Die tiefe Region des Gesäßes hat eine komplizierte Anatomie und ist in der Literatur noch nicht eingehend erforscht worden.(1)
Tiefe Gesäßschmerzen können durch Kompression, Entzündung oder Verletzung einer oder mehrerer Strukturen in diesem Bereich entstehen.(2) Schmerzsymptome und Funktionsstörungen in diesem Bereich können Ausdruck verschiedener Erkrankungen sein, wie z.B. eine Dysfunktion des Iliosakralgelenks (ISG), gluteale Tendinopathie, lumbale Radikulopathie und Piriformis-Syndrom. In der neueren Literatur wurde die Beteiligung verschiedener Strukturen an der Entstehung der Symptome untersucht.(3)
Das tiefe gluteale Schmerzsyndrom wird definiert als Schmerz oder Taubheitsgefühl im Gesäß,(4) der Hüfte oder des hinteren Oberschenkels mit ausstrahlenden oder radikulären Schmerzen im Verteilungsmuster des N. ischiadicus.(5) Dieses Krankheitsbild ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:(6)
Das tiefe gluteale Schmerzsyndrom ist ein Sammelbegriff für verschiedene Erkrankungen mit ähnlichen und sich überschneidenden Symptomen.(3)
Symptome des tiefen glutealen Schmerzsyndroms:(5)
Der tiefe Gesäßraum hat eine einzigartige Anatomie. Das Verständnis seiner Begrenzungen und Kontakte hilft dem Kliniker bei der Verbesserung seiner Palpationsfähigkeiten sowie bei der Diagnose der Symptome und der Präsentation des Patienten.
Der tiefe Gesäßraum wird begrenzt durch:
Die „tiefen Sechs“ sind wichtige Strukturen, die unter dem M. gluteus maximus und dem M. gluteus medius liegen. Die „tiefen Sechs“ sind der M. piriformis, der M. gemellus superior, M. obturator internus, M. obturator externus,(9) M. gemellus inferior und M. quadratus femoris(10). Der M. piriformis und der M. quadratus femoris sind am einfachsten zu palpieren.(5)
Der N. ischiadicus liegt über dem Gemelli-Obturator-Internus-Komplex.(11) Danach verläuft er lateral zum Ursprung des M. biceps femoris am Tuber ischiadicum. Er wird medial durch das Tuber ischiadicum und lateral durch den Trochanter minor femoris begrenzt.
Der N. ischiadicus kann unter dem M. piriformis eingeklemmt werden.(12)
Die Kinematik des Nervs ist ein entscheidender Aspekt der Pathophysiologie von Engpasssyndromen.(8) Der N. ischiadicus gleitet über den posterioren Rand des Trochanter major, wenn sich die Hüfte in tiefe Flexion, Abduktion und Außenrotation bewegt. Außerdem können der Ursprung des M. semimembranosus und der posteriore Rand des Trochanter major in der vollständig flektierten, abduzierten und außenrotierten Position in Kontakt kommen.(5) Bei Flexion des Knies bewegt sich der Nerv nach posterolateral, während er in der Extension tiefer in seinen Tunnel gleitet.(13)
Das Lig. sacrotuberale entspringt am Tuber ischiadicum und setzt am Kreuzbein (Os sacrum) und am Steißbein (Os coccygis) an, während das Lig. sacrospinale im 90-Grad-Winkel dazu verläuft, tiefer liegt und an der Spina ischiadica ansetzt. Die Dicke dieser Bänder kann zu einer Einklemmung des N. pudendus führen, die oft als Alcock-Kanal-Syndrom bezeichnet wird.(5) Dieses Engpasssyndrom ist relativ unbekannt und wird oft mit anderen Beckenbodenerkrankungen fehldiagnostiziert.(14)
Zusätzlich zu den Gesäßschmerzen können Symptome der Pudendusneuralgie auftreten, darunter sexuelle Dysfunktion, rektale Schmerzen, Stuhlinkontinenz und Harninkontinenz. Eine Einklemmung des N. pudendus kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Diese Art der Einklemmung kommt öfter bei Radfahrern vor und wird durch langes Sitzen, insbesondere auf einem harten Fahrradsattel, oder durch einen kürzlichen Wechsel des Sattels ausgelöst. Normalerweise verschlimmern sich die Symptome durch das Sitzen. Es wird jedoch berichtet, dass das Sitzen auf dem Toilettensitz die Schmerzen lindert, da der Druck auf den Nerv nachlässt.
