Alberta Infant Motor Scale (AIMS)

Zielsetzung(edit | edit source)

Die Alberta Infant Motor Scale (AIMS) ist ein standardisiertes Beobachtungsinstrument, mit dem die Reifung der grobmotorischen Fertigkeiten von Säuglingen von der Geburt (d. h. 40 Schwangerschaftswochen) bis 18 Monate nach der Geburt. Die AIMS wurde als Referenzleitfaden für die Entwicklung von Säuglingen auf der Grundlage der altersbezogenen Normwerten von 2200 Säuglingen in Alberta, Kanada, entwickelt.(1)(2)

Sie kann als Screening-Instrument verwendet werden, um frühe Entwicklungsverzögerungen zu erkennen und zu verfolgen.(3)(4) Die AIMS vergleicht den motorischen Entwicklungsstand eines Kindes mit den erwarteten Normen für sein Alter in vier Kategorien: liegend in Bauchlage, liegend in Rückenlage, sitzend und stehend.

Zielgruppe ( edit | edit source )

Abbildung.1 Krabbelnder Säugling(5)

Die AIMS kann bei allen Säuglingen unter 18 Monaten eingesetzt werden, um Verzögerungen oder Veränderungen in der Entwicklung der motorischen Fertigkeiten festzustellen. Sie kann für Säuglinge verwendet werden, die:(2)(3)

  • eine typische Entwicklung aufweisen und keine medizinischen Probleme haben;
  • keine spezifischen Faktoren in ihrer Vorgeschichte haben, aber motorische Entwicklungsverzögerungen vermutet werden;
  • ein höheres Risiko für eine Entwicklungsverzögerung aufgrund von genetischen, pränatalen, perinatalen, neonatalen, postnatalen oder umweltbedingten Komplikationen haben;
  • eine spezifische Diagnose erhalten haben, die die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten beeinträchtigt (z. B. Down-Syndrom, bronchopulmonale Dysplasie).

Die AIMS sollte NICHT bei Säuglingen angewendet werden, die veränderte Bewegungsmuster verwenden, um funktionelle Einschränkungen zu kompensieren (z. B. Lähmungen, Spina bifida, Hypotonie, Spastizität), da ihre einzigartigen motorischen Entwicklungsfortschritte möglicherweise nicht in der AIMS reflektiert werden.(2)

Beschreibung ( edit | edit source )

Abbildung.2 Säugling beim Handstütz(6)

Die AIMS ist eine 58 Items umfassende Beobachtungsskala. Diese Items sind in vier Subskalen je nach Position unterteilt:(1)

  1. Liegend in Bauchlage (21 Items)
  2. Liegend in Rückenlage (9 Items)
  3. Sitzend (12 Items)
  4. Stehend (16 Items)

Erforderliche Ausstattung ( edit | edit source )

  • AIMS-Manual
  • AIMS-Auswertungsbogen und Perzentilkurve
  • Untersuchungstisch oder andere erhöhte Fläche für jüngere Säuglinge
  • Feste Matte oder Teppich für ältere Säuglinge
  • Niedrige Bank oder Stuhl für einige Items auf der Skala
  • Spielzeug für Säuglinge unter 18 Monaten(2)

Räumlichkeiten(edit | edit source)

Die AIMS kann zu Hause oder in der Klinik / Praxis durchgeführt werden. Bei jüngeren Säuglingen kann das Assessment auf einem Untersuchungstisch oder einer erhöhten Fläche durchgeführt werden. Bei älteren Säuglingen sollte das Assessment auf einer festen Matte oder einem Teppich durchgeführt werden.(2)

Anwendung ( edit | edit source )

Es ist wichtig, dass sich der Untersucher vor dem Assessment mit den Anwendungs- und Auswertungsrichtlinien der AIMS vertraut macht. Das Assessment dauert maximal 20-30 Minuten. Der Untersucher beobachtet die Bewegungsmuster des Säuglings und vergleicht sie mit dem Skalenblatt.(1)(2)

Auswertung(edit | edit source)

Abbildung 3: Perzentilkurve der Alberta Infant Motor Scale (AIMS).(4)

Der Untersucher wird die Auswertung vorzugsweise nach Abschluss des Assessments vornehmen.

