Schuheinlagen (Orthopädische Einlagen)

Definition und Mechanik ( edit | edit source )

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Laut dem Atlas of Orthoses and Assistive Devices sind Schuheinlagen (orthopädische Einlagen) wie die Reifen eines Autos. Sie stellen einen wichtigen biomechanischen Kontaktpunkt für den menschlichen Körper dar und können bei der Korrektur von Problemen des Fußes, des Knies, der Hüfte und der Wirbelsäule hilfreich sein.(1)

  • Schuheinlagen werden aus verschiedenen Materialien hergestellt. Während die ersten Einlagen früher noch aus Holz oder Aluminium gefertigt wurden, sind die meisten Produkte heute aus thermoplastischen Kunststoffen, Carbon, Edelstahl, Kork und/oder Schaumstoff.
  • Schuheinlagen gehören unter den Hilfsmitteln zur Produktgruppe der Orthesen. Im englischen Sprachgebrauch werden sie als „foot orthoses“ bezeichnet (wörtlich „Orthesen für den Fuß“).(2)

Früher glaubte man, dass Schuheinlagen ihre Wirkung erzielen, indem sie kinematische Anomalien (visuell wahrnehmbare Abweichungen) korrigieren – z.B. einen vermeintlich „überpronierten Fuß„. Nach heutigem Kenntnisstand geht man jedoch davon aus, dass der therapeutische Nutzen durch interne kinetische Veränderungen erzielt wird.

Die Prinzipien der Gewebebelastung können zur Erklärung der Funktionsweise von Einlagen herangezogen werden: d.h. die Veränderung der internen Anforderungen an das überlastete Gewebe kann die Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung durch die Verwendung geeigneter Einlagen bei Fußerkrankungen erklären.(3)

Es besteht auch die Möglichkeit, das biopsychosoziale Modell in Bezug auf Einlagen anzuwenden.(3)

  • Ein klares Verständnis für das Problem des Patienten und eine effektive Kommunikation mit ihm können sich positiv auf den Erfolg der Einlagen auswirken.
  • Es kann hilfreich sein, den Patienten zu fragen, wie er über die Einlagen denkt. Wenn er eine positive Einstellung dazu hat, kann dies zum therapeutischen Nutzen der Hilfsmittel beitragen. Wenn er jedoch der Intervention gegenüber eher abweisend wirkt, kann ein Gespräch helfen, den besten Behandlungsweg zu finden.(3)

Klinische Anwendungen ( edit | edit source )

Die Einsatzmöglichkeiten von Schuheinlagen reichen von der Schmerzlinderung über den Komfort bis hin zur Leistungssteigerung.

Sie werden häufig bei der Behandlung verschiedener Fußerkrankungen eingesetzt:

Plantar Fasciitis insoles

Plantarer Fersenschmerz ( edit | edit source )

Die Verwendung von Schuheinlagen bei plantaren Fersenschmerzen wird in verschiedenen Forschungsstudien und Übersichtsarbeiten empfohlen:

  • Ein Leitfaden für beste Praktiken aus dem Jahr 2022 von Morrissey et al.(4) stellte fest, dass die wichtigsten Therapieansätze bei Personen mit plantarem Fersenschmerz zunächst Taping, Dehnungen und ein individualisiertes Training umfassen sollten. Denjenigen, bei denen sich keine ausreichende Verbesserung einstellt, „kann eine Stoßwellentherapie angeboten werden, gefolgt von maßgefertigten Einlagen.“(4)
  • Die klinischen Praxisleitlinien des JOSPT (Journal of Orthopedic Sports & Physical Therapy)(5) empfehlen die Verwendung von „vorgefertigten oder nach Maß angefertigten/angepassten Einlagen zur Unterstützung des medialen Längsgewölbes und zur Polsterung der Ferse bei Personen mit Fersenschmerzen/Plantarfasziitis, um die Schmerzen zu lindern und die Funktion zu verbessern, über einen kurz- (2 Wochen) bis langfristigen (1 Jahr) Zeitraum, insbesondere bei Personen, die positiv auf Anti-Pronation-Techniken des Taping ansprechen.“(5)
  • Wittaker et al. überprüften 19 klinische Studien und berichteten über Evidenz von mäßiger Qualität, die den Einsatz von Einlagen als wirksame Maßnahme zur mittelfristigen Schmerzlinderung bei plantaren Fersenschmerzen unterstützt.(6)
  • Eine Studie von Bishop et al.(7) untersuchte die Wirkung des Tragens von maßgefertigten Einlagen auf die Schmerzen beim ersten Schritt, die durchschnittlichen Schmerzen über 24 Stunden und die Dicke der Plantarfaszie bei Menschen mit einseitiger Plantarfasziopathie über einen Zeitraum von 12 Wochen. Die Autoren fanden eine Verbesserung der Schmerzen beim ersten Schritt und eine Verringerung der Dicke der Plantarfaszie nach 12 Wochen im Vergleich zur alleinigen Verwendung neuer Schuhe oder einer Scheinintervention.(7)
  • Rasenberg et al.(8) untersuchten 20 Studien, in denen die Wirkungen von acht verschiedenen Arten von Einlagen auf Schmerzen, Funktion und selbstberichtete Erholung bei plantaren Fersenschmerzen im Vergleich zu anderen konservativen Maßnahmen untersucht wurden. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass es nicht genügend Evidenz gibt, um die Verwendung von Einlagen bei plantaren Fersenschmerzen zu unterstützen.(8)