Nach Hüftoperationen, insbesondere nach einer Hüfttotalendoprothese (Hüft-TEP), klagen einige Patienten über Schmerzen im hinteren Oberschenkel und im Gesäß, insbesondere bei Extension und Adduktion der Hüfte.(5) Ischiofemorale Schmerzen sind eine seltene Ursache für Hüftschmerzen, die erstmals in 1977 bei drei Patienten nach einer Hüft-TEP und einer proximalen femoralen Osteotomie beschrieben wurden.(15)
Der ischiofemorale Raum ist ein sehr kleiner Bereich zwischen Tuber ischiadicum und Trochanter minor. Ein verspannter/verdickter M. quadratus femoris(16) und/oder eine Entzündung wie eine Schleimbeutelentzündung können zu einer Verengung und dem Impingement der nozizeptiven Strukturen in dieser Region führen. Eine Studie brachte die Symptome mit dem verkürzten Abstand zwischen den knöchernen Rändern des Sitzbeins und des Femurs in Verbindung, der in axialen MRT-Sequenzen gemessen wurde.(17)
Bild: M. quadratus femoris
Symptome:
Die Befunde der körperlichen Untersuchung sind für die Diagnose des Ischiofemoralen Impingements nicht aussagekräftig. Die Kombination aus passiver Extension, Adduktion und Außenrotation der Hüfte kann jedoch verwendet werden, um die Symptome zu provozieren.(19)
Der Long Stride Walking Test (Gehen mit großen Schritten) hat eine Sensitivität von 92 % und eine Spezifität von 82 %.(20)
Der Ursprung der ischiokruralen Muskulatur (oder Hamstrings) liegt am Tuber ischiadicum, ganz in der Nähe des N. ischiadicus. Eine proximale Hamstring-Tendinopathie tritt häufig bei Langstreckenläufern und Athleten auf, die Aktivitäten in der Sagittalebene (z. B. Sprinten, Hürdenlauf) oder Richtungswechsel (z. B. bei Fußball- und Hockeyübungen) ausführen.(22)
Zeichen und Symptome:(5)
Die Schmerzen können mit Belastungstests reproduziert werden, in denen die proximalen Sehnen der ischiokruralen Muskulatur einer progressiv zunehmenden Druck- und Zugbelastung ausgesetzt werden (durch Vergrößerung des Flexionswinkels):(22)
Einbeinige Brücke mit gebeugtem Knie:
Eine Pathologie der Lendenwirbelsäule sollte zuerst ausgeschlossen werden. Die körperliche Untersuchung umfasst die Palpation, Tests des Beckengürtels und des Iliosakralgelenks, Tests wie den Marsch-/Gillet-Test und den aSLR-Test (aktiver Straight Leg Raise).
Patienten mit einer Einklemmung des N. ischiadicus berichten häufig von traumatischen Ereignissen, Schmerzen beim Sitzen, radikulären Beinschmerzen und Parästhesien(26)
Ein positiver Marsch- oder aSLR-Test deutet auf eine schlechte motorische Kontrolle und eine mangelhafte Lastübertragung hin, aber keiner von beiden kann die pathologische Struktur differenzieren.(5)
Um eine Hüftarthrose auszuschließen, werden das gesamte Bewegungsausmaß und der FADIR-Test verwendet. Ein negativer FADIR-Test kann eine intraartikuläre Pathologie ausschließen, wie z.B. einen Labrumschaden oder eine Hüftarthrose.(5)
Ein positiver FABER-Test löst Symptome des N. ischiadicus aus, wenn der Nerv in dieser Position über den hinteren Rand des Trochanter major gleitet.(5) Der gleiche Test kann auf eine gluteale Tendinopathie hinweisen, wenn der Schmerz am Trochanter major angegeben wird. Wenn der Patient hingegen tiefe Gesäßschmerzen verspürt, handelt es sich wahrscheinlich um eine Kompression oder Reizung im Bereich des M. piriformis oder einer der „tiefen Sechs“.
Patienten mit einem tiefen glutealen Schmerzsyndrom können veränderte Nervenleitfähigkeitstests, veränderte Reflexe, motorische Schwäche(30) und Sensibilitätsstörungen aufweisen, die es schwierig machen, die Lendenwirbelsäule von den Strukturen im Gesäß zu differenzieren.(5)
Die Kombination des Dehnungstests des M. piriformis im Sitzen mit dem aktiven Piriformis-Test hat eine Sensitivität von 91 % und eine Spezifität von 80 % für die Einklemmung des N. ischiadicus ergeben (Referenzbefund: endoskopische Untersuchung).(31)
Palpationsfertigkeiten können nützlich sein, um die Lokalisation des Schmerzes und die Beschaffenheit der Weichteile zu differenzieren.(5) Verwenden Sie das Tuber ischiadicum als Referenzpunkt, während Sie versuchen, die Schmerzen des Patienten durch Palpation zu reproduzieren, um die wahrscheinliche Quelle der Symptome zu verstehen.(34)
Die folgende Tabelle ordnet den Pathologien mit tiefen Gesäßschmerzen ihre wahrscheinlichsten bzw. typischsten Symptome zu:(5)
| Erkrankung | Symptome |
|---|---|
| Gereizte Hamstring-Sehne, Schleimbeutelentzündung (Bursitis) | Schlimmer durch Bergauflaufen, Kreuzheben (Deadlift), Aufheben von Kisten / andere Aktivitäten mit Gewichtsübernahme in Flexion; Fühlt sich an, als säße man auf einer „schwammigen Masse“ |
| Nicht diskogene Einklemmung des N. ischiadicus | Radikuläre Beinschmerzen bei Flexion der Hüfte |
| Einklemmung des N. pudendus | Schlimmer durch längere Zeit auf dem Fahrrad oder Wechsel des Sattels; Sitzen auf einem Toilettensitz lindert die Schmerzen durch Entlastung |
| Ischiofemorales Impingement, lumbale Facettenschmerzen, ISG-Schmerzen | Schmerzen bei Extension der Hüfte bzw. langen Schritten |
| Ischiofemorales Impingement | Trauma oder Hüftoperation in der Vergangenheit |
| Gluteale Tendinopathie, Obturator- / Gemelli-Tendinopathie | Hinken nach längerem Sitzen |
Gehen Sie die Faktoren für chronische Schmerzen mit Hilfe des biopsychosozialen Ansatzes an
Hamstring-Tendinopathie:
Beteiligung des N. ischiadicus:
Bei typischen Symptomen des N. pudendus müssen Sie den Patienten möglicherweise an einen Physiotherapeuten für Frauen- oder Männergesundheit überweisen, der Sie bei den Symptomen wie Rektalschmerzen, Stuhlinkontinenz oder Harninkontinenz unterstützt. Überweisen Sie weibliche Patienten über 50 an den Gynäkologen, um ihren Hormonstatus zu überprüfen. Eine Änderung des Lebensstils und eine Beratung zur Gewichtskontrolle werden ebenfalls empfohlen
Allgemeine Edukation zu den folgenden Themen:
Myofasziales Release, manuelle Therapie in Verbindung mit der entsprechenden Rehabilitation und Edukation sind hilfreiche klinische Instrumente bei der Behandlung von tiefen Gesäßschmerzen.(5)
Bildgesteuerte anästhetische Blockaden oder Steroid-Injektionen können ebenfalls wirksam sein(7)
Chirurgische Optionen sind:
Partielle Trochanterplastik des Trochanter minor bei ischiofemoralem Impingement
Arthroskopisches oder endoskopisches Release von Verwachsungen zwischen den Hamstring-Sehnen oder der Piriformis-Sehne und dem N. ischiadicus.(36)(12)
.
Prinzipien der Übungsverordnung:(5)
Versuchen Sie, die Übungen auf 15 oder 20 Minuten pro Tag zu beschränken, um die Adhärenz und die Einhaltung der Vorgaben zu verbessern.
Vermeiden Sie zu Beginn der Behandlung einer Tendinopathie Dehnungsübungen, um die Zugbelastung auf die Sehne zu reduzieren. Führen Sie sie eventuell später ein, wenn sich die Schmerzen gelegt haben.
Versuchen Sie bei der Behandlung der Tendinopathie ein Niveau zu erreichen, bei dem die Schmerzen unter 5/10 bleiben und sich nach 24 Stunden nicht verschlimmern, insbesondere bei funktionellen Belastungsübungen wie dem Step Down, der einbeinigen Kniebeuge (One Leg Squat), dem dynamischen Ausfallschritt (Dynamic Lunge) und dem Split Squat.
Wenn Sie die Piriformis-Dehnung mit der Hüfte im 90-Grad-Winkel durchführen, muss die Hüfte in Außenrotation gehen. Der M. piriformis ist unterhalb von 45 bis 60 Grad Hüftflexion ein Hüftabduktor und -außenrotator, agiert aber oberhalb von 60 Grad Hüftflexion als Innenrotator
Kombinieren Sie Übungen mit neurodynamischen Sliders, wie z.B. einem Slider des N. ischiadicus
Raten Sie zur Kräftigung der glutealen Muskulatur mittels Bird Dog, Split Squats und funktionellen Belastungsübungen.
Progressive Belastung mit Schwerpunkt auf den Extensoren, Abduktoren und Außenrotatoren der Hüfte als allgemeine Regel