Implizite Biases in der Gesundheitsversorgung

Einleitung(edit | edit source)

Städte und Gemeinden werden zunehmend vielfältiger, aber die demografischen Merkmale der Beschäftigten im Gesundheitswesen spiegeln nicht immer die Bevölkerung wider, die sie behandeln.(1) Gesundheitliche Ungleichheiten werden aufrechterhalten, wenn Patienten aus unterrepräsentierten Gruppen die Auswirkungen von impliziten Biases des Gesundheitspersonals erleben, die auf kulturellen Stereotypen beruhen.(1) Zu den unterrepräsentierten Gruppen können Menschen verschiedener Hautfarben, ethnische Bevölkerungsgruppen oder Minderheitengruppen wie Menschen aus der LGBTQIA+-Gemeinschaft oder Menschen mit Behinderungen gehören.(1)

Unconscious Bias Word Cloud

Um eine vorurteilsfreie Gesundheitsversorgung zu gewährleisten, müssen wir darauf achten, negative Bewertungen von Menschen aus einer bestimmten Gruppe oder von Personen mit bestimmten Merkmalen zu vermeiden.(2) Implizite Biases (aus dem Englischen „implicit biases“, etwa: unbewusste Voreingenommenheiten) sind die Einstellungen und Überzeugungen, die wir auf einer unbewussten Ebene gegenüber bestimmten Personen oder Personengruppen haben.(3) Auch wenn diese Vorurteile unbewusst sind, beeinflussen sie dennoch unsere Urteile, Verhaltensweisen und Entscheidungen.(4)

Implizite Biases beziehen sich also auf eine potenzielle Diskrepanz zwischen dem, was jemand explizit glaubt und tun will, und dem unsichtbaren Einfluss negativer impliziter Assoziationen auf das, was er denkt und wie er sich verhält.(2) Sie beziehen sich auch auf die Stereotypisierung, da implizite Biases einer der Gründe sind, warum Menschen allen Personen, die einer bestimmten Gruppe angehören, bestimmte Merkmale und Eigenschaften zuschreiben.(5)

„Implizite Biases sind Assoziationen außerhalb des Bewusstseins, die zu einer negativen Bewertung einer Person aufgrund irrelevanter Merkmale wie Hautfarbe oder Geschlecht führen.“(2)

Jeder Mensch hat implizite Biases ( edit | edit source )

Jeder Mensch hat unbewusste Vorurteile. Das liegt daran, dass unser Gehirn von Natur aus dazu neigt, Informationen zu sichten, zu sortieren und zu kategorisieren, was zu implizitem Bias führen kann.(5)

Die folgenden Tendenzen machen uns anfällig für implizite Biases:(5)(6)

  1. Implicit bias social stereotype or prejudice reflection

    Unser Gehirn neigt dazu, Muster und Assoziationen in der Welt aufzuspüren.

  2. Unser Gehirn wird mit Informationen überflutet und versucht, die Welt zu vereinfachen, indem es mentale Abkürzungen (Heuristiken) nimmt, um die Daten leichter zu sortieren.
  3. Erfahrungen (es müssen nicht unbedingt direkte Erfahrungen sein) beeinflussen unsere impliziten Biases.

Wir können Vorurteile von den Menschen übernehmen, die uns ausgebildet haben, oder sogar gegenüber unserer eigenen Bevölkerungsgruppe voreingenommen sein.(7)

Implizite Biases in der Gesundheitsversorgung ( edit | edit source )

Die Rolle impliziter Biases in der Gesundheitsversorgung ist in der Sozialpsychologie und den Prozessen der Gesundheitsversorgung gut erforscht.(8)

Die meisten Studien zu diesem Thema wurden an Ärzten und Krankenschwestern durchgeführt.(9) Fast alle Studien in einer systematischen Übersichtsarbeit(2) zeigten unbewusste Voreingenommenheiten bei Ärzten und Krankenschwestern. Folgende Merkmale wurden als Auslöser für implizite Biases genannt: „Hautfarbe/ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, sozioökonomischer Status, Alter, psychische Krankheit, Gewicht, AIDS, hirnverletzte Patienten, Patienten, von denen angenommen wird, dass sie zu ihrer Verletzung beigetragen haben, intravenöser Drogenkonsum, Behinderung und soziale Umstände“.(2)

Physiotherapeuten arbeiten in verschiedenen Bereichen, darunter in Krankenhäusern, Praxen und Heimen, und treffen auf Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlichen Fähigkeiten. Physiotherapeuten haben eine höhere Besuchshäufigkeit als andere Gesundheitsberufe, weshalb eine vertrauensvolle Beziehung zu den Patienten von entscheidender Bedeutung ist. Der Erfolg des Patienten hängt auch von seiner Adhärenz zum Behandlungsplan ab.(9) Die impliziten Biases eines Physiotherapeuten können sich negativ auf die Patientenversorgung auswirken.(9)