Patellofemorales Schmerzsyndrom ( edit | edit source )

Eine 2022 durchgeführte Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse von Chen et al.(9) ergab, dass Einlagen die Knie-, Sport- und Freizeitfunktion bei Personen mit patellofemoralem Schmerzsyndrom deutlich verbessern können. In den JOSPT-Leitlinien 2019 wird empfohlen, dass „Kliniker vorgefertigte Schuheinlagen für Patienten mit einer stärkeren als der normalen Pronation zur Schmerzlinderung verordnen sollten, allerdings nur kurzfristig (bis zu 6 Wochen).“(10) Die Verwendung von Einlagen sollte mit anderen Interventionen kombiniert werden.(10)

Die einbeinige oder beidbeinige Kniebeuge (Single Leg Squat / Double Leg Squat) kann zur Provokation und Beurteilung von patellofemoralen Schmerzen verwendet werden:(3)

  • Wenn dieser Test Schmerzen im Bereich des patellofemoralen Gelenks reproduziert, bittet der Kliniker den Patienten, den Test mit einer Schuheinlage zu wiederholen.
  • Wenn sich dadurch die Schmerzen verringern, deutet dies darauf hin, dass der Patient von einer Einlage profitieren könnte.(11)

Ein weiterer Test, der entwickelt wurde, um Patienten mit patellofemoralem Schmersyndrom zu identifizieren, die wahrscheinlich von Einlagen profitieren:

  • Die Breite des Mittelfußes des Patienten wird in einer entlasteten Position gemessen – diese wird dann mit der Breite des Mittelfußes im Stehen verglichen.
  • Wenn die Breite des Mittelfußes stark zunimmt, können Einlagen helfen.(12) Eine Studie von Matthews et al. berichtet jedoch, dass der Test nicht zuverlässig ist.(13)
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Dysfunktion der Tibialis-posterior-Sehne ( edit | edit source )

Der M. tibialis posterior ist ein kräftiger Inversor des Fußes (siehe Abbildung). Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 ergab, dass der Einsatz von Einlagen in den frühen Stadien einer Dysfunktion der Tibialis-posterior-Sehne die Schmerzen reduzieren kann.(14) Es wurde auch festgestellt, dass maßgefertigte Einlagen bei einer Dysfunktion der Tibialis-posterior-Sehne besser sein können als vorgefertigte Produkte.(15)

  • Bei Dysfunktionen kann eine Einlage verwendet werden, um eine externe Unterstützung der Supination und Inversion zu erreichen.
  • Theoretisch wird dadurch die Belastung des M. tibialis posterior verringert.(3)

Dysfunktion der Peronealsehnen ( edit | edit source )

  • Gleiches Prinzip, aber in gegensätzlicher Richtung, wie bei der Verwendung von Einlagen für die Dysfunktion der Tibialis-posterior-Sehne.
  • Die Einlage kann hier eine externe Kraft in die Eversion / Pronation auf den Fuß erzeugen, von welcher man sich einen therapeutischen Nutzen erhofft.(3)

Mittelfußarthrose ( edit | edit source )

Eine Schaleneinlage aus Carbonfaser kann die Biegebelastung des Mittelfußes reduzieren.

