Implementierungswissenschaft

Originaler Autor Lucio Naccarella
Top-Beitragende Robin Tacchetti, Tarina van der Stockt und Kim Jackson

Einleitung(edit | edit source)

Der Bedarf an Rehabilitationsleistungen in den Gesundheitssystemen hat zugenommen, und damit auch der Wunsch, eine evidenzbasierte Praxis (EBP) einzuführen.(1) Fachkräfte in der Rehabilitation nutzen die evidenzbasierte Praxis (EBP), wenn sie Interventionsentscheidungen auf der Grundlage der besten verfügbaren Evidenz treffen.(2) Es ist eine weit verbreitete Überzeugung unter den Angehörigen der Gesundheitsberufe, dass es von entscheidender Bedeutung ist, zu wissen, warum, was und wie eine Intervention in verschiedenen Kontexten funktioniert.(1) Ein Schlüsselfaktor der EBP ist die Einbeziehung des Patienten in den Entscheidungsprozess. Familiäre Normen, Traditionen, Kulturen und persönliche Überzeugungen sollten bei der Wahl der Intervention eine Rolle spielen. Die Forschung belegt, dass die EBP bei Beteiligung der Patienten bessere Ergebnisse erzielt.(2) Neben der Patientenbeteiligung müssen die Praktiker auch die Kosten, die Ressourcen in der Gemeinschaft und die Art des Gesundheitssystems berücksichtigen.(2)

Herausforderungen bei der Umsetzung der EBP ( edit | edit source )

Die Evidenz über Rehabilitationsinterventionen (Rehabilitationsmaßnahmen) nimmt täglich zu. Prinzipien und Richtlinien für Rehabilitationsinterventionen sind in zunehmendem Maße verfügbar, wie z. B:

  1. NHS Commissioning Guidance for Rehabilitation
  2. World Health Organization Package of Rehabilitation Interventions Information Sheet(1)

Trotz der Fülle an Informationen ist die Umsetzung (Implementierung) dieser Erkenntnisse in die Praxis ein langsamer Prozess, insbesondere in Ländern mit unterem mittleren Einkommen.(1) Die Umsetzung von der klinischen Forschung in die klinische Praxis kann zwischen 10 und 20 Jahren dauern.(3) Einige der Barrieren, die diese Verzögerung verursachen, sind im Folgenden aufgeführt:

  • Patientenpräferenz für eine Intervention;
  • Zeitliche Anforderungen der Angehörigen der Gesundheitsberufe;
  • Kentnisse und Fertigkeiten der Praktiker;
  • Vertrauen der Praktiker;
  • Glaube der Angehörigen der Gesundheitsberufe an die Intervention;
  • Klinische Studien lassen sich möglicherweise nicht auf das klinische Umfeld übertragen;
  • Ressourcen der Gesundheitseinrichtung;
  • Informationsüberflutung durch Angehörige der Gesundheitsberufe;
  • Institutionelle Unterstützung.(3) (4)

In Ländern mit unterem mittleren Einkommen (lower-middle income countries – LIMCs) ist der Bedarf an qualitativ hochwertigen Interventionen höher, die Kapazitäten zur Implementierung sind jedoch viel geringer als in ressourcenreichen Ländern.(5) Grimmer et al. (2019)(6) hat die Herausforderungen beschrieben, denen sich Länder mit unterem mittleren Einkommen bei der Umsetzung von EBP gegenübersehen, die im Folgenden beschrieben werden.

Herausforderungen auf Systemebene ( edit | edit source )

  • Begrenztes Bewusstsein und Verständnis für evidenzbasierte Rehabilitationsmaßnahmen
  • Begrenzte Quantifizierung der bestehenden Rehabilitationsdienste, der Arbeitskräfte und der Nutzung der Dienste
  • Mangel an spezifischer Regierungspolitik, strategischer Planung, Gesetzgebung und Finanzierung für Rehabilitationsdienste auf allen Ebenen des Gesundheitssystems (primär, sekundär und akut)(6)

Herausforderungen auf der Ebene der Gesundheitsdienstleister ( edit | edit source )

