Definition des Entscheidungsmodells der evidenzbasierten Praxis
Die evidenzbasierte Praxis (EBP) wurde in den frühen 1990er Jahren als evidenzbasierte Medizin (EBM) eingeführt.(1) Dieses „neue Paradigma“ betraf zunächst die Praxis der klinischen Medizin. Ziel war es, einen transparenten und rationalen Prozess für die klinische Entscheidungsfindung zu entwickeln und voranzutreiben, der sich nicht ausschließlich auf Intuition und einzelne klinische Fachkenntnisse stützt, und der von allen Klinikern gelehrt, verfeinert und angewendet werden kann.(2) Seitdem wurden verschiedene Modelle und Rahmenkonzepte für das Gesundheitswesen vorgeschlagen, die nicht nur für die Medizin gelten.(3)
Überarbeitetes Modell der evidenzbasierten Praxis ( edit | edit source )
Um mehr über die ersten EBP-Modelle von Sackett et al.(4) und Haynes et al.(5) zu erfahren, lesen Sie hier weiter: Introduction and Overview of Evidence Based Practice.
Im Jahr 2009 entwickelten Satterfield et al.(2) das Modell der evidenzbasierten Praxis weiter und versahen es mit einer transdisziplinären Perspektive, indem sie die Bemühungen der einzelnen Fachrichtungen zur Behebung von Defiziten und zur Erzielung von Fortschritten hinzufügten. Ziel war es, eine gemeinsame Sprache für alle Fachrichtungen zu finden. Dieses Modell hatte einen neuen externen Rahmen, der einen Umwelt- und Organisationskontext lieferte.(2) Die drei inneren Säulen dieses Modells umfassten:(2)
- die beste verfügbare wissenschaftliche Evidenz
- Merkmale, Zustand, Bedürfnisse, Werte und Vorlieben des Patienten oder der Patientengruppe
- Ressourcen und die Expertise des Praktikers
Im Mittelpunkt dieses EBP-Modells stand die klinische Entscheidungsfindung.(2)
Wenn Sie mehr über das Modell von Satterfield et al. erfahren möchten,(2) lesen Sie bitte: Toward a Transdisciplinary Model of Evidence-Based Practice. Abbildung 5 in diesem Artikel zeigt eine schematische Darstellung des Modells.
Schritte der evidenzbasierten Praxis ( edit | edit source )
Diese Schritte sind zwar chronologisch nummeriert, treten aber nicht immer in derselben Reihenfolge auf. Es kann oft notwendig sein, einige Schritte zurückzugehen, bevor man wieder vorwärts kommt. Bitte bedenken Sie dies bei der Anwendung des EBP-Modells in Ihrem spezifischen Umfeld.
- Schritt 1: Ermittlung der Bedürfnisse des Patienten zur Formulierung einer klinischen Frage
- Schritt 2: Auffinden der Wissensressourcen
- Schritt 3: Bewertung der Qualität der Wissensressourcen
- Schritt 4: Erörterung der Optionen mit dem Patienten
- Schritt 5: Formulierung des Behandlungsplans
- Schritt 6: Umsetzung des Behandlungsplans
- Schritt 7: Bewertung der Wirksamkeit des Behandlungsplans und des Prozesses der evidenzbasierten Praxis
–
Die 5 A’s der evidenzbasierten Praxis ( edit | edit source )
Die Schritte der evidenzbasierten Praxis werden oft auch als die „5 A’s“ bezeichnet. Diese Begriffe und die Schritte der evidenzbasierten Praxis sind in Tabelle 1 ausführlich beschrieben. Bitte beachten Sie, dass in einigen Texten eine andere Terminologie verwendet wird (diese Begriffe sind in Klammern angegeben)(6)(7):
- Ask (Fragen) – Formulieren einer Fragestellung
- Acquire/Access (Auffinden) – Suchen nach Evidenz
- Appraise (Bewerten) – Bewerten der Evidenz
- Apply (Anwenden) – Anwenden der Evidenz
- Assess/Audit (Evaluieren) – Evaluieren im klinischen Einzelfall
Tabelle 1. Die Schritte der evidenzbasierten Praxis
| Schritte der evidenzbasierten Praxis |
Beschreibung der Schritte |
Welches A? |
| Ermittlung der Bedürfnisse des Patienten, um eine klinische Frage zu formulieren |
- Gründliche Befunderhebung – Patientenbefragung, Anamnese, körperliche Untersuchung unter Berücksichtigung der Bedürfnisse, Werte, des Umfelds, der Vorlieben und Überzeugungen des Patienten
- Diese Informationen werden verwendet, um die klinische Frage zu formulieren, die im Rahmen des klinischen Entscheidungsprozesses zu beantworten ist
|
Ask |
| Auffinden der Wissensressourcen |
- Erstellung einer Suchstrategie, welche Datenbanken und welche Art von Ressourcen verwendet werden
|
Acquire |
| Bewertung der Qualität der Wissensressourcen |
- Klinische Checklisten
- Methodische Qualitätsbewertungen
|
Appraise |
| Erörterung der Optionen mit dem Patienten |
- Interaktive Diskussion mit dem Patienten
- Diese drei Schritte sind eng miteinander verknüpft, und es kann vorkommen, dass Sie zwischen diesen Schritten auf und ab gehen müssen
|
Apply |
| Formulierung des Behandlungsplans |
| Umsetzung des Behandlungsplans |
| Bewertung der Wirksamkeit des Behandlungsplans und des Prozesses der evidenzbasierten Praxis |
- Überarbeitung
- Überprüfung
- Reflexion
|
Assess |
Gemeinsame Terminologien ( edit | edit source )
Tabelle 2 enthält eine Liste von Begriffen, die in der evidenzbasierten Praxis häufig verwendet werden.
