Eine suboptimale Ernährung ist ein vermeidbarer Risikofaktor für verschiedene nicht übertragbare Krankheiten.(1) Im Jahr 2017 wurden 11 Millionen Todesfälle und 255 behinderungsbereinigte Lebensjahre (disability-adjusted life years – DALYs) auf ernährungsbedingte Risikofaktoren zurückgeführt. Ein hoher Natriumkonsum, ein geringer Verzehr von Vollkornprodukten und ein geringer Verzehr von Obst wurden als die wichtigsten ernährungsbedingten Risikofaktoren für Todesfälle und DALYs weltweit ermittelt.(2)
Weitere Ernährungsmerkmale, die mit der Sterblichkeit in Verbindung gebracht werden, sind eine suboptimale Aufnahme von:(3)
Physiotherapeuten bieten ihren Patienten ganzheitliche Interventionen an, wobei der Schwerpunkt auf Bewegung liegt. Da die Ernährung einen so großen Einfluss auf die Fähigkeit der Patienten zur Übungstherapie und auf ihre allgemeinen Ergebnisse haben kann, ist es für Physiotherapeuten von Vorteil, den Zusammenhang zwischen Ernährung und Krankheitsprozess zu verstehen.(4)
Mangelernährung ist bei älteren Erwachsenen weit verbreitet und ein führender Risikofaktor für Behinderung, Morbidität und Mortalität.(5) Man schätzt, dass zwischen 30 und 50 Prozent der älteren Erwachsenen in Rehabilitationseinrichtungen mangelernährt sind, sowie 10 bis 30 Prozent der in der Gemeinde lebenden Menschen.(6) Mangelernährung beeinträchtigt die funktionelle Genesung und die Lebensqualität nach der Entlassung aus einer Rehabilitationseinrichtung.(6)
Zu den Risikofaktoren für Mangelernährung gehören:(7)
Physiotherapeuten sollten sich der Prävalenz und der Risiken von Mangelernährung bewusst sein, da sie den Rehabilitationsverlauf eines Patienten erheblich beeinträchtigen kann. Sie wird auch mit einer Reihe der im Folgenden beschriebenen Erkrankungen in Verbindung gebracht.
Es gibt zahlreiche Forschungsergebnisse, die zeigen, dass die Ernährung das individuelle Risiko für die Entwicklung verschiedener chronischer Krankheiten beeinflussen kann:(3)(9)
Insbesondere die Erhöhung des Anteils von Pflanzen, Obst und Gemüse in der Ernährung kann sich positiv auf die allgemeine Gesundheit auswirken. Mehrere Studien haben einen umgekehrten Zusammenhang zwischen der Menge an verzehrtem Obst und Gemüse und koronarer Herzkrankheit, Schlaganfall, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Gesamtmortalität gezeigt.(9)(10)
Zur Erklärung des Zusammenhangs zwischen dem kardiovaskulären Risiko und dem Verzehr von Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten sind verschiedene Theorien aufgestellt worden:(10)
Die COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung) kann auch durch die Ernährung positiv beeinflusst werden. Es hat sich gezeigt, dass eine Ernährungsunterstützung bei COPD-Patienten Folgendes verbessern kann:(12)(13)
Es gibt Evidenz dafür, dass eine gesündere Ernährung sowohl bei Morbus Parkinson als auch bei Multipler Sklerose zu einer Verringerung der Behinderungen führen kann.(7)
Es hat sich gezeigt, dass eine gesunde Ernährung dazu beitragen kann, einige der nicht motorischen Symptome, die sich vor einer Parkinson-Diagnose entwickeln, zu verringern.(14) Außerdem geht man davon aus, dass eine ausgewogene Ernährung bei Parkinson neuroprotektiv wirken könnte (z. B. mehrere Portionen Gemüse und Obst am Tag, moderate Mengen an Omega-3-Fettsäuren, Tee, Koffein und Wein).(15)
Eine gesunde Ernährung und ein gesunder Lebensstil stehen im Zusammenhang mit einer geringeren Behinderung und Symptombelastung bei Patienten mit MS.(16) Interessanterweise gibt es auch starke Evidenz dafür, dass Adipositas in der Kindheit/Jugend eine kausale Rolle bei der Anfälligkeit für MS spielen könnte.(17)
Sarkopenie ist eine altersbedingte Krankheit, die durch den Verlust von Muskelmasse gekennzeichnet ist.(18)(19) Erwachsene verlieren nach dem 30. Lebensjahr zwischen drei und acht Prozent der Muskelmasse pro Jahrzehnt. Mit der Zeit trägt dieser Verlust zu einer Abnahme der Muskelkraft und -leistung bei, die wichtige Prädiktoren für Gleichgewicht, Stürze und Sterblichkeit sind.(19)
