American Spinal Injury Association (ASIA) Impairment Scale

Hinweis: Auf dieser Seite wird die digitale rektale Untersuchung mit tiefem analen Druck und willkürlicher Analkontraktion beschrieben. Es handelt sich hierbei um eine invasive und anspruchsvolle Untersuchungstechnik, die nur nach entsprechender Ausbildung in Präsenz und Kompetenznachweis durchgeführt werden sollte.

Einleitung(edit | edit source)

Spinal-cord-injury-symptoms.png

Eine traumatische Rückenmarksverletzung (RMV) ist ein lebensveränderndes Ereignis, das sich sowohl physisch als auch emotional auf die Patienten auswirken kann. Die weltweite Inzidenz traumatischer Rückenmarksverletzungen liegt bei etwa 10,5 Fällen pro 100.000 Personen. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen, dass die Inzidenz traumatischer Rückenmarksverletzungen in Ländern mit unterem mittleren Einkommen (13,69 pro 100.000 Einwohner) höher ist als in Ländern mit hohem Einkommen (8,72 pro 100.000 Einwohner).(1) In den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts erlitten etwa 20 bis 45 Millionen Menschen eine traumatische Rückenmarksverletzung und 25 bis 35 Millionen eine nicht traumatische Rückenmarksverletzung.(2)

Für eine Übersicht über Rückenmarksverletzungen lesen Sie bitte diesen Artikel.

Eine Rückenmarksverletzung kann die Weiterleitung sensibler und motorischer Signale sowie die Funktionen des vegetativen Nervensystems stark beeinträchtigen oder ganz zum Erliegen bringen. Durch eine systematische Untersuchung von Dermatomen und Myotomen können Kliniker die betroffenen Segmente des Rückenmarks bestimmen.(3)

Die International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury (ISNCSCI), allgemein als ASIA-Untersuchung bezeichnet, wurden von der American Spinal Injury Association (ASIA) entwickelt.(4)(5)

Die ASIA-Untersuchung ist eine standardisierte körperliche Untersuchung, bestehend aus:

  1. einer myotombasierten motorischen Untersuchung,
  2. einer dermatombasierten sensiblen Untersuchung und
  3. einer anorektalen Untersuchung.

Nach Abschluss dieser drei Komponenten werden ein Verletzungsgrad und ein Verletzungsniveau zugewiesen. Diese Einstufung kann dann für die Rehabilitationsprognose, als Leitfaden für Behandlungsmaßnahmen und als Hilfsmittel für die multidisziplinäre Kommunikation verwendet werden.

Das Ziel der ASIA-Skala besteht darin,

  1. eine standardisierte und detaillierte Dokumentation des neurologischen Verletzungsniveaus bei einer Rückenmarksverletzung zu erstellen,
  2. eine Anleitung für die radiologische Beurteilung und Behandlung zu geben und
  3. festzustellen, ob die Rückenmarksverletzung komplett oder inkomplett ist.(6)

Es sollte beachtet werden, dass Patienten mit einer akuten Rückenmarksverletzung einen spinalen Schock aufweisen, der „ein akuter Zustand verminderter spinaler Funktion ist, der durch den Verlust aller sensomotorischen Funktionen kaudal der Verletzungsstelle gekennzeichnet ist“. Der spinale Schock ist ein vorübergehender Zustand.(7) Daher kann die erste neurologische Untersuchung irreführend sein. Eine kontinuierliche und fortlaufende Untersuchung in den Tagen nach der ersten Verletzung ist unerlässlich, um das wahre Ausmaß der Rückenmarksverletzung eines Patienten zu bestimmen(8)

International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury (ISNCSCI)

ISNCSCI-Auswertungsraster und Asia Impairment Scale (AIS)

Sensible Untersuchung (edit | edit source)

Die sensiblen Kennzonen lassen sich leicht in Bezug auf knöcherne anatomische Landmarken in den Dermatomen C2 – S5 lokalisieren. Sie werden bilateral mit leichter Berührung und Nadelstich (zur Unterscheidung zwischen spitz und stumpf) getestet. Es wird die in klinischen Einrichtungen übliche Ausrüstung verwendet, wie z. B. ein Wattestäbchen für die leichte Berührung und entweder ein Pinprick oder eine Sicherheitsnadel für den Nadelstich. Die Empfindungen bei leichter Berührung und Nadelstich an jeder der Kennzonen werden mit der Empfindung auf der Wange des Patienten verglichen, die ein normales Bezugssystem bietet.(6)

Drei-Punkte-Skala für die Bewertung der Sensibilität (edit | edit source)

Für die sensible Untersuchung wird eine Drei-Punkte-Skala verwendet:

