Originale Autorin – Mariam Hashem
Top-Beitragende – Mariam Hashem, Kim Jackson, Tarina van der Stockt, Lucinda hampton und Ewa Jaraczewska
Tiefe Gesäßschmerzen (engl. „deep gluteal pain“) sind ein komplexes Krankheitsbild, das Ausdruck verschiedener Weichteilpathologien sein kann. Aufgrund der Komplexität der Anatomie überschneiden sich die Symptome. Bildgebende Verfahren wie MRT und Ultraschall schließen die störende Schmerzquelle nicht aus, und spezielle Tests können die zugrunde liegenden Strukturen, die zu den Symptomen beitragen, oft nicht differenzieren.(1)
Die gluteale Tendinopathie ist eine mögliche Ursache für tiefe Gesäßschmerzen. Die Erkrankung wurde erst vor kurzem in der Forschung als Konzept eingeführt, im Vergleich zu anderen Strukturen, die Gesäßschmerzen verursachen können, wie das Iliosakralgelenk (ISG) und der Bereich der Lendenwirbelsäule.
Die gluteale Tendinopathie, früher bekannt als Trochanter-Major-Schmerzsyndrom, ist die häufigste Tendinopathie der unteren Extremität.(2) Sie äußert sich durch einen Schmerz, der im Bereich des Trochanter major beginnt und bis zum lateralen Oberschenkel und/oder Unterschenkel ausstrahlen kann. Ein Trochanterschmerz wird in erster Linie durch die glutealen Sehnen verursacht. Eine sekundäre Ursache dieses Schmerzes ist die Schleimbeutelentzündung (Bursitis), die früher als Hauptursache für den Schmerz angesehen wurde. Andere Strukturen, die an der Pathologie beteiligt sein könnten, sind die posteriore Hüftkapsel, die Mm. gemelli und die Mm. obturatores.(1) Patienten mit glutealer Tendinopathie haben nachweislich hohe Angstwerte, und viele der Patienten haben fast den ganzen Tag über Schmerzen.(3)
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M. gemellus inferior |
M. obturator internus |
M. obturator externus |
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Diese Erkrankung hat erhebliche Auswirkungen auf die Schlafqualität, die körperliche Aktivität, die Teilnahme am Arbeitsleben und die Lebensqualität, ähnlich wie bei Patienten, die wegen schwerer Hüftarthrose auf einen Hüftgelenkersatz warten.(4)(5) Schmerzen, die von den glutealen Sehnen ausgehen, können in die Iliosakralregion, das Gesäß, die Leiste und den anterioren Oberschenkel ausstrahlen. Diese Überschneidung der Schmerzmuster macht es umso schwieriger, andere Pathologien zu differenzieren.
Die gluteale Tendinopathie gewinnt an Bedeutung bei Frauen über 40 Jahren. Es wird angenommen, dass sie bei 23,5 % der Frauen auftritt, die ein Risiko für Kniearthrose aufweisen.(6) Bei 73 % der Patienten mit glutealer Tendinopathie wird angenommen, dass sie entweder menopausal oder perimenopausal sind, was auf einen Zusammenhang zwischen hormonellen Veränderungen und Tendinopathiehinweist. Auch bestimmte Medikamente beeinflussen nachweislich die strukturellen Veränderungen der Sehnen, wie z.B. Chinolon-Antibiotika oder Östrogen-Inhibitoren wie Tamoxifen bei Patientinnen nach Brustkrebs.(1)
Die meisten Menschen warten 7,1 Wochen bis 4,4 Jahre, bevor sie wegen ihrer Symptome medizinische Hilfe aufsuchen. (7)
Andere Faktoren, die sich auf das Inzidenz und die Prognose der glutealen Tendinopathie auswirken, sind:
Risikofaktoren sind:(9)
Faktoren wie höhere psychische Belastung, schlechtere Lebensqualität, größerer Taillenumfang und ein höherer BMI waren in schweren Fällen relevant. Diese Faktoren können sich zwar auch als Folge der Schmerzen entwickeln,(12) in den meisten Fällen ist jedoch die Pathologie ein Vorläufer der Schmerzen bei Tendinopathie. Aus der Literatur geht hervor, dass bei Menschen mit asymptomatischer Tendinopathie emotionale und kognitive Risikofaktoren wie Angst und maladaptive Schmerzüberzeugungen, die zu Angst-Vermeidung führen, das Risiko der Schmerzentwicklung erhöhen.(10)
Auch Depressionen wurden als wichtige Komponente des Patientenprofils von Patienten mit schwerer glutealer Tendinopathie identifiziert. Dies legt nahe, dass Kliniker bei Patienten mit Tendinopathien der unteren Extremität auf psychische Probleme oder das Vorliegen einer möglichen Depression achten sollten, um diese Beschwerden besser behandeln zu können.
