Überblick und Einführung in die Beckengesundheit der Frau

Originale Autorin Jess Bell basierend auf dem Kurs von Ibukun Afolabi
Top-Beitragende Jess Bell, Kim Jackson, Wanda van Niekerk und Lucinda hampton

Einleitung(edit | edit source)

Bei der Einführung der Physiotherapie für die Beckengesundheit von Frauen ist es wichtig, den Unterschied zwischen einem „Physiotherapeuten für Frauengesundheit“ und einem „Physiotherapeuten für Beckengesundheit“ zu verstehen.(1)

Physiotherapeuten für die Frauengesundheit behandeln typisch weibliche Gesundheitsprobleme wie:(1)

Sie können Erkrankungen im Bereich des Beckens behandeln, müssen es aber nicht.

Physiotherapeuten für die Beckengesundheit hingegen können einen Ganzkörperansatz verfolgen, aber sie arbeiten auch direkt an den Beckenbodenstrukturen. Sie können Männer, Frauen, Kinder und diverse Geschlechter behandeln.(1)

Auf dieser Seite wird die Physiotherapie für die Beckengesundheit der Frau vorgestellt. Es wird insbesondere Folgendes untersucht:

  • Mit wem beschäftigt sich die Physiotherapie für die Beckengesundheit der Frau?
  • Warum gibt es die Physiotherapie für die Beckengesundheit der Frau?
  • Wie kann die Physiotherapie Frauen mit gesundheitlichen Problemen im Beckenbereich am besten helfen?

Mit wem beschäftigt sich die Physiotherapie für die Beckengesundheit der Frau? ( edit | edit source )

Physiotherapeuten für die Beckengesundheit von Frauen behandeln eine Reihe von klinischen Zuständen, die klassischerweise in folgende Kategorien eingeteilt werden:(1)

Diese Kategorien sind jedoch etwas willkürlich, da Frauen Beschwerden aufweisen können, die in verschiedene bzw. mehrere Bereiche gleichzeitig fallen. So würde beispielsweise eine schwangere Frau mit Vaginismus und Beckengürtelschmerzen in die Kategorien „orthopädisch, geburtshilflich, schmerzmedizinisch und gynäkologisch“ fallen. Physiotherapeuten für Beckengesundheit müssen daher die Frau als Ganzes betrachten.(1)

Frauen können aus verschiedenen Gründen eine Physiotherapie für die Beckengesundheit in Anspruch nehmen, von denen einige im Folgenden erläutert werden.