Der Auswertungsbogen besteht aus einem Foto und einer kurzen Beschreibung der zu bewertenden Bewegung.(2) Die Bewegungen beginnen mit grundlegenden Fertigkeiten wie Bauchlage, Rückenlage, Sitzen und Stehen und gehen allmählich zu fortgeschritteneren Bewegungen über.(1)

Während des Assessments beobachtet der Untersucher die Bewegungen des Kindes und bewertet jede Bewegungskomponente entweder als „beobachtet“ oder „nicht beobachtet“. Es gibt keine Möglichkeit, den Patienten für „entstehende“ Bewegungsmuster zu bewerten. Von den Eltern/Betreuungspersonen berichtete Items sollten nicht in der Auswertung berücksichtigt werden.

Die am wenigsten fortgeschrittenen und die am meisten fortgeschrittenen Bewegungen, die in einer bestimmten Position (Bauchlage, Rückenlage, Sitzen, Stehen) beobachtet werden, bilden das „motorische Fenster“ (engl. „motor window“) für den Patienten in dieser Position. Alle Bewegungen innerhalb des motorischen Fensters müssen für jede Position als „beobachtet“ (O – observed) oder „nicht beobachtet“ (NO – not observed) aufgezeichnet werden.(2)

Der Untersucher bewertet den Patienten mit einem Punkt für jede Bewegung, die innerhalb jedes motorischen Fensters „beobachtet“ wird. Die kumulierte Punktzahl aller vier Positionen ergibt die „Gesamtpunktzahl“. Die Gesamtpunktzahl wird im Verhältnis zum korrigierten Alter des Patienten auf einem Diagramm mit normativen Daten für die motorischen Fertigkeiten von Säuglingen aufgezeichnet. Das Diagramm in Abbildung 3 enthält die Perzentilnormen (5.,10.,25., 50., 75., 90.) für die motorischen Fertigkeiten von Säuglingen. Der Untersucher bestimmt anhand der grafisch dargestellten Normwerte, in welchem Perzentil der motorischen Entwicklung sich der Patient für sein Alter befindet, und notiert dies auf dem Auswertungsbogen.(1)(2)

Evidenz(edit | edit source)

Standardisierung(edit | edit source)

Die Daten, die zur Entwicklung der AIMS verwendet wurden, basierten auf den Beurteilungen von 2202 Säuglingen im Alter von weniger als 18 Monaten, die zwischen 1990 und 1992 in Alberta, Kanada, lebten.(1) Die Normwerte dieser Gruppe wurden als Mittelwert, Standardabweichung und Perzentilrang für die Gesamtpunktzahl für jeden Altersmonat sowie als Zeitnormen für die Erreichung der einzelnen Items angegeben.(7) Diese Referenzwerte und Normen mit Perzentilrängen sind im AIMS-Manual zu finden.(7)

Die Interrater- und Test-Retest-Reliabilität der ursprünglichen Skala wurde mit 0,99 angegeben.(7) Die Übereinstimmungsvalidität der ursprünglichen Skala wurde anhand der Bayley Scales of Infant and Toddler Development (BSID) und der Peabody Development Motor Scales (PDSM) überprüft. Die Übereinstimmungsvalidität mit dem BSID betrug 0,98 und mit dem PDSM 0,97.(7)

Eine Neubewertung der Skala wurde 2014 durchgeführt.(7) Die Entwicklungsnormen wurden bei 650 Säuglingen aus Alberta über einen Zeitraum von zwei Jahren untersucht.(8) Darrah et al.(8) meldete einen Korrelationskoeffizienten von 0,99 zwischen der ursprünglichen und der neu bewerteten Gruppe und kam zu dem Schluss, dass die Validität der ursprünglichen Untersuchung unverändert blieb.(8)

Die normative Entwicklung von Säuglingen in anderen Ländern wurde mit Hilfe des AIMS bewertet. Aus den Ergebnissen dieser Studien wurden bevölkerungsspezifische Normwerte für mehrere dieser Länder abgeleitet, z. B. die Niederlande,(9) Brasilien,(10)(11) Serbien,(12) Korea,(13) Griechenland,(14) Polen,(15) Spanien,(16) Thailand,(17) und Taiwan.(18)

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 1.2 1.3 1.4 1.5 Piper MC, Pinnell LE, Darrah J, Maguire T, Byrne PJ. Construction and validation of the Alberta Infant Motor Scale (AIMS). Can J Public Health. 1992; 83: 46-50.
  2. 2.0 2.1 2.2 2.3 2.4 2.5 2.6 2.7 2.8 Piper MC, Darrah J, editors. Motor assessment of the developing infant. 2nd edition. St. Louis, Missouri: Elsevier, Inc., 2022.
  3. 3.0 3.1 Darrah J, Piper M, Watt MJ. Assessment of gross motor skills of at‐risk infants: predictive validity of the Alberta Infant Motor Scale. Developmental medicine & child neurology. 1998 Jul;40(7):485-91.
  4. 4.0 4.1 Albuquerque PL, Lemos A, Guerra MQ, Eickmann SH. Accuracy of the Alberta Infant Motor Scale (AIMS) to detect developmental delay of gross motor skills in preterm infants: a systematic review. Developmental neurorehabilitation. 2015 Jan 2;18(1):15-21.
  5. Flickr. Thomas Life Crawling. Available from: https://www.flickr.com/photos/thomaslife/2839828469 (accessed 20 July 2022).
  6. Flickr. Thomas Life Cutie Pie. Available from: https://www.flickr.com/photos/thomaslife/2635755242/(accessed 20 July 2022
  7. 7.0 7.1 7.2 7.3 7.4 Eliks M, Gajewska E. The Alberta Infant Motor Scale: A tool for the assessment of motor aspects of neurodevelopment in infancy and early childhood. Frontiers in Neurology. 2022;13.
  8. 8.0 8.1 8.2 Darrah J, Bartlett D, Maguire TO, Avison WR, Lacaze‐Masmonteil T. Have infant gross motor abilities changed in 20 years? A re‐evaluation of the Alberta Infant Motor Scale normative values. Developmental Medicine & Child Neurology. 2014 Sep;56(9):877-81.
  9. van Iersel PA, la Bastide-van Gemert S, Wu YC, Hadders-Algra M. Alberta Infant Motor Scale: Cross-cultural analysis of gross motor development in Dutch and Canadian infants and introduction of Dutch norms. Early Human Development. 2020 Dec 1;151:105239.
  10. Gontijo AP, de Melo Mambrini JV, Mancini MC. Cross-country validity of the Alberta Infant Motor Scale using a Brazilian sample. Brazilian Journal of Physical Therapy. 2021 Jul 1;25(4):444-9.
  11. Valentini NC, Saccani R. Brazilian validation of the alberta infant motor scale. Physical therapy. 2012 Mar 1;92(3):440-7.
  12. Lackovic M, Nikolic D, Filimonovic D, Petronic I, Mihajlovic S, Golubovic Z, Pavicevic P, Cirovic D. Reliability, consistency and temporal stability of Alberta Infant Motor Scale in Serbian infants. Children. 2020 Mar 2;7(3):16.
  13. Ko J, Lim HK. Reliability Study of the Items of the Alberta Infant Motor Scale (AIMS) Using Kappa Analysis. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2022 Feb 4;19(3):1767.
  14. Syrengelas D, Kalampoki V, Kleisiouni P, Manta V, Mellos S, Pons R, Chrousos GP, Siahanidou T. Alberta Infant Motor Scale (AIMS) performance of greek preterm infants: comparisons with full-term infants of the same nationality and impact of prematurity-related morbidity factors. Physical therapy. 2016 Jul 1;96(7):1102-8.
  15. Eliks M, Sowińska A, Gajewska E. The Polish version of the Alberta Infant Motor Scale: cultural adaptation and validation. Frontiers in Neurology.:1504.
  16. Morales-Monforte E, Bagur-Calafat C, Suc-Lerin N, Fornaguera-Martí M, Cazorla-Sánchez E, Girabent-Farrés M. The Spanish version of the Alberta infant motor scale: validity and reliability analysis. Developmental Neurorehabilitation. 2017 Feb 17;20(2):76-82.
  17. Aimsamrarn P, Janyachareon T, Rattanathanthong K, Emasithi A, Siritaratiwat W. Cultural translation and adaptation of the Alberta Infant Motor Scale Thai version. Early Human Development. 2019 Mar 1;130:65-70.
  18. Jeng SF, Yau KI, Chen LC, Hsiao SF. Alberta infant motor scale: reliability and validity when used on preterm infants in Taiwan. Physical therapy. 2000 Feb 1;80(2):168-78.
  19. Warren McAdams, PT, DPT. Alberta Infant motor Scale (AIMS). Available from: https://youtu.be/5QTnUqdZSbA(last accessed 22/07/22)


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