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Achillessehnen-Tendinopathie ( edit | edit source )

  • Das Tragen von maßgefertigten halbstarren Einlagen für 4 Wochen in Kombination mit Übungen hat sich als schmerzlindernd bei Patienten mit Achillessehnen-Tendinopathie erwiesen.(16)
  • Die Verwendung von Laufschuhen mit höheren Absätzen und möglicherweise Einlagen kann bei Läufern zu einer geringeren Belastung der Achillessehne führen als die Verwendung von Schuhen mit niedrigeren Absätzen und herkömmlichen Laufschuhen.(17)
  • Theoretisch könnte das gleiche Prinzip auch bei Kindern mit Morbus Sever angewandt werden, um die Zugkraft um den wachsenden Kalkaneus zu verringern.(3)

Pathologien des Metatarsophalangealgelenks (MTP) ( edit | edit source )

Pathologien des ersten MTP-Gelenks (Großzehengrundgelenk) wie Probleme an den Sesambeinen, arthrotische Gelenke oder Hyperextensionsverletzungen, die bei Rugby- und American-Football-Spielern häufig auftreten, können mit Einlagen versorgt werden.

  • Je nach Pathologie können Einlagen den Bereich entlasten (z.B. bei Sesamoiditis) oder Halt bieten und die Flexion reduzieren (z.B. bei Kapselverletzungen).(3)

Verletzungen der plantaren Platte, Metatarsalgie und Morbus Freiberg( edit | edit source )

  • Eine Mittelfußpelotte kann verwendet werden, um die Belastung vom Schmerzbereich weg zu verlagern
  • Die plantare Platte profitiert davon, wenn die Dauer des „Reverse-Windlass“-Mechanismus während der Standbeinphase des Gehens verkürzt wird. Dadurch entsteht weniger Zug auf die Plantarfaszie, was wiederum den Zug auf die plantare Platte reduziert.(3)

Verordnung von Schuheinlagen ( edit | edit source )

Zeitlicher Rahmen(edit | edit source)

Footbalance Insole.jpg

Die Angst vor Abhängigkeit und Überbenutzung wird oft mit der Verschreibung von Orthesen in Verbindung gebracht. Dies ist bei Schuheinlagen nicht anders. Bei einigen Erkrankungen macht es Sinn, Einlagen für den langfristigen Gebrauch oder sogar für das ganze Leben des Patienten zu empfehlen. Ein Beispiel ist die Dysfunktion der Tibialis-posterior-Sehne. Bei anderen Problemen sollten sie jedoch nur kurzfristig eingesetzt werden. In den Leitlinien für patellofemorale Schmerzen wird beispielsweise die Verwendung von Einlagen nur für sechs Wochen empfohlen.(10)

Vorgefertigte vs. individuell angefertigte Einlagen ( edit | edit source )

Vorgefertigte bzw. vorkonfektionierte Einlagen („von der Stange“) werden oft im Internet oder in Apotheken gekauft. Es gibt sie in verschiedenen Ausführungen und Formen, z.B. als ganze Einlegesohle, mit Aussparungen im Vorfußbereich oder mit Carbon-Polymer-Schalen. Es gibt verschiedene Modelle und Varianten, die es dem Kliniker und dem Patienten ermöglichen, je nach dem gewünschten therapeutischen Effekt frei zu wählen.

Vorgefertigte Orthesen werden oft vor der Anfertigung individueller Einlagen empfohlen, damit Anpassungen vorgenommen und Ergebnisse getestet werden können.(3) Klinische Anpassungen zur Individualisierung von Einlagen beinhalten Versuche der Dosierung „nach oben“ (mehr Material) oder „nach unten“ (weniger Material), um den Bedürfnissen des Patienten gerecht zu werden. Es ist immer wichtig, das Feedback des Patienten zu berücksichtigen(3) um z.B. die Absatzhöhe zu verringern oder zu erhöhen.(7)

Mehrere randomisierte, kontrollierte Studien haben gezeigt, dass vorgefertigte Einlagen bei der Behandlung der Plantarfasziitis ähnlich wirksam sind wie individuell angefertigte Einlagen.(3) Eine Studie von Pfeffer et al.(18) stellte fest, dass vorgefertigte Einlagen im Vergleich zu maßgefertigten Einlagen bei der Behandlung von Schmerzen bei Plantarfasziitis besser abschneiden.(18) Eine andere Studie fand keinen Unterschied zwischen den beiden Arten von Einlagen für dieselbe Erkrankung.(19)

