z. B. kardiovaskuläre, muskuloskelettale und neurologische Erkrankungen).(1)

Frailty ist ein dynamischer Zustand – es gibt Evidenz dafür, dass Frailty veränderbar ist und sich leichter umkehren lässt als Behinderung.(5) Dies ist insofern von Bedeutung, als dass der Grad der Frailty einer Person durch unsere Maßnahmen beeinflusst werden kann.(1)

Insgesamt wird eine Person mit Frailty, wenn sie nicht behandelt wird, einen Weg in Richtung Behinderung und Tod einschlagen.(1)(5)(6)

Frailty-Modelle ( edit | edit source )

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Es gibt zwei Haupttheorien, die dem Konzept der Frailty zugrunde liegen:

  1. Phänotyp-Modell nach Fried
  2. Modell der Akkumulation von Defiziten nach Rockwood

Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich nicht um konkurrierende Modelle handelt. Sie sollten als komplementär betrachtet werden – beide sind validiert und wurden zur Entwicklung verschiedener Bewertungsinstrumente und Behandlungsindikatoren verwendet.

Phänotyp-Modell nach Fried ( edit | edit source )

Das Phänotyp-Modell nach Fried wurde erstmals 2001 veröffentlicht.(7) Es handelt sich um ein Ja-Nein-Modell, das auf fünf Unterkategorien basiert. Jede Unterkategorie wird mit 0 (nein) oder 1 (ja) bewertet. Es wird davon ausgegangen, dass eine Person frail ist, wenn sie einen Wert von mehr als 3 Punkten erreicht.(1) Die fünf Kategorien sind:(1)(8)

  1. Körperliche Inaktivität
  2. Geringe Muskelkraft – kann anhand der Griffkraft gemessen werden – < 21 kgf bei Männern und < 14 kgf bei Frauen (Beachte: dies ist abhängig von der ethnischen Zugehörigkeit)
  3. Langsame Gehgeschwindigkeit – weniger als 0,8 m/s mit oder ohne Gehhilfe
  4. Erschöpfung/Müdigkeit – dies ist eine Selbstauskunft
  5. Gewichtsverlust – Verlust von 4,5 kg oder mehr in 1 Jahr

Die Punktevergabe ist wie folgt:

  • 0-1 = nicht frail
  • 1-2 = Prä-Frailty
  • 3+ = Frailty (geringgradig, mittelgradig und ausgeprägt)

Bei der Anwendung dieses Modells ist es wichtig zu bedenken, dass Frailty eine Dysregulation mehrerer Systeme ist.(1)(9)

  • Wenn eine Beeinträchtigung eindeutig auf ein monoartikuläres oder ein einzelnes Systemproblem zurückzuführen ist (z. B. geringe Griffkraft nach einer Handverletzung), muss dies bei der Beurteilung berücksichtigt werden.
  • Zu beachten ist auch, dass sich dieses Modell ausschließlich auf physische Merkmale der Frailty konzentriert.
  • Einige Forscher sind daher der Ansicht, dass es sich um ein unvollständiges Modell handelt, da es weder kognitive Aspekte noch chronische Erkrankungen berücksichtigt, die mit Frailty einhergehen.(10) Dieser Fokus auf körperliche Merkmale macht das Fried-Modell jedoch für Physiotherapeuten nützlich, da es eine klare Richtschnur bei der Erstellung von Behandlungsplänen für Frailty bietet. Wenn bei einem Patienten eine geringe Muskelkraft festgestellt wird, würde sich die Behandlung auf die Kräftigung konzentrieren; Patienten, die als körperlich inaktiv eingestuft werden, müssten ihr Aktivitätsniveau erhöhen.(1)

Modell der Akkumulation von Defiziten nach Rockwood ( edit | edit source )

Das Rockwood-Modell geht davon aus, dass Frailty das Ergebnis einer Anhäufung mehrerer Defizite sein kann.(11) Dieses Modell zeigt, dass Menschen mit zunehmendem Alter gesundheitliche Defizite entwickeln.

  • Nicht alle Erwachsenen entwickeln die gleiche Anzahl von Defiziten. So werden manche gebrechlich, andere nicht.(12)

Diese Akkumulation von Defiziten kann mit dem Frailty-Index quantifiziert werden.