  • Harninkontinenz
    • Ein unfreiwilliger Urinverlust, von dem Millionen von Menschen auf der ganzen Welt betroffen sind(2)
  • Stuhlinkontinenz
    • Unfreiwilliger Verlust von Darmgasen, Darmschleim oder Stuhl (flüssig oder fest)
  • Obstipation
  • Reizblase und häufiger Harndrang
    • Die überaktive oder Reizblase („urgency“) wird definiert als: „Ein plötzlicher, starker, oft überwältigender Harndrang“(3)
    • Häufiger Harndrang („frequency“) ist definiert als: „Ungewöhnlich häufiges Wasserlassen“(3)
  • Verzögerte Miktion („hesitancy“) / unteraktive Blase
    • Patientinnen mit verzögerter Miktion erleben „einen langsamen Harnstrahl, Verzögerung und Anstrengung bei der Blasenentleerung, mit oder ohne dem Gefühl einer unvollständigen Blasenentleerung und Nachtröpfeln, oft mit Speichersymptomen“(4)
  • Blasenschmerzen
  • Beckenorganprolaps (Pelvic Organ Prolapse – POP)
    • Tritt auf, wenn ein oder mehrere Teile der Vagina und der Gebärmutter absinken, wodurch andere Organe in den Vaginalraum eindringen können (Zystozele, Rektozele oder Enterozele)(5)
  • Chronische Becken-, Vulva- oder Vaginalerkrankungen bei Frauen, die Folgendes umfassen:(1)
    • Polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS)
      • PCOS gilt als die häufigste hormonelle Störung bei Frauen im gebärfähigen Alter
      • Bei den Betroffenen treten mindestens zwei der folgenden Symptome auf: unregelmäßige Perioden, Hyperandrogenismus (d. h. ein hoher Androgenspiegel) und polyzystische Eierstöcke(8)
    • Dysmenorrhoe / Regelschmerzen
      • Betreffen etwa 75 Prozent der Frauen während ihres reproduktiven Lebens
      • Treten besonders häufig im Teenageralter und im frühen Erwachsenenalter auf(9)
    • Interstitielle Zystitis oder Blasenschmerzsyndrom
      • Eine chronische Erkrankung, die Schmerzen, Druck oder Beschwerden im Beckenbereich verursacht, von denen die Patientin annimmt, dass sie mit der Blase zusammenhängen
      • Zu den anderen Harnsymptomen, die mit interstitieller Zystitis in Verbindung gebracht werden, gehören anhaltender Harndrang und häufiges Wasserlassen, ohne dass eine andere Ursache / Erkrankung vorliegt(10)
    • Endometriose
      • Die häufigste Ursache für chronische beckenbezogene Schmerzen bei Frauen
      • Es handelt sich um eine komplexe Erkrankung, die mit einem „östrogenabhängigen chronischen Entzündungsprozess“ einhergeht, der vor allem die Eierstöcke und andere Strukturen des Beckens betrifft
      • Steht im Zusammenhang mit Unfruchtbarkeit(11)
    • Kokzygodynie (Coccygodynie) / Steißbeinschmerzen
      • Hat verschiedene traumatische und nicht traumatische Ursachen
      • Am häufigsten sind Frauen mittleren Alters betroffen, aber die Krankheit kann bei jeder Frau in jedem Alter auftreten(12)
    • Vulvodynie
      • Schmerzen in der Vulva, die bei sexuellen und nicht sexuellen Aktivitäten auftreten
      • Betrifft 8 bis 10 Prozent aller Frauen(13)
    • Provozierte Vestibulodynie
      • Schmerzen in der Vulva, lokalisiert im Vestibulum, die seit drei oder mehr Monaten vorhanden sind
      • Es ist keine eindeutige Ursache bekannt, aber der Schmerz wird durch Berührung und sexuelle Aktivität ausgelöst(14)
  • Probleme der sexuellen Gesundheit der Frau, einschließlich:(1)
    • Dyspareunie: Dyspareunie ist ein rezidivierender / anhaltender Schmerz im Genitalbereich, der mit dem Geschlechtsverkehr einhergeht – Dyspareunie kann sowohl bei Männern als auch bei Frauen auftreten, ist aber bei Frauen häufiger(17)
    • Primärer oder sekundärer Vaginismus: Scheidenkrämpfe verhindern die Penetration beim Geschlechtsverkehr(18)
    • Anorgasmie
    • Verminderter oder schmerzhafter Orgasmus
    • Sexuelles Trauma(19)(20)
  • Frauen im gebärfähigen Alter können mit folgenden Symptomen und Fragestellungen die Physiotherapie aufsuchen:(1)
    • Pränatale oder schwangerschaftsbedingte Probleme wie z. B.:
      • Kreuzschmerzen
      • Symphysen- oder Beckengürtelschmerzen (Pelvic Girdle Pain – PGP)
      • Vulvavarizen
        • Vulvavarizen sind erweiterte Venen (Krampfadern) in den großen und kleinen Schamlippen
        • Sie treten bei 22 bis 34 Prozent der Frauen auf, die Krampfadern des Beckens haben, und bei 18 bis 22 Prozent der Schwangeren(21)
        • Sie stehen im Zusammenhang mit venösen Thromboembolien, oberflächlicher Dyspareunie und Vulvodynie sowie psychoemotionalen und sozialen Problemen(21)
      • Ischiasschmerzen
      • Haltungsprobleme
      • Andere orthopädische Krankheitsbilder
      • Fragen der intrapartalen Versorgung – d. h. während der eigentlichen Wehen und der Geburt
      • Fragen der postpartalen Versorgung, einschließlich der Unterstützung beim Stillen
      • Rehabilitation der Bauchmuskulatur
      • Rehabilitation nach Kaiserschnitt
      • Herausforderungen im Bezug zur Fruchtbarkeit
      • Fragen zur Rückkehr zum Sport, Fitness und Bewegung
  • Frauen vor oder in den Wechseljahren
  • Frauen, die sich einer onkologischen Rehabilitation unterziehen müssen, insbesondere nach Brust- und Unterleibskrebs, können sich wegen folgenden Beschwerden vorstellen:(1)
    • Schmerzen
    • Sexuelle Dysfunktion
    • Bedarf an Bewegungstherapien
    • Lymphödeme usw.
  • Weibliche Athleten aller Altersgruppen und Sportarten, insbesondere aber solche, die mit hohen Belastungen oder Stößen verbunden sind (z. B. Laufen, Gewichtheben, CrossFit usw.)(1)
  • Vor und nach einer Operation:(1)
    • Kaiserschnitt (Sectio cesarea)
    • Hysterektomie
    • Eingriffe bei Prolaps oder Inkontinenz
    • Fistel-OPs
    • Myofasziale Dysfunktion
    • Narbenbildung und Verwachsungen
    • Schmerzen
    • Bewegungseinschränkungen
    • Schwäche etc.