Andere Faktoren wie Kinesiophobie und Katastrophisierung wurden bei der glutealen Tendinopathie mit einer erhöhten Symptomschwere in Verbindung gebracht.(3) Das bedeutet, dass Therapeuten sich dessen bewusst sein sollten. Ein Screening hinsichtlich kognitiv-emotionaler Faktoren ist sinnvoll, um die Symptome der Patienten besser einschätzen und sie bei Bedarf entsprechend überweisen zu können. (3)
Der genaue Mechanismus, wie diese Faktoren die Entwicklung einer Tendinopathie beeinflussen, ist noch weitgehend unbekannt.(10) Lesen Sie den jüngsten Artikel von Mallarias und O’Neil (2020), um mehr über die aktuellen Überlegungen zu diesem Einfluss zu erfahren.
Wichtige Elemente der Befunderhebung zur Diagnose der glutealen Tendinopathie sind:(1)
Um eine Koxarthrose (Hüftarthrose) auszuschließen, werden die subjektive Untersuchung des Patienten und der FADIR-Test (Flexion-Adduktion-Innenrotation) verwendet. Ein positiver FADIR-Test schließt eine Arthrose möglicherweise nicht vollständig aus, aber ein negativer Test wird anerkannt, um intraartikuläre Hüftpathologien wie Arthrose, femoroazetabuläres Impingement oder Labrumrisse auszuschließen. Außerdem ist bei Hüftarthrose das Bewegungsausmaß der Flexion tendenziell reduziert.
Die Mm. gemelli, Mm. obturatores und der M. quadratus femoris sowie die dazugehörigen Schleimbeutel wurden in der Literatur als mögliche Quelle für laterale Hüftschmerzen beschrieben.(13) Sie sind im 90-Grad-Winkel zur Längsachse der Hüfte angeordnet und erfüllen wichtige Funktionen in der Gelenkstabilität:(1)
Die Patientenedukation gilt als der wichtigste Teil des Managements der glutealen Tendinopathie.(1) Die Edukation bezieht den Patienten in das Management ein und gibt ihm die Kontrolle über seinen Behandlungsplan.
Das Management von begleitenden oder auslösenden Faktoren wie hormonellen Veränderungen, Komorbiditäten, Schlaf, Rauchen und Medikamenten sollte erklärt und mit dem Patienten besprochen werden. Obwohl einige dieser Faktoren möglicherweise nicht veränderbar sind, sollten sich die Patienten ihrer bewusst sein.(14)
Die Förderung einer gesunden Lebensweise, wie z.B. Raucherentwöhnung und Gewichtsabnahme, ist ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung der Tendinopathie.(15)
Das Belastungsmanagement wird bei der Behandlung von Tendinopathien eingesetzt, indem die Belastung der Sehne sanft erhöht wird und das Szenario des „Wochenendkämpfers“, d.h.die Abwechslung von Phasen ohne Belastung mit Phasen sehr hoher Belastung, vermieden wird.
Menschen mit glutealer Tendinopathie weisen eine übermäßige Hüftadduktion auf.(1) Adduktion oder Bewegungen des Beins über die Mittellinie sollten jedoch vermieden werden, um die Reizung der beteiligten Strukturen zu verringern. Dies kann dadurch erreicht werden, dass Folgendes vermieden wird:(1)
Der Visa-G Score wurde von Fearon et al.(9) als Ergebnismessung für Behinderungen aufgrund von lateralen Hüftschmerzen validiert. Der Fragebogen befasst sich mit Aktivitäten wie dem Liegen auf der betroffenen Seite, dem Treppensteigen und dem allgemeinen Schweregrad der Hüftschmerzen.
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In der folgenden Tabelle finden Sie verschiedene Übungen für jede Phase der Rehabilitation. Bitte beachten Sie, dass dies nur ein grober Leitfaden ist. Sie müssen Ihr klinisches Reasoning einsetzen, wenn Sie ein individuelles Übungsprogramm für Ihren Patienten gestalten.