In einer Studie mit 59 Teilnehmern aus dem Bereich der Physiotherapie stellten die Autoren fest, dass die Stichprobe der orthopädischen und pädiatrischen Physiotherapeuten ähnliche Raten impliziter Biases in Bezug auf Hautfarbe und Behinderung aufwies wie die allgemeine Öffentlichkeit und andere Gesundheitsdienstleister.(9)

In einer Studie mit 6113 Ergotherapie- und Physiotherapieassistenten wurden die implizite Biases gegenüber Menschen mit Behinderungen untersucht. Die Autoren stellten fest, dass die Testgruppe eine starke unbewusste Voreingenommenheit aufwies. Diese Voreingenommenheit könnte die Interaktion dieser Therapeuten mit Menschen mit Behinderungen beeinflussen. Die Autoren kamen auch zu dem Schluss, dass die Biases in der klinischen Ausbildung, Praxis und Politik wiedergegeben werden könnten.(10)

Kliniker müssen sich darüber im Klaren sein, dass sich implizite Biases umso mehr einschleichen, je größer die Patientenauslastung, die Überbelegung und die kognitive Arbeitsbelastung sind.(11)

Die Folgen von impliziten Biases in der Gesundheitsversorgung ( edit | edit source )

Implizite Biases können Folgendes negativ beeinflussen:

  • Qualität und Niveau der Versorgung(2)
  • Befunderhebung – der Kliniker bewertet die Bedürfnisse des Patienten möglicherweise nicht angemessen(12)
  • Diagnose(2)
  • Behandlungsentscheidungen(2)(13)
  • Behandlung(13)
  • Häufigkeit des Blickkontakts(2)
  • Zwischenmenschliche Interaktion und Verbindung mit dem Patienten(13)
  • Die Interpretation des Therapeuten und seine Reaktion auf das Feedback des Patienten(12)

Dies könnte zu Diskriminierung und Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung führen, da Kliniker verschiedene Menschen unterschiedlich versorgen könnten. Dies kann auch das Vertrauen der Patienten beeinflussen.(11)

Diskrepanzen im Gesundheitswesen und gefährdete Bevölkerungsgruppen ( edit | edit source )

Eine gefährdete Person im Gesundheitswesen gehört in der Regel zu einer Gruppe, die bereits benachteiligt ist.(2) Implizite Biases von Angehörigen der Gesundheitsberufe können dazu führen, dass Menschen, die ohnehin schon gefährdet sind, eine gerechte Versorgung vorenthalten wird.(2) Jeder kann in einem bestimmten Kontext als gefährdet eingestuft werden, einschließlich:(2)

  • Kinder;
  • Frauen;
  • ältere Menschen;
  • ethnische Minderheitsbevölkerungen;
  • eingeborene Bevölkerungsgruppen, First Nation People;
  • Einwanderer (Immigranten);
  • Personen, die verarmt sind;
  • Personen mit geringer Gesundheitskompetenz;
  • sexuelle Minderheiten;
  • Menschen mit psychischen Erkrankungen;
  • Menschen, die übergewichtig sind;
  • Menschen mit Behinderungen.(2)

Implizite Biases sind kein Rassismus, aber sie sind eng damit verbunden und führen zu Diskriminierung und unterschiedlicher Versorgung verschiedener Menschen. Andere Arten der Diskriminierung, die sich aus impliziten Biases ergeben können, sind Sexismus, Altersdiskriminierung, Homophobie und Behindertenfeindlichkeit (Diskriminierung zugunsten einer nicht behinderten Person).(5)

Implizite Biases testen ( edit | edit source )

A picture of an academic/gender Implicit Association Test

Ein Beispielbild eines Bildungs-/Geschlechts-IATs

Der implizite Assoziationstest (IAT) wurde 1995 von den Sozialpsychologen Mahzarin Banaji und Tony Greenwald entwickelt. Der Test wurde 1998 in der wissenschaftlichen Literatur veröffentlicht.(5) Er ist der derzeitige Goldstandard zur Bewertung impliziter Biases in sozialen Konstrukten. Der Test wird an einem Computer durchgeführt.(9) Das Computerprogramm zeigt der Person verschiedene Bilder und Wörter und ermittelt, wie lange die Person (Testteilnehmer) braucht, um zwischen zwei Bildern oder Wörtern zu wählen.(5) Der Test besteht aus verschiedenen Untertests zur Messung von Einstellungen und Vorurteilen in Bezug auf Hautfarbe, Gewicht, Geschlecht, Behinderung und andere Bereiche.(5)

