Evidenzbasierte Praxis und Patientenbedürfnisse

Originale Autorin Wanda van Niekerk basierend auf dem Kurs von Benita Olivier

Top-BeitragendeWanda van Niekerk und Jess Bell

Einleitung(edit | edit source)

Der erste Schritt des Modells der evidenzbasierten Praxis (EBP-Modell) besteht darin, die Bedürfnisse des Patienten zu ermitteln und eine klinische Frage zu formulieren. Dieser Schritt beinhaltet die Befunderhebung des Patienten und die Ermittlung des Ausmaßes seines Problems, seiner Werte und Überzeugungen sowie seines spezifischen Umfelds und seiner Vorlieben. All diese Informationen sind bei der Formulierung der klinischen Frage von Nutzen. Dieser Schritt korreliert mit der „Ask“-Komponente (Fragen) der 5 A’s der evidenzbasierten Praxis.

Weitere Informationen zu den Schritten der evidenzbasierten Praxis finden Sie unter: Definition des Entscheidungsmodells der evidenzbasierten Praxis.

Gesprächsprinzipien ( edit | edit source )

  • Patientenzentrierung
    • Patientenzentrierung wird definiert als: „Eine Gesundheitsversorgung, die eine Partnerschaft zwischen Klinikern, Patienten und ihren Familien herstellt…, um sicherzustellen, dass Entscheidungen die Wünsche, Bedürfnisse und Präferenzen der Patienten respektieren und dass die Patienten die Edukation und Unterstützung erhalten, die sie brauchen, um Entscheidungen zu treffen und an ihrer eigenen Versorgung teilzunehmen.“(1)
    • Patientenzentrierung ist positiv verbunden mit(2):
      • Patientenzufriedenheit
      • Wohlbefinden;
      • Adhärenz (Therapietreue)
      • Gesundheitsverhalten
      • Wissen über medizinische Probleme und Genesungsraten
    • Eine Interviewstudie über die Sichtweise von Patienten zur Patientenzentrierung ergab, dass die folgenden Bereiche für Patienten am wichtigsten sind:(2)
      • ernst genommen werden
      • eine kompetente und einfühlsame Behandlung bekommen
      • in außergewöhnlichen Fällen als Individuum anerkannt werden
      • genügend Zeit für die Behandlung haben
      • rechtzeitiger Zugang zur Versorgung
    • Hier können Sie mehr über die patientenzentrierte Versorgung lesen
  • Nonverbale Kommunikation
    • Dazu gehören Aspekte wie:(3)
      • Blickkontakt
      • Haltung,
      • Tonfall
      • Kopfnicken
      • Gesten
      • Haltungspositionen
    • In Fällen, in denen sich verbale und nonverbale Botschaften widersprechen, überwiegt die nonverbale Kommunikation in der Regel die verbale Botschaft. Empathie und Emotionen werden durch nonverbale Kommunikation deutlicher vermittelt als durch verbale. Daher ist eine gute nonverbale Kommunikation ein wesentlicher, oft übersehener Teil des medizinischen Gesprächs. Empathie wird durch Wärme, Freundlichkeit und Beruhigung ausgedrückt. Sie wurde mit einer höheren Patientenzufriedenheit und besseren Genesungsraten und damit auch mit besseren Gesundheitsergebnissen in Verbindung gebracht.(3)
    • Lesen Sie mehr über Modi der Kommunikation
  • Umfang der Informationen
    • Vermeiden Sie eine Informationsflut – mehr Informationen sind nicht immer besser, denn Patienten können zwischen 40 und 80 % der medizinischen Informationen, die sie erhalten, vergessen.
    • Wenn dem Patienten zu wenig Informationen zur Verfügung gestellt werden, sinkt die Zufriedenheit des Patienten.
  • Adhärenz zur Beratung und Behandlung
    • Adhärenz ist definiert als: „das Ausmaß, in dem sich eine Person an die vereinbarten Empfehlungen eines Gesundheitsdienstleisters hält“.(4)
    • Zu den Faktoren, die die Adhärenz der Patienten beeinflussen können, gehören:(5)
      • Motivationsgrad
      • Selbstdisziplin
      • Akzeptanz bestimmter Behandlungen
      • wahrgenommene Wirksamkeit der Behandlung
      • Überzeugungen und Haltungen
      • kultureller Hintergrund
      • kommunikative Aspekte
      • Kommunikationsfertigkeiten von Angehörigen der Gesundheitsberufe
      • Motivation der Angehörigen der Gesundheitsberufe zur Stärkung der Selbstwirksamkeit der Patienten
      • Beziehung zwischen Angehörigen der Gesundheitsberufe und Patienten
      • Berufserfahrung der Angehörigen der Gesundheitsberufe
  • Sorgen der Patienten
    • Wenn Patienten die Möglichkeit haben, über ihre gesundheitlichen Sorgen zu sprechen, verringert sich der emotionale Stress, und die Symptome lassen sich besser behandeln. Patienten, die ihre Sorgen in einer sicheren Umgebung mitteilen können, fühlen sich gehört, geschätzt und haben mehr Hoffnung. Es führt auch dazu, dass der Patient unschätzbare Informationen über seine Erfahrungen mit seiner Krankheit oder Verletzung preisgibt.(6)