0 = Fehlend
1 = Eingeschränkt – gestörte oder partielle Empfindung, einschließlich Hyperästhesie
2 = Normal oder intakt – ähnlich wie an der Wange
NT = Nicht prüfbar

Nicht prüfbar“ wird vermerkt, wenn eine wichtige sensible Kennzone aus irgendeinem Grund nicht beurteilt werden kann, z. B. bei einem Gipsverband, einer Verbrennung oder einer Amputation. In diesem Fall können die sensiblen Werte für diese Körperseite und der gesamte sensible Score nicht bestimmt werden. Das neurologische Verletzungsniveau sollte dennoch so genau wie möglich bestimmt werden, der sensible Score und der Grad der Störung (siehe unten) sollten jedoch zu einem späteren Zeitpunkt erneut getestet und bestimmt werden.

Tipps zur Durchführung der sensiblen Untersuchung (edit | edit source)

  • Die leichte Berührung wird mit einem Wattebausch getestet, der einmal über einen Bereich von maximal 1 cm Haut gestrichen wird. Der Patient hält während des Tests die Augen geschlossen oder hat die Sicht versperrt.
  • Die Empfindung für den Nadelstich (Unterscheidung zwischen spitz und stumpf) wird mit einer Einweg-Sicherheitsnadel durchgeführt. Das spitze Ende wird für „spitz“ verwendet, während das runde Ende der Nadel für „stumpf“ genutzt wird.
    • Beim Testen des Nadelstiches muss der Untersucher feststellen, ob der Patient an jeder sensiblen Kennzone korrekt und zuverlässig zwischen einem spitzen und einem stumpfen Gefühl unterscheiden kann. Im Zweifelsfall werden 8 von 10 richtigen Antworten als Standard für die Genauigkeit vorgeschlagen, da dies die Wahrscheinlichkeit des richtigen Erratens auf weniger als 5 % reduziert.
    • Ein Wert von 0 wird notiert, wenn der Patient nicht zwischen einem stumpfen und einem spitzen Gefühl unterscheiden kann oder wenn der Patient nicht spürt, wenn er von der Nadel berührt wird.
    • Ein Wert von 1 wird notiert, wenn die Spitz-Stumpf-Sensibilität eingeschränkt ist.

Sensible Kennzonen gemäß ISNCSCI (edit | edit source)

ASIA sensory points.png

Bitte beachten Sie den Abschnitt „Ressourcen“ am Ende dieses Artikels, in dem Videobeispiele für Dermatomtests an allen sensiblen Kennzonen zu finden sind.

Segment
Beschreibung der Kennzonen für die Prüfung der Sensibilität
C2 1 cm lateral der Protuberantia occipitalis externa
C3 Fossa supraclavicularis an der Medioklavikularlinie
C4 Über dem Akromioklavikulargelenk
C5 Laterale Seite der Fossa antecubitalis, unmittelbar proximal der Ellenbeugefalte
C6 Dorsalfläche der proximalen Phalanx des Daumens
C7 Dorsalfläche der proximalen Phalanx des Mittelfingers
C8 Dorsalfläche der proximalen Phalanx des kleinen Fingers
T1 Mediale Seite der Fossa antecubitalis, unmittelbar proximal des Epicondylus medialis humeri
T2 Apex axillae
T3 Medioklavikularlinie und 3. Interkostalraum
T4 Medioklavikularlinie und 4. Interkostalraum auf Höhe der Brustwarze
T5 Medioklavikularlinie und 5. Interkostalraum auf halber Strecke zwischen T4 und T6
T6 Medioklavikularlinie und 6. Interkostalraum auf Höhe des Processus xiphoideus
T7 Medioklavikularlinie und 7. Interkostalraum auf halber Strecke zwischen T6 und T8 – Viertelabstand zwischen der Höhe des Processus xiphoideus und des Nabels
T8 Medioklavikularlinie und 8. Interkostalraum auf halber Strecke zwischen T6 und T10 – halbe Distanz zwischen Processus xiphoideus und Nabel
T9 Medioklavikularlinie und 9. Interkostalraum auf halber Strecke zwischen T8 und T10 – dreiviertel Distanz zwischen Processus xiphoideus und Nabel
T10 Medioklavikularlinie und 10. Interkostalraum auf Höhe des Nabels
T11 Medioklavikularlinie und 11. Interkostalraum auf halber Strecke zwischen T10 und T12 – auf halber Strecke zwischen Nabelhöhe und Lig. inguinale
T12 Medioklavikularlinie über dem Mittelpunkt des Lig. inguinale
L1 Auf halbem Weg zwischen dem sensiblen Punkt an T12 und L1
L2 Anteromedialer Oberschenkel am Mittelpunkt, der die Mitte des Lig. inguinale mit dem medialen Femurkondylus verbindet
L3 Medialer Femurkondylus oberhalb des Knies
L4 Malleolus medialis
L5 Fußrücken am 3. Metatarsophalangealgelenk
S1 Laterale Seite des Kalkaneus
S2 Mittelpunkt der Kniekehle
S3 Über dem Tuber ischiadicum oder der infraglutealen Falte
S4 – 5 Perianalbereich < 1 cm lateral des mukokutanen Übergangs

