Anatomie, Biomechanik und regionale Interdependenz des Thorax

Originale Autorin Jess Bell basierend auf dem Kurs von Tanya Bell-Jenje
Top-BeitragendeJess Bell, Lucinda hampton, Kim Jackson , Robin Tacchetti, Olajumoke Ogunleye und Merinda Rodseth

Einführung(edit | edit source)

Der Thorax (Brustkorb) ist ein Bereich der Wirbelsäule, der in der Vergangenheit wenig erforscht wurde. In der Praxis kann er jedoch zu vielen klinischen Präsentationen auf stille Art und Weise einen Beitrag leisten.(1)

Eine Querschnittserhebung in Dänemark(2) untersuchte die Prävalenz von Wirbelsäulenschmerzen. Sie stellte fest, dass in einem Jahr:(2)

Allerdings haben zwischen 36 und 41 Prozent der Personen, die Nacken- oder Kreuzschmerzen haben, auch Thoraxschmerzen (d. h. etwa 4 von 10 Patienten).(3) Es handelt sich also um eine Region, die in der physiotherapeutischen Praxis nicht vernachlässigt werden sollte.(1)

Anatomie(edit | edit source)

An der Brustwirbelsäule (BWS) gibt es 136 Gelenke und 112 Muskelansätze. Die Ausrichtung der Gelenke der BWS und der Rippen schränkt die Flexion, Extension und Lateralflexion ein, erleichtert aber die Rotation.(1)

(4)

Bewegungsausmaß ( edit | edit source )

Die verfügbare Gesamtrotation der Brustwirbelsäule beträgt 85 Grad (+/- 14,8 Grad).(5) Sie hat einen Anteil von 80 Prozent an der Gesamtrotation des Rumpfes.(6) Jedes BWS-Segment kann zwischen 6 und 8 Grad rotieren. Dies ist deutlich mehr als bei den lumbalen Segmenten, die nur um 2 bis 3 Grad rotieren.(7)

Die Bewegung der Brustwirbelsäule ist entscheidend für eine optimale Leistung bei Rotationssportarten, und die Brustwirbelsäule verbindet kinematisch die oberen und unteren Quadranten.(8)(9) Außerdem trägt sie zu 55 Prozent der Gesamtkraft beim Wurf bei.(10)

Regionen des Thorax ( edit | edit source )

  • Rib Cage.jpg

    Vertebromanubrial:

  • Vertebrosternal:
  • Vertebrochondral:
    • Besteht aus: T8 bis T10 und falsche Rippen 8 bis 10
  • Thorakolumbal:
    • Besteht aus: T11 und T12, schwimmende Rippen 11 und 12(1)

Beachte: Echte Rippen sind über Knorpel direkt mit dem Sternum verbunden, falsche (asternale) Rippen sind mit den untersten echten Rippen verbunden und schwebende Rippen haben nur eine posteriore Verbindung mit der Wirbelsäule.

Rippen(edit | edit source)

  • Die Rippen 1, 11 und 12 sind mit dem jeweiligen Wirbel gelenkig verbunden (d. h. Rippe 1 mit T1).
  • Die Rippen 2 bis 10 sind mit dem jeweiligen Wirbel gelenkig verbunden, ebenso wie mit dem darüber liegenden Wirbelkörper, der Bandscheibe und der anterioren Fläche des Querfortsatzes des jeweiligen Wirbels.
  • Weitere Informationen zu den Rippen finden Sie hier

Der thorakale Ring (T3-T9) ( edit | edit source )

Der „thorakale Ring“ besteht aus zwei benachbarten Wirbeln und der dazugehörigen Bandscheibe, der rechten und linken Rippe (die an den Wirbel-Bandscheibe-Wirbel-Komplexen durch die Kostovertebralgelenke verbunden sind) und den anterioren Anteilen des Sternums/Manubriums und den dazugehörigen Knorpeln.(11)

Es gibt 13 Gelenke pro thorakalen Ring:(1)(11)

  • Zygapophyseal / Facette = 2 Gelenke
  • Kostovertebral = 4 Gelenke
  • Intervertebral = 1 Gelenk
  • Kostotransversal = 2 Gelenke
  • Kostochondral = 2 Gelenke
  • Sternokostal = 2 Gelenke

Aufgrund der straffen anatomischen Verbindung zwischen den Rippen und der Brustwirbelsäule führt die laterale Mobilisation einer Rippe zu einer Bewegung an den Wirbelsegmenten dieses thorakalen Rings sowie an der Rippe auf der gegenüberliegenden Körperseite.(1)

Funktion des Thorax ( edit | edit source )

Lee(11) hat die Brustwirbelsäule als „Slinky-Feder“ oder „stoßdämpfende Feder“ beschrieben. Sie besteht aus einem dynamischen Stapel von 10 thorakalen Ringen(11) und hat die folgenden Funktionen:(7)

  • Kraftübertragung
    • Beachte: Viele Patienten mit chronischen Kreuz- oder Nackenschmerzen haben eine steife Brustwirbelsäule, und eine größere Beweglichkeit der Brustwirbelsäule ermöglicht eine gleichmäßigere Verteilung der Belastung durch die Wirbelsäule bei Bewegungen.(12)(13)(14)
  • Zentraler Bereich für myofasziale Ansätze
  • Schützt Herz, Lunge, Gefäße und Verdauungstrakt(15)
  • Unterstützt die optimale Atemfunktion (16)
  • Beherbergt das vegetative Nervensystem