  • In diesem Index wurden 92 Parameter von Symptomen, Zeichen, abnormen Laborergebnissen, Krankheitszuständen und Behinderungen – d. h. Defiziten – verwendet, um Frailty zu definieren.(2)
  • Die Zahl der Parameter wurde anschließend auf etwa 30 Variablen reduziert.(2)
  • Der Frailty-Index einer Person zeigt an, wie viele Defizite vorhanden sind – je mehr Defizite, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frailty vorliegt.(11)
  • Der Frailty-Index-Score wird berechnet, indem die Gesamtzahl der Beeinträchtigungen durch die Gesamtzahl der untersuchten Parameter geteilt wird. Eine Person gilt als umso mehr von Frailty betroffen, je näher ihr Gesamtwert an 1,0 liegt.

Mehrere Studien haben ergeben, dass der Frailty-Index stark mit dem Risiko von Tod und Heimeinweisung zusammenhängt.(2) Es wird daher als nützliches Modell für die Primärversorgung (Allgemeinmediziner oder Geriater) angesehen. Da das Ausfüllen jedoch zeitaufwändig sein kann, wurden zusätzliche Instrumente entwickelt, die sich schneller anwenden lassen:

  • Der elektronische Frailty-Index (eFI), der 2016 von Clegg und Kollegen entwickelt wurde.(13) Er identifiziert Frailty anhand von Daten, die in Datenbanken der Primärversorgung gespeichert sind. Auf der Grundlage dieser Daten werden die Patienten in vier Kategorien eingeteilt: fitte ältere Menschen sowie Menschen, die geringgradig, mittelgradig und ausgeprägt frail sind.(13)
  • Die Clinical Frailty Scale (siehe Abbildung unten) ist ein unkompliziertes und leicht zugängliches Instrument, mit dem sich Frailty schnell und einfach beurteilen lässt. Er wurde bei Erwachsenen im Alter von über 65 Jahren validiert.(14)(15) Es ist wichtig anzumerken, dass es „bei jüngeren Menschen oder bei Menschen mit stabilen einsystemigen Behinderungen nicht umfassend validiert ist“.(16)
    • Auf der Grundlage der Beschreibungen und Piktogramme von Aktivität und Funktionszustand wird eine Punktzahl von 1 (sehr fit) bis 9 (terminal erkrankt / Sterbephase) vergeben.(17)
    • Besondere Aufmerksamkeit sollte denjenigen gewidmet werden, die einen Wert von 5 oder mehr erreichen, da dies ein Indikator dafür ist, dass ein umfassendes geriatrisches Assessment und häufig eine Überweisung an einen Spezialisten für Geriatrie oder Frailty erforderlich ist,
    • Eine Cochrane-Studie aus dem Jahr 2017 ergab, dass ältere Menschen, die bei der Aufnahme ins Krankenhaus eine umfassende geriatrische Beurteilung erhielten, mit größerer Wahrscheinlichkeit noch am Leben sind und bei der Nachuntersuchung in ihrer eigenen Wohnung leben.(18)

Clinical Frailty Scale nach Rockwood. 1-9, wobei 1 „sehr fit“ bedeutet und 9 „terminal erkrankt“.

Zusammenfassung(edit | edit source)

  • Frailty ist ein klinischer Zustand, der mehrere Körpersysteme betrifft und mit der Alterung zusammenhängt.
  • Frailty kann letztlich zu Behinderung und Tod führen, ist jedoch kein starrer Zustand und kann durch geeignete Interventionen positiv beeinflusst werden.
  • Das Konzept der Frailty wird von zwei zentralen Modellen gestützt: Das Phänotyp-Modell nach Fried und das Modell der Akkumulation von Defiziten nach Rockwood. Das Modell nach Fried konzentriert sich ausschließlich auf die körperlichen Aspekte der Frailty, während das Modell nach Rockwood berücksichtigt, wie sich gesundheitliche Defizite anhäufen, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass eine Person frail wird.