Die Informationen in der obigen Tabelle stammen aus der Version 2011 der International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury.(6)

Tiefer analer Druck (edit | edit source)

Der behandschuhte und mit Gleitmittel versehene Zeigefinger des Untersuchers übt einen sanften Druck auf die innere anorektale Wand aus, die von den somatosensorischen Komponenten des Nervus pudendus S4/5 innerviert wird. Der wahrgenommene Druck wird als nicht vorhanden („nein“) oder vorhanden („ja“) eingestuft. Jedes reproduzierbare Druckgefühl, das während dieses Teils der Untersuchung im Analbereich wahrgenommen wird, deutet darauf hin, dass der Patient eine sensibel inkomplette Läsion hat. Bei Personen mit Empfindung von leichter Berührung oder Nadelstich auf Höhe S4-5 ist eine Beurteilung des tiefen analen Drucks (DAP, deep anal pressure) möglicherweise nicht erforderlich, da sie bereits als Personen mit einer sensibel inkompletten Läsion eingestuft werden.(6)

Sonderthema: Digitale rektale Untersuchung (DRU) in der Forschung

Es gibt immer mehr Evidenz dafür, dass die DRU bei der Beurteilung traumatischer Rückenmarksverletzungen keine ausreichende Gültigkeit und Zuverlässigkeit aufweist. Eine systematische Überprüfung von Docimo et al. aus dem Jahr 2022(9) ergab, dass die Sensitivität der DRU bei der Erkennung von Rückenmarksverletzungen und Harnröhrenverletzungen bei erwachsenen Traumapatienten zwischen 0 und 50 % lag. Diese Überprüfung kam zu dem Schluss, dass die Verwendung der DRU bei Traumapatienten nur eine begrenzte oder keine Gültigkeit und Zuverlässigkeit bei der Beurteilung von Rückenmarks- und Harnröhrenverletzungen hat und letztlich keinen Einfluss auf die Behandlung dieser Verletzungen hat.(9)

Eine weitere Studie von Beeton et al.(10) ergab, dass die DRU eine geringe Sensitivität und Spezifität für Rückenmarksverletzungen aufweist, und empfiehlt sie nicht als Instrument für das Screening dieser Patientengruppe.

Derzeit wird in der Version 2019 der ASIA-Untersuchung die DRU weiterhin als Teil der Untersuchung und Klassifikation von Rückenmarksverletzungen verwendet.

Sensibles Niveau (edit | edit source)

Anatomische Lagebezeichnung kaudal/rostral

Das sensible Niveau eines Patienten wird als das kaudalste intakte Dermatom für leichte Berührung und Nadelstich definiert. Das sensible Niveau wird durch eine Untersuchung der sensiblen Kennzonen innerhalb jedes der 28 Dermatome auf jeder Körperseite bestimmt, wie oben erläutert. Das sensible Niveau ist das intakte Dermatomniveau, das sich unmittelbar über dem ersten Dermatomniveau mit eingeschränkter oder fehlender Empfindung von leichter Berührung oder Nadelstich befindet. Es sollte für jede Körperseite bestimmt werden, da die rechte und die linke Seite verschieden sein können.

Für jedes Dermatom können bis zu vier sensible Niveaus ermittelt werden:

  • Rechts, Nadelstich
  • Rechts, Berührung
  • Links, Nadelstich
  • Links, Berührung

Das allgemeine sensible Niveau entspricht der am weitesten kaudal gelegenen intakten sensiblen Kennzone.(6)

Sensibler Score (edit | edit source)

Sensory Score.jpeg

Die sensiblen Werte jedes Dermatoms für leichte Berührung (gelb im Bild oben) und Nadelstich (grün im Bild oben) können über Dermatome und Körperseite (rechts und links) hinweg summiert werden, um zwei sensible Gesamtscores zu erstellen.