Die Ursache der Sarkopenie ist multifaktoriell, und ihr Beginn ist schleichend. Sie kann jedoch durch körperliche Inaktivität und mangelhafte Ernährung verschlimmert oder beschleunigt werden.(19) Dies kann durchaus schnell geschehen – d. h. drei Tage Bettruhe können bei älteren Patienten zu einem Verlust von mehr als einem Kilogramm Muskelmasse führen – oder es kann in der Gemeinschaft bei Personen auftreten, die einen sedentären Lebensstil (Bewegungsmangel) und eine unzureichende Ernährung (insbesondere einen Mangel an Proteinen und Mikronährstoffen wie Vitamin D) haben.(18)
Es ist allgemein anerkannt, dass die Sarkopenie durch das folgende Management angegangen werden sollte:(18)
Es wurde auch festgestellt, dass eine hochwertigere Ernährung im Erwachsenenalter mit einer verbesserten Leistungsfähigkeit bei älteren Erwachsenen einhergeht.(20) Eine qualitativ hochwertigere Ernährung ist definiert als eine Ernährung, die einen höheren Verzehr von Folgendem aufweist:(20)
Sowie einen niedrigen Konsum von:(20)
Besonders relevant für Physiotherapeuten ist das Konzept der Rehabilitation Nutrition (etwa: „Rehabilitationsernährung“).(21) Dieses Konzept verbindet Ernährungspflege und Rehabilitation. Es kann zur Verbesserung folgender Ergebnisse beitragen:(21)
Die Hauptursachen für Behinderungen bei Patienten in Rehabilitationseinrichtungen (d. h. Schlaganfall, Hüftfraktur und krankenhausbedingte Dekonditionierung) werden häufig durch Mangelernährung und Sarkopenie kompliziert.(21) Siehe auch: Intensive Care Unit-Acquired Weakness – ICU-AW. Und obwohl es eindeutige Evidenz dafür gibt, dass Widerstandstraining verschiedenen Patientengruppen in der Bettruhe helfen kann, den Verlust von Muskelmasse und -funktion zu bekämpfen, wird es nur dann wirksam sein, wenn es von einer Ernährung begleitet wird, die ausreichend Proteine und Energie enthält. Dadurch wird sichergestellt, dass das Potenzial des Patienten für eine synergistische anabole Reaktion optimiert wird.(19)
Osteoporose ist eine fortschreitende Systemerkrankung des Skeletts. Sie ist durch eine geringe Knochendichte und Veränderungen der knöchernen Mikroarchitektur gekennzeichnet. Diese Veränderungen führen zu einer erhöhten Knochenbrüchigkeit und einem erhöhten Frakturrisiko.(23)
Es wurde festgestellt, dass verschiedene Faktoren die Fähigkeit eines Menschen bestimmen, eine maximale Knochenmasse zu erreichen:(24)
Zu den spezifischen Faktoren, die sich auf die Fähigkeit einer Person auswirken können, eine maximale Knochendichte zu erreichen, gehören:(24)
Die Ernährung spielt daher eine wichtige Rolle für die Gesundheit der Knochen. Kalzium- und Vitamin-D-Präparate sind die wichtigsten diätetischen Maßnahmen zur Behandlung von Osteoporose.(24) Die Patienten benötigen auch ausreichend Vitamin C, die Aminosäuren Lysin und Prolin sowie andere Mikronährstoffe zur Unterstützung der Kollagenstruktur.(24) Proteine wirken sich auch auf die Knochengesundheit aus, und eine übermäßige Natriumaufnahme ist ein Risikofaktor für die Entwicklung von Osteoporose.(24) Siehe auch Bewegung und Eiweißpräparate
Eine wichtige Strategie zur Behandlung von Osteoporose, die von Physiotherapeuten angeboten wird, ist die Übungstherapie. Dies wird hier ausführlicher behandelt. Damit Übungsinterventionen erfolgreich sind, müssen die Patienten jedoch auch eine angemessene Ernährung einhalten, um die Genesung nach einer Fraktur zu fördern oder die Osteoporose in den Griff zu bekommen.(7)
Nach jedem chirurgischen Eingriff (z. B. Totale Knieendoprothese, VKB-Reparatur, Fraktur) ändert sich der Nährstoffbedarf des Patienten.(7) Es besteht ein erhöhter Bedarf an mehr Kalorien, Proteinen, Vitamin C und Aminosäuren, um die Kollagensynthese zu fördern.(7)
Es ist auch von Vorteil, die Ernährungsbedürfnisse in der präoperativen Phase zu berücksichtigen, insbesondere wenn die Patienten vor der Operation immobilisiert sind. Wie bereits erwähnt, geht Immobilisation mit einem Verlust an Muskelmasse einher, weshalb es wichtig ist, so viel Muskelmasse wie möglich zu erhalten.(7)
Chronische niedriggradige Entzündungen sind ein zugrunde liegender Mechanismus bei mehreren altersbedingten chronischen Krankheiten. Höhere Werte von Entzündungsmarkern werden mit verschiedenen negativen Folgen in Verbindung gebracht, darunter:(25)
Verschiedene Studien haben gezeigt, dass die Ernährung zur Beeinflussung des Entzündungsprozesses beitragen kann.(26) Eine Ernährung mit einem hohen Anteil an Obst und Gemüse (z. B. die Mittelmeerdiät) wird mit niedrigeren Entzündungswerten in Verbindung gebracht, während eine Ernährung mit einem hohen Anteil an Fett und einfachen Kohlenhydraten mit höheren Werten von Entzündungsmarkern verbunden ist.(26) Andere Nährstoffe, die mit geringeren Entzündungswerten in Verbindung gebracht werden, sind:(26)
Eine ballaststoffreiche Ernährung und ein mäßiger Alkoholkonsum stehen in Zusammenhang mit geringeren Entzündungswerten.(26)
Es wurde zwar noch kein direkter Zusammenhang gefunden, aber die Forschung deutet darauf hin, dass es auch einen Zusammenhang zwischen chronischen Schmerzen und einer Ernährung mit einem hohen Anteil an entzündungsfördernden Lebensmitteln (d. h. hochverarbeitete Lebensmittel, geringer Verzehr von Obst und Gemüse) gibt.(7)
Dieser Zusammenhang ist bei verschiedenen Krankheiten untersucht worden:
Die Sporternährung ist ein Bereich, der sich ständig weiterentwickelt, und Sportler nutzen häufig Diät und Nahrungsergänzungsmittel, um ihre Leistung zu steigern.(29)
Die Anforderungen an die Ernährung hängen von der Sportart und den Zielen des Sportlers ab (z. B. Marathonläufer, Bodybuilder oder Fußballspieler). Einige Athleten konzentrieren sich darauf, ihr Körpergewicht zu halten, während andere versuchen, einen hochwertigen Gewichtsverlust zu erzielen. Für einen Physiotherapeuten ist es wichtig, sich dieser Unterschiede bewusst zu sein und durch Edukation/Interventionen die Leistung des Einzelnen weiter zu verbessern.(7)
Vor allem Nahrungsprotein gilt als wichtiger Nährstoff für eine optimale Trainingsanpassung und Körperzusammensetzung.(30) Die Zufuhr sollte ausreichend sein, um die Regeneration zu verbessern und die Muskelmasse zu erhalten.(31) In einigen Fällen kann die optimale Proteinzufuhr eines Sportlers (z. B. Leichtathleten) höher sein als die derzeit empfohlenen Tagesdosen.(30)
Frauen, die versuchen, schwanger zu werden, haben besondere Ernährungsbedürfnisse. Diese Bedürfnisse ändern sich während der Schwangerschaft und nach der Geburt (um die Genesung der Mutter zu fördern und die Muttermilchproduktion zu unterstützen).(7)
Es ist bekannt, dass die Wahrscheinlichkeit, ein gesundes Baby zu bekommen, sich erhöht, wenn die Frauen sich vor der Schwangerschaft gesundheitsbewusst verhalten, z. B. mittels der Folgenden:(33)
Es gibt auch immer mehr Evidenz dafür, dass die Ernährung und der Lebensstil der Mütter die langfristige Gesundheit des Kindes beeinflussen können. Eine unzureichende Versorgung mit wichtigen Nährstoffen während wichtiger Phasen der fötalen Entwicklung kann zu einer „Umprogrammierung“ im fötalen Gewebe führen.(33) Diese Umprogrammierung kann zu chronischen Erkrankungen des Kindes im späteren Leben führen, darunter:(33)
Inwieweit ein Physiotherapeut die Ernährung in seine Praxis integrieren kann, hängt von mehreren Faktoren ab, unter anderem von den lokalen gesetzlichen Bestimmungen. In einigen Gebieten müssen Sie möglicherweise eine spezielle Zulassung/Registrierung haben, um Ernährungserziehung, -beratung und/oder -coaching anzubieten.(7) Sie müssen sich über die Anforderungen in Ihrem Gebiet informieren, um sicherzustellen, dass Sie im Rahmen Ihres Aufgabenbereichs tätig sind, wenn Sie Ernährungsinformationen anbieten möchten. Möglicherweise werden Sie aufgefordert, Patienten an andere Dienstleister zu überweisen, anstatt selber die Edukation zu übernehmen. Es ist jedoch trotzdem wichtig, die Bedeutung der Ernährung zu verstehen, damit Sie erkennen können, welche Patienten von einer Optimierung der Ernährung profitieren können.(7)