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.00 1.01 1.02 1.03 1.04 1.05 1.06 1.07 1.08 1.09 1.10 Buxton S. An Introduction to Frailty course. Plus. 2020.
  2. 2.0 2.1 2.2 2.3 Clegg A, Young J, Iliffe S, Rikkert MO, Rockwood K. Frailty in older people, The Lancet. 2013; 381(9868): 752-62. Available from https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4098658/
  3. 3.0 3.1 Morley JE, Vellas B, Abellan van Kan G, Anker SD, Bauer JM, Bernabel R et al. Frailty consensus: a call to action. J Am Med Dir Assoc. 2013. 14(6): 392-7.
  4. Verghese J, Ayers E, Sathyan S, Lipton RB, Milman S, Barzilai N, Wang C. Trajectories of frailty in aging: Prospective cohort study. PLoS One. 2021 Jul 12;16(7):e0253976.
  5. 5.0 5.1 Clegg A, Bates C, Young J, Ryan R, Nichols L, Teale EA et al. Development and validation of an electronic frailty index using routine primary care electronic health record data. Age and Ageing. 2016; 45(3): 353–60, https://doi.org/10.1093/ageing/afw039.
  6. Álvarez-Bustos A, Carnicero-Carreño JA, Sanchez-Sanchez JL, Garcia-Garcia FJ, Alonso-Bouzón C, Rodríguez-Mañas L. Associations between frailty trajectories and frailty status and adverse outcomes in community-dwelling older adults. J Cachexia Sarcopenia Muscle. 2022 Feb;13(1):230-9.
  7. Fried LP, Tangen CM, Walston J, Newman AB, Hirsch C, Gottdiener J, Seeman T et al. Frailty in older adults: evidence for a phenotype. J Gerontol. 2001. 56A(3): 146-56.
  8. Pogam ML, Seematter-Bagnoud L, Niemi T, Assouline D, Gross N, Trächsel B, et al. Development and validation of a knowledge-based score to predict Fried’s frailty phenotype across multiple settings using one-year hospital discharge data: The electronic frailty score. EClinicalMedicine. 2022 Jan 10;44:101260.
  9. Picca A, Calvani R, Marzetti E. Multisystem derangements in frailty and sarcopenia: a source for biomarker discovery. Curr Opin Clin Nutr Metab Care. 2022 May 1;25(3):173-7.
  10. Fried LP, Xue QL, Cappola AR, Ferrucci L, Chanves P, Varadhan R, Guralnik JM, Leng SX, Semba RD, et al. Nonlinear multisystem physiological dysregulation associated with frailty in older women: implications for etiology and treatment. J Gerontol. 2009. 64(10): 1049-57.
  11. 11.0 11.1 Rockwood, K, Mitnitski A. Frailty in Relation to the Accumulation of Deficits. The Journals of Gerontology Series A Biological Sciences and Medical Sciences. 2007; 62(7): 722-7. Available from https://www.researchgate.net/publication/6204727_Frailty_in_Relation_to_the_Accumulation_of_Deficits
  12. Rockwood K. Conceptual Models of Frailty: Accumulation of Deficits. Can J Cardiol. 2016;32(9):1046‐1050.
  13. 13.0 13.1 Lansbury LN, Roberts HC, Clift E, Herklots A, Robinson N, Sayer AA. Use of the electronic Frailty Index to identify vulnerable patients: a pilot study in primary care. British Journal of General Practice. 2017; 67 (664): e751-e756.
  14. Acute Frailty Network. Clinical Frailty Scale. Available from https://www.acutefrailtynetwork.org.uk/Clinical-Frailty-Scale (accessed 12 June 2020).
  15. Sablerolles RSG, Lafeber M, van Kempen JAL, van de Loo BPA, Boersma E, Rietdijk WJR, et al. Association between Clinical Frailty Scale score and hospital mortality in adult patients with COVID-19 (COMET): an international, multicentre, retrospective, observational cohort study. Lancet Healthy Longev. 2021 Mar;2(3):e163-e170.
  16. Rockwood K, Theou O. Using the Clinical Frailty Scale in allocating scarce health care resources. Can Geriatr J. 2020 Sep 1;23(3):210-5.
  17. Juma S, Taabazuing MM, Montero-Odasso M. Clinical frailty scale in an acute medicine unit: a simple tool that predicts length of stay. Can Geriatr J. 2016; 19(2): 34-9. Available from: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/P
  18. Ellis G, Gardner M, Tsiachristas A, Langhorne P, Burke O, Harwood RH, Conroy SP, Kircher T, Somme D, Saltvedt I, Wald H. Comprehensive geriatric assessment for older adults admitted to hospital. Cochrane database of systematic reviews. 2017(9). Available from: https://www.cochrane.org/CD006211/EPOC_comprehensive-geriatric-assessment-older-adults-admitted-hospital (last accessed 4.5.2019)


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