  • Eine normale Empfindung für jede Modalität wird mit 2 bewertet. Ein Wert von 2 für jede der 28 sensiblen Kennzonen für leichte Berührung auf jeder Körperseite würde zu einem maximalen Score von 56 für leichte Berührung führen. Ein Wert von 2 für jeden der 28 sensiblen Kennzonen für Nadelstich auf jeder Körperseite würde zu einem maximalen Score von 56 für Nadelstich führen. Der maximale Gesamtscore für die sensible Funktion beträgt 112.
  • Der sensible Score bietet eine Möglichkeit, Veränderungen der sensiblen Funktion numerisch zu dokumentieren, kann jedoch nicht berechnet werden, wenn auch nur eine erforderliche sensible Kennzone als „nicht prüfbar“ erfasst wird.(6)
    Sensory Scoring.jpeg

Motorische Untersuchung (edit | edit source)

Die motorische Untersuchung umfasst die Einstufung von fünf spezifischen Muskelgruppen in den oberen Extremitäten und fünf spezifischen Muskelgruppen in den unteren Extremitäten (sog. Kennmuskeln). Die bewerteten Muskeln stellen die wichtigsten zervikalen und lumbalen Myotome dar.

Die Kennmuskeltests der 10 paarigen Myotome werden bilateral durchgeführt. Eine fehlerhafte Positionierung und/oder Stabilisation (Fixierung) können zu einer Kompensation durch andere Muskeln und somit zu einer Verzerrung der Bewertung der Muskelfunktion führen.(6)

  • Der Patient sollte in Rückenlage untersucht werden, mit Ausnahme der rektalen Untersuchung, die in Seitenlage durchgeführt werden kann.
  • Die Kennmuskeln sollten in einer kephalokaudalen Reihenfolge untersucht werden.
  • Stabilisieren Sie beim Testen sowohl oberhalb als auch unterhalb des Gelenks, um muskuläre Kompensationen zu verhindern.
  • Bewegen Sie die Gelenke vor der Durchführung der manuellen Muskeltests (MMT) über ihr gesamtes Bewegungsausmaß, um Schmerzen, Spastik oder Kontrakturen auszuschließen, die sich auf die Ergebnisse auswirken könnten.

Sonderthema: Vorsichtsmaßnahmen bei Wirbelsäulenverletzungen

  • Bei allen Patienten, die eine akute traumatische Verletzung erlitten haben, sollten Vorsichtsmaßnahmen für die Wirbelsäule getroffen werden, bis eine Fraktur der Wirbelsäule ausgeschlossen werden kann. Zu den Vorsichtsmaßnahmen gehört die Begrenzung der Flexion, Extension, Rotation und weiteren Bewegungen der Wirbelsäule, um eine Verschlimmerung einer Rückenmarksverletzung zu vermeiden.(11)
  • Die Verwendung von Halskrausen bei Verdacht auf Frakturen der Halswirbelsäule ist ein Standard-Schema für Notfälle. Untersuchungen zeigen, dass die Verwendung von Halskrausen den Hirndruck oder den Druck der zerebrospinalen Flüssigkeit erhöhen, zu Hautschädigungen führen und das Aspirationsrisiko bei älteren Menschen erhöhen kann. Es ist wichtig, Verletzungen der Halswirbelsäule so schnell wie möglich auszuschließen, um eine sichere Entfernung der Halskrause zu ermöglichen.(12)
  • Bei Patienten mit Verdacht auf eine akute traumatische Verletzung unterhalb des knöchernen Niveaus von T8 sollte die Hüfte aufgrund der erhöhten kyphotischen Belastung der Lendenwirbelsäule nicht aktiv oder passiv über 90° gebeugt werden. Stattdessen sollte eine einseitige, isometrische Untersuchung durchgeführt werden, um sicherzustellen, dass die kontralaterale Hüfte zur Stabilisation des Beckens gestreckt bleibt.(6)

Sechs-Punkte-Skala für die Bewertung der Motorik (edit | edit source)

Für die Bewertung der Motorik wird eine Sechs-Punkte-Skala verwendet:

0 = Vollständige Lähmung
1 = Tastbare oder sichtbare Kontraktion
2 = Aktive Bewegung, volles Bewegungsausmaß unter Minimierung der Schwerkraft
3 = Aktive Bewegung, volles Bewegungsausmaß gegen die Schwerkraft
4 = Aktive Bewegung, volles Bewegungsausmaß gegen die Schwerkraft und mäßigen Widerstand in muskelspezifischer Position
5 = Normale aktive Bewegung, volles Bewegungsausmaß gegen die Schwerkraft und vollen Widerstand in einer muskelspezifischen Position, wie sie von einer nicht beeinträchtigten Person erwartet wird
5* = Normale aktive Bewegung, volles Bewegungsausmaß gegen die Schwerkraft und ausreichenden Widerstand, um als normal zu gelten, wenn keine identifizierten hemmenden Faktoren, d. h. Schmerzen, Nichtgebrauch, vorliegen
NT = Nicht prüfbar, d. h. aufgrund von Immobilisierung, starken Schmerzen, sodass der Patient nicht eingestuft werden kann, Amputation einer Extremität oder Kontraktur von >50 % des Bewegungsausmaßes
Motor Scoring.jpg