In den Leitlinien für Patellofemorale Schmerzen 2019 wurde festgestellt, dass die Evidenz nicht ausreicht, um individuelle Einlagen gegenüber vorgefertigten Einlagen zu empfehlen.(10)

Unabhängig von der Art der Einlagen gibt es verschiedene Überlegungen bei der Wahl der Art und des Designs:

  • Körpergewicht
  • Die Überzeugungen des Patienten
  • Aktuelles Schuhwerk
  • Aktivitäten(3)

Auch ein gutes klinisches Reasoning, eine ausführliche Anamnese, eine gemeinsame Entscheidungsfindung und Kommunikation spielen eine wesentliche Rolle für den Erfolg von Schuheinlagen. Je nach Patient sollten Einlagen mit anderen Interventionen kombiniert werden, wobei der zeitliche Rahmen zu beachten ist, um Abhängigkeit und Überbenutzung zu vermeiden.(3)

Warum zögern manche Kliniker, Schuheinlagen zu verordnen? ( edit | edit source )

Einige Gesundheitsfachkräfte lehnen die Verwendung von Einlagen zur Behandlung von Fußerkrankungen gänzlich ab. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass Einlagen in der Vergangenheit oft überverordnet wurden, sowie auf die weit verbreitete Meinung, dass Einlagen zu einer „Schwächung der Muskeln“ beitragen. Wenn sie jedoch richtig verschrieben werden und auf die Bedürfnisse des Patienten und seine Erkrankung zugeschnitten sind, können sie in Kombination mit anderen Interventionen ein nützliches Instrument sein.(3)

Ein wichtiger Punkt, den es zu beachten gilt, ist der Unterschied zwischen der Verwendung von Einlagen in der Forschung versus in der klinischen Praxis. In einigen mechanischen Studien werden vermeintlich „maßgefertigte“ Einlagen mit Hilfe von standardisierten Scan- oder Abdruckverfahren hergestellt, ohne dass gründliche individuelle Untersuchungen stattfinden, weshalb es sich empfiehlt, die Verfahrensweise im Abschnitt „Methoden“ von veröffentlichten Studien zu überprüfen. In der klinischen Praxis hingegen hängt die Verwendung einer Einlage von der individuellen Untersuchung der Fußmechanik ab, wobei diese Ergebnisse mit anderen Befunden in Verbindung gebracht und Korrekturen vorgenommen werden, deren Wirksamkeit anschließend vor der endgültigen Versorgung getestet wird.(3)

Was die Muskelschwäche betrifft, so berichteten Jung et al.(20) über eine Zunahme der Querschnittsfläche des M. abductor hallucis sowie eine Verbesserung der Kraft der Großzehenflexion bei Probanden mit Pes planus, die 8 Wochen lang eine Kombination aus Schuheinlagen und Übungen zum Gewölbeaufbau („Kurzer Fuß“) erhielten. Im Gegensatz dazu hat eine Studie von Protopapas aus dem Jahr 2017(21) die Wirkung einer 12-wöchigen Intervention mit maßgefertigten Einlagen auf die intrinsische Fußmuskulatur und die dynamische Stabilität untersucht. Der Autor fand eine signifikante Verringerung der Querschnittsfläche des M. flexor digitorum brevis, des M. abductor digiti minimi und des M. abductor hallucis. Die Veränderungen in der Muskelgröße hatten keinen Einfluss auf die Gangparameter und die dynamische Stabilität, was auf Anpassungen dieser Strukturen durch die Entlastung hinweisen könnte.(21)

Referenzen(edit | edit source)

  1. Fox JR, Lovegreen W. Lower Limb Orthoses. InAtlas of Orthoses and Assistive Devices 2019 Jan 1 (pp. 239-246). Content Repository Only.
  2. Merriam Webster Dictionary. orthotic definition. Available from: https://www.merriam-webster.com/dictionary/orthotic (accessed 28 May 2020)
  3. 3.00 3.01 3.02 3.03 3.04 3.05 3.06 3.07 3.08 3.09 3.10 3.11 3.12 3.13 3.14 3.15 Bruce K. Foot Orthoses: When, What and Why? course. Plus2020.
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  21. 21.0 21.1 Protopapas K. The Effects of a 12-Week Custom Foot Orthotic Intervention on the Intrinsic Muscles of the Foot, and Dynamic Stability During Unexpected Gait Termination in Healthy Young Adults.


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