  • Fehlender Auftrag zur Bereitstellung evidenzbasierter Rehabilitationsmaßnahmen
  • Begrenzte Anzahl und Fähigkeiten (Bewusstsein, Fertigkeiten) von Rehabilitationsfachkräften für die Behandlung, konkurrierende Prioritäten und hohe Arbeitsbelastung
  • Mangelnde Koordinierung zwischen den Dienstleistern
  • Hohe Kostenerstattungen für nicht evidenzbasierte Rehabilitationsmaßnahmen(6)

Herausforderungen auf Patientenebene ( edit | edit source )

  • Logistik der Rehabilitationsleistungen
  • Erschwinglichkeit von Rehabilitationsleistungen
  • Wissen und Einstellung zu Interventionen
  • Gesundheitsprobleme oder krankheitsspezifische Faktoren(6)

Implementierungswissenschaft ( edit | edit source )

Ohne einen detaillierten Implementierungsplan dauert es durchschnittlich 17 Jahre, bis Forschungsergebnisse in die klinische Routine einfließen.(4) Diese enorme Verzögerung führte zur Entwicklung der Implementierungswissenschaft, die den Prozess der Verbreitung von Gesundheitsinformationen und deren Übernahme in die klinische Praxis untersucht.(1)(4) (7)(8) Die Implementierungswissenschaft besteht aus vielen verschiedenen Ebenen, und die folgenden Begriffe beschreiben jede Komponente:

  1. Implementierungsforschung: ein weit gefasster Begriff, der sich nicht nur auf die Leistungserbringer, sondern auch auf die organisatorische und politische Ebene der Gesundheitsversorgung bezieht(7)
  2. Implementierungspraxis: Leiter in Rehabilitationsdiensten setzen evidenzbasierte Forschung um und passen sie an verschiedene Kontexte und Umgebungen an(1)
  3. Implementierungsstrategien: Wie kann die Umsetzung, Annahme und Nachhaltigkeit der EBP gestärkt werden?
  4. „Implementation Facilitation“: Unterstützung, Begleitung und Anleitung der Rehabilitationsberufe bei der Erkennung und Bewältigung von Implementierungsproblemen und der Nutzung positiver Ergebnisse(1)
  5. Implementierungsergebnis: Auswirkungen der Übernahme der neuen Interventionen in die Praxis(1)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Implementierungswissenschaft mit der Übernahme und Umsetzung der evidenzbasierten Praxis (EBP) befasst. Strategisch wird die „geringerwertige“ Versorgung abgebaut und gleichzeitig werden wirksame, evidenzbasierte Interventionen ausgeweitet.(1)

Rahmenkonzepte für die Implementierung ( edit | edit source )

Im Zuge des Wachstums der Implementierungswissenschaft wurden zahlreiche Rahmenkonzepte („frameworks“) entwickelt, die Wege für die Umsetzung aufzeigen. Rahmenkonzepte verdeutlichen die zentralen Konstrukte jedes Schritts und jeder Phase und machen sie für alle an der Implementierung Beteiligten zugänglich. Das Ziel von Rahmenkonzepten ist es, Disziplinen zusammenzubringen und Erkenntnisse aus verschiedenen Ansätzen zu kombinieren. (9)

Im Folgenden finden Sie eine Auswahl verschiedener Implementierungsrahmen und deren Links, die nach ihrem Ziel kategorisiert sind:

Rahmenkonzepte mit dem Schwerpunkt: Welche Schritte müssen zur Umsetzung einer neuen evidenzbasierten Intervention unternommen werden?

  1. EPIS Framework
  2. Knowledge-to-Action-Cycle
  3. Getting to Outcomes Model

Rahmenkonzepte mit dem Schwerpunkt: Welche Unterschiede gäbe es bei der Implementierung einer neuen evidenzbasierten Intervention?

  1. Consolidated Framework for Implementation Research (CFIR)
  2. Theoretical Domains Framework
  3. Integrating Promoting Action on Research Implementation in Health Services (I=PARIHS)

Rahmenkonzept mit dem Schwerpunkt: Wie kann man Veränderungen herbeiführen?

  1. Normalisation Process Theory

Rahmenkonzepte mit dem Schwerpunkt: Welche Auswirkungen haben die Implementierungsstrategien?