Motorische Kennmuskeln gemäß ISNCSCI (edit | edit source)

Bitte beachten Sie den Abschnitt „Ressourcen“ am Ende dieses Artikels, in dem Videobeispiele für die motorische Untersuchung aller 10 Myotome zu finden sind.

Segment
Hauptmuskelfunktion und Muskeln Beschreibung der Position für Muskelfunktionstests der Grade 4 und 5
C5 Flexion des Ellenbogens

  • M. biceps brachii
  • M. brachialis
90 Grad Flexion des Ellenbogens, Unterarm in Supination
C6 Dorsalextension des Handgelenks

  • M. extensor carpi radialis longus
  • M. extensor carpi radialis brevis
Volle Dorsalextension des Handgelenks
C7 Extension des Ellenbogens

  • M. triceps brachii
Schulter in neutraler Rotation und Adduktion bei 90 Grad Flexion mit Ellenbogen in 45 Grad Flexion
C8 Flexion des Mittelfingers

  • M. flexor digitorum profundus
Distale Phalanx in voller Flexion mit Stabilisation des proximalen Fingergelenks in Extension
T1 Abduktion des kleinen Fingers

  • M. abductor digiti minimi
Volle Abduktion der Finger
L2 Hüftflexion

  • M. iliopsoas
Hüfte in 90 Grad Flexion
L3 Extension des Knies

  • M. quadriceps femoris
Knie in 15 Grad Flexion
L4 Dorsalextension des Sprunggelenks

  • Tibialis Anterior
Volle Dorsalextension
L5 Lange Extensoren der Zehen

  • Extensor Hallucis Longus
Volle Extension der Großzehe
S1 Plantarflexion des Sprunggelenks

  • Gastrocnemius
  • Soleus
Hüfte neutral mit voller Extension des Knies und voller Plantarflexion des Sprunggelenks

Die Informationen in der obigen Tabelle stammen von Burns et al.(6)

Willkürliche Analkontraktion (edit | edit source)

Der externe Analsphinkter wird durch die somatischen motorischen Komponenten des Nervus pudendus (S2-4) innerviert. Der Untersucher führt einen behandschuhten und mit Gleitmittel bestrichenen Finger in den externen Analsphinkter ein und weist den Patienten an, „zu kneifen, als ob er den Stuhlgang zurückhalten wollte“. Eine Kontraktion wird als fehlend (0) oder vorhanden (1) bewertet.

  • Eine willkürliche Analkontraktion („voluntary anal contraction“, VAC) während dieses Teils der Untersuchung bedeutet, dass der Patient eine motorisch inkomplette Läsion hat.
  • Untersucher sollten sorgfältig zwischen einer willkürlichen Analkontraktion und einer reflektorischen Analkontraktion unterscheiden, die in der Regel nur beim Valsalva-Manöver auftritt.(6)

Motorisches Niveau (edit | edit source)

Das motorische Niveau wird durch die kaudalste Muskelfunktion definiert, die einen Grad von mindestens 3 aufweist (in Rückenlage), vorausgesetzt, die Muskelfunktionen der Segmente oberhalb dieses Niveaus werden als intakt beurteilt (mit Grad 5 bewertet). Wie oben beschrieben, wird das motorische Niveau durch die Untersuchung der Kennmuskeln in jedem der zehn Myotome auf jeder Körperseite bestimmt. In Regionen, in denen es keine klinisch testbaren Myotome gibt (d. h. C1 bis C4, T2 bis L1 und S2 bis S5), wird davon ausgegangen, dass das motorische Niveau dem sensiblen Niveau entspricht, wenn die testbare motorische Funktion oberhalb dieses Niveaus ebenfalls normal ist.(6)

Motorischer Score (edit | edit source)

Motor Score.jpeg

Die motorischen Werte für jedes Myotom können über Myotome und Körperseiten, rechts und links, hinweg summiert werden, um einen einzigen motorischen Score für jede der oberen Extremitäten und unteren Extremitäten zu ermitteln.