| Woche/Phase | Übungstyp | Beispiele | Belastung |
|---|---|---|---|
| Woche 1 / Frühphase | Isometrische Abduktion; Isometrische Extension | Im Stehen oder Liegen, gegen die Wand; Brücke (Beckenheben) mit Widerstand gegen die Abduktion; Im Stehen oder Liegen, gegen die Wand, in Rückenlage in einen Ball | Geringe Anstrengung. Steigern Sie den Widerstand langsam bis zu einer Schmerzgrenze von 4/10. 30-45 Sekunden halten. 5-8 Wiederholungen. 1-2 Sätze über den Tag verteilt. |
| Woche 2 | Isotonisch in Seitenlage gegen die Schwerkraft; Abduktion / Außenrotation Motorische Kontrolle |
Modifizierte Clamshell mit einem Fitnessband zur Erhöhung des Widerstands; Bilateral. Beginnen Sie mit leichtem Widerstand M. gluteus maximus – Extension der Hüfte mit abgelegtem Oberkörper (optimale Aktivierung) |
Mäßige Anstrengung. 8-12 Wiederholungen. 2 Sätze einmal täglich; Leichte Anstrengung für die Aktivierung des M. gluteus maximus vor den Hamstrings oder den Rückenstreckern mit 10 Sekunden Haltezeit |
| Woche 3 | Neuroplastisches Training; Brücke mit steigernder Belastung | „Feuerhydrant“ (Beinheben zur Seite im Vierfüßlerstand) – als Steigerung Widerstand hinzufügen; Off-set Bridge (Brücke mit versetzten Füßen), Single-Leg Bridge (Einbeinige Brücke), Hip Drop Bridge (Brücke mit Absinken des Beckens) | Isometrische Übungen: 35-60 Sekunden lang halten. 1 Satz mit 6-8 Wiederholungen. Isotonische Übungen: 8-12 Wiederholungen. 2 Sätze mit 30s Pause zwischen den Sätzen. |
| Woche 4-6 | Erhöhen Sie die Belastung, indem Sie eine hohe funktionelle Belastung mit schwerem, langsamem Widerstand einbauen | Abduction Slides (Gleiten in die Abduktion); Propriozeption; funktionelle Belastung; Bird Dog (diagonales Anheben im Vierfüßlerstand); Lateral Step Down (seitliches Abwärtssteigen) |
Progressionen. Erhöhen Sie den Widerstand. 8-12 Wiederholungen, 3 Sätze. 3-4 mal wöchentlich. Absetzen der modifizierten Clamshell und der Extension der Hüfte mit abgelegtem Oberkörper |
| Woche 6-12 / Spätphase | Erhöhen Sie die Belastung. Sportartspezifische Übungen | Single Leg Squat (einbeinige Kniebeuge); Lunges nach hinten auf dem Ball; Kontralateraler Split Squat; Step Up |
Erhöhen Sie das Gewicht – langsamer und schwerer Widerstand. Reduzieren Sie die Wiederholungen, wenn Sie das Gewicht erhöhen. 8-12 Wiederholungen. 3 Sätze. 3-4 Mal wöchentlich |
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Statische Extension der Hüfte |
Hüftabduktion mit Widerstand |
Abduction Slides |
|---|---|---|
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Single Leg Squat |
Split Squat |
Abduktion in Seitenlage |
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Brücke mit statischer Hüftabduktion |
Modifizierte Clamshell |
M. gluteus maximus – Optimale Aktivierung |
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Brücke mit Absinken des Beckens |
Bird Dog mit Widerstand |
Statische Hüftabduktion |
Nichtsteroidale Antirheumatika (NSARs)
Einige Studien zeigen, dass orale und topische NSARs (für 6 Wochen) bei der Behandlung der chronischen Tendinopathie eine Rolle spielen können.(8)
Extrakorporale Stosswellentherapie (ESWT)
Die ESWT hat sich beim Trochanter-Major-Schmerzsyndrom als wirksam erwiesen. Der genaue Mechanismus der Wirkung ist jedoch unklar. Die Evidenz ist darüber hinaus begrenzt.
Die niederenergetische ESWT scheint nach 4 Monaten wirksamer zu sein als eine Kortisoninjektion. Die bei der ESWT angewendeten Protokolle variieren sowohl in der Praxis als auch in der Forschung und konnten in einer Literaturübersicht von Reid (2016) nicht verglichen werden. (8)
Kortikosteroid-Injektionen
In einer Studie in Serbien bei Patienten mit trochantärer Bursitis/Trochanter-Major-Schmerzsyndrom (n = 2.217, 6 Jahre Follow-up) zeigte sich, dass eine lokale Kortisoninjektion in Kombination mit multimodaler Physiotherapie bei 49 % der Patienten wirksam war. Kortison allein führte zu einer Verbesserung bei 39 % der Probanden.(18) Einige Studien zeigen eine frühe Verbesserung nach der Injektion, die bis zu 3 Monate anhält, mit einem Höhepunkt nach 6 Wochen. Längerfristig scheinen die Symptome jedoch zurückzukehren.(8)
Ein operativer Eingriff kann notwendig sein, wenn trotz längerer konservativer Behandlung keine Besserung eintritt. Unter den chirurgischen Optionen stehen Bursektomie, Traktusrelease, Trochanter-Reduktionsosteotomie, Rekonstruktion der Glutealsehnen oder eine Kombination davon. Die Evidenz zu chirurgischen Verfahren beim Trochanter-Major-Schmerzsyndrom ist von geringer Qualität.(8) In letzter Zeit treten endoskopische Verfahren in diesem Bereich anstelle offener Methoden vermehrt in den Vordergrund. (8)
Eine Fallserie von 11 Patienten zeigte, dass ein endoskopisches Traktusrelease einschließlich einer Bursektomie erfolgreich war. Dies wurde bei Patienten durchgeführt, die sich nach 1 Jahr konservativer Behandlung mit Dehnungen, Kräftigung der Abduktoren, mindestens eine Kortisoninjektion und/oder ESWT nicht verbessert hatten. (19)