Ein Beispiel für einen der Tests ist, dass dem Testteilnehmer Bilder von Gesichtern von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe zusammen mit einem negativen oder positiven Wort vorgelegt werden. Der Testteilnehmer wird aufgefordert, „auf ein positives Wort zu klicken, wenn er ein Bild einer Person einer bestimmten Hautfarbe sieht, und auf ein negatives Wort zu klicken, wenn er eine Person einer anderen Hautfarbe sieht“.(5)

Klickt ein Testteilnehmer immer dann auf die aufgelisteten negativen Wörter, wenn das Gesicht einer Person einer bestimmten Hautfarbe auf dem Bildschirm erscheint, vermuten die Forscher, dass die Person ein negatives implizites Bias gegenüber Personen dieser Hautfarbe hat.(5) Der IAT kann Ihnen helfen zu erkennen, dass jeder, auch Sie, implizite Biases hat. Wenn Sie diese Voreingenommenheiten als das erkennen, was sie sind, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie Ihr Verhalten in Zukunft nicht mehr so stark beeinflussen.(6)

Hier ist der Link zu diesem Test (in englischer Originalsprache): Implicit Association Test (IAT)

Strategien zur Bekämpfung der negativen Auswirkungen impliziter Biases ( edit | edit source )

Wenn Sie sich der möglichen Auswirkungen impliziter sozialer Biases bewusst sind, können Sie dazu beitragen, Diskriminierung, Stereotypen und Vorurteile zu überwinden.(5)

Abbau von Ungleichheiten beim Zugang zu und bei der Bereitstellung von Gesundheitsdiensten und in der Verwaltung ( edit | edit source )

  1. Auch medizinische Führungskräfte und politische Entscheidungsträger haben implizite Biases.(11) Daher ist es wichtig, dass sie ihre Voreingenommenheit und deren Einfluss auf die Entscheidungsfindung berücksichtigen und thematisieren.
  2. Verwalter können ein Arbeitsumfeld fördern, das die Reflexion über implizite Biases unterstützt und sich der potenziellen Auswirkungen bewusst ist, die diese auf die Patientenversorgung, Ergebnisse und Interaktionen haben kann.(9)
  3. Es ist wichtig zu erkennen, dass das Personal in der Physiotherapie nicht immer die Vielfalt der Patientenpopulation widerspiegelt. Dies gilt insbesondere in Ländern, in denen die meisten physiotherapeutischen und anderen Gesundheitsdienstleistungen von weißen Klinikern ohne Behinderungen erbracht werden.(9)
  4. Einrichtungen können eine Rolle spielen, indem sie ein inklusives Umfeld schaffen. Dies kann durch die Durchführung von Schulungen zu den Themen Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion erreicht werden, da die Beschäftigung und Ausbildung von People of Color und Menschen mit Behinderung eine Priorität darstellt.(9)
  5. Eine einmalige Schulung als einzige Intervention wird implizite Biases, die die Patientenversorgung beeinträchtigen, NICHT verhindern, denn nach einem Kurs kehren die Menschen in ihr Arbeits- oder Lernumfeld zurück, das voller struktureller Determinanten und Patientenergebnisse ist, die implizite Biases verstärken. Die Schulung muss mit anderen systemischen Maßnahmen innerhalb und außerhalb des Gesundheitswesens Hand in Hand gehen, um Vorurteile und Diskriminierung zu bekämpfen.(11)

Praktische Strategien für Gesundheitsfachleute ( edit | edit source )

Das Verständnis impliziter Biases ist entscheidend, da positive und negative unbewusste Überzeugungen zu strukturellen und systemischen Ungleichheiten führen können. Da sie jedoch außerhalb unseres Bewusstseins wirken, müssen wir uns ihrer erst bewusst werden, wenn wir sie reduzieren wollen.(6)