Thorakale Asymmetrie ( edit | edit source )

Eine thorakale Asymmetrie der Facettenausrichtung an der Brustwirbelsäule ist normal.(17) Die asymmetrische Anatomie kann jedoch zu Veränderungen der gekoppelten Bewegung in einem Segment führen.(18)

Regionale Interdependenz ( edit | edit source )

Die Theorie der regionalen Interdependenz besagt, dass: „scheinbar nicht zusammenhängende Beeinträchtigungen in entfernten anatomischen Regionen des Körpers zu den primären Symptomen eines Patienten beitragen und mit ihnen in Verbindung stehen können.“(19) Es wurde vorgeschlagen, dass auch zentrale Mechanismen an der Vermittlung der regionalen Interdependenz beteiligt sein könnten.(20)

(21)

Beispiele für die Interdependenz der Brustwirbelsäule sind folgende:(1)

1. Halswirbelsäule ( edit | edit source )

Tsang und Kollegen(22) fanden heraus, dass die Bewegung der Brustwirbelsäule, insbesondere der oberen Brustwirbelsäule, zur Beweglichkeit der Halswirbelsäule (HWS) beiträgt. Die obere Brustwirbelsäule trägt zu Folgendem bei:(22)

  • zu 25 Prozent zur zervikalen Flexion und Extension
  • zu 10 Prozent zur zervikalen Rotation

Veränderungen der Brustwirbelsäule sind daher mit einem Verlust des Bewegungsausmaßes der Halswirbelsäule verbunden, weshalb dieser Bereich bei Patienten mit Funktionsstörungen der HWS immer untersucht werden sollte.(22)

In ähnlicher Weise konnten Engell und Kollegen feststellen, dass bei der Anwendung von Techniken der manuellen Therapie (z. B. Wirbelsäulenmanipulationen mit hoher Geschwindigkeit und geringer Amplitude) an der Brustwirbelsäule Kräfte auf den Nacken übertragen werden können.(23)

2. Schulter ( edit | edit source )

Die Scapula (Schulterblatt) ist ein Sesambein, das auf dem Brustkorb aufliegt. Sie wird durch die Stellung der Elemente der BWS und der Rippen beeinflusst. Haltungen wie eine thorakale Hyperkyphose, Skoliose oder eine Abflachung/Umkehrung der Krümmung der Brustwirbelsäule können die Ruhestellung der Scapula verändern.(1)

3. Weitere Zusammenhänge ( edit | edit source )

Auswirkungen auf Körperhaltung und Position ( edit | edit source )

Bestimmte Haltungsfehler können zu einer kompensatorischen thorakalen Funktionsstörung führen:(1)

  • Verkürzte/verspannte ischiokrurale Muskeln (Hamstrings) zwingen die Brustwirbelsäule beim Schritt vorwärts, beim Ausfallschritt und beim Langsitz in die Flexion
  • Verkürzte/verspannte Hüftbeuger können sowohl eine Lordose als auch eine Kyphose verursachen
  • Eine Beinlängendifferenz und asymmetrische Belastung können eine thorakale Skoliose verursachen

Abbildung 1. Vorwärtsgerichtete Kopfhaltung.

Ungünstige HWS- und BWS-Haltungen wie:(1)

Können folgende Auswirkungen haben:(1)

  • Muskeldysbalancen
  • Inkongruenz der Gelenke
  • Bandlaxität
  • Veränderte Neurodynamik

Thorakale Skoliose:(1)

  • Schon kleine Krümmungen führen zu einer Verkeilung der Wirbel und Bandscheiben(30)
  • 80 Prozent der Sportler, deren Rumpf und Schultern asymmetrisch belastet werden (z. B. Speerwerfer, Tennisspieler), haben eine thorakale Skoliose(31)
  • Es könnte daher angenommen werden, dass die Skoliose bei asymmetrischen Sportarten einen mechanischen Vorteil bietet(1)

Fazit(edit | edit source)

  • Potenziell 40 Prozent der Patienten, die mit Kreuz- oder Nackenschmerzen zur Physiotherapie kommen, haben eine damit verbundene Dysfunktion der Brustwirbelsäule, die untersucht und behandelt werden muss.
  • Biomechanik und Kenntnisse der klinischen Anatomie des Thorax werden Ihnen helfen, die zugrunde liegende Pathogenese dieser Erkrankungen besser zu verstehen
  • Die thorakale Rotation ist für eine optimale sportliche Leistung und funktionelle Aktivitäten unerlässlich
  • Haltungsdysfunktionen wie verkürzte/verspannte Hamstrings oder Hüftbeuger können ein kompensatorisches „Nachgeben“ der Brustwirbelsäule erzwingen – es ist wichtig, nach der Ursache des Problems zu suchen

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.00 1.01 1.02 1.03 1.04 1.05 1.06 1.07 1.08 1.09 1.10 1.11 1.12 Bell-Jenje T. The Thorax Simplified – Anatomy, Biomechanics and Regional Interdependence Course. Plus , 2021.
  2. 2.0 2.1 Leboeuf-Yde C, Nielsen J, Kyvik KO, Fejer R, Hartvigsen J. Pain in the lumbar, thoracic or cervical regions: do age and gender matter? A population-based study of 34,902 Danish twins 20–71 years of age. BMC Musculoskelet Disord. 2009;10(39).
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