  • Eine normale Kraft wird für jede Muskelfunktion mit 5 bewertet. Ein Wert von 5 für jeden der fünf Kennmuskeln der oberen Extremität würde zu einem maximalen Score von 25 für jede Extremität führen, was einen Gesamtscore von 50 für die oberen Extremitäten ergibt. Ein Wert von 5 für jeden der fünf Kennmuskeln der unteren Extremität würde zu einem maximalen Score von 25 für jede Extremität führen, was einen Gesamtscore von 50 für die unteren Extremitäten ergibt.
  • In früheren Versionen wurde ein motorischer Gesamtscore von 100 für alle Extremitäten berechnet. Die Konstruktvalidität des motorischen Scores als Maß für die Erholung nach einer Rückenmarksverletzung und als Ergebnismessung für klinische Studien ist jedoch größer, wenn die motorischen Scores der oberen und unteren Extremitäten unabhängig voneinander bewertet und nicht zusammengezählt werden. Daher wird nun empfohlen, die Scores der oberen und unteren Extremitäten getrennt zu betrachten.
  • Der motorische Score bietet eine Möglichkeit, Veränderungen der motorischen Funktion numerisch zu dokumentieren, kann jedoch nicht berechnet werden, wenn auch nur eine erforderliche Muskelfunktion „nicht prüfbar“ ist.(6)

Bestimmung des neurologischen Verletzungsniveaus (edit | edit source)

Das neurologische Verletzungsniveau wird bestimmt, indem das kaudalste Rückenmarksegment mit intakter Sensibilität und Muskelkraft gegen die Schwerkraft (Grad 3 oder mehr) auf beiden Körperseiten ermittelt wird, vorausgesetzt, dass rostral davon eine normale/intakte sensible und motorische Funktion (Grad 5) vorliegt.

  • Wenn es eine Diskrepanz bezüglich des kaudalsten intakten Abschnitts zwischen den vier möglichen Niveaus (sensibles Niveau rechts, sensibles Niveau links, motorisches Niveau rechts und motorisches Niveau links) gibt, ist das neurologische Verletzungsniveau das Segment dieser vier Niveaus, das am weitesten kranial liegt.(6)

ASIA Impairment Scale (AIS) (edit | edit source)

Rückenmarksverletzungen werden allgemein als neurologisch „komplett“ oder „inkomplett“ klassifiziert, basierend auf der sakralen Aussparung („sacral sparing“). Sakrale Aussparung bezieht sich auf das Vorhandensein einer sensiblen oder motorischen Funktion in den kaudalsten sakralen Segmenten, was durch die Untersuchung festgestellt wird (d. h. Erhaltung der Sensibilität für leichte Berührung oder Nadelstich am Dermatom S4-5, tiefer analer Druck/DAP oder willkürliche Kontraktion des Analsphinkters).“(6)(13)

Komplette Läsion („komplette Querschnittlähmung“): „keine sakrale Aussparung, d. h. keine sensible und motorische Funktion auf Höhe S4-5

Inkomplette Läsion („inkomplette Querschnittlähmung“): sakrale Aussparung, d. h. teilweise Erhaltung der sensiblen und/oder motorischen Funktion auf Höhe S4-5

Sensibel inkomplett: sakrale Aussparung der sensiblen Funktion

Motorisch inkomplett: sakrale Aussparung der motorischen Funktion oder sakrale Aussparung der sensiblen und motorischen Funktion mehr als 3 Niveaus unterhalb des Verletzungsniveaus

ASIA Impairment Scale (AIS) (edit | edit source)

Grad Art der Verletzung
Beschreibung der Verletzung
A Komplett Keine sensible oder motorische Funktion in den sakralen Segmenten S4–S5 erhalten, keine sakrale Aussparung (sacral sparing)
B Sensibel inkomplett Die sensible Funktion, aber nicht die motorische, ist unterhalb des neurologischen Niveaus und in den sakralen Segmenten S4 und S5 erhalten, UND

es ist keine motorische Funktion über mehr als 3 Segmente unterhalb des motorischen Niveaus auf jeglicher Seite erhalten

C Motorisch inkomplett Die motorische Funktion ist unterhalb des neurologischen Niveaus erhalten, UND

die Mehrzahl der Kennmuskeln unterhalb des neurologischen Verletzungsniveaus hat einen Muskelkraftgrad von weniger als 3 (Grad 0-2)

D Motorisch inkomplett Die motorische Funktion ist unterhalb des neurologischen Niveaus erhalten, UND

die Mehrzahl der Kennmuskeln unterhalb des neurologischen Verletzungsniveaus hat einen Muskelkraftgrad von ≥ 3

E Normal Die sensiblen und motorischen Funktionen sind normal in allen Segmenten, UND

der Patient hatte bereits zuvor Defizite im Zusammenhang mit einer Rückenmarksverletzung

*Personen ohne Rückenmarksverletzung erhalten keinen AIS-Grad.