  1. Selbstreflexion(9)(12)
    1. Nehmen Sie sich Zeit, innezuhalten und über mögliche Vorurteile und Voreingenommenheiten nachzudenken(5)
  2. Üben Sie sich in Achtsamkeit, um sich Ihrer Gedanken und Biases bewusster zu werden(5)
  3. Üben Sie sich in kultureller Demut, indem Sie sich verpflichten, respektvoll neugierig zu sein, während Sie über Ihre eigenen impliziten Biases nachdenken und die Bräuche, den Glauben und die Werte anderer Menschen oder Gruppen respektieren(12)
  4. Üben Sie sich in Empathie, indem Sie die Erfahrungen aus der Sicht der Person oder des Patienten betrachten, die anders sind als Sie(12)
  5. Gegenstereotypisierung
    1. Arbeiten Sie bewusst daran, Ihre Stereotypen zu ändern, wenn Sie sie erkennen(14)
    2. Verbringen Sie mehr Zeit mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen(5)(6)(12)
    3. Sie können diese Biases durch positive Beispiele der stereotypisierten Gruppe ersetzen(5)
    4. Betrachten Sie die Menschen als Individuen und nicht als Stereotypen(5)
    5. Erhöhen Sie Ihren Zugang zu Informationen, die die Stereotypen widerlegen, die über Gruppen oder Einzelpersonen bestehen(6)
    6. Die Perspektivenübernahme kann Gesundheitsfachkräften dabei helfen, die Patientenzufriedenheit zu erhöhen, wenn Patient und Gesundheitsfachkraft unterschiedlichen Ethnien angehören.(14) Das bedeutet, dass die Gesundheitsfachkraft versucht, die Situation aus der Sicht des Patienten zu verstehen.
  6. Achten Sie auf bzw. ändern Sie Ihre verbalen/nonverbalen Botschaften(13)
  7. Nehmen Sie an Schulungen über implizite Biases teil oder bieten Sie solche an(6)(12)
  8. Entwickeln Sie Maßnahmen und Initiativen zur Förderung von Gleichberechtigung und Inklusion an Ihrem Arbeitsplatz oder wirken Sie an deren Implementierung mit(12)

Optionales Video ( edit | edit source )

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 1.2 Marcelin JR, Siraj DS, Victor R, Kotadia S, Maldonado YA. The impact of unconscious bias in healthcare: how to recognize and mitigate it. The Journal of infectious diseases. 2019 Aug 20;220(Supplement_2):S62-73.
  2. 2.00 2.01 2.02 2.03 2.04 2.05 2.06 2.07 2.08 2.09 2.10 2.11 2.12 FitzGerald C, Hurst S. Implicit bias in healthcare professionals: a systematic review. BMC medical ethics. 2017 Dec;18(1):1-8.
  3. Bouley TM, Reinking AK. Implicit Bias: An Educator’s Guide to the Language of Microaggressions. Rowman & Littlefield; 2021 Nov 14.
  4. Implicit Bias. National Institutes of Health.
  5. 5.00 5.01 5.02 5.03 5.04 5.05 5.06 5.07 5.08 5.09 5.10 5.11 5.12 5.13 5.14 Cherry K. How does implicit bias influence behavior. Explanations and Impacts of Unconscious Bias. Updated March 2023. Verywell Mind.
  6. 6.0 6.1 6.2 6.3 6.4 6.5 Nikolopoulou, K. What Is Implicit Bias? | Definition & Examples. January 2023. Scribbr.
  7. White III AA, Chanoff D. Seeing patients: Unconscious bias in health care. Harvard University Press; 2011 Jan 15.
  8. Blair IV, Steiner JF, Havranek EP. Unconscious (implicit) bias and health disparities: where do we go from here?. The Permanente Journal. 2011;15(2):71.
  9. 9.0 9.1 9.2 9.3 9.4 9.5 9.6 9.7 9.8 Dunn B, Mcintosh J, Ray L, McCarty D. The Prevalence of Implicit Bias in Practicing Physical Therapists. Carolina Journal of Interdisciplinary Medicine. 2022 Dec 19;2(1).
  10. Feldner HA, VanPuymbrouck L, Friedman C. Explicit and implicit disability attitudes of occupational and physical therapy assistants. Disability and Health Journal. 2022 Jan 1;15(1):101217.
  11. 11.0 11.1 11.2 11.3 Vela MB, Erondu AI, Smith NA, Peek ME, Woodruff JN, Chin MH. Eliminating explicit and implicit biases in health care: evidence and research needs. Annual review of public health. 2022 Apr 5;43:477-501.
  12. 12.0 12.1 12.2 12.3 12.4 12.5 12.6 12.7 Banks TM. Implicit bias in occupational therapy practice. April 2023. OT Practice Magazine. Vol.28, Issue 4, pp. 10-14. American Occupational Therapy Association.
  13. 13.0 13.1 13.2 13.3 Setchel J. What is implicit bias & how it manifests in physiotherapy interactions with persons considered overweight or obese. May 2019. World Confederation of Physical Therapy Congress 2019 Geneva.
  14. 14.0 14.1 Zestcott CA, Blair IV, Stone J. Examining the presence, consequences, and reduction of implicit bias in health care: a narrative review. Group Processes & Intergroup Relations. 2016 Jul;19(4):528-42.


Berufliche Entwicklung in Ihrer Sprache

Schließen Sie sich unserer internationalen Gemeinschaft an und nehmen Sie an Online-Kursen für alle Rehabilitationsfachleute teil.

Verfügbare Kurse anzeigen