Tabelle 2. Gemeinsame Terminologie im Zusammenhang mit der evidenzbasierten Praxis
| Begriff |
Definition |
| Empirisch gestützte Behandlungen (Empirically Supported Treatment – EST) |
„Behandlungen oder Interventionen, deren Wirksamkeit oder Effektivität durch eine bestimmte Art von Forschung unterstützt wird“ bei einer bestimmten Erkrankung/Zustand/Population(8) |
| Bewährte Verfahren (Best Practice – BP) |
„Strategien, Ansätze oder Aktivitäten, die sich (durch Forschung und Evaluierung) als wirksam, effizient, nachhaltig und/oder übertragbar erwiesen haben und zuverlässig zu einem gewünschten Ergebnis führen“(9) |
| Forschungsbasierte Praxis (Research-informed Practice) |
Entscheidungsfindung durch die „gewissenhafte, ausdrückliche und umsichtige Verwendung der besten verfügbaren Evidenz aus verschiedenen Quellen, um die Wahrscheinlichkeit eines günstigen Ergebnisses zu erhöhen.“(10) Die Vorlieben und Werte des Patienten, der Kontext und die klinische Expertise werden dabei nicht berücksichtigt. |
Anwendungen der evidenzbasierten Praxis ( edit | edit source )
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das EBP-Modell in der Gesundheitsversorgung anzuwenden. Einige Beispiele für klinische Fragen, die Sie in Betracht ziehen könnten, sind in Tabelle 3 aufgeführt.
Tabelle 3. Beispiele für klinische Fragen, die bei der Anwendung der evidenzbasierten Praxis verwendet werden
| Frage |
Was lässt sich damit feststellen? |
| Wie häufig ist das Problem? |
Inzidenz oder Prävalenz |
| Ist der diagnostische Test oder der Überwachungstest genau? |
Diagnose |
| Was passiert, wenn keine Therapie stattfindet? |
Prognose |
| Ist diese Maßnahme/Intervention hilfreich? |
Vorteile der Behandlung |
| Was sind die häufigsten Schäden? oder Was sind die seltenen Schäden einer bestimmten Behandlung? |
Nachteile der Behandlung |
| Kann dieser Test bei der Früherkennung einer bestimmten Krankheit helfen? |
Anwendung eines Screenings |
Sie können die folgenden Dokumente des Oxford Centre for Evidence Based Medicine herunterladen. Diese Dokumente sind bei der Umsetzung einer evidenzbasierten Praxis sehr nützlich.
Herausforderungen der evidenzbasierten Praxis ( edit | edit source )
- Zeitmangel für die Suche nach der besten verfügbaren Evidenz und deren Anwendung – dies ist häufig auf die hohe Patientenzahl zurückzuführen(14)
- Mangel an klinisch relevanter Forschung bzw. Forschung guter Qualität für viele Erkrankungen und Szenarien(15)
- Schwierigkeit, in der großen Masse an Informationen die richtigen Ressourcen zu finden(15)
- Schwieriger Zugang zu den Ressourcen(16)
- Mangel an administrativer Unterstützung(14)
- Fehlende Fertigkeiten/Training/Schulung im Bereich der kritischen Bewertung(14)
- Nicht genügend Vorbilder, die regelmäßig die evidenzbasierte Praxis anwenden; Organisationen, die keine Kultur der evidenzbasierten Praxis fördern(17)
Vorteile der evidenzbasierten Praxis ( edit | edit source )
- Sie bietet den sichersten und objektivsten Weg, um gleichbleibend hohe Qualitäts- und Sicherheitsstandards in der medizinischen Praxis zu bestimmen und aufrechtzuerhalten(7)
- Sie kann dazu beitragen, den Prozess der Übertragung von Ergebnissen der klinischen Forschung in die Praxis zu beschleunigen
- Sie hat das Potenzial, die Gesundheitskosten erheblich zu senken(18)(19)
- Sie kann die Ergebnisse der Patienten verbessern(19)
- Sie erhöht die Eigenverantwortung und die Rollenzufriedenheit der Gesundheitsdienstleister(7)
- Sie entspricht den Erwartungen einer informierten Öffentlichkeit(7)(20)
- ↑ Evidence-Based Medicine Working Group. Evidence-based medicine. A new approach to teaching the practice of medicine. JAMA. 1992 Nov 4;268(17):2420-5.
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- ↑ Jeremy Howick, Iain Chalmers, Paul Glasziou, Trish Greenhalgh, Carl Heneghan, Alessandro Liberati, Ivan Moschetti, Bob Phillips, and Hazel Thornton. “The 2011 Oxford CEBM Levels of Evidence (Introductory Document)”. Oxford Centre for Evidence-Based Medicine. https://www.cebm.ox.ac.uk/resources/levels-of-evidence/ocebm-levels-of-evidence
- ↑ Jeremy Howick, Iain Chalmers, Paul Glasziou, Trish Greenhalgh, Carl Heneghan, Alessandro Liberati, Ivan Moschetti, Bob Phillips, and Hazel Thornton. “Explanation of the 2011 Oxford Centre for Evidence-Based Medicine (OCEBM) Levels of Evidence (Background Document)”. Oxford Centre for Evidence-Based Medicine. https://www.cebm.ox.ac.uk/resources/levels-of-evidence/ocebm-levels-of-eviden
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