Warum gibt es die Physiotherapie für die Beckengesundheit der Frau? ( edit | edit source )

Überall auf der Welt werden Frauen von Leistungserbringern, Institutionen und Gesundheitssystemen benachteiligt und am Zugang zu einer adäquaten Versorgung gehindert. Es ist bei Frauen wahrscheinlicher, dass sie abgewiesen werden, dass ihre Bedenken heruntergespielt werden oder dass es zu Verzögerungen bei einer genauen Diagnose kommt.(1)

Der Bedarf an der Gesundheitsfürsorge im Bereich der Beckengesundheit von Frauen ist groß:(1)

  • 1 von 3 Frauen lebt mit Harninkontinenz(22)
  • 1 von 8 Frauen leidet unter Stuhlinkontinenz(1)
  • Mindestens 50 Prozent der Frauen im Alter von über 50 Jahren haben einen gewissen Grad an Beckenorganprolaps(23)
  • Berichten zufolge versagen 30 bis 50 Prozent der Operationen bei Beckenorganprolaps innerhalb von 5 Jahren(1)
  • 25 bis 35 Prozent der Frauen berichten, dass die Geburt traumatisch war(24)(25)
  • 1 von 5 Frauen hat Schmerzen beim Sex(1)
  • 64 Prozent der Frauen berichten über sexuelle Funktionsstörungen im ersten Jahr nach der Entbindung(26)
  • 10 bis 15 Prozent der Frauen leben mit chronischem Beckenschmerz(1)

Diese Probleme und Erkrankungen können sich bei Frauen auswirken auf:(1)

  • Selbstvertrauen
  • Selbstbild
  • Mobilität und Kraft
  • Geistige, emotionale und körperliche Gesundheit
  • Partizipation (Teilhabe) an Aktivitäten des täglichen Lebens, Arbeit, Hobbys und sozialen Aktivitäten
  • Sexuelle Gesundheit und Freiheit
  • Beziehungen

Wie kann die Physiotherapie Frauen mit gesundheitlichen Problemen im Beckenbereich am besten helfen? ( edit | edit source )

Es gibt viele verschiedene Ansätze für die klinische Versorgung durch Physiotherapeuten und anderen Gesundheitsfachkräften. Ibukun Afolabi stellt zehn Ansätze vor, die sie in ihrer Praxis für Beckengesundheit anwendet:(1)

  1. Biopsychosozial-spirituelles Rahmenkonzept (d. h. ein ganzheitlicher und integrativer Ansatz)
  2. Ein traumainformierter Ansatz
  3. Evidenzbasierte Praxis
  4. Patientenzentrierte Versorgung – einfühlsame, auf die Patientin ausgerichtete Versorgung unter Verwendung von motivierender Gesprächsführung
  5. Präventive und proaktive Sichtweise – insbesondere während der Entbindung
  6. Kooperative Behandlung (d. h. Zusammenarbeit mit dem multidisziplinären Team)
  7. Edukativer Ansatz, einschließlich der Edukation der Patientinnen, der Gemeinschaft, anderer Gesundheitsfachkräfte und des Therapeuten
  8. Fürsprache (für Frauen, Gesundheit, Zugang, Versorgung usw. und Vermittlung von Fähigkeiten, für sich selbst einzutreten)
  9. Nutzung einer kreativen klinischen Sichtweise
  10. Demut

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.00 1.01 1.02 1.03 1.04 1.05 1.06 1.07 1.08 1.09 1.10 1.11 1.12 1.13 1.14 1.15 1.16 1.17 1.18 Afolabi I. Overview and Introduction to Women’s Pelvic Health Course. Plus , 2021.
  2. Pizzol D, Demurtas J, Celotto S, Maggi S, Smith L, Angiolelli G et al. Urinary incontinence and quality of life: a systematic review and meta-analysis. Aging Clin Exp Res. 2021;33(1):25-35.
  3. 3.0 3.1 Wrenn K. Dysuria, Frequency, and Urgency. In: Walker HK, Hall WD, Hurst JW, editors. Clinical Methods: The History, Physical, and Laboratory Examinations. 3rd edition. Boston: Butterworths; 1990. Chapter 181. Available from: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK291/
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