Die Informationen in der obigen Tabelle stammen aus der Version 2011 der International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury.(6)

Zone des partiellen Funktionserhalts (edit | edit source)

In früheren Versionen wurde die Zone des partiellen Funktionserhalts („zone of partial preservation“, ZPP) nur für komplette RMVs (AIS A) bestimmt.(6) Mit der Überarbeitung von 2019 gilt die ZPP nun jedoch für alle Fälle, unabhängig des AIS-Grades.(4)

Zone of Partial Preservation.png

Die Zone des partiellen Funktionserhalts bezieht sich auf die Dermatome und Myotome kaudal des sensiblen oder motorischen Niveaus, die noch teilweise innerviert sind. Das Ausmaß der sensiblen oder motorischen ZPP wird durch das kaudalste Segment mit einer gewissen sensiblen bzw. motorischen Funktion bestimmt und sollte sowohl für die rechte als auch für die linke Seite und für die sensible und motorische Funktion notiert werden.(6)

  • Die motorische ZPP wird bei inkompletten Läsionen mit fehlender willkürlichen Analkontraktion (VAC) dokumentiert.
  • Die sensible ZPP wird bei fehlender sensibler Funktion in S4-5 (leichte Berührung und Nadelstich) dokumentiert, solange keine Empfindung für tiefen analen Druck (DAP) vorliegt.
  • Bei Vorhandensein des DAP sollte die sensible ZPP als „nicht anwendbar (NA)“ vermerkt werden.
  • Bei Fehlen des DAP kann die sensible ZPP dokumentiert werden, wenn an S4-5 keine Sensibilität für leichte Berührung und Nadelstich vorhanden ist. Ist an S4-5 die Sensibilität für leichte Berührung oder Nadelstich feststellbar, wird die ZPP in diesem Fall als „nicht anwendbar (NA)“ vermerkt.(4)

Schritte zur Klassifikation (edit | edit source)

Steps in Classification.jpg

Psychometrie
(edit | edit source)

Zuverlässigkeit und Gültigkeit ( edit | edit source )

Die sensiblen und motorischen Untersuchungen der ISNCSCI sind zuverlässig (reliabel), wenn sie von einem geschulten Untersucher durchgeführt werden.(14) Sowohl die Interrater- als auch die Intrarater-Reliabilität wurden als ausgezeichnet befunden.(15)(16) Die Korrelationskoeffizienten für die Interrater- und Intrarater-Reliabilität der motorischen und sensiblen Untersuchung liegen bei 0,90 oder höher. Dies zeigt eine hohe Übereinstimmung zwischen den Bewertungen. Bei inkompletten Läsionen sind die Korrelationskoeffizienten tendenziell schwächer als bei kompletten Läsionen.(17)

Es hat sich gezeigt, dass eine formale Schulung in der Anwendung der ISNCSCI-Standards die Genauigkeit der Klassifikation des Untersuchers verbessert.(18)

Die ASIA-Skala hat starke prognostische Werte, die sich in mehreren funktionellen Ergebnissen zeigen, und kann dabei helfen, die Wiederherstellung autonomer Funktionen wie Darm/Blase, Herz-Kreislauf, Atmung und reproduktive Funktionen sowie das zukünftige Potenzial für das Gehen vorherzusagen.

Ressourcen(edit | edit source)

Optionale Technikvideos (edit | edit source)

Videos zu Dermatomtests

Videos zu Myotomtests

Obere Extremität

Untere Extremität

International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury: Assessmentbögen

International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury: Leitfäden für Sensibilität und Motorik

ASIA E-Learning Centre InSTeP: International Standards

  • Um die Vermittlung und kompetente Anwendung der Standards zu fördern, hat ASIA mit Unterstützung der International Spinal Cord Society das E-Learning-Programm „International Standards Training“ (InSTeP) entwickelt.

ASIA E-Learning Centre ASTeP: Autonomic Anatomy & Function

  • Ziel dieser Schulung für die Autonomic Standards ist es, normale vegetative Funktionen zu verstehen, die Veränderungen der vegetativen Funktionen nach einer Rückenmarksverletzung zu erkennen und das Autonomic Assessment zur Dokumentation und Einstufung der verbleibenden vegetativen neurologischen Funktion zu nutzen.