All diese Prinzipien führen zu einer besseren Beziehung zu Ihrem Patienten. Sie schaffen auch Vertrauen. Vertrauen trägt dazu bei, dass sich ein Patient sicher und wohl genug fühlt, um Ihnen die Informationen zu geben, die Sie benötigen, um eine genaue klinische Frage zu formulieren. Gesundheitsdienstleister können auf folgende Weise Vertrauen aufbauen:(7)

  • effektive Kommunikation
  • sich um ihre Patienten kümmern
  • die eigene Kompetenz nachweisen

Subjektive Untersuchung ( edit | edit source )

Stellen Sie eine offene Frage: „Was hat Sie dazu bewogen, mich heute aufzusuchen?“ oder „Möchten Sie mir zunächst ein wenig über Ihr (Problem) erzählen?“(8)

Tabelle 1 gibt einen Überblick über einige der Fragen, die im Rahmen der subjektiven Untersuchung gestellt werden können.(9) Beachten Sie, dass diese Fragen je nach Fachgebiet unterschiedlich sein können.

Tabelle 1. Überblick über die Überlegungen bei der subjektiven Untersuchung (nach Petty’s Musculoskeletal Examination and Assessment(9))
Kontext und Perspektive des Patienten
  • Lassen Sie den Patienten in seinen eigenen Worten erklären, warum er bei Ihnen ist
  • Was sind seine Erwartungen, Überzeugungen und Ziele?
  • Wie wirken sich seine Erfahrungen auf seine Lebensqualität aus?
  • Alter des Patienten, Lebensstil (zu Hause und am Arbeitsplatz), Freizeitaktivitäten
  • Grad der körperlichen Aktivität
Symptome
  • Bereich der aktuellen Symptome
  • Beschreibung der Symptome
  • Verteilung der Symptome
  • Qualität der Symptome
  • Intensität der Symptome
  • Abnormale Empfindungen
  • Beziehung zwischen den Symptomen
Verhalten der Symptome
  • Wie wirkt sich das Problem auf die täglichen Aktivitäten aus (funktionelle Einschränkungen)?
  • Verschlimmernde Faktoren (was verschlechtert die Beschwerden oder löst sie aus?)
  • Verbessernde Faktoren (was erleichtert die Beschwerden?)
  • Bewältigungsstrategien
  • Beurteilung der Schwere und Irritierbarkeit des Problems
  • 24-Stunden-Verhalten der Symptome
  • Risikofaktoren für Chronifizierung
Vorgeschichte des aktuellen Problems
  • Wie sind die Symptome entstanden?
  • Wann haben die Symptome begonnen?
  • Wie verhielten sich die Symptome im Laufe der Zeit?
  • Haben Sie in der Vergangenheit bereits etwas Ähnliches erlebt?
  • Wie war die Reaktion auf frühere Behandlungen?
  • Welche Behandlungen wurden bereits durchgeführt?
Familiäre und sozioökonomische Anamnese
  • Arbeit und Beschäftigung
  • Angehörige
  • Wohnsituation
  • Aktivitäten des täglichen Lebens
  • Lebensstilentscheidungen
Fragen zum medizinischen Screening / spezielle Fragen Zu beachtende Red Flags:

  • Allgemeiner Gesundheitszustand
  • Ungeklärter Gewichtsverlust
  • Medikamente
  • Steroidgebrauch (Langzeit-Kortisontherapie)
  • Symptome der Rückenmarkskompression (beidseitige Schwäche oder beidseitige Parästhesien)
  • Symptome der Cauda-Equina-Kompression (Reithosenanästhesie, Inkontinenz oder Harnverhalt)
  • Einzelheiten zu etwaigen bildgebenden Verfahren (MRT, Röntgenaufnahmen usw.)

Andere medizinische Erkrankungen, nach denen zu fragen ist (DEARTH)

  • Diabetes
  • Epilepsie
  • Arthrose
  • Respiratorische Erkrankungen
  • (Thyroid) Anomalien der Schilddrüse
  • Hypertonie (Bluthochdruck)

Zu beachtende Yellow Flags:

  • Einstellungen und Überzeugungen des Patienten zum Thema Schmerz
  • Verhalten des Patienten bei Schmerzen
  • Entschädigungs- und Kompensationsfragen
  • Frühere Diagnosen und Behandlungen und wie der Patient über den Prozess denkt
  • Gefühle und Emotionen
  • Unterstützung der Familie
  • Einfluss auf die Arbeit

** Yellow Flags („Gelbe Flaggen“) sind psychosoziale Faktoren, die das Risiko der Entwicklung chronischer Schmerzen erhöhen können

Erwartungen des Patienten
  • Was erhofft sich der Patient von der Behandlung?

Körperliche Untersuchung ( edit | edit source )

Ein kurzer Überblick über die körperliche Untersuchung ist in Tabelle 2 dargestellt. Beachten Sie, dass dies für die verschiedenen Gesundheitsberufe unterschiedlich sein wird.

Tabelle 2. Überblick über eine physiotherapeutische körperliche Untersuchung (nach Petty’s Musculoskeletal Examination and Assessment(9))
Inspektion:
  • Haltung
  • Muskelmasse
  • Muskeltonus
  • Weichteile
  • Gait
  • Funktion
  • Bewegungsbereitschaft
  • Reaktion des Patienten
  • Schonhaltungen
Bewegungstests
  • Bewegungsausmaß
    • Aktive physiologische Bewegung
      • Aktive Bewegungen
      • Kann sich anpassen – wiederholte Bewegungen, anhaltende Positionen, funktionelle oder kombinierte Positionen, Bewegungsgeschwindigkeit
    • Passive physiologische Bewegungen
      • Passive physiologische akzessorische Bewegungen
      • Passive physiologische Zwischenwirbelbewegungen
Gelenkbelastungstests Ligamentäre Belastungstests (Stresstests)
Muskeltests
  • Länge
  • Kraft
  • Kontrolle
Nerventests
  • Neurologische Tests
  • Neurodynamische Tests
Spezielle Tests Gefäße
Palpation
  • Weichteilgewebe
  • Knochen
  • Gelenk
  • Ligament
  • Muskel
  • Sehne
  • Nerv
Gelenktests Akzessorische Bewegungen zum Testen des Gleitens / Bewegungen in verschiedene Richtungen

Formulierung der klinischen Frage ( edit | edit source )

Wenn Sie alle relevanten Informationen durch die subjektive und körperliche Untersuchung und das klinische Reasoning gesammelt haben, können Sie eine klinische Frage formulieren. Das PICOT-Schema für klinische Fragestellungen ist ein nützliches Instrument.(10)(11) Es hilft bei Folgendem:

  • Formulierung einer Frage, die sich auf ein wesentliches Problem für einen Patienten oder eine Population bezieht
  • Ermittlung wichtiger Begriffe, die bei der Suche nach Evidenz zu verwenden sind
  • Filtern und Auswählen von Ergebnissen, die sich auf das gewünschte Thema beziehen

Die verschiedenen Komponenten dieses Modells sind:

Tabelle 3. PICO(T)-Schema
P Patient, Population, Problem
  • spezifische Merkmale des Patienten oder der Bevölkerungsgruppe
I Intervention (Therapie)
  • Behandlungsansatz
  • Bedingungen, Parameter
C Comparison (Vergleich, Kontrolle)
  • Hauptalternativen zu einer bestimmten Maßnahme
  • Gruppe, Behandlung oder Test, mit dem die Intervention verglichen wird
O Outcome (Zielgröße)
  • gemessenes Ergebnis
  • z. B. Lebensqualität, Funktions-Scores
T Typ – Art der Interventionsfrage; Art der Behandlung; Art der Studien; Time (Zeit)
  • Typ
    • Diagnose
    • Ätiologie
    • Prognose
    • Prävention
    • Behandlung
  • Time (Zeit)
    • Zeitraum oder Dauer der Wirkung

Mehr über das PICOT-Schema können Sie hier lesen.

(12)

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

  1. Edgman-Levitan S, Schoenbaum SC. Patient-centered care: achieving higher quality by designing care through the patient’s eyes. Israel Journal of Health Policy Research. 2021 Dec;10:1-5.
  2. 2.0 2.1 Zeh S, Christalle E, Zill JM, Härter M, Block A, Scholl I. What do patients expect? Assessing patient-centredness from the patients’ perspective: an interview study. BMJ open. 2021 Jul 1;11(7):e047810.
  3. 3.0 3.1 Vogel, D., Meyer, M., Harendza, S., 2018. Verbal and non-verbal communication skills including empathy during history taking of undergraduate medical students. BMC Med. Educ. 18, 157.
  4. WHO. World Health Organisation. Adherence to Long Term Therapies – Evidence for Action. WHO Library Cataloguing-in-Publication Data. 2003.
  5. Alt A, Luomajoki H, Luedtke K. Which aspects facilitate the adherence of patients with low back pain to physiotherapy? A Delphi study. BMC Musculoskeletal Disorders. 2023 Jul 27;24(1):615.
  6. Drossman DA, Chang L, Deutsch JK, Ford AC, Halpert A, Kroenke K, Nurko S, Ruddy J, Snyder J, Sperber A. A review of the evidence and recommendations on communication skills and the patient–provider relationship: a Rome foundation working team report. Gastroenterology. 2021 Nov 1;161(5):1670-88.
  7. Greene J, Ramos C. A mixed methods examination of health care provider behaviors that build patients’ trust. Patient Education and Counseling. 2021 May 1;104(5):1222-8.
  8. Chester EC, Robinson NC, Roberts LC. Opening clinical encounters in an adult musculoskeletal setting. Manual Therapy. 2014 Aug 1;19(4):306-10.
  9. 9.0 9.1 9.2 Ryder D, Barnard K, editors. Petty’s Musculoskeletal Examination and Assessment, Edition 6: A Handbook for Therapists. Elsevier Health Sciences; 2023.
  10. Herbert R, Jamtvedt G, Hagen KB, Elkins MR. Practical Evidence-Based Physiotherapy. Elsevier Health Sciences; 2022.
  11. Hoffmann T, Bennett S, Del Mar C. Evidence-based practice across the health professions. Elsevier Health Sciences; 2023.
  12. Binghamton University Libraries. PICO: A Model for Evidence Based Research. Available from https://www.youtube.com/watch?app=desktop&v=IHVO4FC2_Is (last accessed 6 November 2023)


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