Originaler Autor – Zafer Altunbazel
Top-Beitragende – Naomi O’Reilly und Jess Bell
Fallstudie von Herrn A. nach Flucht und Folter
Herr A. leidet unter anhaltenden und starken Schmerzen in der Schulter und hat erhebliche Schlafstörungen, nachdem er in seinem Heimatland inhaftiert war und dort gefoltert wurde. Unter anderem wurde er geschlagen und die Treppe hinuntergestoßen.
Flüchtlinge, Inhaftierung, Folter, anhaltende Schmerzen, Schlafstörung, Diabetes, Bluthochdruck
Herr A. wurde wegen Schmerzen und starken Einschränkungen in seiner rechten Schulter zur Rehabilitation überwiesen. Er wurde vor 5 Jahren in seinem Heimatland inhaftiert und in dieser Zeit misshandelt. Er wurde geschlagen und von der Treppe heruntergestoßen, fiel mehrmals auf die Schultern. In den folgenden Monaten nach der Haft konnte er keine Behandlung für seine Schulter erhalten und die körperlichen Beschwerden wurden von Tag zu Tag schlimmer. Er wurde wegen seiner Schulterschmerzen immer mehr behindert.
Er gibt an, dass bei ihm eine Gastritis, Bluthochdruck und Diabetes diagnostiziert wurden und er leicht übergewichtig ist. Er gibt auch an, dass er unter Schlafstörungen leidet, da er starke Schmerzen verspürt, wenn er auf seiner Schulter liegt.
Die körperliche Untersuchung ergab eine deutliche Einschränkung des aktiven und passiven Bewegungsausmaßes und eine Schwäche in der rechten Schulter. Er hielt seinen Arm und seine Schulter in einer konstanten Schonhaltung und der gesamte Schulterbereich war druckempfindlich in der Palpation. Aufgrund der Überreaktion auf die Palpation und die manuellen Tests konnte keine angemessene Untersuchung vorgenommen werden. Die aktive Flexionselevation der Schulter betrug nur 40 Grad und es war ein starkes Knirschen während der Bewegung zu hören.
Er hatte generell positive Erwartungen an die Physiotherapie. Er hatte jedoch große Angst, seinen Arm zu bewegen, weil er Schmerzen fürchtete. Sein CSI-Wert (Central Sensitization Inventory) lag unter dem klinischen Schwellenwert, aber er zeigte hohe Werte in Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI) und in der Tampa-Skala für Kinesiophobie (TSK). Um die klinische Situation besser verstehen zu können, wurde eine MRT-Untersuchung durchgeführt, die Muskel-Sehnen-Risse am M. supraspinatus und an der langen Bizepssehne sowie eine Hill-Sachs-Läsion am Humeruskopf zeigte.
In Anbetracht der bei der Untersuchung gesammelten Informationen kann man sagen, dass Herr A. zwar erhebliche strukturelle Schäden und damit verbundene nozizeptive Impulse aufweist, seine übertriebene Reaktion auf Palpation und Bewegung aber nicht im Verhältnis zu seinen Verletzungen stehen. Offenbar ist der Hauptgrund für seine Behinderung die Angst vor Schmerzen und Bewegung. Daher ist es wichtig, zunächst die kognitiven und verhaltensbezogenen Faktoren zu behandeln, bevor man eine Verbesserung der nozizeptiven Faktoren erwarten kann. Außerdem weist er wichtige Komorbiditäten wie Schlafstörungen, Diabetes und Bluthochdruck auf, die die Gewebeheilung behindern und die Schmerzschwelle senken. Deshalb sollten diese Probleme auch gezielt angegangen werden.