Referenzen(edit | edit source)

  1. Golestani A, Shobeiri P, Sadeghi-Naini M, Jazayeri SB, Maroufi SF, Ghodsi Z, Dabbagh Ohadi MA, Mohammadi E, Rahimi-Movaghar V, Ghodsi SM.Epidemiology of traumatic spinal cord injury in developing countries from 2009 to 2020: A systematic review and meta-analysis. Neuroepidemiology. 2022 May 5;56(4):219-39.
  2. Lu Y, Shang Z, Zhang W, Pang M, Hu X, Dai Y, Shen R, Wu Y, Liu C, Luo T, Wang X. Global incidence and characteristics of spinal cord injury since 2000–2021: a systematic review and meta-analysis. BMC medicine. 2024 Jul 8;22(1):285.
  3. Khadour FA, Khadour YA, Meng L, XinLi C, Xu T. Epidemiology features of traumatic and non-traumatic spinal cord injury in China, Wuhan. Scientific reports. 2024 Jan 18;14(1):1640.
  4. 4.0 4.1 4.2 ASIA and ISCoS International Standards Committee. The 2019 revision of the International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury (ISNCSCI)-What’s new? Spinal Cord. 2019 Oct;57(10):815-817.
  5. Quinones C, Wilson Jr JP, Kumbhare D, Guthikonda B, Hoang S. Clinical assessment and management of acute spinal cord injury. Journal of Clinical Medicine. 2024 Sep 25;13(19):5719.
  6. 6.00 6.01 6.02 6.03 6.04 6.05 6.06 6.07 6.08 6.09 6.10 6.11 6.12 6.13 6.14 6.15 6.16 Burns S, Biering-Sørensen F, Donovan W, Graves D, Jha A, Johansen M, Jones L, Krassioukov A, Kirshblum, Mulcahey MJ, Schmidt Read M, Waring W. International Standards for Neurological Classification of Spinal Cord Injury, Revised 2011. Top Spinal Cord Inj Rehabil 2012;18(1):85-99.
  7. Izzy S. Traumatic spinal cord injury. CONTINUUM: Lifelong Learning in Neurology. 2024 Feb 1;30(1):53-72.
  8. Sandean D. Management of acute spinal cord injury: a summary of the evidence pertaining to the acute management, operative and non-operative management. World journal of orthopedics. 2020 Dec 12;11(12):573.
  9. 9.0 9.1 Docimo S, Diggs L, Crankshaw L, Lee Y, Vinces F. No evidence supporting the routine use of digital rectal examinations in trauma patients. Indian Journal of Surgery. 2015 Aug;77:265-9.
  10. Beeton G, Alter N, Zagales R, Wajeeh H, Elkbuli A. The benefits and clinical application of the digital rectal exam in trauma populations: Towards enhancing patient safety and quality outcomes. The American Journal of Emergency Medicine. 2022 Nov 8.
  11. Fernández-de Thomas RJ, De Jesus O. Thoracolumbar spine fracture. InStatPearls (Internet) 2021 Aug 30. StatPearls Publishing.
  12. Eli I, Lerner DP, Ghogawala Z. Acute traumatic spinal cord injury. Neurologic Clinics. 2021 May 1;39(2):471-88.
  13. Ariji Y, Hayashi T, Ideta R, Koga R, Murai S, Naka T, Ifuku R, Towatari F, Sakai H, Kurata H, Maeda T. Identification of a reliable sacral-sparing examination to assess the ASIA impairment scale in patients with traumatic spinal cord injury. The journal of spinal cord medicine. 2024 Mar 3;47(2):286-92.
  14. Marino R, Jones L, Kirshblum S, Tal J, Dasgupta A. Reliability and repeatability of the motor and sensory examination of the international standards for neurological classification of spinal cord injury. J Spinal Cord Med 2008;31(2)166-170.
  15. Clifton G, Donovan W, Dimitrijevic M et al. Omental transposition in chronic spinal cord injury. Spinal Cord 1996; 34:193–203.
  16. Savic G, Bergström EM, Frankel HL, Jamous MA, Jones PW. Inter-rater reliability of motor and sensory examinations performed according to American Spinal Injury Association standards. Spinal Cord. 2007;45(6):444-51.
  17. Roberts TT, Leonard GR, Cepela DJ. Classifications in brief: American spinal injury association (ASIA) impairment scale. 2017.
  18. Schuld C, Wiese J, Franz S, Putz C, Stierle I, Smoor I, Weidner N, EMSCI Study Group, Rupp RR. Effect of formal training in scaling, scoring and classification of the international standards for neurological classification of spinal cord injury. Spinal Cord 2013;51(4):282-8.


Berufliche Entwicklung in Ihrer Sprache

Schließen Sie sich unserer internationalen Gemeinschaft an und nehmen Sie an Online-Kursen für alle Rehabilitationsfachleute teil.

Verfügbare Kurse anzeigen