Originale Autorin – Naomi O’Reilly
Top-Beitragende – Ewa Jaraczewska, Naomi O’Reilly , Kim Jackson , Admin, Jess Bell und Stacy Schiurring
Kraftmangel ist die erste Beeinträchtigung bei Rückenmarksverletzungen, die von den meisten Physiotherapeuten erkannt wird, und kann sowohl neural induziert sein als auch bei neural intakten Muskeln auftreten. Motorische Aufgaben werden oft durch die Kraft von gelähmten, teilweise gelähmten oder nicht gelähmten Muskeln eingeschränkt. Kraftmangel kann sich wie folgt darstellen:
Nach dem Oxford Dictionary of Sport Science and Medicine ist Krafttraining jede Übung, die speziell zur Entwicklung von Kraft durchgeführt wird. Dabei wird mit Gewichten trainiert, wobei progressive Widerstandsübungen mit einer maximalen Wiederholungszahl eingesetzt werden, die eine Überlastung des Muskels gewährleistet.(1)
Krafttraining, auch als Widerstandstraining bezeichnet, kann als freiwillige Aktivierung der Muskeln gegen einen Widerstand verstanden werden. Es bezieht sich auf jede Form von Übung, bei der Sie gegen einen Widerstand heben oder ziehen, der in Form von Körpergewicht, freien Gewichten, Gerätewiderstand, Powerbands oder einer anderen externen Form von Widerstand erfolgen kann.
Krafttraining kann zahlreiche positive Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Einzelnen haben. Diese Vorteile sind die Verbesserung der Kraft und die Erhöhung der Festigkeit und Belastbarkeit von Knochen, Muskeln, Sehnen und Bändern. Infolgedessen kann das Auftreten von Sarkopenie verringert werden. Zu den weiteren Vorteilen gehören: verringertes Osteoporoserisiko und erhöhte Knochendichte, verbesserte Gelenkfunktion, erhöhter Stoffwechsel, verbesserte Fitness,(1) und eine verbesserte Herzfunktion. Krafttraining steht in direktem Zusammenhang mit der Verringerung von Schmerzen, Stress und Depressionen, was häufig zu einer geringeren Verletzungsgefahr führt. Ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurde auch durch die Reduzierung des Körperfetts, die Senkung des Blutdrucks, die Verbesserung des Cholesterinprofils und die Verringerung der Belastung des Herzens beim Heben einer bestimmten Last festgestellt. Letztendlich kann sich die Lebensqualität von Menschen mit einer Rückenmarksverletzung verbessern.
Krafttrainingsprogramme steigern schrittweise die Kraftleistung des Muskels durch progressive Erhöhung des Widerstands/Gewichts. Es sollte immer eine Reihe von Übungen (Drücken, Ziehen, Oberkörper, Unterkörper, Rumpf usw.) und Gerätetypen verwendet werden, um bestimmte Muskeln oder Muskelgruppen anzusprechen. Krafttraining ist in erster Linie eine anaerobe Aktivität, obwohl einige Befürworter es so angepasst haben, dass es durch Zirkeltraining oder hochintensives Intervalltraining die Vorteile eines aeroben Trainings bietet.
Die physiotherapeutische Behandlung richtet sich an neural intakte und teilweise gelähmte Muskeln, da bei einer vollständigen Lähmung die absteigenden motorischen Bahnen unterbrochen sind und sich die willkürliche Kraft nicht verbessern kann.
Eine Beurteilung der Muskelkraft wird in der Regel als Teil der objektiven Untersuchung eines Patienten durchgeführt, um den Physiotherapeuten bei seinem klinischen Denken zu unterstützen und ihm zu ermöglichen, einen geeigneten Zeitpunkt für den Beginn des Kraftwiederaufbaus zu bestimmen.