  1. RE-AIM – die Abkürzung steht für „Reach, Effectiveness, Adoption, Implementation and Maintenance“
  2. Precede-Proceed Model of Health Program Planning & Evaluation
  3. Consolidated Framework for Implementation Research (CFIR)

Viele dieser verschiedenen Rahmenkonzepte werden nicht isoliert, sondern häufig zusammen verwendet.(1)

Mentalität der „Implementation Facilitation“ ( edit | edit source )

„Implementation Facilitation“ (etwa: Implementierungsbegleitung, -orientierung und -beratung) ist ein mehrstufiger Prozess, der die Prä-Implementierung, die Implementierung und das „Sustainment“ (etwa: Erhaltung) umfasst. „Facilitators“ (etwa: Begleiter, Fazilitatoren, Förderer) halten sich bei der Implementierung von EBP an drei Schlüsselfaktoren:

  1. Intervention: bedeutet das Programm oder die Praxis, die sie einführen, erweitern oder verbreiten wollen; Fragen, die sie berücksichtigen: Gibt es überzeugende Evidenz für die Intervention? Hat diese Intervention einen Vorteil?
  2. Kontext: bedeutet das Umfeld, das die Umsetzung entweder erleichtert oder erschwert; Fragen, die sie berücksichtigen: Gibt es eine Bereitschaft und Offenheit für Veränderungen, um diese neue Intervention umzusetzen? Wird diese neue Intervention von der oberen Führungsebene und der Organisationsleitung unterstützt?
  3. Beteiligte („stakeholders“): Wer sind die wichtigsten Akteure bei der Implementierung der Intervention (politische Entscheidungsträger, Organisationsmanager oder Fachkräfte der Rehabilitation an vorderster Front)? Welche Kenntnisse, Fähigkeiten und Überzeugungen sind bei den Beteiligten vorhanden? Welche Ressourcen und Zeit sind bei den Beteiligten verfügbar?

Zusammenfassung(edit | edit source)

„Implementation Facilitation“ beschreibt, wie man die Implementierungswissenschaft betreibt und dabei Barrieren identifiziert und Lösungen schafft, um eine unterstützende, nachhaltige, evidenzbasierte klinische Praxis oder Programme zu entwickeln.(1)

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.00 1.01 1.02 1.03 1.04 1.05 1.06 1.07 1.08 1.09 1.10 Naccarella, L. Implementation Science Course. Physioplus. 2022
  2. 2.0 2.1 2.2 Portney LG. Foundations of clinical research: applications to evidence-based practice. FA Davis; 2020 Jan 16.
  3. 3.0 3.1 Novak I, te Velde A, Hines A, Stanton E, Mc Namara M, Paton MC, Finch-Edmondson M, Morgan C. Rehabilitation Evidence-Based Decision-Making: The READ Model. Frontiers in Rehabilitation Sciences. 2021:51.
  4. 4.0 4.1 4.2 Lynch EA, Chesworth BM, Connell LA. Iimplementation—The missing link in the research translation pipeline: is it any wonder no one ever implements evidence-based practice? Neurorehabilitation and neural repair. 2018 Sep;32(9):751-61.
  5. Yapa HM, Bärnighausen T. Implementation science in resource-poor countries and communities. Implementation Science. 2018 Dec;13(1):1-3.
  6. 6.0 6.1 6.2 6.3 Grimmer et al (2019). A South African experience in applying the Adopt–Contextualise–Adapt framework to stroke rehabilitation clinical practice guidelines. Health Research Policy and Systems;17(1):1-14.
  7. 7.0 7.1 Bauer MS, Damschroder L, Hagedorn H, Smith J, Kilbourne AM. An introduction to implementation science for the non-specialist. BMC psychology. 2015 Dec;3(1):1-2.
  8. Cabassa LJ, Baumann AA. A two-way street: bridging implementation science and cultural adaptations of mental health treatments. Implementation Science. 2013 Dec;8(1):1-4.
  9. Huybrechts I, Declercq A, Verté E, Raeymaeckers P, Anthierens S. The building blocks of implementation frameworks and models in primary care: a narrative review. Frontiers in Public Health. 2021;9.


Berufliche Entwicklung in Ihrer Sprache

Schließen Sie sich unserer internationalen Gemeinschaft an und nehmen Sie an Online-Kursen für alle Rehabilitationsfachleute teil.

Verfügbare Kurse anzeigen