Originale Autorin – Ewa Jaraczewska basierend auf dem Kurs von Micaela Weinberg
Top-Beitragende – Ewa Jaraczewska, Jess Bell und Tarina van der Stockt
Das Verständnis der Anatomie, der pathologischen Veränderungen und der Palpationstechniken der Kaumuskulatur (M. masseter, M. temporalis, Mm. pterygoideus medialis et lateralis) ist für die Untersuchung und Behandlung der temporomandibulären Dysfunktion von entscheidender Bedeutung. Eine Dysfunktion dieser Muskeln kann kompensatorische Muster hervorrufen, die über das lokale Gewebe des Kiefers hinausgehen. Auf dieser Seite werden die Verbindungen zwischen der Kaumuskulatur und verschiedenen Strukturen und Körperregionen beschrieben.
Die wichtigsten Bewegungen des Unterkiefers während des Kauens sind Absenkung (als Mundöffnung, Depression oder Abduktion bezeichnet), Anhebung (Mundschluss, Elevation oder Adduktion), Vorschieben (Protrusion oder Protraktion), Zurückziehen (Retraktion) und Seitwärtsbewegungen (Laterotrusion der einen Seite mit Mediotrusion der Gegenseite).(1)
Die Übertragungsmuster der Kaumuskulatur sind konsistent und diagnostisch bedeutsam.(2)
M. masseter: Die anterioren Fasern neigen dazu, Schmerzen eher nach oben in Richtung Stirn und Oberkiefer zu übertragen, während die posterioren Fasern Schmerzen eher in das Kiefergelenk selbst und in den Ohrbereich übertragen.(2)
M. temporalis: Der Temporalis strahlt über die Schläfe bis in die Zähne des Oberkiefers aus und kann eine bandartige Spannung über die gesamte Seite des Kopfes erzeugen. Die anterioren Fasern strahlen vor allem in die Schneidezähne und die Stirn aus, während die mittleren und posterioren Fasern die charakteristischen Schläfenkopfschmerzen verursachen.(2)
Mm. pterygoidei: Der M. pterygoideus lateralis strahlt Schmerzen in den Oberkiefer und den Bereich des Kiefergelenks aus. Er kann auch zu Gelenkgeräuschen und einer eingeschränkten Mundöffnung beitragen. Der M. pterygoideus medialis strahlt in die Zunge, den Rachen und den harten Gaumen sowie hinter das Kiefergelenk und ins Ohr aus.(2)
Einseitige Kaumuster(3) können zu einer asymmetrischen Entwicklung der Kaumuskulatur führen. Diese Muster können durch Schmerzvermeidung, Zahnprobleme(4) oder gewohnheitsmäßige Präferenzen entstehen. Die überbeanspruchte Seite hypertrophiert – die Muskelfasern verkürzen sich und verspannen, weisen zahlreiche Triggerpunkte auf und sind in ihrer Elastizität eingeschränkt.(3) Die unterbeanspruchte Seite wird oft hypotroph und schwach, mit schlechter motorischer Kontrolle und verminderter Ausdauer.(5) Diese Asymmetrie schafft mechanische Herausforderungen für ein Gelenksystem, das eine koordinierte bilaterale Funktion erfordert. Die hypertrophe Seite erzeugt eine größere Kraft und verursacht ungleiche Druckkräfte auf das Gelenk.(3) Eine Schwäche auf der anderen Seite kann zu einer Abweichung beim Öffnen und Schließen führen. Im Laufe der Zeit kann dieses Muster zu veränderten Belastungsmustern im Gelenk beitragen, die mit einer Diskusverlagerung einhergehen.
Kapseladhäsionen des Kiefergelenks erhöhen den Widerstand bei Kieferbewegungen, wodurch die Kaumuskulatur stärker beansprucht wird. Diese erhöhte Arbeitsbelastung kann zu Muskelermüdung, verminderter Kaueffizienz, Bildung von Triggerpunkten, muskulärer Hyperaktivität und schließlich zu Hypertrophie führen.(6) Masseter und Temporalis sind die primären Unterkieferheber und werden unter diesen Bedingungen der größten funktionellen Belastung ausgesetzt. Daher muss die Untersuchung der Kapselbeweglichkeit in die Befunderhebung einbezogen werden, selbst wenn die vorliegende Beschwerde rein muskulärer Natur ist.
Die Sehne des M. temporalis kann an ihrem Ansatz am Processus coronoideus eine Tendinopathie entwickeln.(7) Beim Pressen (Clenching) kontrahiert der Temporalis über einen längeren Zeitraum mit erheblicher Kraft. Diese anhaltenden isometrischen Kontraktionen erzeugen eine mechanische Belastung an der Ansatzstelle.(8) Dies kann sich in einer Verdickung der Sehne, dem Verlust der normalen fibrillären Struktur und der Bildung von Adhäsionen zwischen der Sehne und dem umgebenden Gewebe äußern.(9)
Die Kaumuskulatur ist über den M. tensor veli palatini mit der Eustachischen Röhre (Tuba auditiva) verbunden. Der M. tensor veli palatini öffnet die Eustachische Röhre beim Schlucken, Kauen und Gähnen.(10) Dieser Muskel ist über den Hamulus pterygoideus und die Raphe pterygomandibularis faszial und funktionell mit dem M pterygoideus medialis verbunden.(11) (12) Eine Hypertonizität oder Triggerpunkte im M. pterygoideus medialis können die mechanische Hebelwirkung des M. tensor veli palatini verändern und möglicherweise dessen Fähigkeit beeinträchtigen, die Eustachische Röhre effektiv zu öffnen.