Es gibt manuelle, funktionelle oder mechanische Methoden zur Testung der Muskelkraft. (2)
Der manuelle Muskelkrafttest (MMT) ist eine standardisierte Reihe von Tests zur Messung der Muskelkraft und -funktion anhand spezifischer Kriterien und wird in der klinischen Praxis häufig von Physiotherapeuten eingesetzt, die mit Personen mit einer Rückenmarksverletzung arbeiten. Beim manuellen Muskelkrafttest testet der Untersucher die linke und rechte Körperhälfte. Es gibt mehrere manuelle Muskeltestsysteme. Die am häufigsten verwendeten Tests sind die folgenden:
Obwohl manuelle Muskeltests mit einigen Problemen behaftet sind, sind sie dennoch hilfreich, um neurologische Schwächen grob zu erkennen und deutliche neurologische Verschlechterungen oder Verbesserungen festzustellen. Sie werden besonders für Personen mit einer akuten Rückenmarksverletzung empfohlen, wenn die Auswirkungen von Eingriffen wie chirurgischen Dekompressionen erwartet werden, obwohl sie weniger sensibel bei der Erkennung von Kraftänderungen mit den Graden 3+, 4 und 4+/5 sein können, wo die handgehaltene Myometrie eine höhere Sensitivität aufweist. Die Ergebnisse der manuellen Muskeltests sind für alle, auch für die Patienten, leicht zu interpretieren. Manuelle Muskeltests weisen eine ausgezeichnete Interrater-Reliabilität (ICC = 0,94) und konvergente Validität auf und können leicht in die klinische Tätigkeit bei der Behandlung von Personen mit Rückenmarksverletzungen integriert werden.(3)
Lesen Sie hier über Manuelle Muskeltests für spezifische Gelenke und Bewegungen.
Das Einwiederholungsmaximum (One Repetition Maximum, kurz „1RM“) bezieht sich auf das maximale Gewicht, das ein Patient gegen die Schwerkraft über einen gesamten Bewegungsbereich heben kann. Es hilft bei der Bestimmung der Muskelkraft für Muskelgruppen mit dem Grad 4/5 oder höher. Beim Testen des 1RM wird das Gewicht so lange angepasst, bis der Patient es heben kann, aber nicht mehr als einmal, wobei zwischen den einzelnen Versuchen eine ausreichende Pause eingelegt werden muss, um Erschöpfung zu vermeiden. Bei Muskeln mit Kraftgrad 3/5 kann ein „modifiziertes“ 1RM verwendet werden, indem das Gewicht horizontal bewegt wird, anstatt ein Gewicht gegen die Schwerkraft zu heben, wobei die Extremität oft durch Gleitbrettern oder einer Aufhängung unterstützt wird.
Myometer, vorwiegend kleine, tragbare, handgehaltene Geräte, entweder mechanisch oder elektronisch, können zur Testung der isometrischen Kraft verwendet werden, die ein Maß für die Kraft, jedoch nicht für das Drehmoment darstellt. Sie bieten zwar eine objektive, quantifizierbare Methode zur Messung der Muskelkraft, doch spiegelt diese nicht unbedingt die Funktion wider. Ein Myometer kann dem manuellen Muskeltest überlegen sein, wenn es darum geht, leichte bis mittelschwere Schwächen und Veränderungen der Muskelkraft, insbesondere in den oberen Extremitäten, zu erkennen. Außerdem wird dadurch eine mögliche Voreingenommenheit des Untersuchers für verschiedene Altersgruppen und Geschlechter ausgeschlossen. Untersucher können Schwierigkeiten haben, Muskeln oder Gelenke von starken Personen zu stabilisieren. Obwohl es schwierig sein kann, die Myometrie bei kräftigeren Personen durchzuführen, insbesondere beim Testen der größeren Muskeln der unteren Extremitäten, können Myometer für Krafttests bei Personen, die Bettruhe halten, nützlich sein. Sie werden hauptsächlich bei Krafttests der oberen Extremitäten nach Rückenmarksverletzungen eingesetzt. Es gibt einige Einschränkungen für die Verwendung bei Personen mit einer Rückenmarksverletzung, da es nicht möglich ist, es bei Muskelgraden von weniger als 3/5 zu verwenden.(3)
Die handgehaltene Myometrie hat eine geringe bis hohe Interrater-Reliabilität (ICC=0,21-0,89). Diese Variabilität kann auf die fehlende Standardisierung der Ausgangsposition und der getesteten Muskeln zurückzuführen sein, zumal die Intrarater-Reliabilität hoch ist (ICC=0,93-0,99). Die Validität war gering bis hoch für Personen mit Paraplegie (Spearman’s r=0.26-0.67) und mäßig bis hoch für Personen mit Tetraplegie (Spearman’s r=0.50-0.95).(4)(5)
Ein isokinetisches Dynamometer bietet eine Verhältnis-Skala zur Messung. Darüber hinaus ermöglicht es die Berechnung des Drehmoments bei dynamischen (konzentrischen oder exzentrischen) Kontraktionen mit konstanter Winkelgeschwindigkeit. Diese Geräte können in der Anschaffung teuer sein, sind komplizierter einzustellen, wenn mehrere Muskelgruppen getestet werden sollen, und eignen sich nicht für Personen mit ausgeprägter Schwäche oder für Personen, die auf Bettruhe angewiesen sind.
Die Grundprinzipien des Krafttrainings umfassen Wiederholungen, Sätze, Tempo, Art der Übungen und Kraft, um durch Überlastung einer Muskelgruppe die gewünschten Veränderungen bei Kraft, Ausdauer oder Größe zu erreichen. Die spezifischen Kombinationen von Wiederholungen, Sätzen, Übungen, Widerstand und Kraft hängen vom Ziel der Person ab, die die Übung durchführt. Um Muskelmasse und Kraft zu gewinnen, sind mehrere (4+) Sätze mit weniger Wiederholungen und mehr Kraft erforderlich. Durch die Anpassung verschiedener Programme lassen sich unterschiedliche Ergebnisse erzielen, aber die klassische Formel, die vom American College of Sports Medicine empfohlen wird, umfasst Overload (Überlast), Häufigkeit, Intensität, Volumen und Spezifität.
Wenn das Ziel darin besteht, die Kraft der Muskeln zu steigern, sollte die Arbeitsbelastung der Person höher sein als die, der sie normalerweise ausgesetzt ist. Wenn sich der Muskel an eine bestimmte Arbeitsbelastung gewöhnt hat, sollte die Person zu einer höheren Belastung übergehen. Dieser Prozess setzt sich bei jeder Muskelanpassung fort, um eine weitere Kraftsteigerung zu stimulieren. Es sollte regelmäßig kontrolliert werden, um sicherzustellen, dass der Muskel nicht zu stark beansprucht wird, was das Risiko von Übertraining und Überlastungsschäden erhöht. Ein Beispiel ist eine Person mit einer Rückenmarksverletzung, die für ihre Mobilität auf die oberen Extremitäten angewiesen ist und weniger Gelegenheit hat, die oberen Extremitäten nach dem Krafttraining auszuruhen.
Die Frequenz bezieht sich auf die Anzahl der Trainingseinheiten pro Zeiteinheit, in der Regel über eine Woche. Die geschätzte Erholungszeit nach einer Krafttrainingseinheit scheint durch die Erholungsrate der Muskelzellen begrenzt zu sein, die länger als 24 Stunden dauert. Ein intensives Krafttraining an zwei aufeinanderfolgenden Tagen für denselben Muskel wird daher nicht empfohlen. Ein Training der Muskeln, bevor sie sich erholt haben, kann das Risiko eines Übertrainings erhöhen, während ein zu seltenes Training zu einem Untertraining führen kann und möglicherweise keine optimale Antwort hervorruft.
Im Einklang mit den neuen Leitlinien für das Training bei Rückenmarksverletzungen (Spinal Cord Injury Exercise Guidelines) sollten Erwachsene mit einer Rückenmarksverletzung zur Verbesserung der Kraft folgendes Training durchführen:
Krafttraining für jede wichtige, funktionsfähige Muskelgruppe 2 Mal pro Woche
Die Intensität bezieht sich auf die Menge des Widerstands oder der angehobenen Last. Die Borg-RPE-Skala (Ratings of Perceived Exertion Scale) ist eine Skala, die zur Bestimmung der Trainingsintensität verwendet wird. Sie wird zur Überwachung des Fortschritts und der Art des Trainings bei Patienten in der Rehabilitation und beim Ausdauertraining eingesetzt.
| Borg-RPE-Skala | Borg-CR10-Skala | ||
|---|---|---|---|
| Skalenwert | Anstrengungsgrad | Skalenwert | Anstrengungsgrad |
| 6 | Überhaupt nicht anstrengend | 0 | Überhaupt nicht anstrengend |
| 7 | Extrem leicht | 0.5 | Sehr, sehr milde |
| 8 | 1 | Sehr milde | |
| 9 | Sehr leicht | 2 | Milde |
| 10 | 3 | Mäßig | |
| 11 | Leicht | 4 | Etwas schwer |
| 12 | 5 | Schwer | |
| 13 | Etwas anstrengend | 6 | |
| 14 | 7 | Sehr schwer | |
| 15 | Anstrengend (Schwer) | 8 | |
| 16 | 9 | Sehr, sehr schwer | |
| 17 | Sehr anstrengend | 10 | Maximal |
| 18 | |||
| 19 | Extrem anstrengend | ||
| 20 | Maximale Anstrengung | ||
Auf der Borg-RPE-Skala bedeutet:
Die Empfehlungen für die Intensitätsmessung können durch unterschiedliche Widerstände, die Anzahl und Geschwindigkeit der Wiederholungen und die Pausen zwischen den Sätzen geändert werden. Im Einklang mit den neuen Leitlinien für das Training bei Rückenmarksverletzungen (Spinal Cord Injury Exercise Guidelines) sollten Erwachsene mit einer Rückenmarksverletzung zur Verbesserung der Kraft folgendes Training durchführen:
Kraftübungen für jede wichtige, funktionsfähige Muskelgruppe, mit mäßiger bis höherer Intensität
Das Volumen bezieht sich auf die Gesamtmenge der während einer Krafttrainingseinheit ausgeführten Arbeit.
Das Volumen einer einzelnen Übung wird nach folgender Formel berechnet:
Das Trainingsvolumen einer Woche ist definiert als:
Im Einklang mit den neuen Leitlinien für das Training bei Rückenmarksverletzungen (Spinal Cord Injury Exercise Guidelines) sollten Erwachsene mit einer Rückenmarksverletzung zur Verbesserung der Kraft mindestens folgendes Training durchführen:
3 Sätze Kraftübungen für jede wichtige, funktionsfähige Muskelgruppe, 2 Mal pro Woche
Die Anpassungen, die sich aus dem Training ergeben, hängen direkt mit der Art und Form des Trainings zusammen. Sie sind spezifisch für die Art und Weise, wie das Training strukturiert ist. Ein spezifischeres Training führt zu einer besseren Umsetzung in eine Leistungsverbesserung in dem Bereich, den Sie verbessern wollen. Zum Beispiel findet das Krafttraining mit einer Person mit einer Rückenmarksverletzung im Zusammenhang mit Transfers im Rahmen dieser motorischen Aufgabe statt.
Ein Training mit niedriger Wiederholungszahl ( <5 Wiederholungen) mit hohen Lasten führt zu einer signifikanten Zunahme der Kraft, aber nur zu einer minimalen Zunahme der Muskelgröße.
Ein Training mit mittlerer Wiederholungszahl (6 – 15 Wiederholungen) führt zu einer hohen Zunahme der Muskelgröße, aber zu einer geringeren Zunahme der Maximalkraft als bei niedriger Wiederholungszahl.
Ein Training mit hoher Wiederholungszahl (15 – 30 Wiederholungen) führt zu weniger Maximalkraft als ein Training mit niedrigeren Wiederholungen, aber zu größerer muskulärer Ausdauer.
Verschiedene Active-Hands-Hilfsmittel können Personen mit einer Rückenmarksverletzung dabei unterstützen, Übungen im Fitnessstudio an den Geräten durchzuführen. Nachfolgend finden Sie einige Beispiele für Trainingsgeräte und Active-Hands-Hilfsmittel:
Schauen Sie sich dieses Video an, in dem verschiedene Geräteanpassungen im Fitnessstudio für Personen mit einer Rückenmarksverletzung erklärt werden:
Die Tenodesefunktion tritt auf, wenn das Handgelenk dorsalextendiert ist und die Finger und der Daumen in die Handfläche flektiert werden. Wenn dann das Handgelenk gebeugt wird, öffnen sich die Finger und der Daumen. Diese Funktion dient der Erleichterung des Greifens bei Tetraplegikern, die das Handgelenk gegen die Schwerkraft strecken können, aber keine aktive Fingerfunktion haben (Motorisches Niveau C6). Es ist von entscheidender Bedeutung, eine Tenodesefunktion zu erlangen, um die Aufgabenausführung zu ermöglichen. Mehr über diese Funktion können Sie hier lesen.
Sehen Sie sich dieses Video an, in dem die verschiedenen Verwendungsmöglichkeiten von Greifhilfen für Menschen mit Rückenmarksverletzungen vorgestellt werden:
Zu den Vorsichtsmaßnahmen, die Personen mit einer Rückenmarksverletzung beim Training beachten müssen, gehören unter anderem die folgenden: