Die kognitive Entwicklung bezieht sich auf die Entwicklung unserer Fähigkeit, zu wissen, zu begreifen oder zu verstehen. Jean Piaget war ein berühmter Psychologe des 20. Jahrhunderts, der die kognitive Entwicklung untersuchte, und seine Erkenntnisse werden noch heute genutzt.(1) Seine Forschungen führten zu der Idee, dass die Interaktionen von Kindern ihr Wissen und ihr Verständnis für die Welt um sie herum entwickeln. Piaget teilte die kognitive Entwicklung der Kindheit in vier aufeinander folgende Phasen ein:
Piaget glaubte, dass sich alle Kinder in einem kontinuierlichen Prozess von einer Stufe zur nächsten bewegen, unabhängig von ihrer Kultur oder ihrem Umfeld.(2) Jede Stufe ist eine Voraussetzung für die nächste Stufe und es gibt einen fließenden Übergang von einer Stufe zur nächsten.(3)(4) Schließlich glaubte Piaget, dass Kinder die Stufen in unterschiedlichem Tempo durchlaufen, nachdem sie relevante Erfahrungen gemacht und den erforderlichen Reifegrad erreicht haben.(4)
Die sensomotorische Stufe ist eine Zeitspanne, in der der Säugling seine Umgebung mit Hilfe seines Hör-, Tast- und Sehsinns analysiert.(4) Seine Sinne und motorischen Fertigkeiten ermöglichen es ihm, seine Umgebung zu manipulieren. Dadurch lernt er etwas über seine Umwelt. Die sensomotorische Stufe kann in sechs Unterstufen unterteilt werden(4):
Angeborene Reflexmechanismen finden von der Geburt bis zum ersten Monat statt. Reflexe sind einfache Handlungsmuster wie Greifen, Beißen und Saugen, die im Mittelpunkt des „physischen und kognitiven Lebens“ eines Säuglings stehen.(4)
Zwischen dem 1. und 4. Lebensmonat beginnen Säuglinge, einfache Reflexe zu integrieren, indem sie einzelne, auf sich selber gerichtete Handlungsmuster koordinieren. Diese Muster werden wiederholt, weil sie für den Säugling angenehm oder interessant sind, und so entstehen Gewohnheiten. Ein Beispiel für eine wiederholte zirkuläre Reaktion, die zur Gewohnheit wird, ist das Daumenlutschen.(4)
Im Alter zwischen 4 und 8 Monaten nimmt das Interesse des Säuglings an seiner Umwelt zu. Sekundäre zirkuläre Reaktionen liegen vor, wenn sich der Fokus von der eigenen Person auf die äußere Umgebung verlagert. Ein Beispiel für eine sekundäre zirkuläre Reaktion wäre, eine Rassel in die Hand zu nehmen und sie zu schütteln.(4)
Zwischen 8 und 12 Monaten beginnt sich ein zielgerichtetes Verhalten zu entwickeln. Durch die Manipulation von Objekten lernen Säuglinge, zwischen Mittel und Zweck zu differenzieren und Objektpermanenz zu verstehen.(5)(4) Ein Beispiel für Objektpermanenz wäre, wenn ein Säugling nach einem Spielzeug greift, das hinter einem anderen Spielzeug versteckt ist, und von dessen Existenz weiß, auch ohne es zu sehen.(4)
Zwischen 12 und 18 Monaten beginnen Kinder damit, kleine Experimente durchzuführen, um etwas über ihre Umwelt zu lernen. Sie werden von den Eigenschaften der Objekte gefesselt und beginnen, Probleme mit Hilfe von Versuch und Irrtum zu lösen. Ein Beispiel für eine tertiäre zirkuläre Reaktion ist das Fallenlassen von Essen auf den Boden, um zu sehen, was passiert.(4)
Zwischen 18 Monaten und 2 Jahren beginnt das Kind, Einsicht und Kreativität zu entwickeln. In dieser Phase können mentale Vorstellungen, die Akzeptanz anderer, noch aber die Konzentration auf sich selbst, ein komplexes schematisches Verständnis und die Verinnerlichung von Bildern vergangener Ereignisse beobachtet werden. Ein Beispiel für den Beginn des Denkens wäre ein Kind, das mit einem imaginären Freund spielt.(4)
Im Alter zwischen 2 und 7 Jahren beginnt das Kind, symbolisches Denken mit mentalen Darstellungen von Ideen und Ereignissen zu verwenden. In dieser Zeit sind Kinder weniger auf sensomotorische Aktivitäten angewiesen, um ihre Umgebung zu verstehen. Die Kommunikation erfolgt über Gesten, Worte und Symbole. Ein Beispiel für die präoperationale Stufe wäre, wenn ein Kind bemerkt, dass seine Eltern die Schlüssel in die Hand nehmen und dann fragt, ob sie weggehen. In dieser Phase treten drei Hauptmerkmale auf:(4)
Das Konzept der Erhaltung (Invarianzkonzept) beschreibt das Verständnis, dass eine Menge konstant bleibt, auch wenn sich die physische Erscheinung oder Anordnung ändert. Ein Beispiel für Erhaltung ist, wenn einem Kind zwei unterschiedlich große Trinkgläser gezeigt werden. Die Milch wird aus einem kurzen breiten Glas in ein höheres dünnes Glas gegossen. Das Kind wird gefragt, ob in dem großen Glas mehr Milch ist. Wenn es mit „Nein“ antwortet, verstehen es das Konzept der Erhaltung.(4)
Zentrierung bedeutet, dass Entscheidungen auf der Grundlage eines Aspekts eines Reizes/einer Situation getroffen werden, während alle anderen Merkmale außer Acht gelassen werden. Kinder neigen dazu, sich auf ein herausragendes Merkmal/Detail in ihrem „Wahrnehmungsfeld des Sehens“ zu konzentrieren.(4) Ein Beispiel für Zentrierung wäre ein Kind, das sich auf die Anzahl der Kekse konzentriert, die jede Person bekommt, unabhängig von der Größe der einzelnen Kekse.(4)
Egozentrismus bedeutet, dass ein Kind die Ansichten anderer nicht berücksichtigt oder nicht in der Lage ist, die Welt aus der Perspektive eines anderen zu sehen. Ein Beispiel für Egozentrismus ist, wenn ein Kind, das ein älteres Geschwisterchen hat, davon ausgeht, dass alle anderen Kinder auch ältere Geschwister haben. Egozentrismus ist nicht dasselbe wie Egoismus und ist kein dauerhaftes Verhalten.(4)
Im Alter von 7 bis 12 Jahren entwickeln Kinder logisches Denken im Verhältnis zur eigenen Wahrnehmung. Sie können „dezentrieren“ – d.h. sie können sich auf mehrere Aspekte eines Reizes konzentrieren. Darüber hinaus sind sie in der Lage, das Konzept der Reversibilität (Umkehrbarkeit) zu verstehen – d.h. sie können erkennen, dass die Umwandlung eines Reizes rückgängig gemacht werden kann. Ein Beispiel für die Reversibilität wäre die Verwendung von Knetmasse, um ein dünnes Seil zu formen und es dann wieder in eine Kugelform zu bringen.(4)
Im Alter von 11 oder 12 Jahren treten Kinder in die formal-operationale Stufe ein, in der sie die Fähigkeit haben, abstrakt zu denken und zu argumentieren. Sie sind in der Lage, Probleme zu lösen und Experimente durchzuführen, indem sie deduktiv und induktiv denken.(4) Ein Beispiel für die formal-operationale Stufe ist die Fähigkeit eines Kindes, Grundrechenarten sowie das Lösen von Gleichungen zu meistern.(5)
Die Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget ist weithin erforscht und verwendet worden, hat jedoch auch ihre Kritiker. Einige Forscher sind der Meinung, dass es noch andere Faktoren gibt, die zur kognitiven Entwicklung beitragen, die nicht in seiner Theorie enthalten sind, darunter soziale und kulturelle Einflüsse.(2) Es wurde auch behauptet, dass die Piaget’schen Entwicklungsstufen nicht ausreichend verallgemeinerbar sind und dass die Fähigkeiten von Säuglingen früher als angenommen auftreten.(2)