Das Kiefergelenk befindet sich am oberen Ende von drei großen myofaszialen Kontinuitäten, die es mit entfernten Körperregionen verbinden. Diese faszialen Verbindungen könnten erklären, warum Dysfunktionen des Kiefers von Problemen ausgehen können, die weit entfernt von Kopf und Hals liegen, und umgekehrt zu solchen Problemen beitragen.(13)(14)
Munhoz et al.(15) erläutern, wie die posturale Stabilität auf miteinander verbundenen Muskelketten beruht, wobei lokale Haltungsänderungen dazu führen, dass sich benachbarte Muskeln verlängern oder verkürzen.
In einer weiteren Studie stellten Munhoz et al.(16) fest, dass Patienten mit schweren Symptomen einer temporomandibulären Dysfunktion eine Tendenz zu vorwärtsgerichteten Kopfhaltung und protrahierten Schultern aufwiesen.
Lee et al.(17) berichten, dass eine Abflachung des Fußgewölbes die gesamte Körperhaltung und die Aktivität in der Muskelkette, einschließlich des Masseters und Temporalis, erheblich beeinflussen kann. Sie weisen darauf hin, dass ein Plattfuß (Pes planus) die Mechanorezeptoren im Fuß stimuliert, was eine kompensatorische Kettenreaktion auslöst, die die Kopf- und Halsposition anpasst und den Körperschwerpunkt verlagert.
Ein erhöhtes Stressniveau wurde mit Kiefergelenksbeschwerden in Verbindung gebracht.(18) Dieser Zusammenhang könnte mit Veränderungen in der Funktion des vegetativen Nervensystems zusammenhängen. Sowohl temporomandibuläre Dysfunktion als auch Bruxismus (wiederholte Aktivität der Kaumuskulatur, gekennzeichnet durch Zähneknirschen oder -pressen) wurden mit einer veränderten vegetativen Regulation in Verbindung gebracht, einschließlich einer erhöhten sympathischen Aktivität und einer verminderten parasympathischen Funktion.(19)(20) Diese autonome Dysregulation könnte eine mitwirkende Rolle bei Kiefergelenksbeschwerden spielen.
Tabelle 1 beschreibt die Palpation und spezifische Weichteiltechniken für die Kaumuskeln.(9)
| Kaumuskel | Position des Patienten | Position des Therapeuten | Technik |
|---|---|---|---|
| M. masseter | Für Palpation und Mobilisation: Sitzen oder Rückenlage | Der Therapeut steht vor dem Patienten, auf der gegenüberliegenden Seite des zu untersuchenden/zu behandelnden Masseters. | Der Therapeut legt seinen Daumen im Mund des Patienten auf die Innenseite der unteren Zähne. Zeige- und Mittelfinger werden außen an der Wange über dem Massete platziert. Der Therapeut benutzt seine andere Hand, um den Kopf des Patienten zu stabilisieren. Der Masseter ist ein extraoraler Muskel und kann nicht vom Mundinneren aus palpiert werden. Zu beachten: Behandeln Sie den gesamten Muskelbauch; einige Bereiche können verdickt sein und andere können Triggerpunkte aufweisen; behandeln Sie immer das, was Sie bei der Untersuchung feststellen; behandeln Sie bis in den Unterkieferwinkel hinein. |
| M. temporalis | Für Palpation und Mobilisation: Sitzen oder Rückenlage | Der Therapeut steht auf der gegenüberliegenden Seite der zu untersuchenden/zu behandelnden Temporalissehne | Temporalissehne: Der Therapeut legt seinen Daumen in den Mund des Patienten, um mediale tiefe Querfriktionen an der Sehne im medialen Aspekt des Processus coronoideus durchzuführen. Der Therapeut verwendet die andere Hand, um den Kopf des Patienten zu stabilisieren. M. temporalis: Der Therapeut führt die Weichteiltechnik am Muskel mit Zeige- und Mittelfinger durch, während die andere Hand den Kopf des Patienten stabilisiert. Zu beachten: Dieser Muskel ist in Rückenlage leichter zu behandeln, obwohl die anterioren Fasern auch im Sitzen leicht zu erreichen sind. |
| M. pterygoideus medialis | Für Palpation und Mobilisation: Sitzen oder Rückenlage | Der Therapeut steht neben dem Kopf des Patienten | M. pterygoideus medialis: Der Patient öffnet den Mund vollständig und der Therapeut legt seinen Daumen/Zeigefinger an die Unterseite des Zungenrückens. Der Therapeut streicht mit dem Finger in Richtung der Zungenspitze des Patienten.
Raphe pterygomandibularis: Der Patient öffnet den Mund vollständig, und der Therapeut fährt mit dem Finger vertikal zwischen den oberen und unteren Backenzähnen entlang. Der Therapeut bewegt seinen Daumen entlang des gesamten Faszienbandes (von superior nach inferior). |
Die Kaumuskulatur kann als Reaktion auf mechanische Belastungen, Haltungsmuster, Atemstörungen und den Zustand des Nervensystems pathologische Veränderungen entwickeln. Sie bietet jedoch auch den Weg für positive Veränderungen. Die klinische Behandlung kann manualtherapeutische Techniken, Training der motorischen Kontrolle sowie Ansätze umfassen, die auf Einflussfaktoren wie Körperhaltung, Atemmuster und Stress abzielen. Ein multimodaler Ansatz, der den breiteren Kontext des neuromuskuloskelettalen Systems berücksichtigt, kann dazu beitragen, die Kiefergelenkfunktion und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern.